Monte Veritá

Die Suche nach dem alternativen, dem wirklichen Leben, ist so alt wie die menschliche Gesellschaft. Aber es gibt Phasen, in denen sie besonders prominent wird. Die Zeit um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert war so eine. In ihr nahm, wie Peter Michalzik in seinem Buch über den Monte Veritá annimmt, der moderne Individualismus seinen Anfang.

Es wurde viel geglaubt, neue Propheten erschienen, ein heimliches Verlangen nach „Bekenntnis, Transzendenz, Erlösung und Mythos“, nach „Leben“ und „Freiheit“ entstand, durchsäuerte die Künste und ließ immer mehr Menschen mit der Frage nach dem richtigen, dem besseren Leben zurück.

Einige, wie der Kontorist Henri Oedenkoven und die Pianistin Ida Hofmann, schritten zur Tat und gründeten alternative Wohn- und Lebensprojekte. Ihr Monte Veritá am Lago Maggiore erlangte Weltruhm, nicht zuletzt, weil sich ein Großteil der damaligen Künstler- und Geisteswelt dort versammelte oder seine Fäden darin verspann und auch Bedeutendes schuf. Die Liste der Namen ist schier unendlich: Hesse, Max Weber, Gerhart Hauptmann, Otto Groß, Erich Mühsam, Franziska zu Reventlow, Oskar Maria Graf, D.H. Lawrence, Ernst Bloch …, um nur ein paar zu erwähnen.

Eine Gemeinschaft ohne Macht sollte es sein, aus einem Gemisch von Nietzsche und Tolstoi gebraut, eine andere Gesellschaft, Übermensch und Umwertung der Werte einerseits, bedürfnislos, gerecht und vegetarisch andererseits. Körper und Sexualität sollten befreit werden, schöpferisch und kreativ wollte man sein, man wollte sich wieder „spüren, überhaupt etwas spüren“, das „Leben selbst“ empfinden und leben.

Und die dem Rufe folgen, könnten individueller nicht gewesen sein. Gesundheitsapostel, Veganer, Anarchisten, Bohème, Wanderprediger, Dadaisten, Taugenichtse und Genies.

Aber die hehren Ideale erweisen sich bald als Illusionen. Das Ideal der Reinheit – vielleicht der zentrale Begriff – wird rasch im Menschlich-Allzumenschlichen verdreckt. Aus freier Liebe entstehen Liebesdramen und Kinder ohne Bindungen, die „Ekstase und Leere werden Geschwister“, das Dauerglück wird zum existenziellen Unglück und manch eine ist so unglücklich, daß sie dies schon wieder für Glück hält – denn man spürt sich ja wieder! Sechs Frauen begehen da oben Selbstmord.

Die seltsam paradigmatische Dynamik des Scheiterns aus Idealismus innerhalb von 20 Jahren, spiegelt sich auch in den theoretischen Beiträgen, die vom Berg in die Welt sickern. War man anfangs „hoffnungsfroh und zukunftsorientiert“, herrschten in der zweiten Phase Düsternis und Pessimismus vor und schließlich endete das Ganze als dadaistische-anarchistische Farce und als Kommerz. Aber die interne Lüge war von Anfang an systemisch im selbstbetrügerischen Plan der herrschaftsfreien Gesellschaft, die doch durch Oedenkoven gekauft war, angelegt. „Die paar guten Ideen erstickten unter der Degeneriertheit.“

Michalzik macht sich erst gar nicht die Mühe, das Tohuwabohu zu sortieren, sondern versucht es durch kurze splitterhafte Texte, die vielleicht das Problem der Gleichzeitigkeit lösen sollten, im Präsens gehalten sind, die zudem romanesk agieren, also fiktiv sind, als wäre er dabei gewesen, abzuspiegeln. So wechseln in einem fort die Protagonisten und da er sie zudem meist nur mit Vornamen anspricht, verliert man vor lauter Friedas, Idas, Lottes und Elses schnell den Überblick – nur die wahren Größen, die jeder ohnehin unterscheiden kann, die Hesse und Weber, werden mit Nachnamen benannt.

Lediglich ein dünnes äußeres Gerüst wird den Schnipseln aufgestülpt, das ist die Dauerreferenz zu Nietzsche und Tolstoi, die wie zwei Überväter agieren sollen, in Wirklichkeit nichts mit dem Projekt zu tun hatten.

Einiges Interessantes erfährt man über Max Weber höchstselbst, über die schillernden Figuren Otto Groß, dessen psychoanalytisches Werk gerade neu entdeckt wird, und die Reventlow, viel Peripheres und Anrüchiges über diesen und jenen, aber insgesamt will sich kein ganzes Bild fügen. Noch nicht mal die Ursachen für diese Sehnsucht nach der Alternative werden deutlich. An Sachinformationen bieten die entscheidenden Wikipedia-Artikel mehr Information als 400 Seiten dieses Buches.

Peter Michalzik: 1900. Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies. Dumont, Köln 2018, 411 Seiten
zuerst erschienen in „Sezession“ Heft 86

2 Gedanken zu “Monte Veritá

  1. lynx schreibt:

    Ich kenne das Buch nicht, war aber immer irgendwie irritiert fasziniert vom Mythos Monte Verità. Solch im wahrsten Sinne des Wortes abgehobener Idealismus ist mir fremd, dennoch erscheint er zuweilen als verlockendes Versprechen. Vor ein paar Jahren habe ich den Ort besucht, was die Irritation noch vertieft hat: die Überreste der Kolonie sind überwiegend ärmlich, erst seit Kurzem wird das aktiver saniert und zugänglich gemacht, einerseits. Andererseits kriecht von hinten die Wildnis herauf und macht sich an den Rändern breit. Irgendwie morbide. Die Krönung ist aber, dass das Hotel seit Jahren von der ETH als Kongresszentrum genutzt wird. Da prallen Welten aufeinander – oder doch nicht? Schmückt man sich mit den „verrückten“ namhaften Nackten oder genießt man einfach das besondere Flair des Ortes? Denn besonders ist das dort schon, irgendwie. Und in jedem Falle sympathischer als ein anderer magischer Ort der mir in diesem Zusammenhang einfällt, ein wenig jünger, die Vittoriale degli italiani des Gabriele d’Annunzio in Gardone. Am Monte Verità erfährt man wenigstens etwas über das Scheitern und Platzen von Illusionen. Die Vittoriale ist nur testosteronverpestete Illusion. Gruselig.

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  2. Thomas S. schreibt:

    Vielleicht ein etwas zu hartes Urteil? Der Verweis auf Wikipedia dürfte hingegen schon als Schmähung verstanden werden. Interessant wäre vielleicht einmal ein Gespräch über Rudolf Bahros Kommuneprojekte, insbesondere über das langlebigste in Pommritz. Dort scheint mir eine Mischung aus Post-Lebensreform und Post-1968(west) stattgefunden zu haben mit einem Ausgang der eher an Monte Veritá erinnert.

    Seidwalk: https://de.wikipedia.org/wiki/Rittergut_Pommritz#%E2%80%9ELebensGut_Pommritz%E2%80%9C

    https://lebensgut.de/index.php

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