Fundstücke LIX

Sieh an! Sachsen hat ein Linksextremismusproblem:

Sachsens Problem mit dem Linksextremismus

Langer Beitrag Peter Sloterdijks in der NZZ

Sloterdijk seziert das zynische Bewußtsein zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Noch einmal Sloterdijk über Paulus, Nietzsche, Religion

Kritik der frohen Botschaft

Grundlegend: Norbert Bolz über grüne Ideologie, die Katholische Kirche, Gesinnungs- vs. Verantwortungsethik

Die grüne Katastrophen-Kirche

„Relotius-Presse“ ist ein ironisch-zynisches Schlagwort geworden. Der Beispiele gibt es Legion, selbst in den „konservativen Organen“. Hier ein besonders dreistes Stück:

Rassismus: Kann man noch nach Deutschland reisen?

Der erste Journalist hat es kapiert (z.Z. Bezahlschranke):

Afrikas Bevölkerung wächst und wächst und wächst

Erhellendes und erschütterndes Interview Helmut Lethens über die Schulentlassung seiner Kinder, den Streit mit seiner Ehefrau Caroline Sommerfeld und die 68er.

Zwischen den Stühlen

Eine der solidesten Stimmen – immer lesenswert – im konservativen Bereich ist Karlheinz Weißmann. Auf JF eine schöne Würdigung zum 60. Geburtstag

Das Denken mit dem Handeln verbinden

Viele Journalisten sind ideolgiebelastet – einige so sehr, daß es an Idiotie grenzt. Die selbstevidente Abrechnung mit Handball-Ikone Kretzschmar im „Tagesspiegel“ ist ein erschreckendes Beispiel:

Stefan Kretschmars Aussagen sind falsch und gefährlich

Bernd Stegemann, eines der Gesichter von „Aufstehen“, über liberalen Populismus und mehr.

Merkel ist die Erfinderin des einschläfernden Politikstils, den Habeck nun perfektioniert

Erstaunlich, wie unterschiedlich man Bücher lesen kann. Wenn Liane Bednarz – die hier auseinandergenommen wurdeüber Björn Höckes Buchdas hier ganz anders besprochen wurde – schreibt, dann, tja dann darf man sicher sein: wir sind

Inside Höcke Teil 1

mehr noch jedoch Inside Bednarz: Teil 2

Im “Neuen Deutschland” – das gibt es noch – denkt die Revolutionärin und Aktivistin Bini Adamczak über die Revolution nach. Denken am linken Rand in Reinform:

Der Mut, dem Gegner in die Augen zu schauen

Auf „Ein Prozent“ kann man den Versuch lesen, der neuen Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes für die AfD einen tieferen Sinn zuzuordnen:

Gelenkte Demokratie: AfD unter VS-Beobachtung

Spannend, entlarvend, wichtig der Artikel über das Verschwinden der Germanen aus dem Geschichtsunterricht. Gelebte und begründete Geschichtsvergessenheit, die ahnen läßt, was folgen wird.

Warum die Germanen aus den Lehrplänen verschwinden (Bezahlschranke). (dazu als Buchempfehlung: Vonderach: Gab es Germanen? )

Einer Susan haben wir es zu danken, daß nun auch auf Ebay das N-Wort automatisch gelöscht wird. Susan freut sich und verteilt nun N-Puppen als – Wortlaut – „empowerndes Geschenk“. Die Welt ein bißchen besser gemacht!

Diese Mutter hat erreicht, daß eBay Deutschland das N-Wort blocken will

„Am gefährlichsten in unserer Welt ist es, Christ zu sein“, sagt ein Pfarrer (SPD) in der „Welt“. „Die absolut größte Verfolgung aber geschieht noch immer in der islamischen Welt. Also in der Welt, deren Flüchtlingen wir bei uns Raum geben.“ – ungewöhnliche Töne:

Gegen Christenverfolgung ist Appeasement nutzlos

Des Wahnsinns fette Beute – Sascha Lobos Brandbrief wird als Panikmarker in die Annalen deutscher Journalistikkunst eingehen.

So kann es nicht weitergehen

Wenn das Eigene beschützt und bewahrt wird, dann entstehen faszinierende Geschichten wie diese über den Rücktritt des japanischen Sumo-Großmeisters Kisenosato.

Der Großmeister kann nicht mehr

Globalismus: Über das Geschäft mit dem Plastikmüll

Vermülltes Idyll

Als Sammlung von kriminellen Ereignissen, die es ohne eine gewisse Einwanderungspolitik nicht gegeben hätte, hat sich die Plattform Politikversagen etabliert:

http://www.politikversagen.net/

Nicht viel Neues in Plauen, nur ein paar Männer haben sich im Streit verletzt.

PS: Leider verstecken manche Zeitschriften immer mehr Artikel hinter Bezahlschranken, die anfangs frei zugänglich waren. Ich verlinke sie nur dann, wenn ich sie wirklich für signifikant halte.

14 Gedanken zu “Fundstücke LIX

  1. Michael B. schreibt:

    > diese Nostalgie nach der alten kollektiven Illusion. Können die Menschen nicht endlich erwachsen werden und damit aufhören, dem gesellschaftlichen Kinderglauben an den Weihnachtsmann nachzutrauern?

    Ich denke oft ueber diesen Punkt nach. Ich komme ja aus derselben Richtung. Zum einen sehe ich den Verfall von noch vor kurzer Zeit verbreitetem Wissen und ueberhaupt der Einstellung zu Wissen als solchem; die Regressionen von kognitiv faehigen Menschen in echte Religionen (noch selten) oder speziell im Buergertum oefter zu finden, in Esoterik. Die ominoese Dekonstruktion ist uebrigens das Mittel der Wahl dazu – eine verbraemte Methode zum Aufbau von Beliebigkei,t euphemistisch als ‚Relativierung‘ bezeichnet. Diese Beliebigkeit ermoeglicht Formbarkeit der Realitaet im Sinne von jedem, der dieses Werkzeug beherrschend in der Hand haelt.
    Das ist schon unangenehm, aber das Weitere ist wesentlicher. Bis dahin ist es naemlich irgendwie nur ein Komfortproblem.

    Jetzt kommen aber die realen Nagelproben. Sowohl

    a) in Form der gesellschaftsweiten Konfrontation mit einer rigiden gleichschaltenden Religion wie dem Islam

    als auch zeitgleich mit

    b) zersetzenden Kraeften, die jegliche Gruppen- und Identitaetsbildung meinetwegen im Namen von MultiXXX diskreditieren und mit immer staerker werdenden Mitteln angreifen (s. auch den heutigen Artikel von Klonovsky zur Auslegung des GG in Bezug auf „Wuerde des Menschens“).

    Problem ist, dass eine uebergreifende Idee oder ein Minimalkonsens und damit verbundene Handlungsfaehigkeit zur Auseinandersetzung mit a) unmittelbar – im zeitlichen Wortsinn – noetig ist, aber die existierenden zarten Pflaenzchen (allein schon Demokratie ist halt eine duenne Haut auf einem alten Koerper) durch b) in allen politischen, weltanschaulichen, gesetzlichen und wohl auch wirtschaftlichen Aspekten unterlaufen und zunehmend offen repressiv bekaempft werden.
    D.h., die Menschen muessen nicht nur erwachsen, sondern organisationsfaehig werden, denn auch Erwachsene moegen sehr vereinzelte Wesen sein und sind es gegenwaertig mit Bestimmtheit auch. Das ganze passiert auch noch unter Zeitdruck, weil die Kraefte hinter b) den schon rein quantitativen Einfluss von a) und ihren eigenen ohne Unterbrechung ausbauen.

    Wie soll das also aussehen? Pragmatisch gesehen kommen Sie ohne Rueckgriff auf altbewaehrte (heisst sicher nicht durch mich erstrebenswerte) identitaetsfoerdernde Konzepte nicht herum. Und trotzdem lassen mich viele Formen davon ratlos zurueck – als ganz willkuerliches Beispiel die z.B. in Kommentaren und auch durch einige Autoren dort beliebte Beschwoerung christlich-abendlaendischer Vergangenheit bei sezession.de.

    Aber trotzdem, die generelle Notwendigkeit bleibt bestehen. Ohne Moeglichkeit von Organisation verliert dieser vereinzelte erwachsene Mensch gegen die ganz verschieden aufgebauten Gruppenkraefte aus a) und b), die ihm zusetzen.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Ich fürchte nur, hinter ihren „identitätsfördernden Konzepten“ lauert die fromme Lüge zugunsten eines „Gegennarrativs“. Also die Emotionalisierungsmasche, die die Massenmedien fahren, nur andersherum. Gegen welche man übrigens bei der großen Mehrheit gar nicht gewinnen kann, solange diese ihren einheitlichen Lügenäther verbreiten, weil die große Mehrheit nun einmal für wahr hält, nicht was belegt oder begründet ist, sondern „was doch alle sagen“.

      In einer Gesellschaft, die nicht nur weithin unwissend ist, sondern in der die wissenschaftliche Haltung keinen Kurs mehr hat, gewinnen immer die religiösen Kräfte. Es ist schließlich so einfach, unmündig zu sein, so beruhigend, unerschütterliche Gewissheiten zu haben und emotional anscheinend durch das Gemeinschaftserlebnis (Identität!) so bereichernd, täglich im Chor zu singen.

      In der Sache genügte es, sich (ganz ohne identitätsfördernde Konzepte) zu vergewärtigen, was es braucht, um eine Gesellschaft mit wissenschaftlich-technischer Zivilisation zu erhalten: Kritik begrüßen, keine Dummköpfe begrüßen, Wissen und damit Urteilsfähigkeit fördern, Ideologen verspotten.

      Wenn ich allein daran denke, wieviele menschlichen Fühltiere wohl der jüngste Auftritt dieses bezopften schwedischen Görs „überzeugt“ hat, wird mir übel. Ach, wie war die Szene doch anrührend! Vermutlich, „toxische Maskulinität“ selbstredend abgezogen, wurde einst die Szene auf dem bekannten Foto genauso empfunden, auf dem ein kleiner Junge in SA-Uniform den Hitlergruß zeigt.

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      • Michael B. schreibt:

        > In der Sache genügte es, sich (ganz ohne identitätsfördernde Konzepte) zu vergewärtigen, was es braucht, um eine Gesellschaft mit wissenschaftlich-technischer Zivilisation zu erhalten: Kritik begrüßen, keine Dummköpfe begrüßen, Wissen und damit Urteilsfähigkeit fördern, Ideologen verspotten.

        Das beantwortet die Frage leider nicht in Realitaet (nebenbei – auch das Genannte waere eine Form von Identitaet). WIE wollen Sie das tun, wenn die Randbedingungen taeglich – und inzwischen aber auch schon ueber Zeitraeume die generationenwirksam werden („Millenials“) – dagegen aufgestellt werden? Kritik ist unerwuenscht, die dazu notwendige Bildung wird nicht mehr vermittelt, das entsprechende Persoenlichkeitsbild wird systematisch abgewertet und die Traeger bestraft. Ja, das o.g. „genuegte“ wohl, ist aber mittlerweile nur noch mit weiter wachsenden persoenlichen Opfern zu erreichen. Das ist ueberhaupt keine Selbstverstaendlichkeit mehr.

        Vielleicht „waehlen gehen“? Funktioniert immer schlechter, weil es ja den Menschen voraussetzt, der bekaempft wird, von den moeglichen Wahlalternativen und Hindernissen bei Schaffung anderer ganz abgesehen. Der reale Machthebel liegt woanders. Und ob Sie es moegen oder nicht – ohne irrationale Elemente werden Sie es wohl nicht schaffen, den zu bedienen. Das ist ja einer der Schaeden, die schon eingetreten sind und die als jetzt schon zu zahlender Preis oft uebersehen werden.

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          • Michael B. schreibt:

            Tja, die suche ich ja selbst. Und zwar ebenfalls mehr im wie als im was. Aber ohne Vision einer Gesellschaft ist das kaum machbar, egal was tote Bundeskanzler dahingehend ironisiert haben. Und die kann man kaum gezielt produzieren. Das wird wohl wieder einmal unter Schmerzen geschehen.

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            • „Identität ist reichlich abstrakt“ – wer kann da widersprechen? Aber Identität ist auch reichlich konkret und unhintergehbar. Man kann nicht keine Identität haben, jeder Mensch zählt sich – bewußt oder unbewußt – zu anderen hinzu, ist also ein „Wir“ und hat damit – wie Tristan Garcia in seinem neuen Buch feststellt – eine Identität. Selbst ein Eremit kann und muß noch sagen: Wir Eremiten. Gerade Nietzsche, dieser philosophische Solitär, beginnt viele seiner Aphorismen mit einem „Wir“: „Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen, wir Frühgeburten“, „wir Philologen“, „Wir, die Gott (also die letzte unbezweifelbare Identitätsquelle) getötet haben“ …

              Daß wir die Frage der Identität hier diskutieren können, ermöglicht uns nur eine gewisse Identität: als Deutsche, als Europäer, als Opfer der Aufklärung, als „Christen“, als Demokraten etc. Umgekehrt bestimmen diese Identitäten auch das „wie“.

              Man muß Identität nur im Plural betrachten. Sie war einst singulär möglich: Christ, Bauer, Leibeigener, Soldat, Prälat, Mann, Frau – mehr brauchte es nicht, um seinen Platz, seine Rolle in der Gesellschaft festzuzurren, aus ihr ergaben sich alle Regeln und Bestimmungen, jeder wußte, was er in jedem Moment, von Geburt bis Tod, zu tun hatte. Heute wissen die vollkommen verunsicherten, in verschiedenen Identitäten schwimmenden Menschen – ich habe es gerade verschiedentlich erfahren – nicht mal mehr, wie sich dem Nachbarn gegenüber verhalten sollen, wenn die Frau stirbt oder wenn anderswo ein Kind geboren wird: Muß ich da jetzt gratulieren/kondolieren? Was bin ich jetzt? Was und wie macht man jetzt? Könnte ich jemanden „verletzen“? … Uns ist das „Man“ abhanden gekommen! Das war Befreiung und Fluch zugleich.

              Und hier vermute ich Michael B.’s Einwurf. Gesellschaften brauchen Fundamente, Gründe und Begründungen. Das Fundament „Wir Rationalen“ ist zu dünn. Es braucht einen mythischen, mythologischen Grund, es braucht eine gemeinsame Erzählung – mehr als wechselhafte Fakten -, es braucht letztlich eine Religion (ein christlicher Begriff) in dieser oder jener Form. Da Gott nun einmal tot ist, braucht es etwas Neues, anderes. Eine Gesellschaft auf reine Vernunft zu gründen, das erweckt in mir schlimmste Befürchtungen. Man kann das kälteste aller Ungeheuer nicht auch noch mit Kälte anheizen. Das wird Orwell. Es braucht etwas Numinoses.

              Allein, man kann das Numinose nicht schaffen oder kreieren. Alle derartigen Versuche sind krachend und blutig gescheitert. Das Numinose entsteht und setzt sich durch. Daß wir heute in der christlichen Geschichte stehen, ist auch ein Zufall. Ein paar kleinere historische Korrekturen und wir wären Arianer oder Heiden … Aber wir sind nun mal, was wir sind. Der Fehler der Linken (und das Vergehen der Postmoderne) ist, zu glauben, man könne aus seiner Identität einfach aussteigen und eine neue wählen. Die Wahrheit ist: daß sie das zu tun können glauben, ist Teil ihrer Identität, die sie historisch mit uns gemeinsam haben. Auch Linke sind „Christen“, Deutsche etc. und nur als solche können sie tun und denken, was sie tun und denken.

              Die Frage, die heute unter den Nägeln brennt ist, ob Deutschsein noch eine plausible (oder wünschenswerte) Identität ist, auf der man etwas aufbauen kann. Hier sehe ich ähnliche Schwierigkeiten wie Pérégrinateur. Das müßte einmal tief durchdacht und diskutiert werden.

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              • Pérégrinateur schreibt:

                Das „Wir“ Nietzsches würde ich nicht als Argument bemühen wollen. Er will mit seinen Anschauungen den Leser überzeugen, und das „wir“, vor das Generikum einer schätzenswerten Klasse gestellt, ist nun einmal eine sehr wirksame captatio benevolentiae.

                Wir Modernen (!) leben alle in konzentrischen sozialen Kreisen: Familie, Verwandtschaft, Landsmannschaft; Ort, Staat; Kollegenkreis, Unternehmen; Beruf, Abschluss, Bildungskreis, Sprache usw. Von allen, die uns darin näher oder ferner umgeben, sind wir mehr oder weniger abhängig. Allein schon der aufgeklärte Egoismus treibt dazu, diese anderen zu schonen und ihnen zu helfen, und zwar mit einer natürlichen Abstufung nach größerer Ferne, weil sonst Überforderung eintritt.

                Soll man solche Zugehörigkeiten Identitäten nennen? Ich würde das nicht tun, weil der letzte Begriff die Inalienabilität der jeweiligen Zugehörigkeit suggeriert, in beiderlei Sinn, dass man nicht davon loskommen könne als auch, dass man nicht ausgestoßen werden könne. Was beides natürlich nicht der Fall ist, man schaue sich die Scheidungszahlen an, die berufliche Mobilität auch ins Ausland, den Zweiten Bildungsweg (und umgekehrt die soziopolitologische Jargonverblödung), die aktuelle Ausstoßung der Nazipopanze usw.

                Aufklärung und Bildung mit der Folge der Einsicht in die Notwendigkeiten fürs eigene gute Leben einerseits und ein ethisches Minimum andererseits, nämlich keinen soziopathischen Charakter zu haben, würden Einsichtsfähigen durchaus genügen.

                Die moralische Überspanntheit der Gegenwart rührt wohl daher
                • dass die Überspannten keine Aussichten haben, je von ihren eigenen Verfügungen getroffen zu werden
                • dass durch den ungleichen Wohlstand viele so hoch auf der Maslowschen Bedürfnispyramide stehen, dass sie ihr Mitleid dank ihres weiten Horizonts, polemisch gesagt, lieber auf die durch Pflanzenschutzmittel gefährdete australische Beutelrobbe verwenden als auf die hiesigen Obdachlosen
                • dass der immer länger unreifen, überkümmerten, in Reservaten wie Schule und Universität geschonten jungen Generation die Lebenserfahrung fehlt, durch die man diese Abhängigkeiten in allen Kreisen erst vorrational am eigenen Leibe erlernt, denn hierzu verhelfen am meisten die bösen „Mikroaggressionen“ auf eigene Übertretungen hin
                • dass die Bildungsgosse oben angekommen ist, welche natürlich nur mit der Moraltrompete überzeugen kann und sie deshalb reichlich nutzt.

                Die Liste kann wohl verlängert werden. Die genannten Punkte sind alle gesellschaftlicher Art und sicher nicht durch Appelle oder Predigten zu beheben. Wir Menschen bestimmen unser Schicksal weniger bewusst und willentlich als wir glauben, individuell wie sozial.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Danke, insbesondere für den zweiten Link. Darin ist exemplarisch dargestellt, was mich an Sloterdijk und seinen schillernden Schlussweisen gewaltig stort. Analyse überflüssig.

    „… Nebenbei bemerkt bin ich dir dankbar für den Klang der Dynamitexplosion, die wir am Anfang deines Podcasts gehört haben. Zu Nietzsches Zeiten war dieses Geräusch sehr helvetisch, weil die Schweiz das Land war, in dem die ersten heroischen Anstrengungen unternommen wurden, die Berge zu durchdringen und Tunnel zu schaffen – neue Wege in den Süden. Das ist die metaphysische Frage, vor der all diese nordischen Völker stehen: Wie können wir einen einfacheren Zugang zu den mediterranen Wahrheiten zurückerlangen? Die Schweizer Tunnel haben eine wichtige Rolle in der modernen Kultur gespielt, weil sie endlich eine Verbindung boten. [usw. usf.]“

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    • Tut mir leid, ich sehe das Problem nicht. Ist Ihnen die Metaphorik zu ausladend, das Bild zu weit ausgewalzt? Das gehört freilich zu Sloterdijks andeutendem Stil, den man – wenn es nicht so desavouiert wäre – auch „dekonstruktivistisch“ nennen könnte; sofern man unter Dekonstruktion jene Kunst versteht, Texte gegen ihren späteren Mißbrauch zu sichern. Nietzsche bot dafür die Grunderfahrung.

      Hier der Gesamtkontext (leider auch Zahlschranke, wie ich gerade sehe):

      „Harrison: Nietzsche beschrieb seine eigenen Schriften unter anderem deshalb als fünftes Evangelium, weil er behauptete, darin etwas vollbracht zu haben, was den Verlauf der Geschichte der Religion ändern würde – das Lachen als frohe Botschaft. Tatsächlich ist die Weisheit urkomisch, obwohl man, um zu ihr zu gelangen, erst einmal durch einen langen Tunnel des Wissens um die Traurigkeit und den Schrecken unserer modernen Verfasstheit muss.
      Sloterdijk: Die Moderne zeichnet sich durch den Verlust der Illusionen aus. Sie ist der Beginn einer lang vorhergesagten Dunkelheit. Wir alle leben inmitten von Nebel und Staub. Wir sind nicht fähig dazu, besonders weit gefasste Auffassungen zu haben, weil wir umgeben sind von jenem Staub, der von der Dekonstruktion der metaphysischen Tradition übrig geblieben ist.
      Harrison: Und du glaubst, dass Nietzsche wusste, dass wir irgendwie dazu gezwungen waren, eine beträchtliche Zeit in diesem dunklen Tunnel zu leben und dass dieses Evangelium von der anderen Seite des Tunnels zu uns sprechen würde?
      Sloterdijk: Absolut. Nebenbei bemerkt bin ich dir dankbar für den Klang der Dynamitexplosion, die wir am Anfang deines Podcasts gehört haben. Zu Nietzsches Zeiten war dieses Geräusch sehr helvetisch, weil die Schweiz das Land war, in dem die ersten heroischen Anstrengungen unternommen wurden, die Berge zu durchdringen und Tunnel zu schaffen – neue Wege in den Süden. Das ist die metaphysische Frage, vor der all diese nordischen Völker stehen: Wie können wir einen einfacheren Zugang zu den mediterranen Wahrheiten zurückerlangen? Die Schweizer Tunnel haben eine wichtige Rolle in der modernen Kultur gespielt, weil sie endlich eine Verbindung boten.
      Harrison: Eine Verbindung zwischen Deutschland und Griechenland?
      Sloterdijk: Ja, ganz besonders zwischen Deutschland und Griechenland. Die Briten schafften es meistens nur bis zu den Alpen. Sie waren Miterfinder des Alpinismus, und das mag ihren Ansprüchen genügt haben. Sie waren sehr angetan, von dem, was wir als sublim oder erhaben bezeichnen – die zweite Kategorie moderner Ästhetik. Zum Meer hatten sie bereits Zugang; es lag ihnen unmittelbar vor Augen. Doch in die Alpen zu gelangen, verlangte einen gewissen Reiseaufwand. Für die Deutschen warfen die Tunnel, die in den Süden führten, eine essenziellere Frage auf: Wie könnte der Zugang zu jener Wahrheit, der italienischen Wahrheit, der mediterranen Wahrheit, die hinter den Alpen lag, zurückerlangt werden? Wie konnte es gelingen, zur wirklich großen Essenz der Träume vorzudringen?
      Harrison: Nietzsche selbst hatte schon früh im Leben einen sehr direkten Zugang zu griechischer Weisheit, einen eigenen Tunnel. Ich weiß nicht wie er es gemacht hat, aber er scheint Dynamit dabeigehabt und sich direkt durch die Alpen nach Griechenland gebohrt zu haben. Den arbeitsreichen Prozess, den einige seiner Vorgänger wie Hegel und andere durchlaufen mussten, übersprang er einfach
      Sloterdijk: Er hatte einen Schacht – beziehungsweise einen Tunnel, bevor noch der erste Schacht gegraben wurde –, und zwar durch seine Begegnung mit Richard Wagner, der auf seine Art ebenfalls ein Tunnelbauer war, bloß dass er nicht nach mediterranen Wahrheiten strebte, sondern nach nordischen Inspirationen. Wagner wollte die nordischen Götter auf die deutschen Bühnen, in die deutschen Tragödien, zurückholen. Deshalb hat er in seinen späteren Arbeiten dieses extrem anspruchsvolle Konzept der Weihfestspiele entwickelt, um die klassische Oper zu ersetzen. Er wünschte sich, dass die Menschen zu diesen Veranstaltungen dieselben Kleider tragen würden, die sie auch zu einem antiken Opferritual getragen hätten. Das ging sogar noch weiter als die katholische Messe, wo der Körper des Herrn verwandelt und in der Gemeinschaft geteilt wird. Darin sollte auch ein neues Wissen um die Instrumente des Leidens an ein elitäres Publikum, an ein neues Deutschland vermittelt werden. Also neue Musik für neue Ohren. Darin bestand die Formel dieser späteren Wagner-Kompositionen.“

      Wenn man sich des „Schweizers“ Nietzsche Drang nach Süden vergegenwärtigt, die Feier des „großen Mittags“, dann scheint mir das stimmig und die mitteleuropäische Flucht aus der Hektik in das dolce fa niente ist tausendfach belegt.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Dekonstruktion also als jene Kunst, Texte gegen ihren späteren Mißbrauch zu sichern. Und das etwa durch ausufernde Metaphorik? Mir scheint, Humesche Klarkeit wäre hierfür tauglicher.

        „Die Moderne zeichnet sich durch den Verlust der Illusionen aus. Sie ist der Beginn einer lang vorhergesagten Dunkelheit. Wir alle leben inmitten von Nebel und Staub.“ – Seltsame Metapher, nun gerade den Verlust der Illusionen als Dunkelheit zu bezeichnen. Wieso muss man sich so ausdrücken und damit der populären Verwechslung von Gewissheit und Wissen noch Vorschub leisten. Schon Nietzsches Satz „Gott ist tot“ beförderte ein ähnliches Missverständnis. Es ging dabei nicht um den „Tod“ Gottes als reale existierenden Wesens, an die glaubte Nietzsche wohl Zeit seines intellektuellen Lebens nicht, sondern um den verbreiteten Verlust des vorhergehenden Gottglaubens in den europäischen Gesellschaften und seine Folgen. Warum muss man hier partout falsche Geleise legen? Überhaupt dieses Gejammer nach der alten Illusion. Ich habe unlängst Chantal Delsols Buch Le souci contemporain gelesen, und darin steckt immer noch diese Nostalgie nach der alten kollektiven Illusion. Können die Menschen nicht endlich erwachsen werden und damit aufhören, dem gesellschaftlichen Kinderglauben an den Weihnachtsmann nachzutrauern?

        „Wir sind nicht fähig dazu, besonders weit gefasste Auffassungen zu haben, weil wir umgeben sind von jenem Staub, der von der Dekonstruktion der metaphysischen Tradition übrig geblieben ist.“ – Na und? Was fällt, das soll man auch noch stoßen.

        „weil die Schweiz das Land war, in dem die ersten heroischen Anstrengungen unternommen wurden, die Berge zu durchdringen und Tunnel zu schaffen – neue Wege in den Süden. Das ist die metaphysische Frage, vor der all diese nordischen Völker stehen: Wie können wir einen einfacheren Zugang zu den mediterranen Wahrheiten zurückerlangen?“ – Was für ein Sprung von Verkehrswegen zu intellektuellen Aspirationen! Wie ein Affe an Lianen entlang von Homonymie gehangelt, was wohl Schopenhauer dazu sagen würde?

        „Ja, ganz besonders [Tunnel ans Verbindung] zwischen Deutschland und Griechenland. Die Briten schafften es meistens nur bis zu den Alpen. Sie waren Miterfinder des Alpinismus, und das mag ihren Ansprüchen genügt haben. Sie waren sehr angetan, von dem, was wir als sublim oder erhaben bezeichnen – die zweite Kategorie moderner Ästhetik. Zum Meer hatten sie bereits Zugang; es lag ihnen unmittelbar vor Augen.“ – Fehlen da nicht noch weitere Tunnel durch Karpaten oder Illyrisches Gebirge und den Balkan? War die britische Neigung zu den Alpen wirklich philosophisch determiniert und nicht vielmehr durch den Sport oder meinetwegen die Freude an der dortigen Landschaft?

        „Wie könnte der Zugang zu jener Wahrheit, der italienischen Wahrheit, der mediterranen Wahrheit, die hinter den Alpen lag, zurückerlangt werden? Wie konnte es gelingen, zur wirklich großen Essenz der Träume vorzudringen?“ – Aha, jetzt ist die Wahrheit nicht mehr griechisch, sondern italienisch. Oder vielleicht römisch? Jedenfalls ist anscheinend Wahrheit die Essenz der – Träume. Das mag mancher anders sehen. Ist übrigens wirklich Wahrheit gemeint oder wieder nur Gewissheit?

        „Er hatte einen Schacht – beziehungsweise einen Tunnel, bevor noch der erste Schacht gegraben wurde –, und zwar durch seine Begegnung mit Richard Wagner, der auf seine Art ebenfalls ein Tunnelbauer war, bloß dass er nicht nach mediterranen Wahrheiten strebte, sondern nach nordischen Inspirationen.“ – Aha, Nietzsche hatte also einen Tunnel (keinen Schacht), nur dass der in die Gegenrichtung ging. Das hilft ja schon mal. Aber nicht doch eher einen Schacht, den man erst abteuft, um sich dann unten horizontal in die gewünschte Richtung vorzuarbeiten?

        „Darin [in Wagners Opern] sollte auch ein neues Wissen um die Instrumente des Leidens an ein elitäres Publikum, an ein neues Deutschland vermittelt werden.“ – Was für ein Wissen um welche Instrumente [Werkzeuge?] für welches [bereitetes? erfahrenes?] Leiden?

        Übrigens, ist Ihnen aufgefallen? Zweimal „Wissen um“, bald wird es Einladungen für S. zu evangelischen Akademien hageln.

        Tut mir leid, das alles sind nur aus metaphorischen Assoziationen gewebte Redeketten, Feuilletonphilosophie mit viel Glitzer, das die so Beeindruckbaren blendet wie die bunten Glasbrocken an den Marien-Quellgrotten die Gläubigen. Ich weiß, Sloterdijk kann auch anders, vor allem wenn er Konkretes behandelt und dann exakter argumentiert. Das fehlt hier.

        Übrigens ist die gemeinmitteleuropäische Flucht aus der Hektik in das dolce far niente des Germanengrills bei Jesolo keine Bewegung zur Wahrheit hin.

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        • Die Dekonstruktion betreffend: das ist meine Lesart und so habe ich die frühen Arbeiten Derridas verstanden. Nietzsche und Heidegger, später auch Marx, waren die Initialerfahrungen – der Mißbrauch dieser Werke gab Anlaß dazu, darüber nachzudenken, Texte gegen Fehlinterpretationen zu versiegeln. Das geht gerade nicht durch „Humesche Klarheit“, wie die Geschichte gezeigt hat – denn was soll an Nietzsches „Übermensch“ oder an Marx‘ „Klassenkampf“ etc. unklar sein?. Auch Klarheit ist mißbrauchbar. Daher suchte Derrida einen Weg, einen Text so zu verfassen, daß er im Sagen der Aussage diese zugleich wieder zerstört.

          Man darf diese ehrenwerten Versuche nicht mit der nachfolgenden Dekonstruktions-Industrie verwechseln, die dann tatsächlich sehr schnell einerseits in die Beliebigkeit führte und andererseits von Fundamentalisten wie Judith Butler ebenso schnell doch mißbraucht wurde. Die Lehre daraus ist: wer nicht mißbraucht werden will, der darf nichts schreiben udn vll. sollte er gänzlich die Klappe halten.

          Zu Sloterdijk:
          Ihre sehr „trockene“ Lesart zeigt ein paar argumentative Unreinheiten Sloterdijks auf – die man vermutlich in fast allen Texten, mehr noch in Redebeiträgen, finden kann, wenn man konkret danach sucht. Man sieht, auch einem Meister der Sprache unterlaufen sie. Möglicherweise machte sich Sloterdijk hier der Sünde des Weiterbetreibens von Metaphern schuldig, auf dessen Gefahren schon Hans Blumenberg hinwies: „Metaphern dirigieren, führen und verführen, sie treiben die Fortsetzung einer Gedankenkette an.“

          Anderseits hemmt vielleicht auch die Aversion und das Suchen die Wahrnehmung des Eigentlichen. Es scheint mir offensichtlich, daß er mit der Aussage „Die Moderne zeichnet sich durch den Verlust der Illusionen aus. Sie ist der Beginn einer lang vorhergesagten Dunkelheit. Wir alle leben inmitten von Nebel und Staub.“, ebenjene divine Illusion meint, die den Menschen immerhin eine Richtung und Ausrichtung (Vertikalspannung) gab. Zudem hat die Wissenschaft uns einiger Illusionen über die Position oder die Freiheit des Menschen beschert (Evolution, Freud, Kosmologie, Atomphysik, Kognitionspsychologie, Metphysik etc.), die den festen Standpunkt in Frage stellten. Plötzlich begannen die Menschen zu schweben, von Wissenstaub (viel aber undurchsichtig) umgeben und erkannten: je mehr wir wissen, je mehr wir erfahren, desto weniger wissen wir, umso unsicherer wird alles. Es hat eben auch seine Vorteile in einer verzauberten Welt zu leben. … Und daß Sloterdijk nicht über Rimini spricht, sondern über Portfino, Almalfi, Venedig, Rom, Florenz und wie die Sehnsuchtsorte Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. hießen, das dürfte doch klar sein, wie auch der Konnex Rom-Athen.

          Dennoch, die Metaphorik gehört zu Sloterdijks Stil und auch Können, dadurch assoziativ Wahrheiten anzusprechen, gleichsam als Bild aufblitzen zu lassen. Ich kenne den Frust vieler, der dadurch entsteht, daß dieses „Bild“ oftmals wieder verschwindet und man sich fragt: Was habe ich jetzt eigentlich gelesen? Das genau beschreibt Sloterdijks Form des Dekonstruktivismus. Man muß sich atmosphärisch darauf einlassen, muß zwischen Richtigkeit und Wahrheit trennen … und dann wird man feststellen, daß bei ihm nicht immer alles korrekt sein mag, dafür aber Wahrheiten anspricht.

          Ich erfahre bei Sloterdijk immer wieder – wenn auch mit zunehmendem Alter (seines) immer seltener – daß dadurch vollkommen neue, oftmals über zwei, drei, vier Ecken, Erkenntnisse aufleuchten. Auch aus dieser Perspektive scheint er mir der rechtmäßige Erbe Nietzsches zu sein: als Um-die-Ecke-Denker.

          Daß das bei habituellen Positivisten auf Abneigung stößt, leuchtet ein.

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    • @ Pérégrinateur (20.1.) „…was mich an Sloterdijk und seinen schillernden Schlussweisen gewaltig stört.“

      Gerade lese ich eine großartige Würdigung Sloterdijks von Norbert Bolz im „Cicero“:

      https://www.cicero.de/kultur/peter-sloterdijk-souveraen-denken-migrationspolitik-medien-moralismus-sanktionen/plus

      Bolz spricht exakt die von mir (immer wieder) erwähnten Punkte an. Es findet sich darin u.a. der schöne Gedanke: „In der Kraft Namen zu geben und Metaphern zu prägen, kann man heute niemanden mit Sloterdijk vergleichen. Seine nichtargumentative Philosophie trifft mit absoluten Metaphern bildhafte Vorentscheidungen.“

      Daß bei diesen Metaphernreihen auch mal eine daneben geht, ist nur zwangsläufig. Man darf Sloterdijk nicht primär nach der Exaktheit beurteilen, sondern sollte ihn nach der Relevanz bewerten – und da gibt es niemanden, der es heutzutage wagt und auch nur in der Lage ist, unter die Oberflächen (Mz.) zu schauen. Und da das mitunter bislang unbekanntes Gelände ist, kann die Sprache gar nicht rein analytisch verfahren, weil sie den hermeneutischen Zirkel erst durchbrechen muß, weil sie sich mitunter im bislang Ungesagten bewegt, wofür es keine analytische Sprache gibt …

      Bolz‘ Artikel ist mir aus der Seele geschrieben und das tut auch deswegen gut, weil Bolz – neben Sloterdijk – vielleicht derjenige deutsche Denker ist, dem ich am liebsten zuhöre. Auch er mutig, hell und um die Ecke denkend, wenn auch ganz anders.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Mal sehen, ob ich „hier in meiner Waldeinsamkeit und mitten unter meinen Regierungsgeschäften“ (Abraham Tonelli) das Heft mit dem ganzen Artikel noch irgendwo bekomme …

        Ihr Lobpreis auf Metaphern erinnert mich an eine Lektüre vor mehr als einem halben Leben, nämlich diese kleine Schrift des großen Friedrichs über die Vorsokratiker, es dürfte wohl „Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen“ gewesen sein. Darin lobt Nietzsche die Vorgehensweise dieser Ionier, bei deren manchem man sich heute gar nicht sicher sein kann, ob seine Dunkelheit nicht vielleicht ausschließlich der dürftigen Überlieferung geschuldet ist. Sie seien über den Bach gekommen, von Stein zu Stein springend, wo eben gerade ein nächster günstig lag. – Ja, das machen wohl Pioniere so, aber danach sollen sie doch bitte die Brücke bauen und dazu deren Pfeiler nur dann auf über die Wasseroberfläche ragende Sporne setzten, wenn unter ihnen wirklich solider Fels liegt.

        Es gibt Anregungsmittel der geistigen Tätigkeit. Montaigne etwa (nicht der Einzige) empfiehlt irgendwo, eine wichtige Entscheidung erst dann zu treffen, nachdem man sie einmal im Rausch und einmal nüchtern erwogen hat. Alkohol ist nicht so meine Sache, ich würde mir, um aus dem ambienten Jargon und dem von anderen gelegten Geleis zu kommen, lieber den einen oder anderen Film von Luis Buñuel anschauen. Obwohl mir die surrealistische Vergötzung der Irrationalität zuwider ist.

        Seinen Mitmenschen schuldet man dann aber eine durchdachte und begründete Darlegung und nicht bloß Unausgegorenes, zumindest wenn man sich Philosoph nennen will und nicht nur Künstler. Auch für unbekanntes Gelände findet man die rechten Worte für die Weganweisungen, Warnungen vor den steglosen Flüssen und vor steilen Steinbruchwänden sowie die geologischen Gründe für die gewählte Trasse. (Dort am Hang störte der Knollenmergel, jene Tunnelführung würde den Anhydrit anschneiden.) Die bloße sprachliche Verstörung wird beim Publikum auch in der Regel ganz andere Wirkungen zeitigen, als sie es bei dem Hirn über dem Metaphernmund tat. Der Kunde hat jedenfalls Anrecht auf ein klares Getränk.

        Sie dürfen natürlich gerne auf den performativen Widerspruch in der Art meiner Darlegung hinweisen. Wie konnte ich mich nur dahin verirren?!

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Cicero mit Widerstreben gekauft (wozu eine 500 Elemente umfassende Rankingliste von Prominenten?), Eulogie gelesen. „Aber dabeu fühlt sich jeder … mitgenommen zu den Abenteuern des Denkens. Und dabei handlet es sich nicht um bloßes Kopfkino.“

          Wieso denn überhaupt Kopfkino?

          Seidwalk: Empfehlungen des Blogautors drücken nur dessen persönliche Meinung aus und werden ohne Gewähr, Rückgaberecht und auf eigene Verantwortung des Käufers ausgesprochen. Eventuell auftretende Beschwerden bitte an den Autor des empfohlenen Werkes richten.
          PS: Bolz spricht von „Wortkino“.

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