Weltgeschichtliche Betrachtungen

… auf der Autobahn (Achtung: Pauschalisierungen!)

Wir fahren drei Tage vor Weihnachten mit dem Auto von Südungarn über Wien nach Sachsen. Überall kann man gegenwärtige Weltgeschichte beobachten.

Auf Höhe Dunaújváros überholen wir einen langen Polizeikonvoi, alle mit Blaulicht, brav 120 km/h auf der rechten Fahrspur. Circa 25 PKW, drei Van und zwei Busse. Alle, wie es schien, voll besetzt. Das macht 100 + 25 + 150, also um die 250 bis 300 Polizisten, vermutlich auf dem Weg nach Budapest. Gut vorstellbar, daß ähnliche Konvois gerade aus anderen Richtungen ebenfalls gen Hauptstadt fahren. Bisher hat Orbán die Proteste gegen das „Sklavengesetz“ arrogant und scheinbar unbeeindruckt ignoriert – vielleicht straft ihn das Zusammenziehen der Polizei Lüge.

Das Grundthema der Fahrt ist der Stau auf der Gegenfahrbahn. Immer wieder, von Budapest bis hinter Passau, viele Kilometer lange Staus – unsere Seite hingegen nahezu leer. In Wien wird vor der Auffahrt sogar gewarnt, die Autobahn wegen kompletter Überlastung zu befahren. Diese Staus sind Ergebnis der europäischen Politik und Entwicklung. Fast eine Million Ungarn arbeiten im Westen, vornehmlich in Deutschland und in Österreich. Die wollen zu Weihnachten alle nach Hause. Hinzu kommen hunderttausende Rumänen und Bulgaren. Deutschland, als „Motor der EU“, entzieht diesen Ländern die dringend gebrauchten Arbeitskräfte, erschließt sich neue Märkte, schafft neue kaufkräftige Kunden und sendet dafür ein paar Milliarden in den Süden, ohne die dort nichts mehr laufen würde – macht die Länder also von sich abhängig … und indirekt auch korrupt.

Als wir in Wien einfahren, wieder Blaulicht allerorten. Über uns kreist ein Polizeihubschrauber. Die Menschen schauen verängstigt. Wenig später erfahren wir dann von einer Schießerei nur wenige hunderte Meter von unserem Hotel entfernt. Ein bosnischer Mafiosi wurde durch Kopfschuß mitten in der Fußgängerpassage getötet, ein zweiter lebensgefährlich verletzt. Der Täter flüchtig.

An einer Raststätte hinter Wien kann ich meinen Alltagsrassismus ausleben. Es stehen mehrere Gruppen rumänischer Männer herum. Mit ausgebeulten Trainingsanzügen, unrasiert, beäugen sie die einfahrenden Menschen als seien sie Verbrecher. Man möchte diesen Männern nicht nachts in der eigenen Wohnung begegnen. Drinnen sitzt eine Gruppe und trinkt Bier – der halbe Liter sechs Euro.

Mehrmals überholen wir Autos mit der Aufschrift „Bring me home“, deutscher Text, Tierbilder. Alle haben rumänisches Kennzeichen und werden von Rumänen gefahren. Ich vermute: Deutsche retten rumänische Hunde. „Home“ heißt hier Deutschland.

Ü-50-Dänen erkenne ich auf den ersten Blick. Am Habitus, an der Physiognomie, am Gang, an der Kleidung, an der Frisur, am Bart … Stelle mich zu einer Gruppe Verdächtiger und in der Tat: Dänisch. Weiße Haare, die Frauen, ungeschminkt, halblang, die Männer getrimmte Seemannsbärte, die Bewegungen gehemmt, ohne auszugreifen, ohne Raum zu beanspruchen, die Stimmen leise und gedämpft, die Tonhöhe immer flach, die Klamotten bieder-modern … Ich mag diese Menschen und verabscheue sie zugleich. Sie sind unendlich friedlich und gesittet, liberal, Ergebnis jahrzehntelangen Fressens, sich nicht Wehtuns, von kultivierten Debatten, von Morgensingen, Märchenlesen, von Toleranz und gutem Willen, von inbreeding – daher die typischen Physiognomien. Da stehen die Männer und sprechen über irgend etwas, was irgendeiner von ihnen irgendwann gesagt hat und kommen immer einvernehmlich zum „Jo“ oder „Tak“ – egal ob Kierkegaard oder Mohammed oder die Kaffeemaschine der Raststätte. Da warten die Frauen vor der Toilette und bieten sich gegenseitig 50-Cent-Stücken an. Im Grunde aber ist diese Generation leer, satt, dumm, abgestumpft, versichert, krummrückig kraftlos und ohne jede innere Spannung. Ihr Anblick weckt unwillkürlich die Frage: Wozu? Wozu leben diese Menschen? Zum Konsumieren. Währenddessen lassen sie sich überrennen und wie Gänse abschlachten, wenn es so weit käme. Sie haben den neuen Dänen nichts entgegenzusetzen – vielleicht, die hellsten unter ihnen, noch eine Wahlstimme. Das war’s.

2 Gedanken zu “Weltgeschichtliche Betrachtungen

  1. Martin Stöckli schreibt:

    Ihr Urteil über die Dänen ist ausgesprochen hart. Der dänische Staat versucht zumindest gegen Scheinasylanten und Islamisten vorzugehen. Wie fällt ihr Urteil über die Deutschen aus?

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    • Sie finden meine Liebeserklärung an die Ü-50 Dänen hart? Erstaunlich!

      Nicht „die Dänen“ wurden hier gerichtet, sondern eine Generation – eine Generation, die sorglos aufwachsen konnte, deren härtester Kampf der für die Legalisierung der Pornographie war, die der Wohlfahrtsstaat zwar mächtig geschröpft hat – eine Quelle unendlichen Lamentierens -, sie dafür aber aller Sorgen befreite, die die Hygge als letzte und höchste Form des Glücks erfand (leider kannte Nietzsche den Begriff noch nicht), den kop kaffe zum Heiligen Gral erkor, die sich an Matjeshering und Aquavit gemästet und vor lauter vi danskere übersehen hat, daß sie längst „Vi, de druknede“ sind, jene Generation, die die Aromatherapie und die Selbsthilfeliteratur zum Massenphänomen machte, die des Sommers in ihren schmucken sommerhuse sitzt und des Winters bibbert, daß man ihnen daraus nicht die Poul-Henningsen-Lampen und Arne-Jacobsen-Stühle klaut und nach, ähm, Rumänien fährt, deren bedeutendste literarische Vertreter Peter Høeg, Carsten Jensen oder Morten Ramsland heißen und nicht mehr Bang, Kirk, Kristensen, Nexø, Pontoppidan … (zu letzterem demnächst was, zur Frage als solcher ebenfalls)

      Wahrlich, ich liebe dieses Land und wenn ich irgendwo leben möchte, dann vielleicht in Hyllested – wo auch Løgstrup sein Häuschen hatte (und ich 5 Wochen allein hausen durfte) – im Wald, am Meer, das wunderschöne Ebeltoft zu erlaufen …

      Machen Sie sich keine Gedanken – bisher habe ich noch kein Volk gefunden, daß ich nicht lieben und kritisieren könnte, auch bei den Schweizern wäre es wohl nicht anders.

      Die Deutschen? Was soll man sagen?

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