Deutschland? Ein Gerücht!

Geschichte ist wie eine Bremsspur – wir werten Abdrücke aus. Und sie lebt von psychischen und geistigen Trägheitsmomenten. Schweife oder Nachbilder – um noch weitere Kopfkinobilder anzubieten – machen oft nach Jahren oder Jahrzehnten noch Eindruck, wenn das eigentliche Objekt des Staunens, das man zum Zeitpunkt seines rasanten Erscheinens vielleicht nicht mal wahrgenommen oder mittlerweile doch vergessen hatte, schon lange nicht mehr existiert.

So beschenken uns unsere Medien gerade mit Merkel-Nachbildern.

Die stammen freilich aus dem Ausland. Während sie hier schon als historische Fußnote in die Geschichtsbücher versinkt – in die zu kommen, wie AKK betonte[1], nie ihr Ansinnen gewesen sei – und dabei noch mächtig an ihrem Destruktionswerk in Marrakesch oder hinter den Kulissen weiterarbeitet –, wird sie im Ausland vergöttert, überhöht und sogar noch schön auf ihre alten Tage.

In Deutschland kann sie sich kaum noch auf die Straße wagen, zumindest zu Hause, in Ostdeutschland nicht, aber in Buenos Aires wird sie spontan auf der Straße von der Menge umjubelt und geht im Blitzlichtgewitter unter. Und die Harvard Universität kündigt in einem martialischen Trailer mit bombastischer Musik und dreieinhalb maßlosen Übertreibungen ihr baldiges Kommen, sprich Reden, an usw.

Angela Superstar!

Die Ironie wird stets gleich mitgeliefert. So erwähnt man im sehenswerten Video den „Charlemagne-Price“, den sie erhalten habe – ein Preis[2], der den Namen jenes mythischen Kaisers trägt, der das Fränkische Reich auf eine bis dahin unbekannte kulturelle Höhe gehoben und es gegen anrennende Horden – sogenannte Sachsen, aber auch Mauren – verteidigt hatte. Und ihr verlängerter Urlaub in Argentinien war der Fluguntauglichkeit beider von der Bundeswehr unterhaltenen Regierungsflieger zu danken.

Aber das ficht die Fama nicht an.

Und so geht es auch Deutschland. Hier unten in Ungarn wird man mit einer unvorstellbaren Deutschlandgläubigkeit konfrontiert. Demnach sind wir Deutschen aus dem Paradies in die (ungarische) Hölle gefallene Glückswesen. Die Deutschen sind frei und reich, bei denen klappt alles, das Land läuft wie geschmiert.

So werde ich in die Rolle des Nestbeschmutzers gedrängt, denn bei jedem neuen Gespräch türmt sich gerade ein neues Problem auf, das dem Klischee ganz und gar nicht entsprechen will: die wundersame Autoindustrie ist korrupt und marode, die Deutsche Bahn steht vor dem Kollaps, die deutschen Züge glänzen durch Verspätung, die Infrastruktur bröckelt, die Breitbandgeschwindigkeit liegt weit hinter der Ungarischen, deutsche U-Boote „sind kaputt“, die Panzer sind nicht einsatzbereit, noch nicht mal die Maschinenpistolen tun, was sie sollen, und eine nennenswerte Armee gibt es nicht. Viele Städte und Viertel sind als deutsche kaum noch zu erkennen, die Kommunen sind pleite, die Deutsche Bank korrupt und Ramsch, deutsche Vorzeigekonzerne wanken, die Gewaltkriminalität nimmt zu, auf Fachärzte muß man manchmal monatelang warten, Altersarmut wird ein gesellschaftliches Problem, die Vermögensschere wächst, auch in deutschen Städten sieht man Bettler und Obdachlose an der Zahl, die Presse ist einseitig … Made in Germany klingt heutzutage oft wie ein Witz.

Aber es hilft nichts. Im Fernsehen werben deutsche Firmen selbstbewußt wie eh und je für „német tecnologia“, der Vorzeigedeutsche der Saison, Jürgen Klopp, hat in einer Woche Ungarisch gelernt, und wenn ich meine Gesprächspartner diese Woche wieder treffe, dann wird das Loblied auf das starke Deutschland von Neuem ansetzen und ich muß wieder stolz sein, ein Deutscher zu sein.

[1]Wer Angela Merkel kennt, der weiß, daß sie alles tut, aber sicher nichts, um in die Geschichtsbücher zu kommen.“ (27:00)
[2] … dessen erster Träger Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi war und dessen bislang letzter Macron ist.
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3 Gedanken zu “Deutschland? Ein Gerücht!

  1. Leonore schreibt:

    Lieber Seidwalk, verzagen Sie nicht!

    Auf die deutsche Autoindustrie können Sie doch – mit nur einer Ausnahme, und das ist die, die SPD-Politiker im Aufsichtsrat sitzen hat – stolz sein!

    Zumindest brauchen Sie sich ihrer nicht wegen Betrugs zu schämen, sofern dieser promovierte Maschinenbau-Experte sich nicht irren sollte (und es klingt kein bißchen danach, als sei das im Bereich des Möglichen):

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  2. Giuseppe Bottazzi schreibt:

    @seidwalk: „… In Deutschland kann sie sich kaum noch auf die Straße wagen, zumindest zu Hause, in Ostdeutschland nicht … Und die Harvard Universität kündigt in einem martialischen Trailer mit bombastischer Musik und dreieinhalb maßlosen Übertreibungen ihr baldiges Kommen, sprich Reden, an usw. …“

    ____________________

    Möglicherweise ist man sich bei der Harvard Universität seiner Sache doch nicht gänzlich sicher, warum zum Höcke hat man wohl auf Youtube die Kommentarfunktion zum Merkel-Huldigungs-Video aktiviert?

    Gefällt mir

  3. Pérégrinateur schreibt:

    (Seidwalk: Trotz Bitte des Kommentators möchte ich diesen Beitrag veröffentlichen – es ist die Art Kritik, die wahrgenommen zu werden verdient (seriös, wissensbasiert, hilfreich, freundlich, ruhig und sachlich)! – sollten Sie darauf bestehen, bitte kurze Mitteilung)

    [Zur Korrektur, nicht zur Veröffentlichung[]
    Den ersten Absatz

    „Geschichte ist wie eine Bremsspur. Sie lebt von Trägheitsmomenten. Nachbilder oder Schweife – um ein paar Kopfkinobilder anzubieten – machen oft nach Jahren oder Jahrzehnten Eindruck, wenn das eigentliche Objekt des Staunens, das man zum Zeitpunkt seines rasanten Erscheinens vielleicht nicht mal wahrgenommen hatte, schon lange nicht mehr existiert.“

    sollten Sie der Katachresen wegen überarbeiten.

    Die klassische Bremsspur aus Vor-ABS-Zeiten entsteht durch den von der Gleitreibung verursachten Abrieb des blockierenden Reifens, wobei seine Drehbewegung stillsteht und das Trägheitsmoment insofern überhaupt keine Rolle spielt. DIe Unterbrechungen der heutigen ABS-Bremsspur entstehen durch kurzzeitiges geregeltes Lösen der Bremsblockade, während der dann die Drehbewegung wieder einsetzt, aber währenddessen eben keine Spur hinterlässt. Verantwortlich für den Anteil blockierender und nichtblockierender Bremsung ist die mittels Sensoren und durch Programmieung geregelte Bremsdynamik, so dass also hier das Trägheitsmoment nur insoweit eine Rolle spielt, wie man es zulässt.

    Trägheitsmomente gehören zur Mechanik, Nachbilder dagegen zur Optik oder zur Vision – beides recht verschiedene Felder. Der visuelle Eindruck wird auch von den Mängeln des Sehvermögens bestimmt, vgl. die Bewegungsillusion bei Film und Fernsehen, bei denen man in schneller Folge ruhende Bilder anliefert und so das Auge täuscht. Betrachtet man hinwiederum allein den später memorierten Eindruck, dann spielen noch allerlei kognitive Fährnisse mit hinein, die zum mit mechanischen Begriffen vorzüglich assoziierten Objektivität schon gar nicht mehr passen.

    Dass der Schweif etwa eines Kometen einen noch nach Jahrzehnten beeindrucken sollte, obwohl man sich an ihn selbst gar nicht mehr erinnert, kann ich mir schlecht vorstellen. Dieser Schweif entsteht übrigens wieder anders, durch Ausgasung des Kometen in Sonnennähe und den Einfluss des Sonnenwindes auf diese zeitweilige „Atmosphäre“ des Objektes.

    Bitte nicht zu viele Bilder auf einmal!

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