Helmut Lethen – 80 Jahre

Von Lethen lernen

„Es ist ja auffällig, wie in Augenblicken der Depression die Linke zu den Konservativen schielt.“ Helmut Lethen

Müßte ich unter Helmut Lethens Büchern eines wählen, dann wäre das nicht sein Hauptwerk „Verhaltenslehren der Kälte“, worin er die Topoi der Gefühllosigkeit und Frostigkeit in den „Lebensversuchen nach dem Krieg“ systemisch nachzeichnet, es wäre auch nicht sein lehrreiches Buch über Gottfried Benn, das bewußt keine Biographie sein will, sondern ein szenischer Einfühlversuch in einen hermetisch sich absondernden Paradigmenmenschen und es wäre schließlich auch nicht sein neuestes Werk „Die Staatsräte“, selbst wenn man es als lobenswertes Gesprächsangebot an den politischen Gegner mißverstehen kann, nein, meine Wahl fiele ohne zu zögern auf das schmale autobiographische Bändchen „Suche nach dem Handorakel“ und ich möchte sogleich hinzufügen, daß man es exakt als solches lesen müsse, nämlich als ein eigenes Handorakel! Vor allem die Rechte täte gut daran, dieses erzlinke Brevier genauestens unter die Lupe zu nehmen.

„Verhaltenslehren der Kälte“

Mit diesem Buch, das eine Ausweitung der in der Dissertation von 1970 gezogenen Kampfzone darstellt, hatte der Literaturwissenschaftler Lethen (* 14. Januar 1939) eine Art heimlichen Klassiker der 90er Jahre geschrieben – das Buch zirkulierte in den universitären Kreisen und wurde z.T. wie eine codierte Schrift unter Eingeweihten herumgereicht. Lethen reagierte damit auf ein seltsam steigendes und klandestines Interesse am konservativen Denken, das man bis dato als erledigt betrachtet hatte.

Heute liest man dieses Buch im schizophrenen Gestus: einerseits fragt man sich, was die damalige Welt derart in Aufregung versetzte, andererseits sagt ein Werk, das sich so eng an politische Zeiterscheinungen knüpft, heute etwas anderes als damals. Es steht unverwechselbar in einer bestimmten Tradition, deren offizieller Leuchtturm Klaus Theweleits voluminöse „Männerphantasien“ war. Theweleit übersetzte damit den Auftrag der 68er – die Nazi-Jagd – ins Akademische: plötzlich waren alle Nazis (was wir heute wieder konservativ nennen) und Nazismus war zudem extrem sexuell aufgeladen – eigentlich alles arme, ungefickte, in der Kindheit malträtierte und seelenverpanzerte Schweine: Täter-Opfer-Täter-„Dialektik“.

Lethen hebt sich dagegen positiv ab. Sein Ton ist ruhig und gelassen und versucht das offensichtlich Ideologische zu vermeiden, auch wenn seine Befunde ähnlich lauten – vielleicht ist da sogar was dran? Er konstatiert anhand der kurzen Epoche der „Sachlichkeit“ in Literatur und Kunst eben jenen Einbruch der Kälte, der zu Verpanzerungen – hier steht Wilhelm Reich Pate – führt und sich in einer „kalten persona“, in der „Kreatur“ und dem „Radar-Menschen“ realisiert. Und das zieht sich quer durch alle Schulen, von Brecht bis Jünger und von Serner bis Schmitt. Die Reaktionen sind nach der Kontingenzerfahrung des Krieges, den Nachkriegsunruhen und der Ungewißheiten Weimars verständlich. Sie führten zur Renaissance von „Verhaltenslehren“. Und davon gibt es die Menge und Lethen nimmt sie alle auseinander.

Das Buch sprengt den literaturtheoretischen Rahmen und greift weit und kenntnisreich und anstrengend in den Gedankensprüngen (es wird viel angedeutet) ins Historische, Psychologische, vor allem aber Philosophische über. Gerade letzteres ist beeindruckend: Lethen denkt genuin, anders als Theweleit, und produktiv.

„Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit“

In der Retrospektive, die uns Lethens „Staatsräte“ als Abschluß seines schmalen Oeuvres gestattet, stellt dieses Buch das Transitstadium dar, das einerseits die oft schwammigen Thesen der Verhaltenslehren konkretisieren will, zugleich aber die losen Fäden aufnimmt, die Theweleit im Kasus Benn liegen gelassen hatte, andererseits aber die Idee der „Staatsräte“ – die imaginative Konfrontation sich fremder, aber historisch ähnlich situierter Geister – vorwegnimmt, denn Benn wird nicht nur vor den historischen Hintergrund gestellt, sondern in szenisch konstruierten Kapiteln anhand von Bildern, Gesten, Tönen, Empfindungen, Konstellationen und Situationen, die nicht selten aus dem geschichtlichen Kontext gelöst werden, gegen seine Zeitgenossen abgesetzt und verkörpert. So informativ und beeindruckend die Einzelerkenntnisse sein können, so monoton ist der sich dahinter verbergende Grundgedanke, den zu wiederholen, das gesunde Stilempfinden sich sträubt.

Lethen setzt damit sein Projekt, die klima-topologische Kartierung der Jahre zwischen den Kriegen, die er in den „Verhaltenslehren“ exemplarisch andachte, fort. Benn hat ihn schon immer fasziniert. Nicht nur dessen klinischer Blick und die damit verbundene Kälte fesseln Lethen – zwischen Bewunderung und Abscheu –, sondern auch die Möglichkeit, Einblick in eine gesellschaftliche Komplexität zu geben, für die heutigentags schlicht und einfach die Charaktere fehlen. In Exkurse eingeteilte Kapitel beleuchten, mitunter sehr assoziativ, die Medizinsphäre, den Krieg, den Kolonialismus, die Emigration, die Erotik, Akademia u.v.m. Die Faszination des Linken am Rechten verleiht dem Experiment eine exzentrische Note – man erfährt über beide.

Lethen ist nicht nur ein Einfühlungsmeister, er gibt sich auch selbst preis. Denn das fast schon genüßliche Ausweiden intimer Details, die den Eis-Menschen Benn plötzlich ganz nackt und schutzlos präsentieren, verweist natürlich auch auf einen mutmaßlich im Spiegel-Stadium angesiedelten Willen zur Destruktion des so geliebten Gegenstandes. Es ist ein willentliches Spiel mit der Gefahr, eine Suche „nach Handlungsanweisungen“, die gerade dann, als sie hätte erfolgreich sein können – etwa in der Bewunderung der Widerrufsverweigerung und der Negierung des Schamzwanges, die starke Charaktere auszeichnet und „einzigartige Töne“ schafft – erschrocken zurückzieht und in den opaken „Sound der Väter“ flieht.

„Das Benn-Buch erschließt die Rückseite der Verhaltenslehren der Kälte, in denen die Personen von engelhafter Transparenz blieben, um den machiavellistischen Direktiven ohne den Widerstand spröder oder sumpfiger Leiber Folge zu leisten.“ (Helmut Lethen an den Verfasser)

„Suche nach dem Handorakel“

Daß Lethen ein Leben lang nach einem Handorakel – also einer sentenziellen Lebensanweisung – sucht, beschreibt diesen Menschen und Typus vorerst zur Genüge: Unsicherheit ist sein Habitus und das übersetzt sich im linken Denkschema zwangsläufig in Selbstkritik. So gesehen wird Lethens gesamtes Schaffen als verkappte Autobiographie deutlich und die „Verhaltenslehren“ sind letztlich nur das frühe Ergebnis der Selbstbesinnung. Der Leser hat ja längst geahnt, daß seine „Neigung, aus Büchern Verhaltenslehren zu machen, Schriften als imaginäres Reservoir von Bewegungsimpulsen zu begreifen“, am Grunde der literaturwissenschaftlichen Arbeiten liegt – die „Verhaltenslehren“ waren ein Durchgang durch mögliche (aber letztlich abgelehnte) Lebensentwürfe, ein Sich-messen an diesen.

Das ist ein Scheitern, keine Frage. Lethen gesteht es sich ein. Das Scheitern des 68ers und führenden Vertreters der KPD (AO), so angenehm ironisch und fast spielerisch er es auch präsentiert, ist symptomatisch und gestattet daher verallgemeinerungswürdige Konklusionen, mehr noch, es spricht laute und deutliche Warnungen auch an den rechten Aktivismus aus und sollte von der Rechtsintelligenzija aufmerksam studiert werden.

Lethens Scheitern – und damit das einer ganzen Generation revolutionswütiger Rationalisierungsritter – versteckt er in nette Anekdoten zu Beginn und zu Ende seines Orakels.

Zuerst führt er uns auf eine Konferenz zur Geschichte der wilden Jahre, wo er das linkslastige Publikum mit einer gewagten These schockieren will – „Die Leistung der marxistisch-maoistischen Apparate bestand darin, die frei flottierenden Umsturzenergien in ihr oberirdisches Bewegungssystem einzubinden“ (Erläuterung folgt) –, um selbst erschrocken festzustellen, daß ausgerechnet ein Vertreter des Verfassungsschutzes ihm recht geben wird.

Lethens Provokation vor Ort war es, „die Stabilisierungsleistungen von KBW, KPD-AO, KPD/ML und anderen Imitationen der III. Internationale“ hervorzuheben, „daß die Initiatoren der ML-Parteien … objektiv gesehen, der Stabilisierung der Republik gedient haben“, „daß die K-Gruppen der Bundesrepublik objektiv gesehen gutgetan“ haben, daß „die Apparate der verschiedenen marxistisch-maoistischen Parteien wie Kühlaggregate funktioniert“ haben, daß „militante Energien in den Kreisläufen symbolischer Praktiken aufgebraucht worden“ sind, daß „der Apparat ein selbstdestruktiver Trichter war, der Bewegungsenergien im Selbstlauf von Wiederholungen im Inneren verschlang, aber in der unübersichtlichen Situation der 70er Jahre stabilisierende Wirkung nach außen hatte“, daß die Kader „der objektiven Funktion der Staatserhaltung dienten“ und daß es letztlich zu einer „Symbiotik der Beziehung zwischen Protestakteuren und Massenmedien“ kam. Es war alles für die Katz!

Und am Ende des Buches erzählt er uns ein wenig verschämt und stolz zugleich, daß ausgerechnet Carl Schmitt einen seiner vernichtenden Texte mit Wohlwollen und sehr intensiv gelesen hatte.

Es war ein Hase-und-Igel-Spiel: Die Linke (der Hase) glaubte, das Tempo und die Regeln vorzugeben, aber „das System“, also das Seiende, also das Immer-schon-Daseiende, also das Konservative, das Schmitt nur symbolisiert, war immer schon da und hatte alles aufgesaugt, und ausgerechnet der Verfassungsschutzmann als Feindvertreter musste ihm das bestätigen. Es gab ein bißchen Tumult und Krawall und Chaos und Aufregung …, aber die Welt zog weiter ruhig ihre unausrechenbare Bahn. Statt „auf die Geschichtszeit projizierte Erwartungen, die Hoffnung auf Umsturz“, „erschließt sich ein Reich der Erfahrung“ und diese – „die Stunde der Empirie“ – kommt dann zwangsläufig als Überraschung, aus der man nur noch diesen Leitsatz generieren kann: „Prognosen und Ereignisse halten sich in getrennten Sphären auf. Im Strudel des Ereignisses scheint plötzlich alles kontingent.“

Dieses Scheitern – und das zeichnet Lethen unbedingt aus – ist trotz des pessimistischen und resignativen Zuges auch ein ironisches und vor allem produktives und schon deswegen sollte dieses Büchlein, dessen tiefster Wert über die ideologischen Grenzen hinweg im strategisch-taktischen Bereich und in der Aufforderung zur Außensicht der eigenen Bewegung liegt, zum Vademecum des politisch aktiven Menschen werden, der das eigene Versagen möglichst verhindern will.

Und selbst wenn es das nicht wäre, müßte man es empfehlen. Es läßt die seelische Verfassung einer Generation begreifen, einer Generation, die uns nachhaltig geprägt, geformt und verformt hat, wir lernen die Seelenqualen kennen und verstehen – „War das Gift (des Nazismus) in den Kinderkörper gesickert?“, fragt sich noch der alte Mann –, die Besessenheit von d e r Geschichte. Man lernt einige ikonische Bücher dieser Jahrgänge kennen, bekommt intime Einblicke in die spezifischen Denkvorgänge. Es ist zudem ein Repetitorium der jüngeren Geschichte, das Namen und Ereignisse, wenn auch in loser Folge, rekapituliert und nicht zuletzt ist es ein Museum eines Duktus‘ – der die Lektüre Lethens mitunter erschwert –, der gerade dabei ist, auf ewig hinter dem Horizont zu verschwinden, jene Sprache der Soziologen, Literaten und Theoretiker, die sich an Adorno, Peter Weiß, Marcuse, Bloch, Habermas und Theweleit – jeder auf seine Art ein Sprachkünstler und Sprachblender – orientierten und deren Schriften wie Morsesignale unter elitären Eingeweihten gelesen werden müssen.

Und wenn man die eminenten Lehren dieses gewichtigen Büchleins verinnerlicht hat, dann darf man auch ein wenig triumphieren und Zeilen wie diese genießen: „Wie blauäugig ist es, davon auszugehen, eine Generation hätte sich völlig von der vorhergehenden gelöst? Man kann sich offenbar nicht dadurch von ihr abspalten, indem man sie moralisch verurteilt.“

„Die Staatsräte“

Lethens letztes Buch beweist, daß der im „Handorakel“ angedeutete Bruch ernst gemeint war. Die akzelerierende Geschichte der letzten Jahre kommt ihm zuhilfe. Das „Handorakel“ schien der Eintritt in die Rente zu sein. Die Fronten wurden 2015 allerdings neu gezogen – auch in den Ehen und Familien. Der Schaukelstuhl muß bis auf weiteres warten.

Die „Staaträte“ sind eine Hin-Richtung im doppelten Sinne. Sie sind auch an eine andere Leserschaft gerichtet, den Rechten als solchen, und sie versuchen an vier exemplarischen Fällen – Carl Schmitt, Sauerbruch, Gründgens und Furtwängler – die Überlebtheit nationalkonservativen Seins nachzuweisen. Insbesondere Schmitt soll als Galionsfigur sachlich-fachlich, aber auch ethisch-menschlich begraben werden.

Sie sind aber auch der letztgültige Beweis von Lethens Spezialisierung. Das Buch wurde in den meisten Medien groß angekündigt als finale Abrechnung, tatsächlich ist es lediglich eine Variation des Lebensthemas. Es gibt dieses ikonische Bild, auf dem man den jungen Benn über das Mikroskop gebeugt sieht – dies ist die typische Geste Lethens selbst, allein der Objektträger wurde ausgetauscht und statt Benn und Jünger erscheinen nun Sauerbruch, Gründgens und Furtwängler neben Schmitt im Sichtbereich. Lethen ist – ganz wertfrei – ein Monothematiker, oder doch ins Positive gewendet, ein Variationist, der seit 45 Jahren in mehreren Anläufen das gleiche Buch schreibt und die gleichen Objekte unter sein Aufmerksamkeitsmikroskop schiebt.

Das Paradoxe daran: er behandelt sie wie Krankheitserreger, wie Keime, deren gefährliche ansteckende Wirkung zur Isolation zwingt, deren Faszination ihn aber immer wieder zur Veröffentlichung und Sichtbarmachung verführt. Darüber hinaus hat er ihnen – insbesondere Schmitt, Benn und Jünger – fast alles zu verdanken, vom Vokabular, das man sich nicht selten ausleiht, über die Thematik und die nicht unoriginelle Idee, die angehimmelten verteufelten Größen durch quasi-kynische Verkörperlichung nach den Kretschmarschen Körperbau-Schemata vom Piedestal zu stoßen, bis hin zu den Konstellationen der dramatis personae. Noch nicht mal die „Entdeckung der Fiktion als bester Hilfskonstruktion“, die Idee der „fiktiven Konfrontation“, der „Geistergespräche“, der „Schattengefechte zwischen den Nicht-Reumütigen“, ist neu; auch sie wurde in der gegenseitigen Beäugung der drei Dauerprotagonisten nach dem Krieg bereits vorgeführt, etwa im Benn-Buch, und brauchte „nur“ noch auf andere Personen übertragen werden.

Die Konzentration auf ein Thema trägt ihre intrinsischen Vor- und Nachteile in sich: der Experte weiß, wovon er spricht und Lethens Wissensfundus ist beeindruckend, aber sein Fokus ist oft verengt und er muß die sich wiederholende Botschaft stilistisch, ästhetisch, dramaturgisch, inhaltlich oder sonstwie aufpolieren und radikalisieren, jedenfalls „neu“ und anders präsentieren. All das tat Lethen mit seiner Fiktion, die sprachlich deutlich abrüstet und somit sich auch einer bislang negierten Leserschaft öffnen will, aber manchmal hilft auch schon der Privatskandal, die gewünschte Aufregung zu generieren.

Vielleicht versteckt sich hinter alldem ein aufschlußreiches und verallgemeinerungswürdiges Paradox: Lethen – als Vertreter der intelligenten Linken – wäre ohne die Klassiker der Konservativen Revolution nie erschienen, er wäre ohne die „Verstrickungen“ und ohne die Schuld ein glühender Schmittianer und ein Verehrer Benns, Jüngers und Brechts, ein Bewunderer genuiner Denk- und Schreibleistung also … doch das gesellschaftliche Tabu zwingt ihn – und wie viele noch? – in die Distanz.

zuerst erschienen in „Sezession“ Heft 84

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