Tag der deutschen Vielfalt

Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage: »Man hat mir Böses getan« ist das Böse selbst unterdrückt. (Mark Aurel)

Huch! Ist heute 3. Oktober? Hätte ich die Zeitung nicht aufgeschlagen, es wäre mir fast entgangen. So aber darf ich großartige Sätze wie diese lesen:

„Nicht länger zu ignorierende Teile der Gesellschaft wählen dort die AfD – ob aus Überzeugung oder Protest, ist erst einmal egal, denn das Signal, das sie senden, ist leider eindeutig: Sie stimmen und stemmen sich gegen unser Land, wie es ist, sein will, sein soll. Demokratisch, offen, im besten Falle wirklich plural.“ (Jana Hensel in „Zeit Online“)

Au Backe!

Ich möchte mein Publikum nicht durch eine Interpretation dieser seltsamen sich selbst verzehrenden Gedankengänge beleidigen. Jana Hensels Aufforderung, diesen Feiertag abzuschaffen, mag gute Gründe haben, auch jenseits der typisch deutschen Selbstverleugnung, die uns von ihresgleichen seit Jahrzehnten wie ein böses Gift in kleinen Dosen eingeträufelt wird. Vielfalt sind immer nur Spielarten des Eigenen.

Ein paar Worte haben hingegen die Forderungen der „Migrantenverbände“ verdient, doch auch, quasi als Gegengift zum „Tag der Einheit“, einen „Tag der Vielfalt“ zu feiern, denn diese Forderung ist vielsagend und subtil.

Das beginnt mit der Forderung als solcher. Hier läßt sich die unterschiedliche Wahrnehmung der Realität aufzeigen. In einer Überflußgesellschaft etwas zu fordern, kommt oft nicht gut an. Vor allem dann, wenn diejenigen, von denen gefordert wird, das Gefühl haben, ohnehin schon alles oder doch zumindest sehr viel gegeben zu haben. Und Vielfalt – ganz im Ernst – wird in diesem Lande an jedem Tag, zu jeder Stunde, auf jeder Zeitungsseite, in jeder Tagesschau, in jeder Partei, in den allermeisten Unternehmen, ja selbst in den Vorständen und bei den Preiskomitees gefeiert, zumindest wagt sich niemand mehr, eine Frau, einen Schwarzen oder einen sexuell Andersorientierten irgendwo nicht mehr zu begrüßen und zu fördern, mit ö.

„Auch die Einwanderungsgesellschaft braucht einen symbolischen Akt – als Anerkennung der gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland.“ Mir scheint, da wird der Sinn des Feierns nicht recht verstanden. Man pflegt hier einen vulgären Hegelianismus, wonach gilt: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Das war seinerseits ein komplizierter Gedanke. Wenn man daraus ableitet, daß alles Seiende zu feiern und durch symbolische Akte anzuerkennen sei, dann kommen wir in Teufels Küche. Auch die Masern sind gesellschaftliche Realität oder die sinkende Zahl zunehmender Messerstechereien und auch Merkels 12. Jahr …, aber niemand mit Verstand käme auf die Idee, das zu feiern.

Einwanderung an sich ist kein Wert und schon gar kein apriorisch positiver. Den müßte man erst begründen in all seiner Komplexität und dazu, befürchte ich, taugen unsere Qualitätsmedien eher nicht und man wird auch die Postionen der AfD anhören müssen.

Noch bedenklicher aber ist die Rede von der „rein ,weißen‘ Sicht“– „deutschdeutsche Ostdeutsche wiedervereint mit deutschdeutschen Westdeutschen“.

Diese leidige Rassismusdebatte – sie stellt unerwartete Fallen. Da tapsen auch diejenigen, die sich lautstark gegen „Rassismus“ stark machen, immer wieder gern hinein. Man fühlt sich diskriminiert – hier ganz abstrakt, jenseits der Alltagserfahrungen – weil man im Unabänderlichen lebt und dann wird Hautfarbe plötzlich wieder wichtig, dann darf der Rassismus umgedreht werden. Aus der Distanz betrachtet, verwundert das nicht, denn längst leben wir in einem Zeitalter des Paradigmenwechsels: Rassen gibt es nicht – das kann man tatsächlich diskutieren, weil es zuvörderst nur ein Begriff ist –, aber Rassismus dann schon, und der geht immer in eine Richtung: Nur Weiße können Rassisten sein und genau diese Unterstellung polt den Rassismus um: Wir treten ins Zeitalter ein, in dem weiß sein ein Nachteil ist und zunehmend sein wird. Das werden auch jene bald erfahren, die noch immer eifrig gegen sich selbst und ihre Hautfarbe kämpfen. „Woman is the nigger of the world“, hieß es bis vor kurzem; heute muß es lauten: „White is the nigger of the world“, ganz gleich, ob woman oder man.

Deutschdeutsche Deutsche – was soll das sein? Das ist Denken in antiquierten Kategorien. Niemand wird Herrn Posener oder Frau Stokowski das Deutschsein absprechen, nur weil ihre Vorfahren aus England oder Polen oder sonst woher stammten. Ich selbst spreche auch Herrn Boateng das Deutschsein nicht ab. Aber so seltsam es klingt: sein Äußeres – für das er nichts kann, das ihn aber objektiv noch immer unterscheidet von der Mehrheit selbst in ihrer Vielfalt – muß als wirklich angenommen werden, auch von ihm, und wird erst dann zur Vernunft geadelt, wenn er die typischen – im Durchschnitt typischen – Eigenschaften und Werte der Deutschen verinnerlicht hat: Wortbekenntnis allein kann nicht genügen.

Das heißt: man sollte die Sprache beherrschen, so weit, daß man in ihrer inneren Logik denken kann, man sollte das Rechts- und Wertesystem verinnerlichen, sich mit der Geschichte identifizieren, d.h. auch, ihr Kreuz tragen, man sollte die wesentlichen Teile des kulturellen Erbes kennen und sich damit auseinandergesetzt haben, die Gepflogenheiten und Traditionen in ihrer Vielfalt zumindest akzeptieren, zudem sollte die Loyalität beim Heimatland liegen, für das man sich engagiert, dem man im Idealfall gern und voller innerer Überzeugung im Zwange der Notwendigkeit Opfer bringt, die auch weh tun und vieles mehr … Dies ist ein äußerst komplexes und bewegliches Feld, das hier nicht zu beackern ist. Man müßte dabei vor allem intensiv über das Wort „man“ nachdenken.

In Kürze: ein gutes Indiz des Deutschseins ist es, wenn man sich mit anderen Deutschen wesenhaft verständigen kann – jenseits der Individualität, der Sympathie, der Meinungen –, weil man die zahlreichen, oft nonverbalen Zeichen und kommunikativen Voraussetzungen, Rhythmen, Vorannahmen, Distanzen, Zeiten etc. problemlos und vorwiegend unbewußt versteht. Ich bin z.B. deswegen kein Engländer geworden auch nach 10 Jahren nicht, weil es bis zuletzt – von den anderen Punkten abgesehen – immer wieder Situationen gab, die mich vor den Kopf stießen, die mir unverständlich oder befremdlich waren, die aber nur auf die Differenz zum Englisch-Sein zurückzuführen waren. So sind sie und so bin ich „und das ist auch gut so„.

Daß es allein mit der deutschen Sprache bei den Migrantenvereinen noch etwas hapert, sieht man bereits an der Wortwahl, denn man hätte sich einen solchen Feiertag auch wünschen können, oder besser noch, man hätte ihn sich vorstellen oder ihn vorschlagen oder gar erbitten können, aber gleich fordern ist eben ein kleiner sprachlicher Mißgriff, der von einer gewissen Unkenntnis des deutschen Wesens zeugt.

Hier wird zumindest der entscheidende Widerspruch der Migrantenvereine, die einen „Feiertag der Vielfalt“ fordern, deutlich. Die Forderung selbst zeigt ihre Distanz, ihr noch-nicht-integriert-sein. Wären sie es, dann würden sie den „Tag der Einheit“ geradezu feiern, frenetischer vielleicht sogar als die „deutschdeutschen Deutschen“, denn sie wären in ihr aufgegangen, wären Teil dieser Einheit, wären am Ziel, und sie würden sich nicht mehr unterscheiden wollen und können auch wenn sie gerne zu Hause ihre Gerichte kochen und die Teppiche ausrollen können. Zuletzt ist Dazugehören ein Wille.

Goethe – schon mal gehört? – hatte es auf den Punkt gebracht: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Und dieser weise Satz ist ganz hegelianisch zu lesen! Also klassisch Deutsch.

 

siehe auch: Was ist deutsche Kultur?

Dank sei Allah!

Advertisements

2 Gedanken zu “Tag der deutschen Vielfalt

  1. Stevanovic, Stevan schreibt:

    Aus meinem beruflichen Zusammenhang im Personalwesen kann ich Ihnen versichern, dass es die Gläserne Decke gibt. Der weiße Mann hat eine schlechte Presse, aber alle Fäden in der Hand. Die schlechte Presse wird zumeist auch von weißen Männern geschrieben, man könnte glatt lachen. Frauen werden nach wie vor schlechter bezahlt, nicht ernst genommen und sie sind auch selten in den Netzwerken der Macht integriert. Dinge müssen sich ändern, damit sie bleiben, wie sie sind. Der westdeutsche (im Osten, eigentlich in ganz Osteuropa, sieht es besser aus) Mittelstand hat das besonders verinnerlicht. Dadurch scheppert Multikulti- und Gleichberechtigungspropaganda auf allen Kanälen und unterstreicht dadurch nur, wie weit entfernt von einer wirklichen Partizipation der verschiedenen Gruppen wir eigentlich sind. Wobei die Frage wäre, ob Frauen, die ja immerhin schon seit einiger Zeit mit Männern zusammenleben, nicht drei Schritte weiter sein sollten als Menschen, die sich in einem fremden Land gerade eine Existenz aufbauen. Sind sie aber nicht. Stokowski finde ich klasse, besonders wenn ihre Beiträge in Artikel von Männern, die über die wirklich wichtigen Sachen (Wirtschaft, Krieg und Frieden) schreiben, eingerahmt werden. Stokowski ist eine Bereicherung, nicht weil sie eine Frau ist (weswegen sie vom vordergründig liberalen Spiegel ja eingestellt wurde), sondern weil ihre Artikel durch die Bank weg gut sind. Manchmal ärgere ich mich richtig über sie, das schaffen die Jungs nicht. Tatsächlich hat die mediale Propagandatröte ja kaum etwas erreicht (am meisten in der Akzeptanz von Homosexuellen), außer eben, dass der weiße Mann in Panik gerät und das ausgerechnet der, der am weitesten von der wirklichen Macht entfernt ist. Ich halte das mehr für das Ergebnis eines propagandistischen Overkills, als für einen wirklichen Fortschritt. Kurz: der weiße Mann auf der unteren Stufe ist weiter entfernt von der Macht, als er es jemals war, aber nicht wegen Frauen und Schwulen, sondern weil die weiß-männliche Elite das Thema Partizipation als Mittel entdeckt hat, sich alle vom Hals zu halten und damit auch noch eine liberale bella figura zu machen.

    Gefällt mir

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Seien Sie nicht so streng! Einem Land, das 365 Tage der politischen Einfalt im Jahr begeht, kann ein einziger Tag der Vielfalt auch nicht mehr schaden. Es sind dabei natürlich Vorkehrungen zu treffen, dass die Vielfalt nicht etwa als Meinungsvielfalt missinterpretiert wird. Aber auf unsere Gatekeeper ist da Verlass, die wissen schon, dass die meisten, von ihnen unangeleitet, leider nicht wissen, was sie wollen sollen, und tun ihr Bestes, dem abzuhelfen.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.