Apokalyps mich!

Ein Freund der Familie hatte sich schon vor ein paar Jahren bis zur Überzeugung gelesen, daß die Welt im Jahre 2019 untergehen werde. Nicht die ganze natürlich, aber die größten Teile Europas seien dabei. Nur ein schmaler Streifen in den Alpen würde verschont. Dort hatte er sich schon 2017 einen Hotelplatz gesichert, den er – schwer mit eisernen Rationen und Trinkwasseraufbereitungsanlage bepackt – beziehen wird, wenn es soweit ist.

Den Gedanken hätte ich ganz originell und diskutabel gefunden, wenn nicht ausgerechnet ein Himmelskörper von den Wahrsagern – ich glaube, es war vor allem Irlmaier – verantwortlich gemacht worden wäre. Eine kurze Googelei brachte dann einen Spiegel-Artikel aus dem Jahre 2002 zum Vorschein, in dem eine gewisse Wahrscheinlichkeit eines Asteroideneinschlages diskutiert wurde – für den 1.2.2019. Sollte Irlmaier nur ein aufmerksamer Spiegel-Leser gewesen sein? Geht auch nicht: Irlmaier ist bereits 1959 überraschend gestorben.

Ein Asteroid? Der müßte schon ganz schräg durchs All geflogen kommen, wenn wir den noch nicht gesehen haben sollten. Warum so weit in die Ferne schweifen?

Die Angst vor der Katastrophe, dem Ende der Welt, ist so alt wie das menschliche Denken. Viele Jahrtausende war es religiös konnotiert, aber auch vor ihr hat die Säkularisation nicht halt gemacht. War es einst die Rache der Götter, müssen heute natürliche Erscheinungen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse herhalten. Gerade halten uns der kleine Krakatau und der Ätna in Atem. Die Nachrichten über ihre Ausbrüche sind immer mit einem Gruselfaktor versehen: was wäre wenn.

Tatsächlich spricht sich darin ein Bewußtsein aus, das viele Menschen – vor allem Progressisten jeglicher Couleur – ins Unbewußte verdrängen. Je „fortschrittlicher“ wir werden, je mehr vernetzt, je abhängiger voneinander und vermischter untereinander, umso krisenanfälliger werden wir. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ein Großereignis wie die Explosion des Krakatau 1883 oder des Tambora 1815 heute weit dramatischere Folgen hätte als vor 200 Jahren. Damals fielen weltweit Ernten aus, Menschen litten und starben Hungers – heute stünde mehr auf dem Spiel: die Energieversorgung, das Internet, die Telekommunikation … und bald das Vertrauen der Menschen untereinander.

Bräche der Vesuv mit ähnlicher Stärke wie im Jahre 79 aus, dann würde die europäische Idee vermutlich schnell unter Ascheregen verschwinden und sollten sich gar die Phlegräischen Felder – ein Supervulkan in seinem Umfeld – wiederbeleben, dann wäre der Kontinent Europa, wie wir ihn kennen, Geschichte. Und just dort brodelt es gerade zunehmend – ein Ausbruch, liest man, stehe unmittelbar bevor. In erdgeschichtlichen Zeiten gedacht: innerhalb der nächsten „tausenden Jahre“. Zum Vergleich: die gesamte bekannte Zivilisationsgeschichte, wenn man sie großzügig interpretiert, beträgt gerade 10000 Jahre.

Man kann vor diesen Hinter- und Abgründen nur müde über die Progressisten lächeln, die vom ewigen Fortschritt träumen. Selbst davon abgesehen, daß ihr Fortschritt nicht selten substantieller Rückschritt ist, machen die Visionen der Hellseher – Jesus war auch so einer[1]: sein „das Himmelreich ist nahe“ gilt gerade mal 2000 Jahre – die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Mühens deutlich.

Aber selbst das muß man nicht bemühen, wenn man den baldigen Untergang prophezeien wollte. Im Anthropozän wird das Ökösystem Erde immer weiter an die Grenzen seines für uns noch lebbaren Funktionierens getrieben. Auch politisch und demographisch befinden wir uns in einem unübersehbaren Beschleunigungsprozeß. Es ist kein Zufall, daß wir zur gleichen Zeit die Erwärmung des Klimas haben, das Artensterben, die Plastikverseuchung, Übersäuerung des Meeres, die an Zahl und Dimension zunehmenden Überschwemmungen, Dürren, Wirbelstürme, Luftverschmutzung, Bodendegradation, die neuen Völkerwanderungen, die Urbanisierung, die demokratisch legitimierte Idiotie an der Macht, den inneren Zerfall der Staaten, die Krise der Demokratie, die Spaltung der EU, massenhafte psychische Probleme, den Genderismus, die Sinnentleerung der Existenz …

Vielleicht genügt schon der nächste Börsencrash, um die Lawine ins Rollen zu bringen, um dieses riesige Netz aus Virtualität zu zerreißen: Geld, Schulden, Versprechen, Verträge, Gesetze, Ideologien. Sich auf das Jahr 2019 festzulegen, scheint mir vermessen – aber am Ende werden die Hell- oder besser: die Dunkelseher Recht gehabt haben; wir werden untergegangen, apolalypst sein und der Freund der Familie weist den Weg: Vorbereitung. Nur weil wir fünf, sechs Jahrzehnte in Frieden und Prosperität leben konnten, heißt das nicht, daß die meisten Menschen nicht schon bald dasjenige erleben werden, was Menschen schon immer erlebten.

In diesem Sinne: Guten Rutsch!

[1] „Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben.“ 1. Thess. 4,15)

4 Gedanken zu “Apokalyps mich!

  1. SiN-Leserin schreibt:

    Wenn wirklich der große Zusammenbruch kommt, ob nun langsam schleichend oder nach einem plötzlichen Crash, nützen dem Freund Ihrer Familie seine Vorbereitungen am Ende wahrscheinlich eher wenig. Natürlich kann man sich aufs Land zurückziehen, Vorräte und einen Selbstversorgergarten anlegen und vielleicht noch ein paar Tiere halten. Alles sehr sinnvoll und vermutlich heutzutage auch ratsam. Nur wird man in dieser Situation nicht der einzige sein, der Hunger hat, und selbst als Waffenbesitzer (wenn man denn einer ist – ich bin es nicht) dürfte man nur bedingt abwehrbereit sein. Sollte Ihr Freund einen praxistauglichen Vorschlag haben, wie man mit diesem Problem umgeht, wäre ich ihm sehr verbunden, wenn er ihn mitteilen würde…

    Aber zum Irlmaier: Ein Freund von mir studiert dessen Prophezeiungen seit Jahren und ist überzeugt, dass er mit allem Recht hat. Auf ein bestimmtes Datum möchte er sich zwar nicht festlegen, gedenkt sich aber ebenfalls in diesen Streifen in Süddeutschland (den Saurüssel) zurückzuziehen. Im Bayerischen Rundfunk gab es vor ein paar Jahren eine Dokumentation über Alois Irlmaier (Unsichtbares Land – leider anscheinend nicht mehr auf YouTube abrufbar), in der normale, bodenständig wirkende Leute um die 80 von ihren Begegnungen mit Irlmaier, der als Brunnenbauer sehr viel herumkam, berichten, in denen er ihnen ihr zukünftiges Leben geschildert habe. Es sei alles eingetroffen.

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    • @Stefanie

      Sag ich doch: wozu in die Ferne schweifen – der Blick aus dem Fenster genügt. Allerdings würde ich dennoch eher auf Selbstgemachtes udn Selbstverursachtes tippen, wenngleich uns die isländischen Vulkane oder der vertrocknete Rhein an mögliche Szenarien erinnert haben. Die aufgeworfene Frage war, ob die Interdependenz verwundbarer oder sicherer macht …

      @ Pérégrinateur

      … weist auf die größere Fähigkeit zur Abfederung hin. Die dürfte sich freilich relativieren, wenn Ernteausfälle etwa globales Ausmaß annähmen. Mit der globalen Erderwärmung wird das wahrscheinlicher, so unterschiedlich die lokalen Abnormalitäten sein könnten. Entscheidend dürfte sein, wie stark die wirtschaftlichen udn politischen Zentren betroffen sind. Eine Dürre im Sudan bedeutet für die weltweite Stabilität nicht viel – ein ähnliches Ereignis in Mitteleuropa würde sich dramatisch auswirken …

      @ SIN-Leserin

      Es stellt sich auch die Frage, ob man ein solches Leben überhaupt noch für lebenswert erachten könnte. Man hätte ja fast alles verloren. Schon die Zeugen Jehovas haben dieses Paradox, wenn sie von den 144000 Geretteten ausgehen, die in den Himmel kämen. Selbst für die 9 Mio Zeugen, den Gerechten, wäre das eine sehr unwahrscheinliche Lotterie. Müßte man dann noch ganz von vorn anfangen, sich vermutlich gewaltsam durchsetzen, erobern und verteidigen … kaum vorzustellen, daß europäisch-verweichlichte Menschen das lange durchhalten. Vor einem guten Jahrzehnt hatte Cormac McCarthys The Road“ die Runde gemacht. Vater und Sohn in postapokalyptischer Wüste. Oder Stephen Kings „The Stand“ – unerträgliches Geschreibsel mit guter Grundidee: zu Militärzwecken entwickelter Virus wird unbeabsichtigt freigesetzt und nur 0,6% der Menschen sind resistent. Die müssen sich dann neu organisieren.

      Was nun die Vorhersagbarkeit von Geschichte betrifft, da empfehle ich Arthur C. Dantos grundlegendes Werk „Analytische Philosophie der Geschichte“, wo die Unmöglichkeit historischer Prophetie nachgewiesen wird. Am Grund dürfte die Fähigkeit des Menschen liegen, seinem Leben selbst ein Ende setzen zu können. Das ändert alles.

      Es gibt allerdings Einschränkungen: zum einen die Wahrscheinlichkeit – wir können sinnvollerweise immer nur von Wahrscheinlichkeiten ausgehen – und zum anderen die Frage des letzten Endes. Dieses ist in der Tat voraussagbar weil: „Alles, was entsteht, ist wert, das es zugrunde geht.“

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Die schnelle Erledigung der Menschheit aus dem Kosmos können Sie getrost abschreiben. Ein befreundeter Astrophysiker hat vor ein paar Jahren einmal ausgerechnet, was hier in den letzten paar hundert Millionen Jahren so vorbeigekommen ist und in den nächsten paar hundert Millionen vorbeikommen wird. Von daher ist wenig Hoffnung auf Beendigung des Affentheaters hienieden. Nicht einmal Aussicht auf eine solide Supernova-Explosion mit Gammaburst besteht, alles viel zu weit weg.

    Diese Asteroiden und ähnliches werden mit steigender Größe sehr, sehr selten, was mit einiger Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, wird also allenfalls lokale Auswirkungen haben. Vor zwölf oder dreizehn Millionen Jahren gab es mal dieses Ries-Ereignis, das hatte große Auswirkungen auch nur in Süddeutschland. Danach Artenradiation im Steinheimer Becken. Wie sagt doch Mephisto so verzweifelt (aus dem Gedächtnis zitiert): und nun erst das Tier- und Menschenwesen / Das ist nun gar nicht auszurotten!

    Die technische Zivilisation könnte natürlich so gestaltet werden – aber wird es nicht immer – dass man resilienter gegenüber Katastrophen wird. Um ein ganz einfaches Beispiel zu nennen: Bleibt heute in irgendeiner Weltgegend die Ernte aus, kann man dank der modernen Kommunikations- und mit den modernen Transportmitteln trotzdem ausreichend Nahrung dorthin schaffen. Früher wären die Menschen dort größtenteils verhungert.

    Wenn man sich den Verlauf der jüngeren Geschichte anschaut, dann sind die großen Menschenfresser auch nur die politisch erzeugten Katastrophen, denen gegenüber die technischen verschwinden. Ammoniumnitrat-Explosion bei der BASF in den Zwanzigern – ein paar hundert Tote. Bei Tschernobyl werden es am Ende auch nur ein paar hundert sein. Und im selben Jahrhundert dann zwei Weltkriege, eine halbe Millionen toter irakischer Kinder durch Embargopolitik u. v. a. m. Über Fukushima krakeelen die naturwissenschaftlich minderbegabten Grünen ständig, dass „beim Atomunglück fast 20.000 Menschen ums Leben gekommen sind“ – ohne dazu zu sagen, dass diese praktisch alle in der Flut ertrunken sind oder von ihren zusammenfallenden Häusern erschlagen wurden. Sollte man dann nicht den Küstenschutz zu Lasten des Schutzes gegen Kernkraft ausbauen?

    Die meisten Menschen haben schlichtweg eine mediale geschaffene verzerrte Risikowahrnehmung. Alles im Leben hat Kosten und hat Erträge, aber bei manchen Dingen werden die Erträge im Sinne des verrückten Null-Risiko-Anspruchs gar nicht berücksichtigt. Nehmen wir an, der Verbrennungsmotor würde abgeschafft, hierzulande ist ja inzwischen vieles denkbar. Wieviele werden dann sterben, weil sie nicht rechtzeitig zum Arzt oder in die Klinik kommen?

    Die größte Gefahr durch Technik besteht wohl darin, dass man vom Luxus verweichlicht wird, den sie ermöglicht, und am Ende, wenn dann doch mal ein Unglück geschieht, aus Gründen der eingetretenen seelischen Verzärtlung nicht mehr von niedrigerer Basis aus wird starten können. Wer kann einen Stallhasen schlachten? Würden die Millennial-Kinder, wenn die Handynetze ausfallen würden, überhaupt noch nach Hause finden? Deren Menschenrechtsanspruch geht ohnehin in der Hauptsache nur auf freies WLAN und ähnliche Sperenzchen – und daneben auf humanitaristisch-utopische Unmöglichkeiten.

    Der Jammer ist, wieviel Intellekt doch aufgebracht wurde zur naturwissenschaftlichen und technischen Entwicklung, nur damit irgendein politischer Trottel mit dem berühmten sicheren Bauchgefühl dann aufs Knöpfchen drücken kann, der von anderen Trotteln gewählt wurde. Intelligenz und Umsicht sollten sich evolutionär unmittelbarer auszahlen. Wenn unter irgendwelchen Anthroposophen-Früchtchen in rheinischen Waldorfschulen die Keime umgehen, weil man natürlich nicht geimpft ist, dann ist der Selektionseffekt zu klein und viel zu langsam. Ebenso, wenn den nach meinem Eindruck besonders immigrationsfreundlichen Frauen auf den Wegen gewisse Widernisse begegnen – they have to take the brunt to get less silly. Auch hier ist die Wirkung aber zu langsam, und gerade die verblasensten von ihnen in den von der Mauer des Geldes geschützten Vorstadtviertel, die es am nötigsten hätten, werden am wenigsten und zuletzt lernen.

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