Luther als Schicksal

„Im Moralapostolat – die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation“, heißt ein Buch, das von Ellen Kositza (kath.) wärmstens empfohlen wurde. Auch als ein überfälliges Gegengift gegen die letztjährige Lutherei.

Sein Grundgedanke klingt verführerisch: Luther ist schuld!

Zumindest am Moralismus unserer Zeit, denn dieser sei im reformatorischen Denken von Anfang an versenkt gewesen und nun geht die Saat auf: „politische Korrektheit, die hypermoralische Gesinnungsdiktatur, die ‚Alternativlosigkeit‘, die Erinnerungs- und Willkommenskultur unserer Tage sind säkularisierte Ableger eines purifizierten reinen Glaubens“, so die Ausgangsthese, „der mit Luther die Weltbühne betrat …“ Seit Luther glaubten wir weniger an die Gute Nachricht, sondern mehr an die gute Absicht.

Man erkennt an diesen Zeilen sofort, wo der Autor, Horst G. Herrmann, steht und daß er keine Gefangenen mehr nimmt. Das Buch ist unglaublich kraftvoll geschrieben, es ist voller Witz und Zynismus, Verve und Wut, Unterstellung und Urteil.

Die „lutherischen soli (solus Christus, sola fide, sola scriptura, sola gratia)“ haben entgegen ihrer Absicht, aber eben voraussehbar, schnell ihr destruktives Werk vollführt und im Kampf gegen Dekadenz und Gesinnungsdiktatur flink eine neue installiert. Wobei Herrmann, ebenfalls Katholik, seinem eigenen Glauben und der Geschichte seiner Kirche einen gewissen Gutwilligkeitsbonus unterstellt und auffällig viel Offenheit und Vielfalt – die man etwa schon in der Trinität und ihren Aporien vorfände – wahrnimmt.

Ganz wesentlich sei dabei die Person Luthers gewesen, zwar ein begnadeter Theologe, aber ein fragwürdiges Temperament mit erschreckender Tendenz zur Kompromißlosigkeit. Sein „Hier stehe ich und kann nicht anders“ sei der „moral turn“ gewesen, an dem das eigene Gewissen dem Wissen vorgeschaltet, an dem Tugendethik durch Moralistik ersetzt wurde. Das Zauberwort ist dabei die „Reinheit“: das gute Gewissen wurde durch das reine Gewissen ersetzt und seine Flamme ist bekanntlich der Glaube, der alles rechtfertigt.

Bohrt man nun bei Luther weiter, dann findet man die Angst, eine heute unvorstellbare Heilsangst, die Luther angetrieben und die er der westlichen Welt eingepflanzt habe. Luther als Einzelner hat hier sein Meisterstück vollbracht:

„Daß sich hier ein ganzer westlicher Kulturkreis auf ein keinesfalls massenhaft latent vorhandenes, sondern vielmehr auf das in seiner Rigorosität überaus singuläre wortgebundene Glaubens- und auch Liebesverständnis eines zutiefst verängstigten Einzelnen eingelassen hat, darauf kann nicht genug hingewiesen werden.“ Luther als Fatum?

Er muß hier mächtige Lasten tragen: von der Heilsangst, die er allein in die westliche Welt getragen haben soll über die binäre Logik, die durch ihn eingeführt worden sein soll, bis hin zu unserer „Vorliebe für Sündenfälle“ à la Sklaverei, Inquisition, Holocaust, Rassismus, Waldsterben und was dergleichen Selbstschuldzuweisungen noch so existieren. Ein Tausendsassa dieser Luther. Daß Schuld Realursachen haben kann, scheint Herrmann vergessen zu haben. Man sieht, das Kind wird mitunter mit dem Bade ausgeschüttet.

Und das alles, obwohl die Reformation „keine geschichtlich notwendige Lösung“ gewesen sei?

Was Luther, der Augustinermönch, getan habe, war die durch die patristische Tradition glücklich beerdigten explosiven Augustinismen wieder scharf zu machen: Prädestination, unfreier Wille, Erbsünde, negative Anthropologie, Gnadenlehre, Verdammnis. Dabei habe Luther auch bewußt getrickst, ganz explizit in seiner Bibelübersetzung. So kam das ganze Sündenbewußtsein in die westliche Welt und die wiederum konnte später perfekt an das vor allem deutsche Schuldgefühl und an die Geschichts- und Ursprungsvergessenheit, Herkunfts- und Vaterlosigkeit,  andocken. So ist die Linie von Luther zu Habermas oder Merkel oder sogar Emcke und Käßmann schnell gezogen.

Ja, es geht rasant zu in diesem Buch! Und man kann nicht anders, als immer wieder zu denken: Da ist was dran!

Erst wenn man sich von diesem furiosen Redestrom, der das metaphorische Vorantreiben mitunter überzieht, etwas zurücklehnt, kommen Fragen. Erinnert das letztlich nicht sogar an Lukács, der uns den Weg des „Irrationalismus von Schelling bis Hitler“ aufzeigte und somit die gesamte klassische deutsche Philosophie in Gruppenhaftung nahm? Wird bei all den wichtigen Entdeckungen, die Herrmann freischaufelt, den berechtigten kritischen Fragen an den Protestantismus und den blitzgescheiten Analysen des jetztzeitigen Moralismus nicht auf der anderen Seite längst Erkanntes wieder zugeschüttet? Muß man sich nach alldem nicht vielmehr fragen, warum Luther zum Schicksal werden konnte? Und wieso kommt eigentlich Max Weber nicht zu Wort? … Vielleicht liegt die Skepsis aber auch an meiner Aversion gegen Erklärungen aus archimedischen Punkten heraus.

Als konfessionsloser Leser hat man Vorteile – man muß nicht Partei ergreifen. So kann man vielleicht auch die großen geschichtsphilosophischen Rätsel im Blick behalten, die Herrmann hier aufruft, aber nicht klärt. Warum Luther? Warum nicht schon Hus oder Wycliff? Und was, wenn es Luther nie gegeben hätte?

Antworten darauf kann man unter anderem im Marxismus finden. Es ist schade und verhängnisvoll, wenn das allgemein anerkannte „Ende des Marxismus“ dazu führt, seinen Wahrheitskern mit auszuspucken. Ein Blick in Friedrich Engels‘ „Der deutsche Bauernkrieg“ etwa, hätte Herrmann schützen können, sich derart zu übernehmen

Das ist bedauerlich, denn das Buch ist wesentlich und wichtig, für Protestanten und Gläubige überhaupt Pflichtlektüre. Man kann es wirklich gewinnbringend lesen, wenn man weiß, daß hier einer sucht – und wer suchet, der findet bekanntlich. Zwar selten die Wahrheit, aber sehr oft einen Zipfel davon. Wenn man diese beiden Dinge nicht verwechselt, dann lohnt die Lektüre.

Horst G. Herrmann: Im Moralapostolat – die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation. Manuscriptum Verlag, Berlin 2017, 380 Seiten

siehe auch: Luther der Deutsche

Zum Reformationstag

2 Gedanken zu “Luther als Schicksal

  1. Absalon von Lund schreibt:

    Das Buch wird sehr empfohlen. Luther hat nach meinem Verständnis die Deutcshen tatsächlich auf die falsche Fährte gesetzt. Auch wenn es abgedroschen klingt: aber es geht in diesem Leben nur um die Liebe, nicht um Moral. Wenn einer keine Liebe hat (wie Luther, so meine Vermutung) dann bleibt ihm nur die Moral und das ist pure Heuchelei. Er war ein Verdrehter und so viele Verdrehte folgen ihm nach, diese guten Menschen (wie Dunja H.), die in Wirklichkeit voller Hass sind, wie schon Graham Greene bemerkte. Hass aber macht den Menschen zum Unmenschen, habe ich kürzlich in einem sehr fundierten Artikel gelesen!

    Liken

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Der heutige Protestantismus hierzulande ist überwiegend eine Sozialarbeiterideologie – alle sind Opfer und brauchen unsere Betreuung – für die alles Theologische nur eine zierende Lüftelmalerei oben am Giebel ist, ein spiritualistischer point d’honneur. Wenn man eine Ideologie verstehen will, dann muss man die Motive ihrer Anführer und Anhänger erfassen; die geistigen Filiationen spielen demgegenüber keine bedeutsame Rolle, indem das Erbmaterial stets passend rearrangiert werden kann, ganz besonders natürlich bei Ideologien, für die das tertium non datur nie eine unüberwindliche Schranke war. Welche Bedeutung haben für die meisten heutigen Protestanten Luther oder seine Gnadenlehre noch? Neuendettelsau ist das neue Wittenberg, das alte ist tot und begraben. Nur weil die alte Benennung beibehalten wurde, muss nicht die Sache selbst gleichgeblieben sein.

    Bei aller Vorsicht, die gegenüber Erkenntníssen der Psychologie angebracht ist, erlaubt etwa die Maslowsche Bedürfnispyramide eine gewiss treffendere Analyse des umgehenden Hypermoralismus (kurz und knapp: Den Eseln geht es zu gut, deshalb haben sie überspannte Ansprüche, deshalb gehen sie auch aufs Eis.) als die Vorstelllungen des mittelalterlichen Mönchs Luther, der unter der Fuchtel der älteren christlichen Ideologeme stand, als die Stütze des Christentums die Furcht und der Schrecken vor dem rachsüchtigen Herrn war. Die aufgeknüpften Eierdiebe konnte man ja täglich am Galgen baumeln sehen, das veranschaulichte die Rabiatheit der landes- und himmelsherrlichen Autorität recht gut.

    Der liebe Jesus von heute ist dagegen umgänglicher und schickt sich fleißig in alles, was man von ihm begehrt. Wer hat denn heute noch Angst vor der ewigen Verdammung? Nun, vielleicht noch ein paar verstreute traditionelle Protestanten im Kirchenvolk, doch die Mehrzahl der Protestanten und allen voran das kirchliche und diakonische Personal vermag seine theologischen Vorstellungen dem Tagesmarkt sehr „zeitnah“ anzupassen. Sogar der etwas mehr old style operierende Papst hat die Vorhölle auflösen müssen, weil dieser Aufenthaltsort für die Kinderseelen heute nicht mehr zumutbar erscheint.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.