Die CDU als Gefahr für die Demokratie

Man darf sicher sein, daß Alexander Gauland, als er sich, gefragt nach seinem Tip für den CDU-Chefposten, in Schweigen hüllte, um durch seine Nähe den Wunschkandidaten nicht zu gefährden, nicht Annegret Kramp-Karrenbauer meinte. Vielleicht werden wir den Namen nie erfahren – das wäre bedauerlich, denn er würde uns einiges über das noch immer zu weiße Blatt AfD verraten und zwischen Merz und Spahn liegen Welten.

Vielleicht dachte Gauland aber auch um die Ecke und stößt heute Abend auf den „Erfolg“ der AKK an? Die Frage ist doch: gut oder schlecht für wen? Für die AfD und ihr weiteres Überleben oder für Deutschland? Beides muß sich nicht parallel entwickeln.

Gefährlich werden kann die Merkel-Favoritin der AfD nur, wenn sie eine undenkbare Kehrtwende einleiten würde. Soviel Prognose darf man wagen: Ganz gleich, wie die Wahlen in drei Jahren ausgehen werden, das Wahlergebnis für die AfD kann durch den heutigen Tag kaum negativ beeinflußt worden sein.

Aber drei Jahre – da kann viel passieren. Wir brauchen uns nur vergegenwärtigen, daß wir uns heute vor gerade mal drei Jahren auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise befunden haben: Und wie hat sich das Land seither verändert!

Daß die westlichen Demokratien in ihrem Bestand gefährdet sind, ist offenes Geheimnis. Ein Grund dafür ist der tiefe Riß, der durch die Mitte in vielen Gesellschaften geht. Demokratie lebt von der Akzeptanz der Minderheit, die Position der Mehrheit anzuerkennen. Sie kann knappe und sehr knappe Mehrheitsentscheidungen gut überstehen, wenn sie die Ausnahmen bleiben. Wir haben heute aber ein weiteres Beispiel einer paritätischen Spaltung gesehen. Häufen sich diese knappen Schismen, dann können sie demokratiegefährdend sein, weil die Minderheit eben keine Minderheit ist und ein genuines Recht verspürt, eine quasi-paritätische Meinung realisiert zu sehen. Man denke nur an den Brexit, an das Schottland-Referendum, an die Trump-Wahl, an die Bundespräsidentenwahl in Österreich, an die Wahlen in Schweden oder Dänemark und letztlich sogar an die Bundestagswahl im letzten Jahr mit nur knappen Mehrheiten.

Auch in der CDU gibt es mächtige Kräfte, die eine Erneuerung der Partei nur durch Merz oder Spahn für möglich halten und die werden sich jetzt überlegen müssen, ob sie sich noch einmal den Mund verbieten lassen – zumal sie nicht gegen 18-jähriges Sitzfleisch angehen müssen.

Das Gute daran ist: der Riß wird sichtbar. Als Kubitschek im März des Jahres während der Dresdner Debatte zwischen Tellkamp und Grünbein sagte: „Ich bin strikt dafür, daß alles auf den Tisch muß, der Riß noch tiefer, die Sprache noch konkreter sein muß“, da meinte er just das. Das war keine Kriegserklärung, wie man uns weismachen wollte, ein Aufruf zur künstlichen Spaltung, sondern ein Plädoyer für die Konturierung, gegen das Verwischen und Verschleiern der wahren Meinungen, letztlich also gegen das Gerede. Nun ist dieser Konflikt in der CDU auf dem Tisch. Ergebnis offen.

So weit ist es schon gekommen, daß man auch als Otto-Normalbürger vor der Live-Schalte sitzt und die CDU-Wahl verfolgt, als ginge es tatsächlich um das Schicksal Deutschlands, Europas und der Welt. Und welcher Satz ist am häufigsten gefallen? Mir schien es dieser zu sein: „Wir müssen wieder …“

„Wir müssen wieder“ – das war jedes einzelne Mal und von allen drei Rednern, ein Schlag ins Gesicht der Merkel, auch wenn man sie liebevoll mit „Angela“ anredet. Denn alles – das steckt ja dahinter –, was man wieder braucht, ist unter ihr und besonders in den letzten fatalen Jahren verloren gegangen: Kontur, Identität, Souveränität, Volksnähe, Mitsprache, Legitimation, Nation, christliche Werte, Erneuerung … Letzteres wird es mit AKK schwerlich geben und vorletzeres wäre die Wertebasis, aus der heraus man erfolgreich arbeiten könnte.

Aber was sind „christliche Werte“, was ist Christentum? Ein leerer Begriff, in den man heutzutage alles hineinstopfen kann: christlich kann es sein, Migranten aufzunehmen, und christlich kann es sein, Migranten abzulehnen. Diese Unentschiedenheit teilt das C mit der Rationalität – was nicht heißen soll, daß es rational wäre.

Ohne ein Wertefundament, daß eine Partei eint und aus dem sich folgerichtig alle Wesensentscheidungen jenseits des diplomatischen Geflackers ergeben, verliert eine Partei aber ihre innere Aufgabe – Diener des Volkes und des Staates zu sein oder dessen, was man dafür hält – und verkommt zwangsläufig zum Diener vieler Herren und am liebsten zum Diener seiner selbst und zum Bediener.

Parteien sind per definitionem konservativ, müssen es sein, selbst wenn sie reinen Progressismus konservieren. Verlieren sie diese Fähigkeit, haben sie ihre Funktion als Partei verloren und werden redundant. Die CDU, wenn nicht alles trügt, hat heute einen weiteren großen Schritt in diese Richtung getan.

Mag sein, daß auch AKK jetzt einen Hype auslöst, zur Projektionsfläche wird und – wie die Grünen oder Schulz – für eine kurze Zeit absurde Zustimmungsraten genießt. Die Bereitschaft der Menschen, Politiker als Heilsfiguren zu feiern, war seit 1932 nicht mehr so groß. Auch das zeigt, wie sehr die Demokratie in Gefahr ist. Innerhalb kürzester Zeit können – in hochgradig verunsichernden Perioden – nahezu unbeschriebene Blätter Wahlen in gestandenen Demokratien gewinnen und 18 Monate später – wie Macron – schon am Ende sein. Nichts ist mehr voraussagbar.

Neben der Phantasieleistung spielt auch die Überforderung eine Rolle. Sloterdijk hatte Politiker immer wieder als Athleten beschrieben, die sich am Ende des Leistungsspektrums befinden, überfordert sind, aber so tun müssen, als seien sie Superman. Die Politik gehört zu den wenigen Bereichen, wo Übung schnell versagt, wo die athletische Weisheit „Können erzeugt weiteres Können“ ihre Gültigkeit verliert.

Die bittere Wahrheit ist nämlich: die Probleme sind längst zu groß, um sie politisch (im demokratischen Sinne) noch lösen zu können. Ganz gleich, welche Partei – sie ist überfordert. Wer dumm genug ist, schnelle Lösungen zu versprechen, bekommt vielleicht seine 15 Monate Ruhm. Läuft dann aber auch Gefahr, am Laternenpfahl zu enden. Und das in einer prosperierenden Markt-Situation, in Friedensjahren. Man mag sich nicht ausdenken, was passiert, wenn die nächste große Marktblase platzt, die Börsen crashen, die nächste Million Migranten die Grenze stürmt oder noch ein Sommer die Flüsse austrocknet.

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12 Gedanken zu “Die CDU als Gefahr für die Demokratie

  1. Jochen Schüler schreibt:

    Ach ja,schönes Thema,gäbe viel zu sagen.versuche es kurz auf einen Aspekt zu beschränken.

    Ob DEMOKRATIE wirklich die beste aller schlechten Regierungsarten ist,wie Churchill meinte,
    ist zu bezweifeln.Leseempfehlung hierzu:Hans Herrmann Hoppe -DEMOKRATIE,DER GOTT DER KEINER IST–

    Die 1. Erleuchtung hierzu hatte ich schon auf meinem humanistischen Gymnasium durch Kontakt
    mit einer altgriechischen Fabel die sich kurz so zusammen fassen lässt:
    DEMOKRATIE HERRSCHT,WENN 6 FÜCHSE +4 HASEN DARÜBER ABSTIMMEN,WAS ES ZUM ABENDESSEN GIBT.
    Jahre später Vortrag eines hochdekorierten Althistorikers aus dem 68er Milieu zum Thema.
    Frage aus dem Publikum:Was würden die griechischen Demokratie-Erfinder zu unserer Demok.
    sagen?
    Antwort:Die würden vielleicht noch die Schweiz als solche erkennen, unsere Regierungsform
    bezeichnen sie als Parteienoligarchie.!

    Vielen Dank für den Link zu marcogallina.de.Dort ist alles gesagt,was es zum CDU-Parteitag
    zu sagen gibt.
    Wenn der Parteitag ein „Hochfest“ der Demokratie war,wie die CDU selber meint,
    dann war die DDR natürlich auch eins.

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  2. Stevanovic, Stevan schreibt:

    Vielleicht erinnere ich mich nicht ganz, aber nach der Lehman Pleite ging 2008 die Pensionskasse der englischen Polizei unter. Sie hatte das Geld bei der isländischen Kaupthing Bank angelegt. Privat versicherte Rentner weltweit hatten harte Einschnitte, betriebliche Altersvorsorgen brachen zusammen. Die britische Regierung musste mit viel Steuergeld einspringen, die Systemrelevanz und too-big-to-fail waren geboren. Durch unglaubliche Kapitalakkumulation muss Geld im Ausland angelegt/verliehen werden (Deutschland als Exportweltmeister nicht ganz unbekannt), damit werden internationale Verflechtungen größer und notwendig. Globalisierung. Das war der Traum der 90er, bis man 2008 feststellte, dass ein Rentner nicht 10Jahre auf Kurserholungen seines Aktiendepots warten kann. Wer soll heute eine strauchelnde Blackrock retten (oder pleite gehen lassen)?
    Die heutige EU und insbesondere der Euro sind Schäubles Werk. Merz ist Schäubles Kandidat. Wer ist eigentlich auf die Schnapsidee gekommen, dass mit einem Merz eine politische Neuausrichtung bevorstehen würde? Die Migration folgt ökonomischer Logik, Merz ist ein Priester des Goldenen Kalbes. Er wurde von weiten Teilen der „Lügenpresse“ gepuscht, diese Redakteure wurden politisch in den 90ern sozialisiert. Mich wundert doch sehr, warum die Kritik von Rechts an ihm ausgeblieben ist. Reicht schon die schwache Hoffnung, wieder ungestraft Neger sagen zu dürfen? Hat man sich im Nebel des Metapolitischen einseifen lassen?

    https://sezession.de/59957/gelbe-westen-alain-de-benoist-im-gespraech

    Sollte eigentlich unter dem oberen Kommentar stehen. Im welchem Verhältnis würde ein Merz zu den beschriebenen Gruppen wohl stehen? Was wäre wohl der substantielle Unterschied zwischen Macron und Merz? Und was ist dann an Merz eigentlich konservativ? Das frage ich als jemand, der nicht konservativ ist, der sich bis jetzt aber einbildete zu erahnen, was Konservativ sein könnte. Nun verstehe ich es, ehrlich gesagt, noch weniger.

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    • Merz hatten wir in diesem Sinne hier schon mal angerissen. Deswegen auch die Frage nach der Gauland-Entscheidung. Ob Merz oder Spahn – das hätte Hinweise auf die ökonomische Ausrichtung geben können. Merz Vorschlag, Aktienbesitzer steuerlich zu entlasten und damit das Rentensystem haltbar zu machen – von der Presse weitgehend gut geheißen – hat bei mir (ohne das bis zum Ende durchdacht zu haben) heftige Aversionen ausgelöst. Das schien mir die Titanic bei vollem Wissen um die Eisberglage zu sein, die „volle Kraft voraus“ zum Tagesmotto macht …

      „Rechts“ hat – wie mir scheint – die ökonomische Debatte verschlafen und daher den Neocons das Feld überlassen. Das dürfte ideologisch auch an der albernen Marx-Aversion liegen und an der Vorliebe, für abstrakte Entitäten, sprich Werte, einzutreten. Es gibt unter den Nachwuchsköpfen aber einige, die das Defizit aufarbeiten wollen. Allen voran Felix Menzel von der „Blauen Narzisse“. Die geben seit Beginn des Jahres die Zeitschrift „Recherche D“ heraus. Gerade ist aus seiner Feder beim IfS die Broschüre „Fachkräftesicherung ohne Masseneinwanderung“ erschienen. Man sollte diese ersten zarten Projekte durch Kauf oder Spende unterstützen.

      Bei Antaios selbst tritt Benedikt Kaiser für die Querfront ein.

      Aber Achtung! Das sind natürlich alles Nazis!

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      • Stevanovic, Stevan schreibt:

        Das war gar nicht auf Sie bezogen, Ihre Skepsis konnte ich herauslesen. Es platzte mehr aus mir heraus, kein guter Stil, zugegeben. Ich kann Ihnen den alten Spekulanten Andre Kostolany empfehlen, leider 1999 verstorben. Der hat viele sehr kluge Dinge über Aktien, Spekulation und Altersvorsorge gesagt und er hat auch stets eine sehr kluge Einschätzung gegeben, wer spekulieren sollte – und wer eben nicht. Hoher Gewinn geht mit hohem Risiko einher, unglaublich, dass ein „konservativer“ Politiker einfache Bürger ermuntert, dieses in existentiellen Fragen einzugehen. Für Deutsche gehörte doch ohne Frage die Planbarkeit des Alters, die Berechenbarkeit von finanziellen Risiken und die Sicherheit der Rente zum Lebensgefühl. Für mich war der ruhige Schlaf in diesen Fragen immer ein Teil der deutschen Leitkultur. Im Zweifel etwas weniger Geld als Mutigere, dafür eben ohne Zweifel. Das soll jetzt doof sein? Danke für die Tipps.

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  3. Péréginateur schreibt:

    Sie lehnen sich in ihrer Selbstgewissheit sehr weit aus dem Fenster. Wollen mal sehen, was uns zum Beispiel der Westwind heute abend zuflüstert.

    Ich kann natürlich verstehen, dass man auf der Brücke der Titanic nicht den Kurs ändern will – die Passagiere könnten es ja bemerken und so das Vertrauen in die Besatzung verlieren. Alle Probleme entstehen halt nur durch falsche Wahrnehmung der nicht von Geschichtsgewissheit getränkten Kleingeister.

    Lynx: Bitte nicht Kleinmut mit Kleingeist verwechseln! Selbst große Geister sind vor Kleinmut nicht gefeit – und umgekehrt 😉

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  4. lynx schreibt:

    „die Probleme sind längst zu groß, um sie politisch (im demokratischen Sinne) noch regeln zu können“ – Was soll uns denn das sagen? Ganz ehrlich: diese Nation hatte schon weit größere Probleme. Muss ich mich nur an die Gesichtszüge meiner Großmutter erinnern. Was für ein Gewäsch aus der Komfortzone. Nur weil wir zu Junkies von Brandbeschleunigern wie Sozialen Netzwerken geworden sind? Weil wir nicht mehr in der Lage sind, besonnen abzuwägen und lieber Minimalabweichungen vom Standard zu Schicksalsfragen erheben? Ein Menschenleben kann nicht ewig dauern, aber manchmal würde man sich wünschen, es währte doch zwei-, dreihundert Jahre, um besser die Relationen erkennen zu können.
    Ich bin ganz gegenteiliger Meinung: Der CDU-Parteitag hat eine Eigendynamik entwickelt, die über die standardmäßige Show hinausgegangen ist und hat gezeigt, dass diese Demokratie lebt. Natürlich wird nachträglich noch schmutzige Wäsche gewaschen werden, so ist das halt. Aber der Wille aller dort ist klar geworden: wir wollen das auf Augenhöhe austragen, im leidenschaftlichen Disput und Diskurs von Demokraten. Seit Kindertagen habe ich die CDU nicht mehr so aufgekratzt erlebt. Und ich hoffe, dass das ausstrahlen wird. Und das hat gar nichts damit zu tun, ob die neue Vorsitzende nun eine gute Wahl ist oder nicht. Allein das Prozedere, die Selbstermächtigung der Partei. Ich denke, viele auf der Welt werden uns gerade darum beneiden, man wird das in den nächsten Tagen lesen können. Freilich kann man das auch anders sehen, warum auch nicht. Ich halte das für kleinmütig.

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    • Kann man so oder auch so sehen: http://www.marcogallina.de/2018/12/08/thronfolge/

      Wenn meine Meinung sich mit der offiziellen Meinung – in der Regel in unserer freien und pluralistischen Presse verkündet – decken würde, dann würde ich von einer Wortmeldung absehen. (Bitte auf ad hominem-„Argumente“ verzichten, sonst keine Freischaltung!)

      Wenn jemand die zu großen und nicht mehr lösbaren Probleme gar nicht sieht, dann empfehle ich:

      lynx

      Mich stört ja keineswegs die abweichende Meinung an sich, nur die Infragestellung demokratischer Prozesse (die selbstverständlich nie „rein“ sind). Und andererseits gerade dann eine Partei als Gefahr für die Demokratie zu bezeichnen, wenn sie so demokratisch agiert wie selten – das ist kurios. Was soll es denn bitteschön sein? SED-Akklamation oder diskursives Ringen um die Deutungshoheit? Mir scheint: wie man’s macht, ist es verkehrt.

      seidwalk:

      Einmal mehr verhindert Ihr selektives Lesen das Erfassen des Textinhaltes.

      Aber wenn Sie schon die innerparteiliche Demokratie ansprechen: Mich erinnert die Veneration der Großen Vorsitzenden an andere Volksdemokratien, nicht zuletzt an gewisse Episoden auf Parteitagen der SED.

      Eine lebendige demokratische Partei hätte aus ihren Reihen heraus längst die Frage der Justiziabilität gestellt – im Löwenblog hätten sie lesen können, wie zarteste Versuche dort behandelt werden.

      Das ist vielleicht die einzige hoffnungsfrohe Botschaft, daß wir, wenn die de-facto-Immunität erstmal aufgehoben ist, es möglicherweise noch erleben dürfen, daß die Große Vorsitzende einem (unabhängigen, hoffentlich) Richter Rede und Antwort wird stehen müssen – das wäre ihr größter Beitrag für die Demokratie – denn das Land braucht diese Aufarbeitung!

      lynx:

      Verehrter: wie war das mit den ad hominem Argumenten?

      seidwalk

      quod erat demonstrandum

      Kopfrechner

      „25% off for over 60s“ — köstlich, you made my day, wie der Lateiner sagt.

      Britischer Humor: vor (sehr) langer Zeit gab es Werbeanzeigen der Londoner Times unter dem wiederholten Slogan „Have you ever wished you were better informed?“ — z.B. Caesar blind gegenüber den Dolche haltenden Senatoren.

      Jetzt verbitten wir uns aber alle Gedankensprünge …

      Wie immer: Dank an den Hausherrn!

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    • Stefanie schreibt:

      „Ein Menschenleben kann nicht ewig dauern, aber manchmal würde man sich wünschen, es währte doch zwei-, dreihundert Jahre, um besser die Relationen erkennen zu können.“
      Da Sie hier auf langfristige Entwicklungen anspielen, würde ich mal drei dieser Problemfelder anschneiden: Demographische Entwicklung verschiedener Ethnien in Europa; Wirtschaftliche Entwicklung in China, Rußland, Südostasien etc., die Europa wahrscheinlich in den nächsten Jahren zu einer Randlage auf dem Weltmarkt verdammt und die Erschließung oder eben Nichterschließung neuer Rohstoff- (insbesondere Energie-)quellen und die territoriallen Machtkämpfe, die dazugehören. Auf keinem dieser Gebiete sind es demokratische Entscheidungsprozesse, die den Ausschlag für bestimmte Entwicklungen geben werden. Sicher mag es politische Einflußmöglichkeiten geben, doch mit der derzeit im politischen Lager vorherrschenden Mentalität, werden wir auf diesen Gebieten wohl keinen Blumentopf gewinnen können. Unabhängig davon, auf welchem Weg die Führungskräfte an die Spitze gelangen.

      Wenn es um Sinn und Zweck von Wahlen geht, so hat selbst Popper den Nutzen dieser Übungen hauptsächlich darin gesehen, daß ein Volk inkompetente Politiker unblutig loswerden kann. Er geht davon aus, daß die Massen zwar nicht Weitsicht und Einblick genug hat, um die richtigen Führer auswählen zu können, schlechte Leistungen aber problemlos erkennen und die Verantwortlichen abwählen können sollte. (Daher sprach er sich auch für Direktmandate bzw. Zweiparteiensysteme aus und sah im Verhältniswahlrecht das Falsifikationsprinzip zu stark eingeschränkt.)
      Nun könnte man die Ereignisse der letzten Jahre durchaus als eine Art Lackmustest sehen, ob das politische System der parlamentarischen Demokratie westeuropäischer Prägung diesen Ansprüchen gewachsen ist. Nur leider sieht es zur Zeit in dieser Hinsicht alles andere als gut aus: die Masse ist auf ein medial vermitteltes Bild der politischen Wirklichkeit angewiesen und nur sehr wenige hinterfragen, was ihnen ÖR und Leitmedien vorsetzen. Kritische Stimmen werden aus dem Hauptprogramm hinausgedrängt, alternative Seiten durch die Verfolgung von „Haßsprache“ zu einer Schere im Kopf verdammt, z.T. wird Druck auf Plattformen und Werbekunden ausgeübt, die Unterstützung entsprechender Seiten einzustellen. „Merkel muß weg“-Stimmung gibt es seit drei Jahren, doch es hat bis gestern gedauert, daß ein paar halbgare Nachfolgekandidaten ins Rennen geschickt wurden. Die wurden auch nicht vom Volk ausgewählt oder könnten abgewählt werden wie bei einem Vorwahlsystem, sondern im Gesamtpacket verschnürt in die politische Auslage gelegt, wo sie zwischen ähnlichen Kalibern mit zweifelhafter Kompetenz feilgeboten werden: sie haben die Wahl zwischen dreierlei Quark. Es gab bei den Wahlen der letzten Jahre reichlich „Ohrfeigen“ für die etablierten Parteien, doch keiner nimmt sich die dahinterstehenden Problemfelder wirklich zu Herzen und legt ein durchdachtes Konzept zur Lösung der Probleme dar. Tut mir leid, aber die Demokratie in dieser Form scheint mir doch eine reine Schönwetterveranstaltung zu sein, die im Windschatten der Geschichte (wie während des kalten Krieges) ganz passabel funtioniert, im Krisenfall aber an ihre Grenzen stößt, -und diese Krisen im Zweifelfall durch Aufschieberitis und den Hang in den Debatten zu moralisieren noch verschärft.
      Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich würde mir eher mehr direkte Demokratie und Macht-Kontrollmechanismen (Gewaltenteilung) wünschen, habe aber meine Zweifel, daß es in dem abstrakten Rahmen der Großen Politik, bei dem man unweigerlich auf Vermittlungsinstanzen angewiesen ist, wirklich funktionieren kann. Demokratie war ursprünglich rein kommunal angelegt, mit Bürgern die sich untereinander kannten und austauschen konnten. Da fallen Blender, die sich für öffentliche Ämter bewerben schnell auf und müssen mit Konsequenzen rechnen, wenn falsche Entscheidungen gefält wurden. Diese Internetforen sind vielleicht ein Ansatz, wenigstens erlauben sie denen, die es wissen wollen, sich zweite und dritte Meinungen einzuholen. Die Massenmedien alten Zuschnitts (Radio, Fernsehen) und die oligarchisierten Printmedien sind nun ja eher im Hintertreffen. Aber natürlich lässt sich auch das Internet irgendwie gleichschalten (man ist ja eifrig dabei und in China z.B. sehr erfolgreich).

      Sie mögen in dem CDU-Parteitag „Willen“ und „leidenschaftlichen Disput“ erkennen können, doch letztlich entscheiden Taten (und Unterlassungen) und nicht Lippenbekenntnisse, wie sich die Dinge entwickeln. Letztlich ist es nicht die „Systemfrage“, die über Wohl und Wehe eines Landes entscheidet. Ein Land mag eine wunderbar ausgeklügelte Machtverteilung und idiotensichere Entscheidungsprozeduren haben – es wird nicht in Frieden leben, wenns dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Ein anderes mag korrupt sein und einem Teil seiner Bürger gegenüber ungerecht und sich trotzdem behaupten können. In ruhigeren Zeiten hätte vielleicht auch die Weimarer Verfassung ein paar Jahrzehnte überdauert. Davon mal abgesehn hat man selten die Gelegenheit ein entsprechendes System am Reißbrett zu entwerfen und dann einem Land überzustülpen (und wenn mans probiert hat gings meistens schief), sondern man muß mit gewachsenen Strukturen arbeiten – und was da in den Merkeljahren so aufgegangen ist, wird wohl so schnell nicht eingehen.

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      • lynx schreibt:

        Vielen Dank für die ausführliche Entgegnung – zugegeben sehr viel angeschnitten, eine ordentliche Beantwortung würde jeden Rahmen sprengen, wenngleich sie vielleicht fruchtbar wäre.
        Deshalb nur wenige Gedanken, die mir dazu in den Sinn kommen:
        – China, das Reich der Mitte, zeichnet seine Weltkarten traditionell anders, mit dem Pazifik als „Mittelmeer“, da bildet Europa plötzlich den Rand der Welt: vielleicht sollten wir uns mit dieser Weltsicht vertraut machen und die entsprechenden Lehren daraus ziehen.
        – ob Popper mit der heutigen Entwicklung in seiner Wahlheimat England glücklich wäre? Und was er daraus für Schlüsse ziehen würde?
        – Demokratie als Schönwetterveranstaltung: das ist wirklich ein heikles Thema. Ich sehe es ja ganz anders als die hier vertretene „Mainstream-Meinung“, das wir uns in einer Krise befänden. Nahezu das Gegenteil ist der Fall, auch wenn 10-20 % der Bevölkerung anders empfinden mögen. Was aber wird sein, wenn die Krise wirklich kommt – sprich die ökonomische Krise? Wie gefestigt werden wir dann sein in unseren demokratischen Prinzipien und Modalitäten?
        – Ich für meinen Teil hoffe, dass sich unser Land immer wieder bewusst macht, dass wir unser Maß an Irrationalität und Hybris als Nation in der Vergangenheit über Gebühr ausgeschöpft haben – und möglichst kluge, verbindend-verbindliche Schlüsse daraus ziehen. Das heißt ja noch lange nicht, dass man sich deshalb das Fell über die Ohren ziehen lassen muss.
        – Was die Einschätzung der Medien betrifft: da bin ich nun wirklich ganz Old School und schätze professionelle Arbeit (wie auch sonst im Leben und der Politik). „Schwarzarbeit“ ist nicht so mein Ding. Man weiß nicht so recht, woher das Material kommt, was es gekostet hat, wer alles daran verdient usw.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Zu Popper:

          Über die Ansichten Verstorbener zu Disputen der Gegenwart kann man viel mutmaßen. Popper war jedenfalls bekennendermaßen vor allem deshalb ein Anhänger des First-past-the-post-Wahlrechts, weil so die demokratischen „Abrechnungen“ deutlicher ausfallen. Hierzulande mag man die ja gar nicht, und wenn eine neue Partei von Schmuddelkindern mit 13 % in den Bundestag kommt, dann erhöhen die alten prompt die Parteienfinanzierung um 15 %  – es darf ja schließlich keinem etwas weggenommen werden, nicht wahr? Popper wird heute übrigens oft recht freizügig zur Begründung herangezogen, zum Beispiel mit einer eigenwilligen Interpretation seiner open society. Er meinte entwicklungsoffen, man unterstellt aber heute, er habe sperrangelweit offen gemeint. Ob aber ein Anhänger des bitte nur piece meal betriebenen social engineering massive Bevplkerungsverschiebungen begrüßt hätte, ist ziemlich diskutabel.

          Zu „Wie gefestigt werden wir dann sein in unseren demokratischen Prinzipien und Modalitäten?“:

          Sie denken nicht materialistisch, sondern idealistisch, und das lässt die sozialen Abläufe verkennen. Die Vorstellung, man müsse die Menschen nur vom Guten/Schönen/Wahren überzeugen, um sie fürderhin gegen allerlei Gefahren zu feien, ist reichlich naiv, es ist das religlöse Modell Missionar und geistliches Mündel, das durch Bekehrung zum guten Menschen wird. Die Menschen wählen gewöhnlich das für sie selbst kleinere Übel, vulgär gesagt: Das Fressen kommt vor der Moral. Das kann man dann eine Weile durch soziale Vergatterung von oben aufschieben, indem man sie also mit anderen Übeln bedroht. Doch wenn sich das demokratische System in wesentlichen Punkten nicht bewährt, wird es fallen. Und ich jedenfalls möchte dann nicht zu jenen gehört haben, die aus Feigheit den anstehenden Gefahren nicht gesteuert haben, sondern die Dinge laufen lassen und noch dazu die drängenden Probleme vertuscht haben.

          Zu „Hybris“:

          Dann sollte man aber bitte auch nicht dauernd anderen Staaten ihre Politik vorschreiben und sich als Weltarbiter der Moral aufspielen wollen. Das ist übrigens außer arrogant auch noch sehr dumm, wenn man nämlich nicht einmal die Mittel hat, sie zu zwingen; man begegnet sich immer ein zweites Mal.

          Zur Presse:

          Lesen Sie Karl Kraus.

          Lynx: Das schöne an diesen älteren Herren mit ihren erhobenen Zeigefingern ist ja immer, dass man in ihrem eigenen Fundus leicht fündig wird, weil sie selbst immer nur selektiv lesen:
          „Der Nationalismus ist ein Sprudel, in dem jeder andere Gedanke versintert.“ (Karl Kraus)

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          • Michael B. schreibt:

            @lynx: Das war aber jetzt ein dickes Eigentor.

            a) Selektives Lesen sollte man nicht anderen vorwerfen, wenn man im selben Atemzug demonstriert, unmittelbar vorstehende Bemerkungen seines Gegenuebers zu uebersehen, die den eigenen Strohmann betreffen.
            Pérégrinateurs Punkt ‚Hybris‘ charakterisiert ja gerade Nationalismus. Das kann man aber natuerlich auch nur schwer sehen, wenn der eigene Eifer gerade mal wieder ‚Rechten‘ etwas ueberhelfen will. Beim Wort ‚Nationalismus‘ geht Pawlow unweigerlich durch. In der Definition des Begriffs und in der Blindheit bezueglich der ihn tatsaechlich ausuebenden Gruppe. Es hat aber unabhaengig davon tatsaechlich eine gewisse Komik, weil dieselbe Gruppe das im Hier und Jetzt anderen Nationen gegenueber mit dem Ziel tut, eben diesen Begriff aufzuloesen.

            b) Es ging um Karl Kraus und Presse und nicht um Karl Kraus und Quantenhydrodynamik (vulgo ‚Nation‘). Wie gesagt, Strohmaenner sind nicht zielfuehrend.

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        • Stefanie schreibt:

          – „China, das Reich der Mitte“
          Die Perspektive ist mir nicht ganz unvertraut: Bei uns in der Schule hing an der Längsseite des Geozimmers eine topographische Karte der Sowjetunion, zentriert irgendwo bei Nowosibirsk, wenn ich mich recht entsinne (sie hing dort wohl schon länger und wurde bis dorthin nicht abgenommen. Im Kunstzimmer hing übrigens eine, die die wissenschaftliche Entwicklung der Gesellschaft darstellte; sie wissen schon Jäger und Sammler, Sklavenhaltegesellschaft, Feudalgesellschaft, kapitalistische Gesellschaft, Sozialismus, Kommunismus – und das, obwohl zu der Zeit doch schon klar was, daß das Ende der Geschichte gerade eben mit dem Sieg der liberalen Demokratie angebrochen war:-) So eine gewisse Dissonanz zwischen Lehrmeinung und den Bildern an der Wand ist wahrscheinlich nicht verkehrt für die geistige Entwicklung) . Politisch gesehen, waren sind wir eben schon länger Randlage – was nicht so schlecht sein muß, nur dumm wenn die Geschichte wieder anklopft und es keiner fertig bringt, sie an der Tür abzuweisen.

          – „Was die Einschätzung der Medien betrifft: da bin ich nun wirklich ganz Old School und schätze professionelle Arbeit“
          Ich hatte einige Male die Gelegenheit Pressevertreter bei der Arbeit zu erleben, war lokal auch schon ein paar mal Gegenstand der Berichterstattung und fand es jedes mal interessant, wie anders die Dinge auf einmal im Zeitungsartikel klangen, als bei dem Gespräch vorweg. (Ich denke nicht, daß das was mit „Lügenpresse“ zu tun hatte – eher mit Wahrnehmungsdifferenzen und unterschiedlicher Vorbildung)
          Ich möchte Ihr Vertrauen in professionelle Arbeit ungern erschüttern, mußte aber ebenfalls schon oft erleben, wie sehr horrende Kostenvoranschläge auf einmal auf ein paar Schrauben oder einen neuen Kondensator hinausliefen, wenn man ein paar Sachkundige aus dem Bekanntenkreis befragte.

          -„dass wir unser Maß an Irrationalität und Hybris als Nation in der Vergangenheit über Gebühr ausgeschöpft haben“
          Ich denke für Irrationalität und Hybris gibt es kein Maß, das je ausgeschöpft werden könnte – die lauert in jedem von uns in einem ganz tiefen Brunnen und das nicht nur in unserer Nation. Und ich denke gerade, daß die Steuerung der Massengesellschaft nur allzugern auf dieses Reservoir zurückgreift (Stichwort Skandalisierung und Erregungsmanagement). Wenn ich anschaue, was mir Google News auf den Startbildschirm wirft, gibt es dafür wohl längst Algorithmen.

          -„Ich sehe es ja ganz anders als die hier vertretene „Mainstream-Meinung“, das wir uns in einer Krise befänden. Nahezu das Gegenteil ist der Fall, auch wenn 10-20 % der Bevölkerung anders empfinden mögen.“
          Diese 10-20% entsprechen wahrscheinlich dem Teil des Eisbergs, der aus dem Wasser ragt: Sie sind entweder jetzt schon negativ von den politischen Fehlentscheidungen der letzten 10+x Jahre betroffen oder können absehen, auf was ein „weiter so“ am Ende hinausläuft. Nur weil 80% der Leute sich Sand in die Augen streuen und fein das Lied des Brotgebers mitpfeifen, während sie durch den dunklen Wald laufen, heißt das nicht, daß alles gut ist. „Ob alles gut ist“ läßt sich nicht per demokratischer Abstimmung entscheiden.
          Aber natürlich kann sich das alternative Lager auch auf einem Holzweg befinden und sich gegenseitig wohlige Schauer über den Rücken jagen, während es sich in Untergangsszenarien ergeht. Dazu vielleicht abschließend etwas Erbauliches zum 2. Advent:
          Ich bin der HERR, der die Zeichen der Wahrsager zunichte macht und die Weissager zu Narren.
          Jesaja 44,2 (heutige Losung der Herrnhuter Brüdergemeinde)

          lynx

          Dankeschön. Der Schluss gefällt mir besonders gut. Vielleicht sollte ich wieder öfter das blaue Losungsbuch zur Hand nehmen? Schönen Sonntag noch.

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