Rechenschaftsbericht

Old habits die hard“, sagt ein altes englisches Sprichwort. Zum Ende des Jahres gibt es einen Rechenschaftsbericht. Diese gute, alte kommunistische Tradition will ich heute, am Ende des vierten Kalenderjahres dieses Blogs aufgreifen, und einen kleinen Einblick hinter die Kulissen werfen.

Das kann recht interessant sein, denn „WordPress“ das „Content-Management-System“, also der Anbieter der Blogoberfläche, bietet auch in seiner billigsten, also kostenlosen Version, einige Statistiken an.

Der Blog startete im Oktober 2015, in der Hochzeit der Migrationskrise. Er entstand aus einem Impuls, einer ad-hoc-Entscheidung als eine Art seelisch-geistige Tracheotomie. Plötzlich kam die Idee, schnell gegoogelt, wie man das macht – es gab ein paar Vorerfahrungen, dort hatte ich freilich das Glück, technische Genies an meiner Seite zu haben –, fix ein passendes Layout ausgesucht, ein paar Grundeinstellungen festgelegt und noch am gleichen Tag ging es los. Da ich noch gar keinen Text geschrieben hatte, stellte ich zuerst ein Märchen und dann jene großartige Parabel Gombrowicz‘ ein, bat ein paar Freunde um Verteilung … und so ging es los. Heute stehen über 800 Beiträge im Netz.

Gleich der erste über die Ahmadiyya in Weimar brachte „likes“ von muslimischen Lesern und Suleman Malik persönlich – die später wieder verschwanden. Das Leben eines Bloggers: Likes und Dislikes, Liebe und Liebesentzug im Eiltempo.

Es ist eigentlich ein undankbarer „Job“. Ob man gelesen wird, hängt stark vom Skandalpotential ab. Viele Menschen suchen scheinbar die Bestätigung ihrer Vorurteile. So gerät man ganz folgerichtig immer an die Grenze zum Unseriösen, denn ein knalliger Titel, ein paar flotte Sprüche beeinträchtigen ganz wesentlich über die Leserzahl.

Wichtig sind auch Weiterverlinkungen, vor allem von viel gelesenen Seiten oder „Influencern“. Auch das kann schnell zu einem Anbiedern an Erwartungen führen. Ehrlicher Journalismus – das darf ich nun aus eigener Erfahrung sagen – ist schwer zu haben!

Klicken und Lesen sind auch zwei Paar Schuhe. Die Wahrheit bleibt hier leider im Dunkeln. Immerhin beweist das hochwertige, wenn auch nur kleine – darf man sagen: elitäre? – Kommentariat, daß es tatsächlich richtige Leser geben muß und hin und wieder erreicht mich auch im Alltag ein Feedback. Erst gestern traf ich beim Joggen im Wald jemanden, der mir nachrief: „Weiterschreiben! Ich lese das!“ So etwas gibt es auch.

Wenn ich nachfolgend ein paar Statistiken präsentiere, dann ohne die absoluten Zahlen mitzuliefern. Vor allem aus peinlicher Berührtheit, denn auch wenn die Steigerungsraten ansehnlich sind, bewegt sich doch alles auf sehr niedrigem Niveau.

Immerhin lasen 2017 ein Viertel mehr als 2016 und in diesem Jahr konnte die 2017er Zahl mehr als verdoppelt werden. Der dunkle Streifen zeigt die Zahl der Leser, der hellere die Zahl der gelesenen Artikel. Durchschnittlich liest jeder Leser 2,94 Artikel. Immer wieder gibt es Binge-Leser, die gleich zwanzig, dreißig oder mehr Beiträge weglesen, andererseits schauen viele einfach nur vorbei, ob es was Neues gibt.

Schaut man sich die Monate an, so erkennt man mehrere Schübe. Seit Juni 2018 agiert der Blog auf einem neuen Niveau. Die Ursache ist nicht ganz einfach auszumachen – vermutlich ein Synergieeffekt. Einerseits fanden viele Leser den Artikel „Untergang des Imperiums“ attraktiv, andererseits schlugen die Verlinkungen bei „eigentümlich frei“ und „Dushan Wegner“ deutlich durch.

Mehrere Leser hatten Wegner offenbar auf die Seite aufmerksam gemacht, er nahm sie in seine Rubrik „Freie Denker“ auf. Dort wurde vermutlich auch André F. Lichtschlag darauf aufmerksam und fragte an, ob er ausgewählte Beiträge auf „ef“ bringen könne. Beides brachte viele Klicks, vor allem Dushan Wegners Seite – nach sehr zähem Start – entpuppt sich als wesentliche Quelle. Fiele sie weg, würde der Blog vermutlich sofort wieder in sich zusammensacken. Auch die Seite „Das Heerlager der Heiligen“ hat sich als bedeutender Zufluß erwiesen. Facebook und Twitter folgen – die genauen Seiten sind mir oft unbekannt. Wenn freilich Sellner oder Lichtmesz verlinkt haben, dann schnellt der Zeiger ebenfalls rasch hoch …

Der mit Abstand am häufigsten angeklickte Artikel ist „s k AfD a l ö s!“ (eher belanglos, muß man nicht lesen; die AfD BW hatte ihn verlinkt), gefolgt von „Finis Germania“ und „Die Grenzen der Toleranz“. Letzterer gewinnt das diesjährige Rennen wiederum mit dreifachem Abstand zur „Chemnitz-Depression“ und „Untergang des Imperiums“.

Die Beliebtheit der Artikel ist nicht einwandfrei festzumachen, da es offenbar Leser gibt, die sich bestimmte Beiträge in die Symbolleiste befestigt haben und immer über diesen Link eintreten. So wird der Beitrag „Was ist Kynismus?“ – einer der besseren, wie ich finde – jeden Tag mehrfach angeklickt, vermutlich aber nicht gelesen, sondern von einem Leser genutzt, um die Diskussion zu verfolgen.

bedenkliche Entwicklung! Die Artikel werden immer länger – Geschwätzgefahr!

An dieser Stelle kann ich den Diskutanten nur herzlich danken! Die hochkarätigen Kommentare tragen ganz wesentlich zur Attraktivität des Blogs bei. Offenbar fungiert dieser Blog wie eine kleine Insel, auf der ein zivilisiertes Gespräch unter mehr oder weniger Gleichgesinnten, aber doch zumindest Kritischen auf zivilisierte Art und Weise klappt. Vor allem die Diskussion kann – soweit ich zu sehen vermag – als Alleinstellungsmerkmal gelten.

Und wo wird gelesen? Auf der ganzen Welt! Und wo nicht? Auch das ist vielsagend. 90% Prozent der Leser kommen aus Deutschland, es folgen Österreich, die USA und die Schweiz.

es gibt sie noch: weiße Flecken auf der Erde

Wer mögen die Leser im Ausland sein? Vermutlich doch Deutsche auf Auslandsaufenthalt oder auf Reisen. Wer sonst sollte sich auf Aruba, Curacao oder Bonaire, Sint Eustatius und Saba für deutsche Belange interessieren?

Aber man darf das nicht überbewerten. Schaut man sich die Suchwörter an, die zu diesem Blog geführt haben, kann man durchaus ins Grübeln kommen. Alles in Ordnung, wenn jemand wissen will „Was ist deutsche Kultur“, oder über den „Islam als Gegenstand von Gleichnissen“, das „Christophorus-Syndrom“, „Pro und contra Ehrenamt“, über Stefan George, Sloterdijk, Umberto Eco, über Pegida, AfD, die Wirmer-Flagge, über Sozialleistungen in Ungarn oder das Schulsystem in Syrien und selbst noch über die „Sexualität von Skinheads“, über Buddha oder den Kriegsindex, die „Dialektik des Humanismus“, „Tellkamps Gesinnungskorridor“, „Muslime in Dänemark“ und vieles mehr. Über all das kann man hier etwas finden.

Kritischer wird es schon, wenn man über folgende Sucheinträge zu mir findet:  „hitler göring eckardt windhund“, „courbet homosexualität“, „kositza tattoo“, „de maiziere akromegalie“, „lobotomie in venezuela erlaubt?“, „toiletten im islam“, „ungarische musiker blond„, „sprung in der schüssel gender“, „jürgen habermas sprachfehler“, „nützliche idioten im ehrenamt“, „deutsche und französische stuhlgang zizek“, „diogenes und die onanie“ … Immerhin, das hat alles „irgendwie“ noch mit den Texten zu tun.

Relativ ratlos stehe ich vor solchen Suchbegriffen: „islam eier kraulen“, „denkschwierigkeiten gefühl wie mütze auf dem kopf“, „martin schulz körper“, „mäuse in die vagina“, „asylanten sex“, „der koran ist das satanische schundbuch des islam und gehört bei uns verbrannt!!!“, „wie oft krault ihr seine eier“, „eichel und eier kraulen“,  „nackte junge burschen mit dicken eiern“, „stuhlprobe sperma“, „mama krault eier geschichten“ … Wer will Martin Schulz‘ Körper sehen und …?

Ein schöner Beweis der These, daß Geschichte ernsthafterweise nur im Futur II erzählt werden und niemand voraussehen kann, was er mit seiner Tat bewirkt. Das Interesse an Eiern wurde übrigens hier befriedigt (Achtung: wer jetzt klickt, wird auch registriert!)

Mitunter versuche ich die Rückverfolgung. Die „Eier“ sind klar, vieles bleibt allerdings im Dunkeln. Spannend, wenn man die richtigen Treffer der Suchbegriffe betrachtet. Demnach gibt es eine vollkommen ausdifferenzierte Diskussion – meist unter Frauen – ob und wie man dem Manne die Eier kraulen soll, die ein Vielfaches dessen, was dieser Blog leisten kann, an Diskussion erzeugt.

Liebe Leser, ich möchte die Gelegenheit für eine Bekanntmachung nutzen. Das Ende unseres ungarischen Abenteuers ist bereits abzusehen. Nach zweieinhalb Jahren habe ich noch immer nicht das Gefühl, diesem Land, den Menschen und vor allem der Sprache nahe gekommen zu sein. Letztere ist der Schlüssel zu allem. Da die Schöne sich wehrt gelernt zu werden, hilft leider nur noch Gewalt. Ich werde die nächsten Monate also nutzen, sie mit aller Kraft zu erobern, auch gegen ihren Willen! Das kann nur bei voller Konzentration geschehen. Zudem sind – nicht zuletzt durch den Blog – neue Verbindungen, Aufgaben und Projekte entstanden. Daher werde ich die Arbeit daran deutlich einschränken. Ein Artikel pro Woche bleibt das Ziel.

Bleiben Sie mir und uns trotzdem treu! Ich wünsche allen einen friedlichen Weltuntergang oder doch zumindest ein gesundes Neues Jahr.

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7 Gedanken zu “Rechenschaftsbericht

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Nur munter fort ins neue Jahr mit all Ihren Projekten!

    „Nichts Abgeschmackters weiß ich mir / Als einen Teufel, der verzagt.“

    Er, bei dem man sich fragen muss, ob er überhaupt noch ein Mensch zu nennen ist, er hat’s doch trefflich gesagt.

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  2. Till Schneider schreibt:

    Ein Seidwalk ist ein Gang zur Seit‘,
    führt meistens in die Dunkelheit
    und kommt dann heller wieder raus.
    Drum geht er nicht geradeaus.

    Auch von mir vielen Dank für Ihre Bloggermühen und deren Ergebnisse, die ich soeben um ein Haar als „bereichernd“ bezeichnet hätte. Aber zum Glück fiel mir noch rechtzeitig ein, dass man sie auch „erhellend“ nennen kann, siehe oben. Damit ist mir wohler.

    Frohes neues Jahr!

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  3. Willanders schreibt:

    Vielen herzlichen Dank für Ihren Blog. Nur wer selbst so etwas betreibt, kann die Arbeit, die dahinter steckt, in etwa ermessen. Mir ist es jedesmal ein Vergnügen, Ihre Beiträge zu lesen, und jedesmal ein intellektueller Gewinn. Auch die Fundstücke sind eine Goldgrube, die so manchen kostbaren Klumpen bergen. Und jetzt vor der Aufzählung der Suchworte wäre eine knappe Warnung sehr hilfreich: Ich habe soeben meinen Kaffee direkt auf die Tastatur und den Bildschirm ausgeprustet, und muss diese erst einmal putzen…

    So, fertig. Schrieb ich: jeder Beitrag ein Gewinn? Na, fast. Der Rasentrimmer-Beitrag hat mich allerdings sehr enttäuscht. Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet. So eine feindliche Attacke gegen eine der segensreichsten Erfindungen der Technik-… nein!, der Menschheitsgeschichte kann nämlich nur jemand schreiben, der noch nie aus mehreren tausend Quadratmetern Urwald in einem tropischen Land ein begehbares Grundstück, einen Gemüse- und Obstgarten und dazu ein Heim für seine Familie in einem täglichen harten Kampf zu machen versuchte. (Übrigens: Danke für den Hamsun-Tip; nach Dostojewskij ist dieser Skandinavier dran.) Ohne dieses Wunderwerk der Technik hätte ich noch nicht einmal Zeit, Ihre Beiträge hier zu lesen; Und selbst damit reicht meine Zeit nicht für das Verfassen von Kommentaren; die fehlende Zeit ist der andere Grund neben dem oft einschüchternd hohen intellektuellen und sprachlichen Niveau der Blogbeiträge und der Kommentare. Aber wenigstens einmal im Jahr wolte ich eine Rückmeldung geben.

    Alles Gute für ihre künftigen Projekte. Ich verfolge das Geschehen um Schnellroda mit Interesse und freue mich auf Ihre Mitarbeit dort.

    PS. Der Weltuntergang, egal wann er kommt, wird hier hoch über der Sulu-See sieben Stunden früher stattfinden; Sie haben also sieben Stunden mehr Vergnügen auf dieser Welt, oder sieben Stunden länger zu leiden, je nach Einstellung.

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  4. SiN-Leserin schreibt:

    Ich schließe mich den anderen Kommentatoren an, bedanke mich für die interessanten Texte, die ich hier lesen durfte, und wünsche ich Ihnen, wie man bei uns so schön sagt, einen guten Beschluss und alles Gute fürs neue Jahr!

    Was das Ungarische angeht: Das ist jetzt Küchentischpsychologie, aber vielleicht sollten Sie aufhören, es unbedingt zu wollen. Hat bei mir in einer bestimmten Phase meines Studiums (welches allerdings nichts mit Sprachen zu tun hatte) Wunder bewirkt.

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  5. Sebastian Wohlfarth schreibt:

    Nicht verzagen, mein mit einer Ungarin verheirateter Patenonkel (Tätigkeit als Übersetzer) meinte, daß er wohl zehn Jahre brauchte, um in Budapest halbwegs normal „mitreden“ zu können … Ihnen ein gutes, segensreiches neues Jahr!

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