Frankfurter Gewaltspirale

Die Frankfurter Buchmesse hinterließ freilich noch einen bitteren Nachgeschmack. Am Sonntagmorgen, dem 14.10., berichtete zuerst wohl die NZZ von einem tätlichen Angriff auf den Verleger Kubitschek, seine Frau Kositza und einen Mitarbeiter. Alle drei wurden dabei verletzt.

Man habe im Außenbereich einer Pizzeria gesessen und wurde unversehens und von hinten von drei vermummten Gestalten angegriffen. Da diese Kubitschek ansprachen, kann er kein Zufallsopfer gewesen sein. Dem Verleger wurde dabei mit einem Fußkick an den Kopf getreten, so daß dieser auf die Tischplatte schlug. Danach versuchten die Täter, Papiere und Laptop zu stehlen, auf die Frau Kositza sich verteidigend warf. Daraufhin wurde sie Ziel der Angreifer, die auf ihren Rücken sprangen und sie zudem am Knie verletzten. Eine dritte Person, die zu Hilfe eilen wollte, wurde mit einer Flasche am Kopf verletzt.

Man lehnt sich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man, nach dieser Schilderung, von einem Antifa-Angriff ausgeht. Frankfurt ist bekannt für seine Antifa – im Jahr zuvor war sie bereits mit linksradikalen Vertretern vor Ort, die z.T. martialischen Vereinen anhingen. Demnach dürften die Täter zufällig an der Pizzeria vorbei gekommen sein, den Verleger erkannt – später erinnerte man sich an das kurze Stutzen der drei Männer – und spontan, nach kurzer Überlegung, die „Chance ergriffen“ haben. Der alles verachtende Haß, den derartige scheinbar spontane Gewaltexplosionen verraten, muß tief sitzen und lange eingeübt worden sein.

Auch wenn der körperliche Schaden glücklicherweise nicht lebensbedrohlich war – was er hätte sein können; man darf die Inkaufnahme nicht unterschätzen! –, so dürfte der seelische – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – erst nach längerer Zeit einzuschätzen sein. Nach solchen Erfahrungen kann der öffentliche Raum schnell zum Gefahrenraum werden. Das genau ist aber der Sinn solcher Gewalt: einen Eindruck zu hinterlassen, der das weitere Handeln bestimmt.

Nun ist das Verlegerpaar seit vielen Jahren Angriffen aller Art ausgesetzt; auch physische Attacken waren schon dabei. Es wurde vor der eigenen Haustüre mehrfach demonstriert, man mag gar nicht wissen, was über Telefon und Post kommt, vor allem aber sieht man sich einer gnadenlosen Presse gegenüber. Es ist überhaupt ein Wunder und ein Zeichen großer Stärke, in solcher Lage noch Vertrauen in die Umwelt zu haben.

Auch diesmal hatte man sich schnell beeilt, zur Normalität zurückzukehren. Kositza schrieb als Antwort auf einen Foristen: „Wir zählen aber notorisch zu den Leuten, die ihre Kinder unbehelmt fahrradfahren lassen, manchmal verkehrtrum in Einbahnstraßen fahren, und ich persönlich gehe überhaupt ohne Sinn und Verstand immer dorthin, wo’s mir beliebt. Und stets ohne „Entourage“. So isses halt. Drum darf unsereins nicht jammern. Tut er ja auch nicht.”

Das ändert freilich nichts daran, daß die Linke der Rechten das „Opfer-Narrativ“ aufdrückt. Demnach darf auch das Opfer kein Opfer sein und wenn es, wie hier, den Opfer-Status ablehnt, dann wirft man ihm auch das noch vor.

Und hier kommen wir an einen springenden Punkt. An einen Endpunkt. Den man verschieben muß – wie ich finde.

Man kann das am Fall eines Journalisten der „FR“ gut darlegen. Der Zufall will es, daß ich Danijel Majić schon seit einiger Zeit und ganz unabhängig von diesem Vorfall auf Twitter folge. Das heißt, ich schaue alle paar Tage bei ihm herein, um zu sehen, was sich in dieser Blase so tut. Es ist nämlich sehr ratsam, den Diskursen verschiedener Zirkel zu folgen. Dabei genügt es in der Regel, einem Vertreter auf der Spur zu bleiben, die zehntausend anderen teilen sich gewöhnlich die gleichen Nachrichten – rechts wie links. Vermischen sich die Sphären, dann nur im Kampfmodus. Entweder kann man einen Tweet eines „Gegners“ lächerlich machen oder ihn als „total realitätsfern“ entsetzt wahrnehmen oder seine eigene Meinung, wie der andere zu sein habe, bestätigen … jedenfalls ist der Kontakt nur konfrontativ.

Danijel Majić habe ich gewählt, weil er mir recht lustig und intelligent vorkam, weil er sich mit Themen beschäftigt, die mir fremd sind, weil er extrem links und weil er ein namhafter Journalist ist. Er macht aus seinem Herzen auch in der „FR“ keine Mördergrube, zügelt aber doch seine Sprache – sein Twitter hingegen strotzt vor Aggressivität, die zum Glück wenigstens mitunter zynisch abgefedert ist. Auch das macht ihn interessant: Wie kann ein ideologisch vollkommen festgelegter Mensch, dem das Verständnis für andere politische Meinungen offensichtlich abgeht, in einer großen Zeitung schreiben?

Nun, um das zu verstehen, muß man sich der „Frankfurter Rundschau“ zuwenden. Dort versammeln sich nämlich eine Vielzahl straff linker, meist junger Autoren und schreiben gegen das Sein an. Auch in den Kommentaren tummeln sich linke bis linksextreme Meinungen, ja, in den Foren gibt es sogar „Aufpasser“[1], die jede abweichende Meinung sofort aggressiv angehen und zum Schweigen bringen wollen. Zugegeben, die einst stolze Zeitung erlebt einen fürchterlichen Schwund, der ihr so peinlich ist, daß man seit 2013 die Verlagszahlen gar nicht mehr an die IVW weitergibt.

Dieser Danijel Majić jedenfalls, der sich auf Twitter u.a. „Vaterlandsverräter und stolz darauf“ nennt oder seine Leser des Morgens mit „Ein neuer Tag bricht an! Wieder sind wir dem Großen Austausch ein Stück näher!“ begrüßt – was ich ganz lustig finde – hatte an besagtem Samstag in Frankfurt folgenden Tweet abgesetzt:

© Danijel Majić Twitter

Und damit begann das Spiel erneut. Diese Zeilen lasen sich nach der körperlichen Attacke plötzlich anders als zuvor. Wer genau hingeschaut hatte, dem hätte klar ein müssen, daß Majić auf eine „Demo gegen Rechts“ anspielte, die anläßlich der Messe in Frankfurt und der kommenden Landtagswahl stattfinden sollte.

Der für Twitter verantwortliche Sezessionist nahm das auf:

So begann der kleine Twitter-Krieg, dessen Ergebnis von Beginn an bekannt war: ermüdete Augen und verfestigte Fronten.

Auch Martin Sellner sprang auf den Zug auf und drehte ein Video, auf das sich Majić wiederum ironisch bezog – ohne daß es irgendeinen wirklichen Kontakt gegeben hätte. Immerhin wies Martin Sellner danach den einzigen Ausweg – er bot ein Gespräch an. Das natürlich abgelehnt wurde. Wie auch sonst.

Dennoch! Das ist der einzige Weg! Man muß es immer und immer wieder tun! Vor allem, wenn doch offensichtlich ist, daß die Wahrnehmung durch den anderen auf einem Irrtum, auf Vorurteilen, auf Unwissen beruht. Erst wenn man komplett sicher sein kann, daß diese Fehlerquellen ausgeräumt sind, wenn ich also wirklich weiß, daß der andere weiß, wer ich wirklich bin und umgekehrt … und es dann noch immer keine Annäherung – jenseits der persönlichen Sympathie – gibt, erst dann sollte man den Faden zerschneiden, aber noch immer mit der Option, ihn später, wenigstens versuchshalber, neu zu knüpfen.

Das Gleiche gilt für das alberne Gewaltdistanzierungsspiel. (An ihm erkennt man die frühe Genialität eines Helge Schneider). Die Linke fordert von der Rechten, die Rechte von der Linken die Distanzierung der Gewalt gegen Linke oder Rechte und wenn das nicht geschieht, dann distanziere man sich auch nicht. Tatsächlich nehmen sich beide Seiten hier nicht viel. So wie selbst in der Presse eine heimliche Schadenfreude, daß es den Kubitschek endlich mal erwischt hat, nicht zu überhören war oder man ihm – durch die Blumen – sogar der bewußten Täuschung bezichtigte, so finden auch viele Rechte Gewalt „irgendwie gerechtfertigt“, wenn sie nur die richtigen erwischt.

Tatsache ist: die Gesellschaft ist tief gespalten, es kommt zunehmend zu Konfrontationen, Mikrokriege – alle gegen alle – werden alltäglicher. Das ist schlecht! In jede Richtung!

Auf den Webseiten immer wieder das gleiche Spiel: „dieselben Leute, die sich nicht von X distanzieren, wollen nun, daß ich mich von Y distanziere. Solange Z sich nicht von X …“; „Man stelle sich vor, das hätte X gemacht …“ usw.

Um aus dieser Zirkusnummer herauszukommen, hilft nur eins: der komplette Bruch – und das kann in zweierlei Form geschehen:

Entweder man macht von vornherein und ein für alle Mal klar und strahlt dieses „Bekenntnis“ auch permanent aus, daß man gewisse Formen der Auseinandersetzung verurteilt, sich ihrer nicht bedient, egal ob X oder Y oder aber man meidet jedes Bekenntnis, vor allem aber jedes positive, sprich jede Form von Sympathie, auch die allerheimlichste, wenn es die anderen, also die „richtigen“ getroffen hat.

Und wenn ich weiß, daß der andere mich nicht haut, und er das von mir weiß, dann sollte ein zivilisiertes Nebeneinander doch möglich sein.

Zumindest eine Gemeinsamkeit dürften doch fast alle haben: Wir wollen das Beste für die Zukunft. Was das Beste sei und wie es zu erreichen ist, nur darin unterscheiden wir uns.

[1] Hans-Joachim Elflein, hansundsophie u.a.

Ein Gedanke zu “Frankfurter Gewaltspirale

  1. Dankenswerterweise und wie auf Bestellung hat Danijel Majić in der „FR“ soeben einen Artikel über Götz Kubitschek veröffentlicht, der obige Argumentation „vollinhaltlich“ zu bestätigen scheint:
    http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/goetz-kubitschek-die-neue-rechte-und-ihre-co-narzissten-a-1603981

    Wer Sätze schreibt wie: „Wer sich länger mit Kubitschek befasst hat, kann schwerlich übersehen, dass der in den Raum des (vermeintlich) Politischen extrapolierte eigene Narzissmus Kern und Angelpunkt seines Denkens ist.“ oder: „Dass die Denkschule dieses Mannes dabei ganz eindeutig in der Tradition des Faschismus steht …“

    hat sich in Wirklichkeit n i e die Mühe gemacht, sich mit Kubitschek, seinem Verlag, dessen Erzeugnissen oder seinen Autoren zu beschäftigen. Es verwundert daher auch nicht, daß Majić die von Beginn an deutlich eingebaute subversive Ironie der Aktion selbst jetzt, nachdem sie vielfach benannt und aufgezeigt wurde, entgeht und er den Witz skatologisch wenden muß.

    Aber gerade deswegen – das ist der Dreh! – ist ein solcher Mann ein potentieller Adressat, denn er argumentiert aus Unkenntnis heraus. Hätte er alles studiert, wüßte er, wovon er spricht, dann wäre sein Haß „begründet“ – man müßte ihn dann allerdings über Kenntnisse und Argumentation und Verständnis befragen, also wieder kommunizieren.

    Fazit: es führt kein Weg an (am Versuch) der Kommunikation vorbei – sofern man selbst ein Interesse hat, verstanden zu werden.

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