Politische Entmenschlichung

Vor ungefähr zehn Jahren passierte mir folgendes: An einem sehr heißen und schwülen Sommertag wollte ich im naheliegenden Wald eine Runde joggen. Aber schon als ich in den Schatten einbog, sah ich am Ende des Weges etwas liegen. Es waren zwei Füße, die senkrecht nach oben wiesen. Sie gehörten zu einem Mann, der am Wegrand lag. Daneben stand ein Fahrrad sauber abgestellt.

Zuerst dachte ich, er sei betrunken, aber nachdem er auf meine Rufe und das Rütteln nicht reagierte, war klar, daß es etwas Ernstes sein muß. Er atmete nicht mehr, auch sein Herz schien still zu stehen. Also begann ich mit ersten Wiederbelebungsmaßnahmen. Da kam ein anderer Jogger vorbei, der sofort half. Er gab Mund zu Mund Beatmung, ich übernahm die Herzdruckmassage. Zuvor war ich noch schnell zum nächstliegenden Haus gerannt, einen Notruf abzusetzen.

Zehn Minuten lang bearbeiteten wir den leblosen Körper, der seltsame Geräusche abgab. Ich spürte, daß ich ihm eine Rippe gebrochen hatte, aber es half nichts, wir mußten weitermachen. Endlich kamen die Rettungskräfte und übernahmen mit geübter Routine, fuhren ihn, nachdem Spritze, Defibrillator und Beatmungsgerät keinen Erfolg zeigten, ins Krankenhaus, wo er, wie ich später erfuhr, nach weiteren Reanimierungsversuchen, verstorben ist.

Der Mann war vielleicht 40 Jahre alt.

Hätte ich erst nach seiner politischen Meinung fragen sollen? Oder nach einem Parteibuch? Ob er mit meiner Weltanschauung übereinstimmt?

Diesen Eindruck bekommt man, wenn man den Hype der letzten Tage um einen „SPD-Politiker kurdischer Abstammung“ – einen berufsmäßigen Mediziner – sieht, der einen AfD-Kollegen in ähnlicher Situation gerettet hat. Man feiert ihn in der Presse, als ob er es gewagt habe, ein Monstrum zu berühren, ein ekliges menschliches Wesen und im Subtext steht eigentlich: Wir hätten auch verstanden, wenn du ihn hättest verrecken lassen.

In der Süddeutschen wird er interviewt und die Journalistin entblödet sich nicht, zu fragen: „Haben Sie in all diesen Situationen jemals daran gedacht, wen Sie gerade retten?“ Im Tagesspiegel will man damit die Migrationskritik der AfD in Frage stellen

Zugegeben, mich schockiert das!

Diese Story sollte keine sein. Der Mann tat das, was seine Pflicht ist und was – hoffentlich – jeder Mensch tut, wenn er sich in ähnlicher Situation befindet. Daß dies überhaupt ein Thema wird, noch dazu eines, das scheinbar die gesamte Linkspresse beschäftigt, zeigt ein erschreckendes Maß an moralischer Verrohung.

Diejenigen, die das Wort „Menschlichkeit“ durch Überstrapazieren entwertet haben, sind Teil einer schlimmen Entmenschlichung aus politischer Motivation heraus. Hier wird der allgemeinmenschliche Grundkonsens aufgelöst, das natürliche Empathieverhalten unterminiert, wie man es seit den dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte nicht mehr gesehen hat. Das wäre übrigens ebenso ein Skandal, wenn es unter politisch umgekehrten Vorzeichen geschehen wäre.

Und dieser Fall ist ja kein Einzelfall, er ist nur Symptom einer Entwicklung. Allein in den letzten Tagen durften wir lesen, daß der Arbeiter-Samariter-Bund keine AfD-Mitglieder aufnehmen und sie ausbilden will und damit potentielle Lebensrettung verhindert. Wir werden gleich mehrfach mit Artikeln beglückt, die den Konflikt junger Leute – automatisch links – mit ihren AfD wählenden Eltern beschreiben, und es wird die Frage gestellt, ob es nicht besser sei, den Kontakt gleich abzubrechen. Christen werden belehrt, daß Christentum oder Kirche und AfD nicht vereinbar seien. AfD-Mitglieder werden beim Arzt nicht behandelt. Sie werden in Gaststätten nicht bedient oder bekommen kein Bier ausgeschenkt. Fußballvereine machen die Mitgliedschaft von einem Nichtengagement in der AfD abhängig usw.

Diese Menschen tun das, um „ihre“ Gesellschaft zu retten, die Welt, in der sie leben, aber sie scheinen nicht zu verstehen, daß sie selbst diese Welt mit aller Kraft zerstören, wenn sie das soziale Band zerreißen.

Advertisements

5 Gedanken zu “Politische Entmenschlichung

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Die Angst vor eigener Isolierung in der Nahgruppe dürfte die meisten dieser Heiligen Michel antreiben, und meistens dürfte ihnen dabei das eigene konformistische Verhalten gar nicht bewusst werden. In einer von Anfang an moralisch eingefärbten Frage konstituieren sich die gegnerischen Gruppen als Bürgerkriegsparteien zumindest in der Ideologie. Hoffen Sie besser nicht darauf, dass viele der so Engagierten auf der Leiter der Einsicht wieder ihre Zinnen verlassen könnten. Das ist wie bei Faustens Pudel – wenn sie durch die emotionale Tür in einen Raum einreten, dann können sie ihn auch nur wieder durch die emotionale Tür verlassen.

    Ich suche eine Erklärung zu einer Beobachtung vor wenigen Tagen, vielleicht haben Sie einen Vorschlag. Ich ging nach eingefallener Nacht eine kleine Fußgängersteige aufwärts nach Hause, da begegnete mir ein junger Mann um die zwanzig aus der jüngsten Einwanderung, der unverkennbar arabisch sprach, ohne Unterbrechung und nur mit sich selbst. Ich bemerkte, dass er fünfzig Meter unterhalb von mir umḱehrte, weiter oben am Hang dann wieder kehrt machte Oben auf dem Hügel setzte ich mich auf eine Bank und beobachtete das Schauspiel etwa fünf Minuten lang. In der Zeit redete er ohne Unterlass und setzte seinen Pendelgang fort. Verstanden habe ich nur vereinzelt eine Art von vergleichsweise unkehlig gesprochenem Allahu akbar. Offenbar redete er nicht in gebundener Sprache, ich hörte weder Füße noch Reime. Er las auch nichts ab, es war also nicht etwa der Versuch, sich ein Gedicht in klassischer Form einzuprägen, wobei das Gehen sehr hilft, anders als bei freien Versen, für welche das Verfahren nicht taugt. Sein Gang war raumgreifend-hemdsärmelig wie etwa auf Ihrem Favicon.

    Gefällt mir

  2. Absalon von Lund schreibt:

    Im Land der Heuchler dreht sich alles um. Diese Heuchelei haben die Deutschen dem Martin L. zu verdanken. Vergleichen sie die beispielsweise die katholische Kirche in Ungarn und in Deutschland. In Deutschland steht katholisch drauf, aber die Kirche ist zu 99% evangelisch. Die katholische Kirche in Deutschland ist also nicht mehr christlich, sie ist eine Sekte, die sich christlich nennt. Die evangelische Kirche bezieht sich nämlich nicht auf Chrsitus, sondern auf den oben erwähnten Martin. Die Religion heißt Luthertum, nicht Christentum. Hier zählt nur die Moral oder die politische Korrektheit und der Gutmensch. Dieser ist aber voller Hass und der Hass macht den Menschen zum Unmenschen und deshlab hilft der Korrekte auch dem AfD-Politiker nicht. Aber schon im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird deutlich, daß sich die Moralapostel seit Jesu Zeiten nicht geändert haben. Aber es kommt dann doch einer vorbei,der das Herz am rechten Fleck hat und der heißt in diesem Fall Serdar Yüksel.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.