Arnold Zweig Superstar!

Zweig, der „berühmte Schriftsteller“, das ergibt für uns fast immer: Stefan. Scheinbar vergessen ist sein Namensvetter Arnold. Doch dieser begnadete Erzähler, der heute vor 50 Jahren starb, hat ein maßgebliches Werk hinterlassen, das in deutscher Sprache kein Pendant kennt. Man liest ihn nicht mehr – und das hat Gründe.

Während Arnold Zweig (1887-1968) in der DDR lange Jahre als Vorzeigeautor gehandelt wurde, als graue Eminenz des Sozialistischen Realismus, dessen Bücher man schon in der Schule bis zum Überdruß totdiskutierte und bewußt ideologisch fehlinterpretierte und somit eine weit verbreitete Antipathie schuf, wurde er in der Bundesrepublik nahezu vollkommen ignoriert, weigerte man sich dort, seine Werke angemessen aufzulegen[1] und widmete man sich vornehmlich nur in esoterischen literaturwissenschaftlichen Analysen seiner Arbeit.

Schon 1963 konnte Reich-Ranicki konstatieren: „Für die Germanistik in Westdeutschland existiert er nicht. Seine Romane und Erzählungen, Stücke und Essays sind hier in Vergessenheit geraten. Die jüngeren Generationen haben diese Bücher überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.“[2]

Das ist – leider – noch immer nicht überholt, ohne zu vernachlässigen, daß die Germanistik der 70er und 80er Jahre einige maßgebliche Studien hervorbrachte – zwei davon stammen bezeichnenderweise aus England – und daß der Fischer Verlag 1987 eine Taschenbuchwerkausgabe veranstaltete, deren „Reste“ Mitte der 90er zum Discountpreis verscherbelt wurden.

Hauptverantwortlich für diesen Zwiespalt, der auf beiden Seiten der Mauer zu Leseaversionen führte, war Zweigs Entscheidung sich 1948, aus der Emigration (Palästina) zurückkehrend, im Ostteil Berlins niederzulassen und sich in zahlreichen Äußerungen zur sozialistischen Idee und zur DDR zu bekennen. Die einen feierten den bis dahin wenig Erfolgverwöhnten, schufen ihm ideale Arbeitsbedingungen und er ließ sich dafür propagandistisch verwerten, selbst zum Marxisten-Leninisten stalinistischer Prägung stempeln, die anderen reagierten mit Ignoranz und Infamie, bezichtigten ihn des politischen Verrats und opportunistischer Anpassung. Beide Seiten taten ihm Unrecht und beiden Seiten wurde Zweig umgekehrt nicht gerecht. Der Künstler zahlte für seine Kompromißbereitschaft nach seinem Tode mit schnell verblassendem Ruhm oder versteinertem Götzendienst. Wie er dazu kam, läßt sich nur aus seiner Biographie erklären[3].

Arnold Zweig entstammte einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie. Aufgrund einer antijüdisch fundierten politischen Entscheidung Preußens verlor Zweigs Vater ein florierendes Geschäft als Heereslieferant und mußte mit der Familie in Kattowitz als Sattlermeister neu beginnen. Schon während der Schuljahre lernte Zweig antisemitische Anfeindungen am eigenen Leib erleiden. „Dann erfährst du“ – schreibt er in einem seiner ersten autobiographischen Texte – „daß du ein kleiner Judenjunge bist und was es bedeutet, einer zu sein; die Jungens rufen es dir auf der Straße nach, daß sich dir das Herz umdreht vor Zorn, manche Lehrer lassen es dich höhnisch fühlen, und manchmal sondern sich auch die Klassenkameraden von dir“[4]. Das waren prägende Erlebnisse, die am Beginn einer vieljährigen Auseinandersetzung mit Historie und Zukunft des jüdischen Volkes standen.

Ab 1907 studierte er an sieben verschiedenen Universitäten, um „ein Fundament, von dem aus sicher zu denken war“[5] zu gründen: Germanistik, moderne Sprachen, Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Nationalökonomie.

Es entstanden erste Erzählungen, unter denen die 1909 erschienenen „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer“, wenn auch noch stark an die „Buddenbrooks“ erinnernd, von Bedeutung waren. Ein erster Roman, „Versunkene Tage“, blieb unvollendet; er wurde 30 Jahre später und überarbeitet der Öffentlichkeit bekannt gemacht. 1912 erschienen die „Novellen um Claudia“, die Zweig umgehend Bekanntheit und hohe Auflagen bescherten. Noch 1927 nahm Sigmund Freud, mit dem Zweig in regem Briefwechsel stand, eine Widmung „des Dichters der ‚Novellen um Claudia’“ mit Dank entgegen. Das Drama „Ritualmord in Ungarn“ brachte Zweig den angesehenen Kleist-Preis.

Da hatte sein Leben freilich schon die entscheidende Wende genommen durch das Grunderlebnis des Ersten Weltkrieges. Von 1915 bis zum Kriegsende diente Zweig als Soldat, anfangs als Armierungssoldat, als „Schipper“ in Südungarn, Serbien und für über ein Jahr lang an der Front vor Verdun, ab 1917 wurde er der Presseabteilung Oberost zugeteilt und verbrachte die letzten Kriegsmonate in Litauen und Rußland.

Der Krieg wurde zum zentralen Erlebnis, von nun an würde er sich in zahlreichen Anläufen diesem scheinbar unerklärlichen Phänomen widmen, dem er im jugendlichen Überschwang zujubelte, aus dessen Klauen er jedoch als überzeugter Kriegsgegner entlassen wurde.

Nach dem Ende des großen Schlachtens war er – wie so viele andere – auf der Suche nach einer Identität. Vom Zionismus Theodor Herzls und Martin Bubers angezogen, die lebendige Erfahrung des litauischen Ostjudentums im Gedächtnis, beschäftigte er sich anfangs vornehmlich mit jüdischen Themen. Die bedeutenden Essays „Das ostjüdische Antlitz“ (1920), „Das neue Kanaan“ (1924) und „Caliban oder Politik und Leidenschaft“ (1927) entstehen und obwohl sie zu den Bravourstücken deutscher Essayistik zählen, wird Zweig erst 1927 mit seinem ersten großen Roman „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ weltberühmt, in zahlreiche Sprachen übersetzt, von Freund und Feind leidenschaftlich diskutiert.

Zu diesem Zeitpunkt wohnte der Dichter in Berlin, nachdem er sein Domizil am Starnberger See 1923 wegen antisemitischer und rechter Androhungen verlassen mußte. In Berlin formte sich der Plan, die Grischa-Geschichte zu einem drei-, später vierteiligen Zyklus zu erweitern, der den gesamten Weltkrieg umfaßt. Alle nun folgenden Romanprojekte, bis in die Mitte der 40er Jahre hinein, werden – jedes für sich – Meisterwerke. Seine Hexalogie „Der große Krieg der weißen Männer“ stellt den Versuch einer Phänomenologie des Krieges dar.

Zweig ist offensichtlich auf dem Höhepunkt seiner schöpferischen Kraft. Davon zeugte bereits „Junge Frau von 1914“, das 1931 erschien, davon zeugt aber auch „De Vriendt kehrt heim“ (1932), das nicht zum Zyklus zählt. Im Frühjahr 1933, zwei Wochen nach dem Reichstagsbrand, verließ Arnold Zweig Berlin, Deutschland, und langte im Dezember in Haifa (Palästina, heute Israel) an, wo er die kommenden hochproduktiven 15 Jahre verbringen sollte. Große Teile seiner Bibliothek, inklusive zahlreicher Manuskripte, fielen in die Hände der Nazis und blieben seither verschwunden. Dies ist ein umso größerer Verlust, als der Dichter, seit je kurzsichtig, zunehmend unter Augenproblemen litt und ab ca. 1927 kaum noch in der Lage war zu lesen. Er begann seine Texte zu diktieren, ließ sich von Sekretärinnen vorlesen. Die grandiosen Romane „Erziehung vor Verdun“ (1935), „Einsetzung eines Königs“ (1937) und „Das Beil von Wandsbek“ (1943) sind auf diese Art und Weise ebenso entstanden wie der umfangreiche Essay „Bilanz der deutschen Judenheit“ (1934) sowie zahlreiche Novellen, Zweigs vollkommenstes Drama „Bonaparte in Jaffa“ (1934-38), nicht zu vergessen eine umfangreiche tagespolitische und literaturtheoretische Essayistik. All dem liegt eine kaum vorzustellende Gedächtnisleistung zugrunde.

Drei Jahre nach Nazideutschlands Niederlage kehrte Arnold Zweig nach Europa zurück, verbrachte einige Monate als Gast der Tschechischen Regierung in Prag und entschied sich schließlich in Ost-Berlin sein neues Domizil aufzuschlagen, wo er bis zum Tode blieb. Die vollkommen zerstörte Stadt schreckte ihn und insbesondere seine Frau anfangs ab, aber ein triumphaler Empfang, eine eigene Villa, bestmögliche Arbeitsbedingungen, endlich pekuniäre Sorgenfreiheit, sollten ihm die Entscheidung erleichtern. Es wird ihm eine Gesamtausgabe zugesichert. Zahlreiche Preise und Orden wurden ihm, der seit 1915 keine öffentliche Anerkennung mehr erhielt, der sich in Palästina mit materiellen Sorgen plagen mußte, zugedacht, er wird Ehrendoktor, Volkskammer- und Akademiemitglied, wird PEN-Präsident und konnte sich endlich als das fühlen, was er seit zwei Jahrzehnten beanspruchte: ein Autor ersten Ranges, eine künstlerische Autorität zu sein, Teil der Weltliteratur.

Schon wenige Monate nach seiner Rückkehr kann er an Feuchtwanger schreiben: „Sie sehen, liebster Feuchtwanger: ich hatte recht, schon jetzt hierher zu gehen, wo man uns so nötig braucht wie das liebe Brot und wo man als großer Fisch im großen Wasser seine Fontänen in die Luft bläst.“[6] Nach 40 Jahren Flucht und Wanderung, bot sich der Osten endlich als Heimat an.

Schöpferisch allerdings bedeutete die DDR ein Desaster. Gemeint ist noch nicht mal die politische Phraseologie; die kann man menschlich einem alten Manne, der sein Leben lang Heimat suchte und im Osten sie gefunden zu haben sich einredete, verstehend nachsehen, zumal in einer noch hoffnungsvollen Zeit: Gemeint ist der artistische Rückschritt, das Absterben einer einzigartigen Kreativität, sowohl Sprache, Struktur als auch Thematik betreffend. Die letzten beiden Romane des Weltkriegszyklus, der mittlerweile auf sechs Bände angewachsen war – zwei weitere plante Zweig noch, ohne über die Vorarbeiten hinauszukommen –, „Die Feuerpause“ (1954) und „Die Zeit ist reif“ (1957) sind mehr oder weniger, gemessen am Zweigschen Standard, künstlerisch mißlungen; so auch der letzte Roman „Traum ist teuer“ (1962).

Jeder vorurteilsfreie Blick auf Zweigs Schaffen im Ostteil Deutschlands muß sein ambivalentes Verhältnis zum Arbeiter- und Bauernstaat wahrnehmen. Man kann die zahlreichen Bekenntnisse, die mitunter sich selbst des Parteijargons bedienten, ebenso wenig übersehen wie die schöpferische Krise, das Leiden unter zensurischen Eingriffen oder die kritische Distanz zu totalitären Erscheinungen. Auch wenn sich der alte Zweig, der freilich nie einen Hehl aus seiner Bewunderung für Freud und Nietzsche machte, als Marxist bezeichnete[7] und bezeichnen ließ und die Bedeutung bestimmter marxistischer Klassikerschriften für seine spätere Entwicklung betonte, so kann doch nicht entgehen, daß sein Verständnis der Theorie begrenzt war und mitunter deutlich von parteioffiziellen Auslegungen abwich. Freilich hat er es versäumt, auf diese Unterschiede öffentlich und prononciert aufmerksam zu machen, stattdessen stets die Gemeinsamkeiten betonend – umgekehrt hat er sich im internen Kreise häufig Gehör verschafft, wenn auch mit nur geringem Erfolg[8].

Ohnehin sind die Zurechtweisungen späterer Interpreten kaum der Beachtung wert, weil sie sich zum einen einer moralischen Arroganz bedienen und ein historisches Wissen schamlos gegen die in der Zeit lebende Person ausnutzen, zum anderen aber die entscheidende Frage gar nicht mehr stellen: Wie kam es, wie läßt sich erklären, daß so viele hervorragende Intellektuelle sich von totalitären und intoleranten Regimes angezogen fühlten, insbesondere während deren frühen Phasen; weshalb hatten und wollten sie die Menetekel nicht wahrnehmen?

Auch diese Fragen wirft sein opulentes Werk auf, doch wichtiger bleibt, daß der Schriftsteller Zweig, der erstrangige Künstler, dessen literarisches Werk in seinen vollkommensten Exemplaren zum Besten und Wertvollsten gehört, was die neuzeitliche deutsche Literatur hervorbrachte, nicht vergessen wird.

[1] Bei einer Gesamtbevölkerung von 18 Millionen erreichte „in der DDR die Gesamtauflage bis zum Ende des zweiten deutschen Staates etwa 2,8 Millionen Exemplare… In der Bundesrepublik wurde bis Mitte der achtziger Jahre 270 000 Zweig-Bücher verkauft“, bei einer respektiven Gesamtbevölkerung von über 60 Millionen. (Wilhelm von Sternburg: Um Deutschland geht es uns. Arnold Zweig. Eine Biographie. Berlin 2004 (1998) S. 16)
[2] Marcel Reich-Ranicki: Deutsche Literatur in West und Ost. Stuttgart 2002 (1963). S. 253
[3] Unbedingt empfehlenswert unter diesem Gesichtspunkt ist Wilhelm von Sternburgs Zweig-Biographie. Dort wird ernsthaft versucht, die zahlreichen inneren Widersprüche Zweigs charakterologisch zu beleuchten, wobei es Sternburg immer wieder gelingt, sich in Zweig genuin „einzufühlen“, was nur nach langer und intensiver Beschäftigung möglich ist. Insbesondere das Kapitel zu Zweigs DDR-Zeit ist erhellend, nicht zuletzt, weil sich Sternburg auf bislang unveröffentlichtes Material, auf Briefe, Erinnerungen, Stasi-Akten etc. stützt und damit vorgefertigten Meinungen weitgehend aus dem Weg geht, auch weil es ihm gelingt nachzuweisen, daß die Bundesrepublik tatsächlich keine Alternative für den rückkehrenden Schriftsteller darstellen konnte.
[4] Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer. In: Novellen Erster Band. Berlin 1961. S. 90
[5] Lebensabriß. In: Früchtekorb Jüngste Ernte. Rudolstadt 1956. S. 154
[6] Lion Feuchtwanger/Arnold Zweig: Briefwechsel 1933 – 1958. Band 2. S. 10
[7] z.B.: „Denn von mir aus bin und bleibe ich ein Europäer und ein deutscher Marxist…“ 1947 an Fürnberg. In: Briefwechsel Zweig/Fürnberg. S. 162
[8] etwa in den „Fällen“ Harich und Janka, in wesentlichen kulturpolitischen Diskussionen etc. vgl. Sternburg S. 243-302

Ein Gedanke zu “Arnold Zweig Superstar!

  1. lynx schreibt:

    Die literarischen Randbezirke abzugrasen ist ein Verdienst dieses Blogs. An einen Autoren zu erinnern, der irgendwann die Affirmation zum Selbst-Zweck erklärt hat, gehört da offenbar dazu. Er stand schon allerorten in den Regalen, galt aber als unvermittelbar, zu geschmeidig.

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