Fundstücke LVI

Im „Standard“ die Philosophin Svenja Faßpöhler:

Man wird schnell zur Verräterin

Wilhelm Heitmeyer, Soziologe und Extremismusforscher, findet, man solle den Neuen Rechten zuhören. Recht hat er! Und wir sollten ihm zuhören:

Der Begriff „Rechtspopulismus“ ist viel zu verharmlosend

Immer wieder wichtig, beim politischen Kontrahenten mitzulesen. In der „FR“ macht sich Reiner Forst über die Demokratie tiefergehende Gedanken:

Die Demokratie zerfällt in zwei Hälften

Bitte keine falschen Schlüsse ziehen, wenn Sie diesen Artikel über Gewalt gegen Frauen lesen:

Gewalt gegen Frauen nimmt nicht ab.

HuffPost: Chronik einer rechten Verschwörungstheorie – der Migrationspakt

Deutschland hat es weit gebracht. Die neue Parole lautet: Von Südafrika lernen heißt siegen lernen – meint zumindest unser Bundespräsident.

In schneller Folge zwei maßgebliche Texte auf Sezession. Ein kraftvoller Beitrag Kubitscheks über die

Moralistische Selbstverzauberung

und ein Offener Brief Uwe Tellkamps als Reaktion auf zwei erschreckende Gesinnungsdokumente

Der Moralismus der Vielen

Matthias Heine von der „Welt“ nimmt sich nicht nur den Begriff der „Selbstverwirklichung“ vor, er nutzt dazu sogar neurechtes Vokabular:

Die Gräuel der Selbstverwirklichung

Der polnische Philosoph und EU-Abgeordnete  Ryszard Legutko – der auch ein wichtiges Buch geschrieben hatte – über Deutschland, Merkel und Polen:

Merkel hat Deutschland mit ihrer Politik als Führungsmacht disqualifiziert

Wen es interessiert – vielleicht erleben wir es ja noch: Was wäre, wenn die Menschheit nicht mehr existierte?

Kaum ein Sport bietet egalitärere Voraussetzungen als das Schach. Dennoch wird es von Männern dominiert. Ergebnis von Diskriminierung? Elisabeth Pähtz, Deutschlands Nummer 1 (der Frauen) meint:

Ich fühle mich als Schachspielerin durchaus diskriminiert.

Hetzjagd-Debatte: Die Herkunft des Chemnitzer Videos wird auf Tichys zu erklären versucht.

Sehr starke Rede Gaulands vor dem Bundestag:

für Verschwörungstheoretiker:

Vernunft kennt keine Hautfarbe:

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Neues aus Plauen?

Kinder bedrohen Frau mit Spielzeugpistole

Der Feuerteufel scheint gefaßt – und es ist kein Ausländer!

Russische Kriminelle werden gefangen, einer verletzt sich bei der Flucht schwer

Die beliebte Band „Feine Sahne Fischfilet“ hatte eine geile Zeit

Und Plauen ist plötzlich reich!

3 Gedanken zu “Fundstücke LVI

  1. Antwort auf Pérégrinateur: Das Interview ist eine quälende Lektüre, Sie haben das schon sehr schön beschrieben. In seiner Abneigung gegen „autoritäre“ Lösungen sollte man Herrn H. ja tatsächlich für einen großen (Neo-) Liberalen halten, aber nein: Dem bösen Kapitalismus muß dann doch durchaus rigoros Einhalt geboten werden. Der Kunstgriff, um hier nicht in die argumentative Bredouille zu kommen: Er wird selbst zum „autoritären Kapitalismus“ erklärt. Voilà, schon kann man ihn in die Nähe der schlimmen Rechten rücken und ihn zugleich bekämpfen, ohne selbst dabei in den Geruch zu kommen, „autoritär“ zu sein. Das sind so akademische Taschenspielertricks, es sei denn (was wohl fairer und richtiger wäre), man nähme an, er glaubte selbst an seine Konstruktionen.
    Was deprimiert, ist ja die Weigerung, jenseits allen auch mir eher fremden Nationalismus‘ den rationalen Kern der als „national“ vorgetragenen Argumente (soziale Sicherungssysteme, Bildungssystem, Kriminalität, kulturelle Identität etc.) anzuerkennen, anstatt sie herablassend als „emotionale“ Reaktion einiger (zu vieler) Verwirrter zu etikettieren und damit abzutun.
    Bah, man könnte hier ewig weitermachen, aber das haben Sie ja bereits getan. Ist es Zufall, daß der Herr (graumeliert, distinguiert, soignierte Hornbrille) dem evangelischen Obermufti Bedford-Strohm so ähnelt? Ich denke nicht. Es spricht hier der Typus des arrivierten, gut situierten Professors, wohlversorgt und -versehen mit Eigenheim und Pensionsanspruch, der sich verwundert die Augen reibt, daß das, was er ein Leben lang als damals neue Normalität etabliert hat, sich auf einmal ändert, aufgrund von Problemen, die wahrzunehmen er weder in der Lage noch Willens ist.
    Man sollte es als den Abgesang einer politischen Generation lesen, derjenigen, von der der genannte Sloterdijk einmal sagte, sie sei die „verwirrteste Generation der deutschen Geistesgeschichte.“

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    • Pérégrinateur schreibt:

      In John Stuart Mills “On Liberty” gibt es ein vortreffliches, aber den meisten völlig unvertrautes Argument für möglichst große Presse- und Äußerungsfreiheit. Wir verlieren mit der Zeit den argumentativen Unterbau unserer Ansichten, wenn diese nicht beständig von noch so abseitigen Kritikern angegriffen werden können. Exzentriker erbringen kostenlos eine öffentliche Dienstleistung für alle und sind deshalb schätzenswert. Im Falle Heitmeyer sieht man das Ende der seligen Herausforderungsfreiheit, nämlich in Gestalt der durch die jahrzehntelange kulturelle Hegemonie bis hinab in den sprachlichen Ausdruck erreichten Verblödung.

      Dieser Drang zur Kritikfreiheit und deshalb in die abgeschlossenen Blasen hinein ist ziemlich universell. Als etwa Tichy vor ein paar Jahren mit seinem Einblick begann, konnte man in den Kommentaren gemessen an sonstigen Zeitungskommentaren verblüffend triftig dargelegte Ansichten lesen. Inzwischen findet man auch dort immer mehr „Argumente“ des Stils „grünversiffte Altachtundsechziger“. Offenbar wollen viele vor allem anderen wohligen Stallgeruch erschnüffeln und verbreiten.

      Ein Studienfreund von mir war über eine Lokalinitiative beteiligt an der Gründung der TAZ. Auf Nachfrage nach seinem Motiv dabei sagte er mir, er wolle, dass es endlich auch eine Zeitung gebe, die seine Ansichten vertritt, damit er die auch mal in einem Artikel lesen kann.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Zum Heitmeyer-Interview im Deutschlandfunk:

    Es verwundert, auf welchem niedrigen Argumentations- und sogar Sprachniveau ein Zwiegespräch zwischen hoffentlich doch gebildeten Menschen stattfinden kann, in dem sich beide Gesprächspartner, einen einzigen Punkt ausgenommen, doch durchweg einig sind. In dem also keiner den Drang zur Äußerung um jeden Preis verspürt, dessetwegen man Holprigkeiten und Schludrigkeiten zuweilen inkauf nehmen mag. Mein Vorurteil sagt mir dazu, das könne vielleicht daran liegen, dass man sich auf Soziologisch unterhält statt auf Deutsch.

    Bei Lichte besehen scheint das durchs ganze Interview hindurch beklagte „autoritäre Projekt“ im Grunde darin zu bestehen, dass man bisher nicht in der Öffentlichkeit zu Wort kommende politische Bestrebungen verfolgt – und seine Ziele empörenderweise sogar durchsetzen will. Während ein noch so rigider Therapieansatz unserer einträchtigen anderthalb Ärzte am Krankenbett der Gesellschaft wohl des bösen Epithetons entraten müsste.

    Nehmen wir gleich die erste Antwort: „Nun, es geht darum, dass vor allem vor dem Hintergrund eines globalen Kapitalismus mit einem rabiaten Finanzkapitalismus und sozialen Desintegrationsprozessen und einer ja Variante von Demokratieentleerung zahlreiche Verunsicherungen in größere Teile der Gesellschaft eingezogen sind. Und das Autoritäre ist dann der Versuch, die Kontrollverluste [!], die entstanden sind, wieder herzustellen [!] über autoritäre Maßnahmen, also eine Wiederherstellung von Kontrolle. Und das ist offensichtlich attraktiv für Teile – das muss man immer wieder betonen – der Gesellschaft.“

    Ich übersetze für uns soziologisch Ungebildete: Aus bestimmten Ursachen (sich globalisierender Kapitalismus, „rabiater Finanzkapitalismus“) zerfällt die Gesellschaft und die Demokratie wird zur bloßen Fassade, was viele Bürger umtreibt. Manche versuchen nun, dem entgegenzuwirken durch Wiederherstellung von Kontrolle, die es also („Wieder-“) vorher zugegebenermaßen gab und die anscheinend die jetzigen misslichen Entwicklungen denn doch verhindert hatte. Der Versuch, diese anscheinend von Heitmeyer durchaus auch beklagten „Desintegrationsprozesse“ aufzuhalten, ist aber der Griff nach Kontrolle, Kontrolle ist autoritär, auf deutsch gesagt also böse. Sollte bei Heitmeyer die Vorstellung wirken, den eigenständigen Lauf der Geschichte solle und dürfe man in keinem Falle aufhalten? Aber hat er wirklich noch die zugehörige Heilsgewissheit im Blick auf den Geschichtsprozess? Irgendwie scheint man denn doch die Intervention zumindest der kundigen Soziologen zu brauchen, welche wohl den geschichtlichen Misswuchs zuverlässig durch Beträufeln mit sozialtheoretischen Latinismen niederhalten können.

    In der zweiten Antwort: „Man muss immer wieder sagen: Dieses Einstellungsmuster autoritärer Art war vor Pegida, vor der Spaltung der AfD und auch vor der Flüchtlingsbewegung schon vorhanden. Dieses Einstellungspotenzial von zwanzig Prozent hatte, so haben wir das 2002 schon ermittelt, bis dahin keinen politischen Ort, sondern für mich war das ein vagabundierender Autoritarismus in der Bevölkerung, die wahlpolitisch entweder mal bei der CDU, CSU oder SPD waren oder sich in wutgetränkte Apathie zurückgezogen haben. Das hat sich verändert.“

    Übersetzung: Neben Progressiven gab es immer schon auch ein Fünftel Konservative, die aber früher politisch nicht zu Wort kamen. (Notabene, der „Autoritarismus“ = die konservative Einstellung vagabundiert realiter nur, wenn sie die Gesellschaft durchläuft, also nach und nach von verschiedenen Teilen der Gesellschaft adoptiert und wieder abgelegt wird, wofür Heitmayer allerdings kein Argument nennt. Inhaltlich meint er wohl, dass der Adressat der politischen Hoffnung Konservativer sich beständig geändert habe. Irgend einen Ismus muss man aber wohl als besorgter Sozialdiagnostiker stets marschieren lassen … und dann ist die Analyse auch schon perfekt.)

    Im Folgenden noch eine Blütenlese:

    „Daraus entstehen dann verschiedene Kontrollverluste auf der individuellen Ebene von Menschen. So gibt es ein Hintergrundkonzept, das nicht einfach kurzfristig auch zu beseitigen ist, weil die strukturellen Bedingungen, die herrschen, dann verarbeitet werden von Menschen, also, vor allem auch noch einmal besonders auf Touren gebracht durch die verschiedenen Krisen, die wir ja etwa seit 2000 hatten, wie 9/11. Das war, glaube ich, der Startschuss für solche Krisen.“

    „Das Entscheidende ist jetzt, dass sich gerade nach 2008, und das können wir aufgrund unserer Langzeituntersuchung deutlich zeigen, bei den Menschen, die rechtspopulistisch schon dachten, dann eine ansteigende Kurve, eine Radikalisierung entwickelt hat im Hinblick auf ihre eigene Einflusslosigkeit, im Hinblick auf die Bereitschaft an Demonstrationen teilzunehmen und auch individuelle Gewaltbereitschaft.“

    „Wir haben ja gar keine breite Öffentlichkeit mehr, in der es Auseinandersetzung gibt, sondern wir müssen ja von Öffentlichkeiten sprechen, also im Plural. Da spielen ja die sozialen Netze eine unrühmliche Rolle, weil es dort homogenisierte Gruppen gibt, die sich wechselseitig aufschaukeln, ohne dass es Widersprüche dazu gibt.“ – Gruppen also, die einander nicht einmal mehr wahrnehmen, aber einander gleichwohl aufschaukeln.

    „Also, das hat viele Konnotationen, ohne dass die Öffentlichkeit, die es nicht gibt, da bereitwillig folgt. Sondern man ist unter sich an vielen Stellen in den Filterblasen und schaukelt sich dort hoch.“ – Alo nicht die verschiedenen Gruppen schaukeln einander auf, sondern jeweils nur die Mitglieder derselben Gruppe einander. Die Filterblasen scheinen eine Binnenstruktur zu haben; man möchte bei dem Bild doch eigentlich meinen, die einzige Membran der Blase sei außen.

    „Ich bezeichne das als dichotomische Weltbilder, dass nämlich die komplexe Realität auf ganz scharf sich gegenseitig abgrenzende Begriffe gebracht wird. Denken Sie mal: Bei Politik geht es um Volk versus Elite. Bei Macht geht es um Überlegenheit und Unterlegenheit. Bei der Wertestruktur geht es um Antipluralismus versus Vielfalt. Oder bei der Geschichte geht es um Verklärung versus Aufklärung. Bei der kollektiven Identität geht es um Deutschsein versus Internationalität.“

    „.Diese dichotomischen Weltbilder sind außerordentlich attraktiv an vielen Stellen auch für Teile der Bevölkerung, weil sie angeblich klären in einer unübersichtlichen Welt und in einer ambivalenten Modern[e], die ja sehr widersprüchliche Elemente enthält und sehr durchsetzt ist von unklaren Situationen, unentschiedenen Situationen. Da schlagen dann diese dichotomischen Weltbilder eine Schneise. Das ist attraktiv für diejenigen Menschen in der Bevölkerung, die ohnehin so gestimmt sind.“

    „Wie erreicht man überhaupt noch diese abgedichteten, und darum geht es ja, diese abgedichteten Filterblasen, in denen homogene Gruppen?“

    „Wie kann man da überhaupt noch etwas erreichen, vor allem auch, weil die ganzen Strategien ja darauf hinaus laufen, eine Emotionalisierung gesellschaftlicher Probleme als Kontrollverluste darzustellen.“

    „Das gehört ja mit zu den effektivsten Dingen, die auf dieser Agenda stehen, nämlich über soziale Desintegrationsprozesse, etwa Statusverlust für die Zukunft, dann das Thema kulturelle Überfremdung, die ja gleichzeitig eine Homogenitätssehnsucht für die Gesellschaft mit sich führt. Und die ganzen Geschichtsdeutungen, die jetzt versucht werden, das alles läuft über das Muster der Emotionalisierung.“

    „Mit dieser Emotionalisierung umzugehen, das fällt uns allen doch sehr schwer. Wir sind ja alle eher trainiert auf Argumente, rationale Überlegungen.“

    Wer wollte dem Meister des atemlosen Sorgen-Anakoluths und der Katechrese diesen zuletzt genannten intellektuellen Vorzug auch bestreiten? Es erhebt einem das sozialprozesstheoretische Herz gewissermaßen ganz strukturell, wenn man eine unvoreingenommene und klare Analyse der Situation vorgebracht sieht, erkennbar schon an der sprachlichen Präzision und Eleganz, mit welcher der Analysierthabende in einem Interview über seine langjährigen Forschungsthemen sprechen kann.

    Seidwalk: Köszönöm! – wie wir Ungarn sagen. Sie haben mir eine Menge Arbeit erspart. Der nächste Termin beim DLF sollte eigentlich Ihnen gehören und wir als Leser sollten eine Petition einreichen, dieses Ziel durchzusetzen!

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