Reisenotizen: Berlin

Übernachte als Begleiter einer ungarischen Reisegruppe in einem großen Hostel. Hier sieht man die Zukunft. Eine dänische Klasse, eine deutsche aus Friedrichshafen, eine andere aus dem Ruhrgebiet … alle in allen Hautfarben der Welt. Ein paar neudeutsche Halbstarke mit Schalke-Beutel und pakistanischer Flagge auf dem Shirt, sprechen wohl Farsi, während der deutsche Lehrer einweist. Mehrere Mädchen im Kopftuch und Kaftan.

Eine andere Wahrheit nach Akzent- oder Phänotypstudien: Die Rezeptionistin Russin, ihr Gehilfe Amerikaner, der Barman mit spanischem Timbre, die Scheuerfrauen im Hausflur türkisch, die Köchin Ostasien, die Aufsicht im Speiseraum schwarzafrikanisch, die Stubenmädchen slawisch … in diesem riesigen Hostel habe ich keinen einzigen deutschen Mitarbeiter gesehen. Nur die Leiterin, deren Name in einem kleinen Werbefilm alle fünf Minuten an die Wand gestrahlt wird, trägt einen deutschen Nachnamen. Ohne fremde Arbeitskraft könnte diese Einrichtung wohl nicht existieren. Kein Wunder, wenn in jeder neuen Generation Deutscher nur noch die Hälfte der Elternzahl geboren wird und von dieser wiederum die Hälfte Abitur macht.

Drei Mal an einem Tag werden wir im Stadtzentrum von Taubstummen gebeten, eine Liste zu unterschreiben, die irgendeinen Hilfs-Verein unterstützt. Danach wird um eine Spende gebeten. Meine Frau lehnt diese Listen prinzipiell ab, ich setze den Stift an, sehe dann aber die Geldforderung und beende die Aktion. Keine 30 Sekunden später stehen die vier Aktivisten neben uns – sie machen sich nicht mal die Mühe, zu kaschieren. Und unterhalten sich lautstark auf Romani. Später lese ich dann eine Warnung der Polizei.

„Die Omnipräsenz der Phobokratie inmitten der Demokratie ist nirgendwo stärker spürbar als an den internationalen Flughäfen.“ (Sloterdijk) Und in Regierungsgebäuden, und in Einrichtungen mit jüdischen Bezügen … An einem Tag drei Sicherheitskontrollen: Paßkontrolle, Gepäckdurchleuchtung, Metalldetektor, Abtasten … das ganze Programm. Zwei Mal in politischen Einrichtungen, ein Mal in einem Museum.

Der „Kleine Buchladen“ in Berlin im „Karl-Liebknecht-Haus“ ist natürlich links hoch drei. Ich frage nach „dem heißen Scheiß“ der Szene, was gerade diskutiert wird, die Gemüter erregt. Der Mann, der von Marx und Lenin und Söhnen umgeben ist, scheint mit der Frage überfordert. Dann empfiehlt er doch die Neuausgabe des „Kapitals“ durch Thomas Kuczynski (dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten). Aufmachen darf ich das Buch nicht. Also nehme ich Marcello Musto: „Der späte Marx“ – man will den armen Mann, der wie alle Buchhändler um die Existenz kämpft, doch unterstützen. Als Dank macht er sich – das können sich Berliner wohl nur schwer verkneifen – über meinen sächsischen Einschlag lustig.

Durchwandere die Gleimstraße, eine nach Westen führende Seitenstraße der Schönhauser Allee. Hat man die überquert, verläßt man – kulturell zumindest – den Prenzlauer Berg, die Situation verändert sich allmählich. Das linke Szeneviertel war auffällig weiß und homogen. Die Gleimstraße ist bunter. Dort verlief die einstige Grenze. Sie endet an der Brunnenstraße. Und plötzlich ist man in einer anderen Welt. Die alte Grenze, die Mauer, scheint noch zu existieren. Kopftücher, lange Mäntel, protzende Jünglinge in Jogginganzügen, Blinkerkettchen, Barber-Shops für Hipsterbärte, orientalische Läden, Halal-Fleisch überall, arabische Sprachfetzen, türkisch, Kanackdeutsch, Galatasaray-T-Shirts, sauber getrimmte, dichte dunkle Bärte, Haarkantenfrisuren, türkische Altmännergruppen, Kinderwägen ….

Die Ungarn sehen den Unterschied sofort und fragen: „Warum ist hier so viel Multikulti und im Osten nicht?“

Ein Freund aus Militärzeiten, Jurist, kommt selbst auf das Thema Politik. Er erinnert sich an eine Rundmail, die ich 2015 verzweifelt an alle verschickt und die mich einige Kontakte gekostet hatte. Auch er hatte damals nicht geantwortet, sagt jetzt aber, daß er immer wieder darüber nachdenken mußte – und sieht das nun ähnlich. Leidet an schizophrenen Zuständen, sieht die Probleme, wird aber von überall mit anderen Nachrichten versorgt. Jetzt sucht er alternative Quellen, hat es selbst bis zu Elsässer gebracht (ich rate, bei seiner Intelligenz, eher ab), leidet unter der Rußlandfeindschaft Europas und bekennt sich zu Bismarcks Rußlandpolitik. Knackpunkt: Kind findet keine Schule ohne migrantische Mehrheit. Was bleibt mir anderes übrig, als ihm ein paar Quellen zu nennen? Mal schauen …

Mehrere Führungen in verschiedenen Museen und Ausstellungen: „Topographie des Terrors“, „Unterwelten“, DDR-Museum, Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Alle Museumsführer beklagen einen dramatischen Rückgang des historischen Wissens bei Schülern und jungen Menschen.

Tiefen-Ideologisierung – spürt man bei beinahe allen Führungen: „Da wurde Angst gemacht“, erklärt die Frau im Bunker und meint die Nazi-Propaganda. „Wie heute wieder“, fährt sie fort und wir wissen alle, daß sie die „Populisten“ meint, die „Angst vor Flüchtlingen schüren“. „Da wurden junge Leute daran gehindert, frei zu sein“, sagt die Führerin im Stasi-Gefängnis und hängt an: „Wie heute wieder“ und wir wissen, daß sie damit die „rigide“ Flüchtlingspolitik meint. „Man wollte das Land abschotten“, sagt die junge Frau im DDR-Museum und fügt hinzu: „Wie jetzt wieder einige“ und wir wissen, daß sie die AfD meint …

Die Führung im DDR-Museum ist besonders instruktiv. Demnach war die DDR eine Hölle. Und ich kann sagen, ich war dabei gewesen … und habe dort eine glückliche Jugend verlebt. Wenn 30 Jahre schon einem historische Amnesie verursachen, wie wird es dann wohl mit 80 Jahren aussehen?

Holocaust-Denkmal wieder ohne innere Resonanz. Trotz Belehrung spielen Jugendliche Versteckerle. Sehr eindrücklich die „Topographie des Terrors“. Explizit. Man muß Distanz zu den Bildern suchen, um keinen Schwächeanfall zu erleiden. Titelvorschlag: „Pornographie des Terrors“.

Junger Mann mit Dreadlocks bettelt am Alex. Vor ihm ein Schild: „For Weed“. Das kann nur als Witz unter Anarchisten funktionieren. Ich sehe, wie die jungen Ungarn verächtlich die Nase rümpfen. Für sie zählt so einer zum Abschaum.

Besuch im Verdi-Buchladen im Verdi-Haus. Auch hier das Sortiment ausschließlich links, wenn man ein paar Gesetzestexte mißachtet. Trotzki auffällig oft vertreten. Trotzki? Bin ich naiv? Diese weltanschauliche Einseitigkeit überrascht mich bei einem Gewerkschaftsverlag. Gerade als ich das Gebäude nach Ladenschluß – natürlich bepackt – verlassen will, ertönt die „Internationale“ im Gebäude, engagiert vorgetragen von einem doppelreihigen Chor, der im Rhythmus in einen Sitzungssaal einzieht. Ich frage an der Information – das sei der Verdi-Chor, der für den Gewerkschaftsrat singe.

Laute Stimmen auf dem S-Bahnsteig Alexanderplatz. Ein Hüne in Tarnanzug schreit auf eine halb so große Frau in fremdem Idiom ein. Man sieht ihm die mangelnde Intelligenz und den Alkohol förmlich an. Ich steige bewußt in einen anderen Waggon ein, aber es kommt, wie es kommen muß, wie beim berühmten Ritt nach Samarkand, die junge Frau entschließt sich im letzten Moment, den Waggon zu wechseln und im allerletzten springt ihr Gefährte nach, mehr noch, sie durchschreitet den ganzen Wagen, um just an meiner Tür zu halten. Nun stehen sie also neben mir und schreien sich auf Russisch an. Mal kniet er nieder, mal bedrängt er sie, aber sie läßt ihn zappeln – man spürt, daß diese Situation jeden Moment eskalieren kann. Einmal scheint er damit zu drohen, die Waggontür aufzureißen und aus dem fahrenden Zug zu springen. Nun schreibt die PC vor, in den Streit einzugreifen. Aber seine schwieligen Fäuste sind so groß wie mein Kopf, den er wie Seewolf die Kartoffel mit einer Hand zerdrücken könnte. Also tue ich, was alle tun: ich schaue weg – wenn auch aus dem Fenster und nicht aufs Handy – und hoffe. Kurz lasse ich den Heldenfilm in meinem Kopf ablaufen, aber es fühlt sich überhaupt nicht gut an. Und ich meine nicht die Feigheit.

Hole mir am Getränkemarkt zwei Bier. Alle drei Geschäfte, die ich nach 22 Uhr besucht habe, sind in arabischer Hand. Nur einmal werde ich freundlich mit „Meister. ÜSch danke“ verabschiedet, die beiden anderen telefonieren fröhlich weiter nach Arabien, während sie mich abkassieren.

Zur Berliner Schnauze hatte ich stets ein gespaltenes Verhältnis. Als Jüngling fürchtete ich sie regelrecht, weil ich ihrer Schnelligkeit, Witzigkeit, Schlagkraft und Vulgarität nicht gewachsen war. Später lernte ich sie aus diesen Gründen auch schätzen. Nach vier Tagen Berlin bleibt der Eindruck: sie verschwindet in rasantem Tempo. Die Straßen und Plätze werden heute anders dominiert. Hochdeutsch, deutsche Dialekte, touristische Fremdsprachen – dort klinke ich mich immer wieder gerne ein und lausche ab – und migrantische Fremdsprachen. Sehr viel Arabisch, dann Türkisch und Russisch. Berlinerisch eher selten, auch unter echten Berlinern.

Deutsche Jugendliche in Berlin wirken oft schwächlich, ohne Rückgrat. Das fällt im Kontrast zu den jungen Ungarn auf, die eine andere Körperspannung haben. Und mehr noch zu den jungen Türken und Arabern. Auch sie tragen oft einen gewissen Stolz, eine Würde und auch Aggressivität, Kompromißlosigkeit zur Schau.

Imbißstand am Alex, südländischer Betreiber. Dort kaufe ich mir eine Currywurst. Dort muß man sie mittlerweile kaufen, dort liegt sie neben Falafel, Doughnuts und Käsekrainer. Konnopke – unsterblich durch „Silly“ – am Greifswalder Platz wirkt leer und verlassen. Die Curry-Wurststände scheinen verschwunden. Neben mir fragt eine Frau, ob die Semmel zum Leberkäse hart sei. Ihre Tochter habe ein Zungenpiercing und könne nichts Hartes mehr kauen.

Ich ermuntere die Ungarn, auch mal eine Curry zu probieren, das sei typisch Berlin. Später sehe ich einige an einem ungarischen Stand, wo ungarische Kürtöskalacs, auf heißer Rolle gebackene Baumkuchen, angeboten werden. Da konnten sie nicht widerstehen, sagen sie. Auch sonst werden Pausen zur Nahrungssuche genutzt – die endet meist bei KFC oder McDonald’s. „Vapiano“ gilt als Sensation, denn diese Fließbandpizza gibt es in Ungarn (denken sie) nicht.

In „Prenzelberg“ laufen zwei Frauen an mir vorbei und schieben einen Einkaufswagen vor sich her. Sie sprechen Russisch. Eine trägt tiefschwarze Gesichtstattoos, die so angelegt sind, daß keine Gesichtszüge mehr zu erkennen sind. Ein großes schwarzes Loch klafft über ihrem Mund, sie scheint keine Augen mehr zu haben, kein Kinn.

Zum Abschluß darf man Wien und Berlin vergleichen. Beides sind Großstädte und beide sind vor allem in den Außenbezirken kaum noch als deutsche Städte erkennbar … darauf haben vor allem die Ungarn mit unverstelltem Blick aufmerksam gemacht. Großstädte also, und da hört es fast schon auf. Der 1. Bezirk in Wien und das Berliner Zentrum sind Welten auseinander. Wien strahlt Mondänes, Elegantes aus, Stil und Kultur, auch wenn es mir schwer fiele, in diesen Häuserschluchten lange zu leben. Es fehlt Wien an Grünem und an Weite. Die Menschen achten auf ihr Äußeres, manchmal wirken sie schon fast italianisiert. Gewichste Schuhe, gebügelte Hosen, moderne Steppjacken, immer sauber, Regenschirm als Spazierstock, Krempenhüte, Kleider und Röcke bei den Frauen keine Seltenheit. Man ist zuvorkommend, wartet, läßt Vortritt, lächelt, hilft, achtet auf den Mitmenschen. Residenz. Berlin hingegen wirkt auf den ersten Blick kalt – trotzdem wurde mir bei mehreren Richtungsfragen immer wieder sehr freundlich geantwortet. Mikroaggressionen, Konflikte, häufiges Kopfschütteln. Distanzierte Fassade, gehetzter Gesichtsausdruck. Ausgebeulte Jeans, Trainingsanzüge, Tattoos und Piercing, nicht selten schmuddelige Kleidung, auch bei Gutverdienenden. Die Straßen weiter und geräumiger, aber deutlich grauer und verfallener. Grüner als Wien. Man sieht Berlin die Mißwirtschaft überall an. Kaum etwas glänzt, sieht neu und gemacht aus – außer im Regierungsviertel. Lärm und Baustellen. Wenig sehenswerte alte Substanz (klar), jede Menge häßlicher Stahl-Beton-Glas-Kästen. Viel schneller, dynamischer, hektischer und gefährlicher. Autofahren unangenehm, Radfahren lebensgefährlich. Moloch und Babylon, Sodom und Gomorrha.

These: Berlin ist nach wie vor attraktiv für Millionen Menschen, voller Dynamik und Ideen. Aber nicht, weil es Berlin ist, sondern weil diese Menschen dort leben. Sie machen die Stadt anziehend, nicht die Stadt sich selbst. Die Stadt profitiert von ihren Bewohnern, obgleich sie alles dafür tut, das Bewohnen unangenehm zu gestalten.

siehe auch: Reisenotizen – Wien und Plauen

Schaut auf diese Stadt

 

12 Gedanken zu “Reisenotizen: Berlin

  1. lynx schreibt:

    Ich versuche mich an einer zusammenfassenden Antwort auf die beiden letzten Kommentare von Seidwalk und Michael B. Ob ich in irgendeiner Weise überzeugen kann, weiß ich nicht, aber es gibt da Positionen, wo m.E. die Argumentation einfach nicht schlüssig ist.
    Zunächst ganz kurz die Kreuzzüge des Islam: davon weiß ich wenig, es mag aber stimmen, dass die teilweise recht erfolgreich waren im afrikanischen und asiatischen Raum. In Europa nicht (die spanische Epoche klammern wir hier lieber aus: nach Alhambra kam lange nix). Gegenwärtige Versuche aus dem islamischen Raum, „Kreuzzüge“ wiederzubeleben, bekämpfen wir ja seit Jahren sehr aufwändig und gewalttätig. Da ist ein verständlicher Notwehrimpuls dabei und viele Rachegelüste. An langfristiger Strategie hapert es. Mir kommt es vor, als würden wir Hydra bekämpfen, Herkules‘ Mittel mit neuer Technologie einsetzend, bislang erfolglos. Müssten wir nicht mithelfen, die muslimischen Gesellschaften im Inneren zu befrieden? Das hat sehr viel mit Ökonomie zu tun.

    Das führt zum nächsten Thema, denn (fast) alles hat mit Ökonomie zu tun. Muss ich ihre Thesen zu Grenzen und Migration so verstehen:
    * die Herrschenden errichten Grenzen, um Migration zu verhindern und die ansässige Bevölkerung zu schützen (also im Sinne eines „antikapitalistischen Schutzwalls?)
    * die Herrschenden im Kapitalismus setzen Migration aktiv in Gang, um die ansässige Bevölkerung eben nicht mehr zu schützen und ökonomisch unter Druck zu setzen?

    Also ich weiß ja nicht. Den ironisch gemeinten Hinweis auf eine marxistische Verschwörungstheorie muss ich leider als bare Münze nehmen: das ist Humbug eines frustrierten Altlinken, dem seine Utopien davongeschwommen sind.
    Haben Herrschende nicht zu allen Zeiten Grenzen errichtet, um Machtbereiche zu sichern, an deren Grenzen sie Zölle kassieren, die Migration steuern und im Inneren Steuern kassieren? In mittelalterlichen Kleinstterritorien könnte man das alles unter dem Sammelbegriff „Schutzgeldsystem“ zusammenfassen. Es ging nie darum, Migration zu verhindern, sondern immer darum, sie zum eigenen Vorteil zu steuern.
    Da kann man jetzt eine lange Liste beginnen, warum Migration für Deutschland unterm Strich in der Geschichte gewinnbringend war. Beispiele:
    * der Preußische Staat hat sehr von der Aufnahme der Hugenotten profitiert
    * das Ruhrgebiet hätte noch sehr lange gebraucht, ökonomisch aufzublühen, hätte es nicht viele polnische Einwanderer gegeben
    * Westdeutschland nach 1945 wäre nicht aufgeblüht, wäre nicht halb Südeuropa eingewandert, um auf den Baustellen und in den Werkshallen zu werkeln
    * Unsere ganze Altenpflege würde nicht mehr funktionieren, gäbe es nicht die vielen hilfreichen, fast ausschließlich weiblichen Hände aus Osteuropa.
    Denn fast immer stellt sich die Frage: wo sind denn die heimischen Arbeitskräfte für diese Jobs? Das ist doch nicht nur eine Frage der Bezahlung (auch), sondern auch des Willens. Da wo Lynx seine Brötchen verdient, finden sich auch gegen beste Bezahlung kaum mehr Leute, die sich als „biodeutsch“ bezeichnen könnten. Es ist eine der schlimmsten Lebenslügen Deutschlands (schon der BRD vor 1989), dass wir kein Einwanderungsland seien. Das hat man den Leuten viel zu lange vorgekaut und leider glauben noch immer viele daran, wie sich nun zeigt.

    Das alles soll kein Argument sein für „Schleußenöffnung“ und komplettes Laissez-faire bei der Steuerung von Migration. Aber sie zu negieren und so zu tun, als hätten wir über 1000 Jahre (warum gerade 1000?) so etwas wie ethnische Homogenität gehabt und das wäre ein Wert an sich, ist doch unehrlich oder ignorant.
    Frau Baerbock hat gestern bei „Anne Will“ kurz und bündig die historischen Fakten zum Sommer 2015 zusammengefasst, zugespitzt zu einer schönen Pointe: Ungarn hat Österreich um Hilfe angefleht, der österreichische Innenminister Kurz hat Deutschland um Hilfe angefleht, Deutschland hat abgenickt und musste am Ende die Suppe beinahe alleine auslöffeln, während Ungarn und Österreich sich nun als die Moralapostel aufführen.

    Verfügungsgewalt über die Grenzen: ja. Aber bitteschön kein Wolkenkuckucksheim, als seien damit die Probleme gelöst. Mit der Schließung von Grenzen fangen die Probleme doch erst an. Wie war das 1989?
    (Und um noch eins draufzusetzen, nur um das Thema Befindlichkeit nochmal anders zu beleuchten: wir fanden die sächsische Zuwanderung anfangs als ziemliche Zumutung. Warum machten die nun alle rüber? Ging es denen nur ums Geld? Warum machten die sich nicht dran, daheim aktiv zu werden, klemmten sich lieber auf die Autobahn nach Süden? So gingen die Gespräche und manchmal war das ziemlich giftig. Ich hoffe, wir haben inzwischen alle gelernt, dass das einfach Humbug ist und uns nicht weiterbringt.)

    Lieber Seidwalk: ein bisschen kommen Sie mir vor wie ein treuherzig-gutgläubiger Aktionär, der meint, es sei damit getan, die Dividende einzustreichen. Als müsse die Dividende nicht erwirtschaftet werden und als müsse man dafür nicht ins Risiko gehen. Eine Gesellschaft, die Dividende ausschütten will (in Form von Sicherheit, Wohlstand, Bildung) muss ins Risiko gehen. Und sie braucht Investoren. Das Beispiel Italien zeigt: nur das eigene Volk als Investoren zu haben, reicht da nicht, das endet in einer Sackgasse. Wie links bin ich jetzt eigentlich? Oder bin ich nur ein zynischer Kapitalist?

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    • In aller Kürze – die wesentliche Differenz scheint zu sein, daß sie den Zäsurcharakter der jetzigen Einwanderung nicht sehen oder begreifen wollen. Deswegen sind alle Vergleiche mit Hugenotten, Sachsen, Ostlern, Vertriebenen oder auch Italienern, Polen etc. absurd – sie unterscheiden sich fundamental von der jetzigen Lage und sind im Übrigen nie reibungslos abgelaufen.

      Kein vernünftiger Mensch hat je behauptet, daß es keinen Austausch auf allen Ebenen braucht – aber der kann auch sehr lange ausbleiben (siehe Island) – um eine Gesellschaft langfristig am Leben zu halten. Die Linke baut stets den Popanz „Reinheit“ auf, aber kein ernstzunehmender Denker der Neuen Rechten will Reinheit oder hat sie gefordert. Das ist eine böswillige Erfindung oder naive Chimäre, um das Gespräch von Beginn an auf die falsche Fährte zu locken.

      Die bisherige Migration in Deutschland ist komplex. Sie hat viele positive und sehr viele negative Ergebnisse gezeitigt. Während die positiven gelöst sind, in der Gesellschaft aufgegangen sind, stellen sich die negativen weiter sperrig gegen die friedliche innere Entwicklung. Diese Probleme, bevor sie gelöst sind, massiv quantitativ zu verstärken und qualitativ (Religion, Kulturferne) zu verschärfen, kann nur ins Chaos führen. Wir sind gerade dabei den Zusammenhalt der Gesellschaft zerfallen zu sehen – ihre Berliner „Klischees“. Es gibt sehr gute Gründe anzunehmen, daß eine extensive Migration sowohl dem Herkunftsland als auch dem Zielland massiv schadet, so daß die Endsumme negativ sein dürfte (bei allen osteuropäischen Händen an deutschen Rentnerhintern).

      Sloterdijk hatte kürzlich gefragt: „wie ein scheinbar solid etabliertes Staatswesen ohne nennenswerte äußere Bedrohung in eine so tiefe Krise geraten kann“. Er macht wesentliche intrinsische Demokratiedefizite aus aber ein wesentlicher Punkt ist die Folge der Migration. Selbst wenn sie in der ersten Ebene nur positiv wäre, dann ist sie noch immer negativ, wenn sie von den Menschen nicht gewollt oder akzeptiert wird. Das ist der Unterschied links-rechts: die Linke will diesen Willen umerziehen, die Rechte erkennt ihn an. Alle bisherigen Migrationswellen (Gastarbeiter, Jugoslawienkrieg) wurden mit überwältigender Mehrheit von der deutschen Bevölkerung abgelehnt und alle wurden von der Politik ohne demokratische Debatte durchgesetzt.

      Anders ausgedrückt: die Rechte denkt von den Folgen her und sieht, daß Deutschland sich abschafft – die Linke denkt aus ihren Motiven her, nimmt den Untergang in Kauf, hat aber dafür moralisch – in einer perversen Gedankenschleife – korrekt gehandelt udn ein paar Millionen Menschen für ein paar Jahre ein mutmaßlich besseres Leben beschert. Natürlich differieren beide auch in der Folgenabschätzung: die einen sehen das Ende, die anderen einen hellen Anfang. Only time will tell aber einfache Vernunft genügt, um die Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen.

      So auch die unterschiedlichen Narrative. Barbocks Märchen beruht auf folgender wahrer Geschichte:

      Deutschland lockt mit Sozialleistungen, öffnet die Grenzen, wird überrannt, Ungarn schließt die Grenze und rettet damit Deutschland, Ungarn wird von den deutschen Linken als fremdenfeindlich und menschenverachtend bezeichnet. Können Sie hier noch mal nachlesen: Verladebahnhof Deutschland

      Der „Kreuzzug“ des Islam findet seit 1400 Jahren statt, seine Geschichte (wie jede andere auch) ist ein „Kreuzzug“ mit verschiedenen Mitteln.

      Grenzen sind per se Migrationsbremsen in der Physik, in der Natur, in der Gesellschaft. Ihre z.B. nennt sich „Haut“ – diese läßt durch und verstoffwechselt, was der Organismus benötigt und wehrt ab, was ihm schadet oder zu viel ist. Die Idee einer grenzenlosen Welt ist absurd – Entitäten aller Kategorien sind nur durch Grenzen und Abgrenzungen existent. Ob eine politische Grenze dazu geschaffen wurde, Migration zu verhindern (Ungarn, DDR, Mexiko, Ceuta …), spielt gar keine Rolle, sie hat trotzdem – sofern man sie ernst nimmt – eben diesen regulierenden Effekt.

      Hofbauers „Kritik der Migration“ verabsolutiert sicher diese verschwörerische Komponente, aber sie zu thematisieren – als eine Ursache der Migrationskrise – ist verdienstlich. Auch dieses Phänomen ist natürlich hyperkomplex.

      Lynx, sie kommen mir vor, wie ein böswilliger und gieriger Aktionär, der sich an fragwürdigen Spekulationen beteiligt, wohl wissend, daß die Blase irgendwann platzen muß aber hoffend, daß er zuvor seinen Reibach (Achtung Trigger: Antisemitismus!) gemacht hat. Oder wie gewisse Leute, die ihr Vermögen mit Wetten auf Untergänge gemacht haben, die sie durch ihre Wette dann herbeiführen.

      PS: 1000 Jahre? Natürlich nur um zu triggern – unsere 1000jährige Geschichte muß man nicht kennen. (Tatsächlich aber nur, weil wir ein Dezimalsystem haben)

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      • lynx schreibt:

        „Don’t lose the humour“ sagt Toni Erdmann in schönstem Denglisch zu den ärmlichen rumänischen Ölarbeitern, die wegrationalisiert werden sollen. So muss ich mir nun auch zusprechen.

        Inhaltlich kommen wir nicht weiter (zusammen) bei der Fragen von Migration und Grenzen, weil sie selbst meine Einschränkungen und Bedenken zu Fragen der Migration und Grenzöffnung nicht zur Kenntnis nehmen möchten, um ihr Narrativ nicht zu schwächen. Ist natürlich verständlich. Die Links-schlecht-Rechts-gut-Rechtfertigungen sind mir zu flach, regelrecht albern, gibt es doch zu viele historische Beispiele, wohin das „rechte“ Denken geführt hat: häufig nicht zum Guten und das erst nach einem Läuterungsprozess (fällt mir Bismarck ein). (Das soll keine Verteidigung von linksideologischem Denken sein).

        Humor, Abteilung Sarkasmus: Sie haben recht, die jetzige Migration unterscheidet sich fundamental. Sie trifft auf eine saturierte Gesellschaft, die verlernt hat, zu teilen und am liebsten im behaglichen Schmollwinkel lebt. Die weit größere Migrationswelle nach dem letzte Krieg traf auf ein Land, das in Trümmern lag und dessen Infrastruktur stark beschädigt bis zerstört war. Ja, da ging auch nicht alles harmonisch ab – aber hat davon jemand geredet? Ist nicht genau das das Problem, dieses verdammte Harmoniebedürfnis, diese Gemütlichkeit? Da haben Sie die Antwort auf Sloterdijk: Demokratidefizit und Behaglichkeit, Denkfaulheit und der tiefe Glaube, die Entwicklung der Welt und der Dinge müsse doch nun, nach 1989, an ihr Ende gekommen sein. Was für ein kindlicher Irrglaube.

        Humor, Abteilung erfrischend: Deutschland schafft sich ab. Kein Problem für Lynx. Von Kindesbeinen war sein emotionales Zuhause das Karolingerreich, sagen wir in den Grenzen von 814. Er würde es sich wieder herbeiwünschen und lechzt fortwährend nach jedem Lebenszeichen dieser Idee. Gestern war ein schöner Tag dafür. Würden Deutschland und Frankreich endlich wieder eine staatliche Einheit bilden – das wäre ein Ding. Bis Rom würde dieser Staat wahrscheinlich nicht mehr reichen, aber sagen wir bis Florenz hinunter würden die Italiener bald gerne dabei sein wollen, wenn sie sehen, dass das funktioniert. Einen Teil Ungarns hätten wir dann auch an der Backe, nun ja. Dafür läge die ostdeutsche Grenze an der Saale und der unteren Elbe (natürliche Grenze!). Vielleicht könnte man an einen Tauschhandel denken: wir nehmen noch das Dessau-Wörlitzer Gartenreich und die Mark Brandenburg dazu, vielleicht sogar auch Mecklenburg, und lassen dafür den Plattensee den Ungarn. Die anderen sächsischen Eroberungen östlich der Saale, die erst so im 12./13. Jh. von deutschstämmigen Bauern besiedelt wurden (war das vorher menschenleer? verdammte Migration!) lassen wir, wo sie sind.

        Können wir darüber verhandeln? Oder ist dieses Staatsvolk dann nicht „völkisch“ oder „volklich“ genug, sprich mangelt es ihm an ausreichender ethnischer Homogenität, um erneut ein stabiles Staatsgebilde zu formen? Da wären wir wieder bei der Reinheit. Steilvorlage für Ihren überlegenen Sinn für Ironie.

        Seidwalk: „sind mir zu flach“-Wegwischereien sind mir zu flach.

        Wir sind uns insoweit einig, uns nicht einig zu werden und in diesem Medium sehe ich auch keine Möglichkeit der Lösung. Es wird zu viel Aufwand bei zu wenig Annäherung. Daher müßte man das Medium wechseln: entweder langwieriges Gespräch – dazu haben Sie Ihr Wort gesprochen – oder wir warten auf den Tag der Entscheidung, an dem wir uns gegenüberstehen werden – nicht persönlich aber doch in der Sache. Da Sie unter der großen Langeweile zu leiden scheinen und ihnen das Leben zu wenig Aufregung bietet, werden Sie dem erwartungsfroh entgegensehen. Ihr kleiner Luchsbau, schön von Buchsbaum umzäunt – auch das ist D und schafft sich ab – dürfte dann kaum noch ein Refugium sein. Selbst daß sie an Ihrem Computer sitzen und schnippige Kommentare an ein paar Zurückgebliebene, frei von der Leber weg, schreiben, auch das schafft sich ab. Für einen alten Karolinger sicher kein Problem.

        PS: Zufällig aufgeschlagene Seite just nach diesem kleinen Disput – Quelle: Hofberger (Marxist): Kritik der Migration.

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  2. lynx schreibt:

    Ok, es gibt zwei mögliche Beweggründe für diesen langen „abschließenden“ Kommentar:
    – Sie wollen ein umfassendes letztes Wort haben oder
    – Sie wollen doch lieber im Gespräch bleiben – Letzteres erscheint mir im Text indiziert, also gut.

    Doch bevor irgendeine Art von Gespräch möglich ist, muss ich meinerseits einige Leitplanken für meine Person einziehen, Einwände und Überraschungen vielleicht, in aller Kürze. Der Reihe nach:
    1. Houellebecq ist seit vielen Jahren einer meiner literarischen Heros. Wer hält uns besser den Spiegel vor?

    2. Fertiges Bild vom Gegenüber? Keineswegs. Eher die Hoffnung, überraschende Wendungen zu finden, Momente des Zögerns, Innehaltens, Absehens vom allzu Bekannten und Naheliegenden. Enttäuschenderweise werden dann aber doch die immer gleichen Narrative fortgesponnen, Glaubenssache wahrscheinlich (wird man mir jetzt vice versa auch wieder vorhalten, doch gemach)

    3. Rechts-Links-Dichotomie: Wie kommen Sie zu dieser Behauptung, wo sind die Belege? Nur weil ich auf den Wortgehalt des Grundgesetzes verwiesen habe, den sie im Sinne ihrer Meinungsfreiheit ablehnen mögen, worauf ich Sie aber im Sinne meiner Meinungsfreiheit mir erlaube Sie hinzuweisen? Was mir wirklich total gegen den Strich geht sind die Ideologen von links wie rechts, die meinen, das Heil liege in der Illusion, egal ob in der Illusion von allgemeiner Verbrüderung oder in der Illusion von Reinheit. Beides entspricht nicht der alltäglichen Erfahrung und Lebenspraxis, beides wird sich hienieden nie ereignen. Weil aber leider viele Leute geneigt sind, zu glauben, dass aus Zauber Wirklichkeit wird, muss man nüchtern gegenhalten. Mein Umfeld würde sich kaputt lachen, wenn ich mich als Linken bezeichnen würde. Als Rechten würden sie mich selbstverständlich auch nicht ernst nehmen. Hin und wieder komme ich so zwischen den Stühlen zu sitzen (s. Houellebecq)

    4. Noch was zu den Rechten: ich bin, anders als mein Gegenpart, mit ihnen großgeworden, zuweilen hautnah, selbst als Lehrer (Altnazis). Das schärft den Blick, man liest die Signale, lernt sehr fein differenzieren. Eines haben alle gemeinsam: sie halten es mit den Wölfen. Mal fressen sie Kreide, mal keifen sie und fletschen die Zähne. Und sie tun, was Wölfe am liebsten tun: zusammen Heulen und Jaulen. Lynx hat sich da schon immer davongeschlichen. Verteidigt aber sein Refugium gegen jeden Wolf.

    5. Vereinfachung: was ist einfacher, als Reinheit zu postulieren? Was ist schwieriger, als mit Zwischentönen, Unreinheiten klarzukommen? Lynx hat ein großes, immerwährendes Faible für die „blue notes“ – dort ist das Leben beheimatet.

    6. Ironische Bemerkung: ja, eigentlich sollte mein letzter Kommentar anders ausfallen, doch ich dachte mir dann: vergiss es. Der wäre etwa so gegangen: Der vorgeschlagene Besuch mit bewaffneter Begleitung (wer Lynx kennt weiß, dass Wölfe mit ihm nicht harmonieren) ist
    a. falls ironisch gemeint, ein so schlechter Witz, dass er nicht zu weiterer Auseinandersetzung animiert
    b. falls ernst gemeint, ein so schlechter Spaß, dass er nicht zu weiterer Auseinandersetzung animiert
    Dem Gebenüber Ironiefreiheit anzudichten ist als rhetorischer Trick so billig wie ein Stammtischwitz über meinetwegen Blondinen, das verkniffen-grunzend-prustende Lachen schon einkalkuliert.

    7. Treffen: Never ever. Es gibt keinen heimlicheren Waldbewohner als den Luchs – wie käme er dazu, sein Biotop zu verraten? Er ist einfach zu genügsam und braucht keinen Rudelerfolg. Er versucht, möglichst ungestört, den ganzen Wald im Blick zu halten, lässt die anderen sich streiten um ihre erhetzte Beute. Manchmal wird es ihm aber zu laut, dann raunzt er halt ein wenig.

    Ob das jetzt erhellend war, ein Beitrag zum Brückenbau und im Gespräch bleiben? Keine Ahnung. Mehr habe ich halt einfach nicht zu bieten. Aber darunter mache ich es auch nicht.

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    • Michael B. schreibt:

      @lynx

      > rechts, die meinen, das Heil liege in der Illusion […] von Reinheit

      Man muss schon sehr blind sein wollen, hier nicht die reale Groessenordnung in Betracht zu ziehen. Es geht doch nicht um ein paar Tintenspritzer in der Badewanne. Die interessieren den Grossteil der ‚Rechten‘ ueberhaupt nicht. Es geht um Millionenzuwanderung – und die in der Menge auch noch durch Vertreter der aggressivsten Religion dieser Erde, die sich hier auch genauso auffuehrt. Bewusst in Gang gesetzt und gefoerdert durch ein von Beginn an verlogenes Verhalten der eigenen politischen ‚Vertreter‘.
      Die Zahlen sind doch da – selbst die heruntergespielten Offiziellen genuegen vollkommen, um das klar zu sehen.

      Der scheinbar unabhaengige komfortable Platz in Mitte zwischen ‚links‘ und ‚rechts‘ ist dahingehend eher selbst eine Illusion.

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      • lynx schreibt:

        @Michael B: Vielen Dank für dein Statement, das uns unmittelbar zum Kern des Problems und zurück zur Alltagsbeobachtung führt, von der Seidwalk uns berichtet: die Migration.
        Zunächst ein klares Nein: die Aussage, die Politik (gemeint ist damit wohl unsere heimische Politik) hätte Massenmigration „bewusst in Gang gesetzt“ ist durch nichts zu belegen und fällt unter den Generalverdacht der Verschwörungstheorie. Inwieweit nicht-heimische Politik damit ein Geschäft macht: das ist ein weites Feld und dazu müssen wir uns politisch positionieren (LG nach Moskau).

        Doch nun wird es konkreter und ungemütlicher: nein es geht mir keineswegs um „Tintenspritzer“ sondern um das tatsächliche Phänomen. Und dem können wir nicht im Geringsten adäquat begegnen, wenn wir als Referenzrahmen nur einen Zeithorizont von 30 bis 60 Jahren wählen. Denn dann würden wir eine historische Ausnahmesituation zur Bezugsgröße der Menschheitsgeschichte machen. Das ist geschichtsblind, so geschichtsblind wie die Aussage vom „Ende der Geschichte“, die Fukuyama inzwischen bitter bereut. Der kalte Krieg war so ungemütlich gemütlich.

        Nenne mir einer ein historisches Ereignis oder Projekt, wo Migration jemals erfolgreich verhindert wurde, egal ob mit friedlichen oder mit kriegerischen Mitteln. Und mal wird sie gut geheißen, weil sie politisch in den Kram passt (Heimholung der Russlanddeutschen, eine kriminaltechnische Problemgruppe), mal wird sie poltische verteufelt. Immer wird sie instrumentalisiert, in die eine wie die andere Richtung – das sage ich ganz wertfrei. Aber immer fand und findet sie statt, sie ist ein Grundmuster der Menschheitsgeschichte, vom ersten Tag an.

        Die entscheidende Frage ist für uns, als die vom Zustrom Betrofffenen immer: wie gehen wir damit um? – denn wegkriegen tun wir sie nicht. Lassen wir alles zu? Lehnen wir alles ab? Wehren wir uns, auch gewalttätig? Strecken wir die Waffen, sind wir willfährig, ohnmächtig, willenlos? Oder sind wir – eine andere Grundkonstante der Menschheitsgeschichte – konstruktiv? Intelligent? Erfinderisch?

        Migration ist eine echte Zumutung, für alle Beteiligten. Und ich habe es als Kind schon gehasst, an der favelahaften Unterkunft der Neapolitaner vorbei gehen zu müssen, das war ungemütlich und fremd. Und die italienischen Mitschüler waren als Schläger gefürchtet. Die gleichen Leute betreiben heute Feinkostgeschäfte.

        Und jetzt komme mir keiner damit, Italiener seien ja nicht „kulturfremd“, so wie Araber, Muslime. Damals waren sie furchtbar kulturfremd. Ich will die aggressiven Seiten des Islam nicht kleinreden, genauso wie ich mich vor jedem religiösen Fundamentalismus fürchte, egal welcher Couleur. Aber mit pauschaler Angst und Angstmacherei kommt man nicht weiter.

        Eigentlich sehe ich das inzwischen ganz amerikanisch: ich bin für alle erdenkliche Härte, da wo Härte angesagt ist, um den gesellschaftlichen Frieden zu wahren. Bei gleichzeitiger größt möglicher erdenklicher Freiheit, um die gesellschaftliche Entwicklung zu fördern.

        Und je älter ich werde, umso mehr bin ich gegen jede erdenkliche Art von Reinheit oder verlogener Reinlichkeit, weil sie der Lebenwirklichkeit, der Lebenspraxis, der Lebensklugheit einfach nicht entspricht. Schade, dass wir keine O-Töne von den alten Römern mehr einfangen können (und jetzt komme mir keiner mit dem Untergang des Römischen Reiches).

        Das ist der Platz in der Mitte: da wo das Alltagsleben ist und nicht der Kult von Irgendwas. Dieser Platz ist nur leidlich komfortabel und den Alltagszumutungen ausgesetzt. Doch Kreuzzüge waren noch nie eine Lösung – und nie erfolgreich.

        Das ist jetzt viel zu lang für einen Kommentar und ich entschuldige mich dafür. Dennoch…

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        • „die Aussage, die Politik (gemeint ist damit wohl unsere heimische Politik) hätte Massenmigration „bewusst in Gang gesetzt“ ist durch nichts zu belegen und fällt unter den Generalverdacht der Verschwörungstheorie.“

          Für 19.90 Euro kann man eine marxistische Verschwörungstheorie erwerben, die historisch, ökonomisch und sozialpolitisch nachweist, daß das Kapital und seine politischen Vertreter in unseren demokratischen Parlamenten nicht nur Kriege initiiert, um Migrationsströme auszulösen, sondern diese auch bewußt nach Europa lenkt, um eine industrielle Reservearmee bereitzustellen, die Löhne zu drücken und Arbeitsplatzkonkurrenz zu schaffen – um es etwas vereinfacht zusammenzufassen. Das Buch heißt „Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert“ und wurde von Hannes Hofbauer – erzlinker Denker – verfaßt.

          „Nenne mir einer ein historisches Ereignis oder Projekt, wo Migration jemals erfolgreich verhindert wurde …“

          Das ist nicht ihr ernst, oder? Erstens läßt sich etwas Verhindertes chronisch schwer nachweisen, zweitens hat jede beliebige Grenze (auch im übertragenen Sinne) seit jeher Migration (migratio=Wanderung) verhindert – das ist ihr Wesen, ihre Definition! -, tagtäglich. Daran ändert sich auch nichts, wenn hin und wieder mal Grenzen überrannt werden. Dann war sie eben nicht gut genug.

          Außerdem: Historisch als auch statistisch ist Seßhaftigkeit die Norm. Zwar hat es immer jemanden in Bewegung gegeben, aber das waren stets deutliche Minderheiten. Das linke Narrativ, wonach Migration Schicksal sei und immer schon da gewesen – als Norm -, soll uns einreden, wir müßten uns immer schon „konstruktiv, intelligent, erfinderisch“, letztlich affirmativ, damit auseinandersetzen. Wenn es stimmen würde, dann wären Millionen Deutsche, Franzosen, Engländer gerade auf der Straße und würden neue Heimaten – also Seßhaftigkeiten – suchen. Tatsächlich sind „wir“ seit 1000 Jahren hier und die Syrer waren 1000 Jahre dort … Dieses „Argument“, das stets als historische Notwendigkeit daherkommt, ist eben keines – es widerspricht der Geschichte der Menschheit und verabsolutiert den statistischen Ausnahmefall der Migration.

          „Doch Kreuzzüge waren noch nie eine Lösung – und nie erfolgreich.“

          Was ist Erfolg? Mohammeds und seiner Nachfolger „Kreuzzug“ hat nun seit 1400 Jahren Erfolg, davon 600 Jahre in Spanien … Man könnte frei nach Marx postulieren: Die Geschichte ist eine Geschichte der „Kreuzzüge“.

          An dieser Stelle breche ich ab.

          Michael B. – Sie entschuldigen bitte den Eingriff in Ihren Disput – kennen Sie sich?

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        • Michael B. schreibt:

          @lynx

          Natuerlich sind Verantwortlichkeiten da. Und zwar ganz Direkte noch vor der Suche nach Hintermaennern. Frau Merkel hat diese Grenze bewusst weit geoeffnet, das z.B. nennt man verantwortlich.
          Gelogen wurde vom ersten Tag an. Ich habe eine Freundin in Muenchen, die eine Reise just in den Stunden auf dem Muenchner Hbf angetreten hat, als uns dort Teddybaerchenwerfer und verzweifelte Frauen und Kinder praesentiert wurden. Die waren nicht dort, stattdessen jede Menge Maenner, die sich koerperlich und/oder unter mittlerweile bis zur Abstumpfung bekannten vulgaeren Ausspruechen an den weiblichen Passanten rieben.
          Wer dann als oeffentliches Medium eine Auswahl wie o.g. produziert, der luegt ganz bewusst. Das ist das ‚Schoene‘ an dieser Art Luegen: Die entstehen naemlich der Natur ihres Inhaltes nach weder als Not- noch sonstige entschuldbare Variante, sondern muessen komplett kalkuliert worden sein.
          Das setzte sich nahtlos fort in ganz bewussten Begriffsverwischungen bis dahin klarer Begriffe wie Asyl, Fluechtling und Migrant. Mit dem emotional am staerksten zu wuchernden Fluechtlingsbegriff wurde begonnen, unmittelbar wurden daraus Bleiberechte postuliert, die es so nie gegeben hat. In kodifizerter Form und wieder von dicksten bewussten Vernebelungen umgeben kommt das aktuell in Form der beiden Migrations- und Fluechtlingspakte wieder (oder besser nicht) unter das Volk. Damit kam auch heraus, dass es nie um Fluechtlinge ging, sondern Migrationssteuerung. Und ebenfalls wieder, dass daran schon lange ganz bewusst und ohne Inkenntnissetzung des Souveraens gearbeitet wurde, gegen seine ureigensten Interessen.

          Ihre ganze Argumentation dazu ist die durch nichts belegbare Naturgesetzvariante, die sich in der Person Merkel als Gelaber angeblich nicht schuetzbarer Staatsgrenzen, wurstigem „jetzt sind sie halt da“ etc. darstellt und in der angeblich ausschliesslichen Fragestellung „Wie damit umgehen“ moeglichst auch noch in der einzigen Antwort „wir schaffen das“ kulminiert.

          Falsch: ‚Wir‘ muessen gar nichts dahingehendes schaffen, wir muessen erst einmal wieder Verfuegungsgewalt ueber das „ob“ und generell ueber Entscheidungsprozesse erhalten. Alles dazu, ob adaequate mediale Darstellung, ob politische Entscheidung im Parlament, ob rechtliche Wege, ob, ob, ob… alles wurde und wird fortlaufend hintertrieben und das auf hinterfotzigste Art und Weise. Mit Letzterem meine ich insbesondere den Umgang mit Kritikern in einer Form, die in ihrer Boesartigkeit die DDR seelig mittlerweile weit uebertrifft (und ich habe 25 Jahre in dem Laendchen gelebt, ich weiss wovon ich rede)

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  3. lynx schreibt:

    Mal wieder etwas Lesenswertes, an dem man sich reiben kann, an dem die vielen Klischees zwar nerven, aber dennoch Neugier aufscheint. Der völkische Blick leidet nachwievor unter einer Einbildung von Reinheit, die es nie gegeben hat, on the long run. Und der Vergleich mit Sodom und Gomorrha ist zwar wieder einmal scheinbar naheliegend aber dennoch grundfalsch: Die beiden Städte gingen unter, weil sie Fremden das Gastrecht verweigerten und übergriffig wurden. Weil sie meinten, ihre (möglicherweise verlotterten) Sitten anderen aufzwingen zu können. Weil es ihnen an Respekt für das Andere mangelte. Insofern steckt vielleicht in jedem von uns ein Sodomit?

    Seidwalk: Ich beziehe mich selbstverständlich auf die koranische Sodom-Geschichte (wir sind schließlich in Berlin!). Muß ich das wirklich noch erwähnen? (Im Übrigen ist Ihre Auslegung sehr frei – Der anti-volkliche Blick leidet nachwievor unter einer Einbildung von apriorischer Buntheit.)

    Lynx: Meines Wissens unterscheidet sich die Koran-Sicht nicht wesentlich von der Alttestamentarischen: es geht im Wesentlichen um einen Missbrauch des Gastrechtes. Mehr dazu: https://lynxblox.wordpress.com/2017/10/27/die-sodomiten-der-neuen-rechten/
    Insofern ist Berlin sicherlich nicht Sodom und Gomorrha, da fallen mir eher andere, kleinere Städte ein…
    Das Gleichsetzen von republikanischem Volk (populus) und völkisch geht natürlich gar nicht, da liegt dann doch ein krasses Missverständnis vor. Jedenfalls deckt sich diese Haltung nicht mit dem Grundgesetz, um das einmal deutlich auszusprechen. Oder wo ist der entsprechende Passus?

    Seidwalk: Vielen Dank! Dann schlage ich vor, ich komme mal mit meinen völkischen Kameraden bei Ihnen vorbei und wir lassen uns von Ihnen zu einem Tee einladen. (Gibt es jemanden bei Ihnen der eine Kampfhundhaarallergie hat?)

    PS: Grundgesetzkeule? Ich glaube, Grundtvig mußte die noch nicht fürchten.
    Mittagspause!

    Lxnx: Jetzt enttäuschen Sie mich auf ganzer Linie. Und haben mich wohl endgültig abgeschaltet. Sendepause.

    Seidwalk: Ich habe Ihnen gerade ein Gesprächsangebot gemacht – was wollen Sie mehr?

    Weiter reicht Ihre berühmte und von anderen eingeforderte Gastfreundschaft nicht? Schon beim netten Nachbarn und Volksgenossen hört sie auf – aber der fremde, weitgereiste Gast, der darf? Wahrlich ich sage euch: das ist Sodom und Gomorrha!

    (Um das zu verstehen, braucht man freilich bißchen Ironiebefähigung … ohne käme sowieso kein sinnvolles Gespräch zustande. (Aber das hat natürlich nichts mit Ihrem Links-Sein zu tun (das war auch ironisch))).

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    • Ein paar abschließende Worte zu diesem – erneut – mißlungenen Versuch, ein Gespräch über die Weltanschauungsgrenze zu führen. Er erinnert mich an einen ähnlich gelagerten Fall in meiner unmittelbaren Umgebung. Hin und wieder komme ich ins Gespräch mit einem Altlinken (im doppelten Sinne). Die letzten Begegnungen begannen seinerseits sofort mit Unterstellungen – das Gespräch glich ungefähr dieser Szene:

      Wenn er dann seine ersten Magazine verschossen hat, die ich stoisch ignoriere, kommt u.U. so etwas wie ein Gespräch in Ansätzen zustande. Zum Bsp. über Lektüren. Der Unterschied ist der: ich lese die von ihm empfohlenen Bücher und versuche sie argumentativ zu bearbeiten. Er hingegen zieht auch hier sofort aus der Hüfte: das sei abstruses, rechtes Geraune und Nazischeißdreck. Gemeint waren u.a. Houellebecq und Kleine-Hartlage. Andererseits betont er immer wieder, wie sehr ihn das Gespräch interessiere und daß er alles von meinem Leben wissen will. Borderline also mit dem Zweck, herauszufinden, wie man so ein Nazi wird.

      Was ist das Problem? Mir scheint, diese Menschen haben ein fertiges Bild vom Gegenüber, an dem nicht mehr zu rütteln ist. Alle Erscheinungen müssen dann in dieses Weltbild gepreßt werden. Das habe ich als Kind auch gemacht. So erschloß sich mir als Knabe die Bedeutung des Wortes „Gummischutz“, das damals jeden Tag in der Zeitung stand. Die Eltern drucksten herum, also mußte es was Schambesetztes sein. Da ich Krankenhauserfahrungen hatte, waren mir die Gummiunterlagen in den Betten nicht verborgen geblieben und ihr Zweck vermutlich auch nicht. So dachte ich noch lange Zeit, das sei ein „Gummischutz“, ein „Mondo“ oder ein „Frommser“.

      Man integriert also das Fremde, Unverständliche in seine enge Begriffswelt ohen diese zu erweitern. Leute wie Lynx und eben jener Altlinke können aber nur in Rechts-Links-Dichotomie denken und Rechts ist zwangsläufig Nazi, Glatze, Hitlergruß … Vereinfachung der Vereinfachung. Differenz ist ihnen ein schönes Wort, eine Flagge, deren Bedeutung sie nicht fassen können.

      Kommt dann eine ironische Bemerkung – und sie war nun wahrlich zur Genüge als solche kenntlich -, die sich ihrem Witz nicht sofort erschließt, dann müssen die „bewährten“ Kategorien her. Ich hatte den kleinen Witz – zugegeben, er war anspruchsvoll! – tatsächlich als Einladung intendiert und mit dem Gedanken gespielt – sollte Lynx affirmativ reagieren -, ihm ein Treffen vorzuschlagen. Seine Klause dürfte grob auf unserem Heimweg liegen, man hätte sich 2 Stunden treffen und jeder hätte auf seinem Blog seine Eindrücke festhalten können: Wie blind und verbohrt der andere ist usw. Ja, ich hätte ihm vielleicht sogar eine Kreuzveröffentlichung vorgeschlagen …

      Mir ist klar, viele Leser werden dafür kein Verständnis haben. Einige hatten sich nach früheren Disputen bereits in dieser Richtung geäußert. Aber ich bleibe dabei: man sollte es zumindest versuchen, mit den intelligenteren Exemplaren des Paralleluniversums in Kontakt zu kommen, wenigstens um zu lernen, was es nicht zu lernen gibt, aber im Idealfall eben doch zu lernen, wie sie ticken und im optimalen Falle sogar in der eigenen Überzeugung erschüttert zu werden.

      Nur: Wie das mit Anti-Ironikern gehen soll, ohne ein bißchen über sich selbst zu lachen, das weiß ich noch nicht.

      Siehe: Mit Kompaß zur Unterwerfung

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Eine gute Freundin fasste ihre Lebenserfahrung ganz allgemein einmal so zusammen, dass sie inzwischen, so sehr es ihr nur möglich sei, zu vermeiden trachte, mit Menschen zu reden, welche keinen Humor haben.

        Wem die Empörung ein inneres Bedürfnis ist, dem kann man sie genausowenig entziehen wie dem Religionsbedürftigen die Religion. Es gibt unter solchen zwar, wenn auch eher selten, Konvertiten, die ihre politischen Anschauungen völlig umpolen, ohne dass bei ihnen dabei in aller Regel jedoch auch nur im geringsten der Reiz-Reaktions-Mechanismus beeinträchtigt wird; es sind danach nur eben die auslösenden Reize andere. Die Anschauung mag sich also gelegentlich ändern, aber das Temperament kaum je. Wer möchte eigentlich in einer Reihe mit solchen – man kann es nicht anders nennen – bekehrten Eiferer stehen?

        Unter diesen Eiferern gibt verschiedene Typen. Manche sind schlichtweg nur die unschuldigen Opfer ihres hormonellen Systems, darunter etwa viele Choleriker. Andere gehen mit ihrer Empörung wenigstens halb bewusst und willentlich durch, weil sie auf diese Weise bei anderen weiterkommen. Leider beherrschen und verstecken einige von den letzten ihr Spiel vorzüglich. Besonders unter dem gegenwärtigen Regime der emotionalen Betroffenheit ist das sozial und politisch sehr rentabel.

        Nüchternheit steht schlecht im Kurs. Wenn man so einem Passionellen Widersprüche nachweist, muss man heute gewärtigen, dass einen andere dafür noch tadeln – weil man dessen „ehrlich empfundene Gefühle“ verletzt habe. Bitte immer das Tertium datur der anderen achten!

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  4. Stefanie schreibt:

    Ich war zuletzt vor knapp zehn Jahren in Berlin. Am Holocaustmahnmal direkt waren wir nicht, sind nur kurz im Rahmen einer Rundfahrt mit dem Bus vorbeigefahren. Vielleicht ist das sogar die richtige Perspektive für diese Gedenkstätte – sie wirkt eigentlich nur aus der Totalen heraus. Bei Aufnahmen aus dem Innern blickt man eigentlich nur auf Betonquader, die Merkellego oder auch Stadtmöblierung darstellen könnten. Kein Wunder, daß sie auch in dem Sinne, als Sitzgelegenheit oder Kletterspielplatz angenommen werden. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum bei der Aktion des Zentrums für politische Schönheit, vor einem Jahr in Höckes Nachbargarten, der Versuch eine Kopie davon zu erstellen, künstlerisch so daneben ging. (Im Sinne eine Ich-weiß-wo-dein-Haus-wohnt-Aktion, war sie allerdings leider sehr gelungen.)
    Nach der Stadtrundfahrt wurden wir beim Potsdamer Platz aus dem Bus geworfen um ein paar Stunden frei umherschweifen zu können. In der Architektur um diesen Platz herum hielten wir es allerdings nicht lange aus. Es war einfach zuviel postmoderne Sparkassenarchtiektur. Zwar gab es viele Grünflächen, doch diese wirkten nicht weniger kalt, als die darumherum gebauten Häuser: zurechtgestutzt, gerade Kanten, eher als hätte man grünen Teppichboden und ein paar Ikea-Bäume hindrapiert.
    Auf dem Weg Richtung Alexanderplatz stach ein riesiger Betonquader heraus (ich bin mir nicht mehr ganz sicher ob es das Unterwelten-Museum oder ein anderer Bunker war.) Darin war auf den Unteren Geschossen eine Ausstellung über den Bombenkrieg – sehr beklemmend, sehr eindrucksvoll. Als wir im 1. Obergeschoß ankamen, erwartete uns eine Art Labyrinth und nach ein paar Metern sprang eine als Hexe kostümierte Gestalt entgegen. Es sollte wohl so etwas wie eine Geisterbahn sein. Im Obergeschoß gab es glaube ich, eine Disco. Das wirft doch ein bestimmtes Licht auf die deutsche Gedenkkultur. Ich möchte nicht wissen, welches politische Erdbeben ausbrechen würde, triebe man solchen Schabernack im Stelenfeld.
    Am nächsten Morgen fuhren wir aus der Stadt hinaus. Als wir durch Charlottenburg fuhren seufzte der ganze (zugegeben mit Landeiern besetzte) Bus auf: Bißchen flach, aber hier könnte man`s aushalten.

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