Jargon der Weltoffenheit

Über dieses Buch hatte ich schon einiges Begeistertes gehört – der beste Garant, es besonders kritisch zu lesen. Doch diesmal verfängt es nicht, denn schnell wird deutlich, daß man es mit einem Meisterwerk zu tun hat und daß Böckelmann ein ganz eigenständiger und originärer Kopf ist.[1] Ihm gelingt es auf erhellende Art und Weise, die Paradoxien, Aporien und Dilemmata des linken Denkens, der linken Sprachspiele aufzuzeigen, die sich im Zuge der 68er „Revolution“ etabliert haben und unser Denken bis heute bestimmen und lähmen.

Einerseits geht er dabei vom Hegemonie-Begriff aus – „Wer die Sprache in Besitz genommen hat, herrscht so vollkommen, daß auch die Kritik an ihm sich der neuen Sprache bedienen muß und auf diese Weise bestätigt, was sie anzugreifen glaubt.“ – andererseits wird just diese Hegemonie kritisch hinterfragt. Daß die 68er eine geschichtsmächtige Kraft gewesen seien, hält er für einen Mythos, auch wenn ihr Einfluß natürlich nicht zu leugnen ist.

Böckelmann zerstört das gern gepflegte Selbstbild der „Revolutionäre“, indem er die systemstabilisierenden Wirkungen des Protestes aufzeigt, ihre moralische Überhöhung etwa durch die Kaperung der NS-Opfer-Identität sichtbar macht und den Habitus, just jene Gesellschaft zu kritisieren, deren Parasit man ist und an deren Überleben man also interessiert ist, offenlegt.

Ihre wirkliche Leistung liegt hingegen in der Schaffung eines Jargons, die sich in mehreren Begriffsfeldern ansiedeln: 1. Selbstverwirklichung/Selbstbestimmung …2. Emanzipation …3. Gleichberechtigung/Gleichheit/Toleranz …4. Chancen/Vielfalt/Pluralismus 5. Authentizität/Selbstsein/Identität. Das differenzierte sich zu verschiedenen Idiomen aus, die eine Verkündigung gemeinsam haben: „den Anspruch des individuellen Selbst, das zu sein, wozu es sich selbst bestimmt, getragen von der Gewißheit, daß allein dieses Selbst die erste und letzte Begründungsinstanz für Ansprüche sein könne.“

Die zweite Leistung der 68er ist es, „der Ökonomisierung des Daseins kräftigen Aufschub“ verliehen zu haben, letztlich die Konsumgesellschaft, die man verbal kritisierte, de facto unterstützt zu haben.

Doch ist diese Entwicklung größer und dynamischer, reicht viel tiefer, als daß die Weltverbesserer darin tatsächlich eine entscheidende Rolle spielten. Sie sind ein Akzidens, eine Fußnote der Geschichte, die sich selber für den Text hält. Tatsächlich lief „der gesellschaftliche und ökonomische Mainstream“ auf 68 zu, allein die Theorie bemühte sich, der großen Entwicklung ihr „revolutionäres Etikett“ aufzukleben, was zu der optischen Täuschung einer historischen Relevanz führte. Das war der PR-Trick der 68er. In Wirklichkeit geht ihnen jede Originalität ab – ob Frauen-, Friedens- oder Umweltbewegung, sie alle waren nach 1945 ex ovo längst in die Freiheit entlassen. Die Linke hat sich diesen unaufhaltsamen Prozessen nur angehängt und sie mit einem enormen Apparat an reflexiven Selbstbestätigungen, in der „Herrschaft der Zirkelschlüsse“, für sich reklamiert und sich selbst damit wahllos oder alternativlos gemacht.

In Wahrheit aber ist die Linke „als historisch eigenständige Kraft verschwunden“, hat sich aufgelöst, die „Gesellschaft in Nullposition“ gefahren. An Land ist ein Bach mehr als Wasser, im Meer ist er nur noch Wasser. Und dann folgt jenes geniale Bonmot, das längst zur Parole geworden ist:

„Wer sich als ‚links‘ tauft, kündigt an, noch hartnäckiger fordern zu wollen, was alle anderen ebenfalls fordern.“

Überhaupt glänzt Böckelmann auch als Aphoristiker: das Büchlein ist durchzogen von gelungenen Aphorismen und Aperçus [2].

Dieser Jargon, der im eigentlichen Fokus der Aufmerksamkeit steht, ist das Signum der „schleichenden Machtübernahme“, nicht diese selbst, ihr Katalysator, diese „Sprechweise mit Vorgeschichte“, hat „kaum etwas in Gang gesetzt, was nicht schon vorher in Gang gesetzt worden war.“ Das Fazit ist ernüchternd und gleicht im Übrigen dem Helmut Lethens: „Im Rückblick erkennen wir, daß Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg ohne eigene kulturelle Visionen gläubig das Marketing der amerikanischen Kulturindustrie betrieb. Die Protestbewegung war nur Passage. Die Rebellen rannten theatralisch offene Türen ein …“

„Für die Menschenrechte und den Schutz der Schwachen setzen sich auch die Medienkonzerne, die Kapitalbeteiligungsgesellschaften und das gesamte massendemokratische Parteienspektrum ein. Den radikalsten Egalitarismus erzwingt die Finanzwirtschaft, und es ist eben der Gleichheitsfuror, der die Solidarität unter den einander Nahen und Nahegekommenen aushöhlt. Hier noch eine Linke anzubinden – als ganz besonders individualistische, tolerante und gerechte Kraft – bringt die Kategorien heillos durcheinander. Denken wir besser streng, machen wir uns klar, daß die Linke als historisch eigenständige Kraft verschwunden ist, es folglich nur noch Nenn-Linke gibt.  …Und linksliberal sind heute nahezu alle“ (98)

In zwei anschließenden Beiträgen versucht Böckelmann  anhand des Begriffes Weltoffenheit, der wie ein Apriori, eine Transzendenz heutzutage behandelt wird, sein Anliegen von 2008 noch einmal zu verdeutlichen und zu präzisieren. Wo, so lautet seine Frage, ist der Grund, auf dem wir stehen könnten? „Wie fassen wir auf einer entleerten Erde Fuß?“ Um weltoffen sein zu können, bräuchte man doch einen Standort …

Schon im Ursprungstext, Jahre vor der sogenannten „Migrationskrise“ konstatierte er hellsichtig: „Abstrus erscheint mir die Verpflichtung der aus Asien und Afrika nach Europa Eingewanderten zur Integration – wohinein denn sollten sie sich integrieren? In eine Gesellschaft vielleicht, deren Traditionen und Eigenwilligkeiten in rapider Auflösung begriffen sind und die es nach vorherrschender Meinung ohnehin nicht wert sind, bewahrt zu werden? Oder etwa in den Geltungsbereich der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland? Das trifft es wohl.“

Mit dieser Sensibilität ausgerüstet, gelingt es ihm auch, den aktuellen Bedeutungswechsel wahrzunehmen. Ihm werden die alten Slogan der „Emanzipation“ und „Selbstverwirklichung“ zugunsten des Begriffes „Selbstbestimmung“ geopfert, weil in ersteren noch ein Rest Substanz, ein Vorgegebenes, eine Entelechie, ein Wesen enthalten ist, zu dem man sich hinverwirklichen könne: Nein, der Mensch von heute schöpft alles, auch sich selbst, aus sich selbst: „Werte, auf die wir uns berufen, sollen von uns selbst bestimmt werden, im Verhältnis zueinander gleichwertig sein, einander tolerieren und zur Vielfalt (der Lebensweisen) beitragen.“

Wenn es an diesem wesentlichen und gedankenschweren Buch etwas auszusetzen gibt, dann ist es vielleicht die mitunter zu sehr Baudrillard imitierende andeutende, ahnende Sprache – den marxistischen Sprachzauber seiner Kinderstube hat er abgelegt –, die die letzte Konsequenz scheut und – wenn man nicht sehr aufmerksam ist – zum gedanklichen Abdriften einlädt.

So wären mir fast die letzten auffordernden Bekenntnisworte entgangen: „Hören wir auf, die Demokratie weltweit zu implantieren, zumal die globale Charity auf Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren hinausläuft. Statt dessen begehren wir einfältige Volksherrschaft, Wiederkehr des Volkes. Warum dieser Rückfall ins 19. Und 20. Jahrhundert? Weil wir reaktionär sind, auf trostlose Weltraumspaziergänge reagieren. Statt alle Welt auf das Gebot der Nächstenliebe zu verpflichten, lieben wir unsere Nächsten wie uns selbst, also zunächst einmal gar nicht, und beginnen füglich das Unsere zu entdecken. Wie das möglich sei? Einschläge im Nahbereich. Offenbarung. Unbelehrbare Treue.“

Frank Böckelmann: Jargon der Weltoffenheit. Manuscriptum Verlag Leipzig 2014
[1] Muß man erwähnen, daß die „konsenswahrenden Medien“ (Böckelmann) das Buch verschwiegen haben? Maßgebliche Besprechungen gibt es nur auf – „Sezession“ und „eigentümlich frei“.
[2] Einige Beispiele: „Die organisierten Achtundsechziger stecken in einem Dilemma, dem sie nicht entkommen können, ohne ihren Anspruch aufzugeben. Sie bleiben realitätsblind, da sie der Realität nur eine Chance geben, nämlich die, mit der Wahrheit, die ihnen eröffnet worden ist, übereinzustimmen.“
„In den Nachrichtenmagazinen sind alle Themen mit Humanitarismus lackiert, mit einer Deckfarbe, die Licht und Klarheit abweist und daher, wie jede Verhätschelung, latent beunruhigt. Für die Lauterkeit unserer Absichten garantiert die kummervolle Miene der Moderatorinnen.“
„Uns ist doch vieles, was heute wichtig ist, morgen schon völlig egal. Damit das so bleiben kann, muß jede Gelegenheit zur Entrüstung wahrgenommen werden. Vorauseilender Gehorsam verwandelt jedes Paar, jedes Publikum und jede Kantinenrunde bei Eingabe geeigneter Stichwörter in eine Entrüstungsgemeinschaft.“
„Wir wohnen abgekarteten Sprachspielen bei, die so angelegt sind, daß jemand, der ihren offenkundigen Widersinn benennt, alle Gesprächsteilnehmer gegen sich aufbringt.“
„Auf der Suche nach einem Inbegriff aller Leitideen haben wir in den neunziger Jahren den Vorzug der Weltoffenheit als Allerweltsformel entdeckt. ‚In unserer offenen Gesellschaft …‘ Diese Selbstauskunft erteilen wir am liebsten. Sie bekundet die nächst- und fernstliegende Aufforderung: gegenüber allem, was uns begegnet, gleichermaßen aufgeschlossen zu sein, sowie im Disperaten die Bereitschaft zu wecken, Anerkennung nach gleichem Recht anzustreben.“
„Unter Zeitdruck haben wir Gelegenheit nur zu einem guten Satz, muß jede Aussage überzeugen, schickt ein jeder die Kurzformeln aus, die Zustimmung oder plausiblen Konsens versprechen. Und alle Teilnehmer bekunden ihre Bereitschaft, grundsätzlich auch andere Haltungen zu dulden (außer den unduldsamen). So verleibt sich die Kommunikation das Kommunizierte ein. Die Verfahrensregel d.i. die Gleichheitsforderung, macht sich zum Hauptthema der Gleichheitsdebatte. Dies ist das letzte Wort der Leitidee.“
„Ansonsten indes bleibt uns die Schizophrenie. Denn einerseits sollen wir endlich lernen, das Fremde, das Andere angstfrei zu ertragen und zu respektieren. Doch andererseits sollen wir aufhören, Unterschiede zu machen, und endlich begreifen, daß die Fremden gar nicht fremd sind.“
„Die Vielfaltsschulung in den weitreichenden Medien verwechselt Vielfalt mit Buntheit und sorgt innerhalb und außerhalb der ethnischen Ghettos für kulturelles Einerlei. Was einen Rest von Vielfalt und die Chance zur Begegnung wahren könnte, wäre einzig die Selbstbeharrung der Autochthonen: derer, die hier eine lange Geschichte haben.“

2 Gedanken zu “Jargon der Weltoffenheit

  1. Leonore schreibt:

    Danke für diese Rezension und dafür, daß Sie dieses Büchlein aus dem Limbus der Totgeschwiegenen herausgeholt haben.

    Allein schon für den Satz „Statt alle Welt auf das Gebot der Nächstenliebe zu verpflichten, lieben wir unsere Nächsten wie uns selbst, also zunächst einmal gar nicht“ hat sich das gelohnt. Ich hoffe, der Verfasser fragt sich auch, WARUM wir heute eigentlich so gefühlskalt sogar uns selbst gegenüber sind…

    Ich kann jedenfalls muß unwillkürlich an die bedrückende Tatsache denken, daß immer mehr Kleinstkinder immer früher und immer länger in Fremdbetreuung gegeben werden, weil Politiker, die (z.T. ganz offen und expressis verbis) „die Lufthoheit über den Kinderbetten“ anstreben, die Gesetze so verändert haben, daß Frauen immer berechtigtere Angst vor Armut / Altersarmut haben müssen, wenn sie es wagen sollten, Kinder nicht nur zu kriegen, sondern auch noch selbst aufzuziehen.

    Bedrückend finde ich das wegen verschiedener Fakten (und aufgrund meines Bauchgefühls als mehrfacher Mutter, die übrigens schon körperlich leidet, wenn ein fremdes Baby im Supermarkt sich die Seele aus dem Leib schreit, ohne daß die Mutter mal Anstalten macht, es auf den Arm zu nehmen oder sonstwie zu trösten).

    Zu diesen Fakten gehören:

    Die Zahl der depressiven und (angeblich) von ADHS betroffenen Kinder stieg seit der stärker genutzten Krippen- / Kita-Betreuung stark an. (Die Symptome von ADHS sind schwer zu unterscheiden von denen bindungsgestörter bzw. unsicher gebundener Kinder.) Eine Erklärung dafür könnte sein:

    Frühkindliches Streßerleben (siehe die in der unten erwähnten NICHD-Studie gemessenen stark erhöhten Cortisolwerte bei Krippenkindern) vermindert das Volumen des Hippocampus und der Amygdala sowie ihrer Verbindungen mit dem Frontalcortex. Genau das sind aber „Hirnregionen, die für Lern- und Gedächtnisprozesse wichtig sind und bei vielen Störungen wie Angst oder Depression im Mittelpunkt der Krankheitsentstehung stehen.“

    http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/hirnforschung-und-therapie-direkter-zugriff-auf-die-psyche-13562618.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

    Die u.a. in der FAZ unter dem Titel „Die dunkle Seite der Kindheit“ (am 4.4.12) veröffentlichte NICHD-Studie (untersuchte eine große Zahl von Kindern über einen längeren Zeitraum) ergab kurz zusammengefaßt, daß Kinder umso „gemeineres“, also antisozialeres Verhalten zeigen, je früher und je länger pro Tag sie in einer Krippe / Kita gewesen waren. Dieses Ergebnis ist unabhängig von der Qualität der Kita / Krippe:
    “ Für Unruhe sorgte die Längsschnittstudie des Entwicklungs¬psychologen Thomas Achenbach (Universität Vermont), der an mehr als 3000 Schülern einen deutlichen Rückgang sozioemotionaler Kompetenzen feststellte. Im Vergleich zu den Siebziger Jahren waren amerikanische Kinder 15 Jahre später verschlossener, mürrischer, unglücklicher, ängstlicher, depressiver, aufbrausender, unkonzentrierter, fahriger, aggressiver und häufiger straffällig. Sie zeigten bei 42 Verhaltensindikatoren schlechtere Ergebnisse, bei keinem Kriterium schnitten sie besser ab.“

    https://www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de/index.php?option=com_content&view=article&id=9:faz-artikel-4-april-2012&catid=2:uncategorised&Itemid=176

    Und der „Bindungs-Papst“ Karlheinz Brisch (Nachfolger des großen Theodor Hellbrügge) warnt:

    “ ‚Wir stellen immer mehr fest, dass Kinder sich nicht mehr ausreichend in andere einfühlen können“, sagte Brisch, leitender Oberarzt an der Kinder- und Poliklinik der Ludwig-Maximilian-Universität München. Dies werde sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch verschlechtern. „Da kommt eine Lawine auf uns zu.‘

    Gründe seien große Krippen- und Kita-Gruppen, steigende Ansprüche, mehr Aufgaben für die Erzieher und viele Kinder mit Sprachproblemen. Viele Kinder würden auch schon wenige Wochen nach der Geburt in Krippen mit zu wenigen Erziehern betreut. Empathie sei ‚etwas menschlich sehr Notwendiges, sonst können wir keine dauerhaften, befriedigenden Beziehungen eingehen, weder mit Freunden und Partnern, noch später mit Kindern‘, betont Brisch. Normalerweise lernten Kinder Empathie bei ihren Eltern und in guten Bindungsbeziehungen. Ansonsten drohten ‚große Schwierigkeiten in der Schule und mit ihren Klassenkameraden und überall‘.“

    https://www.t-online.de/leben/familie/baby/id_74081716/kindesentwicklung-babywatching-schult-das-mitgefuehl-von-kindern.html

    Und die Schweden, die durch Nudging und hohe Steuern erreicht haben, daß schon die Hälfte der Babys mit 12 Monaten in einer Krippe betreut werden und 90% der Zweijährigen – einfach weil die Mütter mitarbeiten müssen, zahlen einen hohen Preis, für ihre „Fortschrittlichkeit“:

    „Nicht ganz ins Bild passen da auch die hierzulande völlig unbekannten Statistiken zu psychischen Störungen unter schwedischen Jugendlichen. So haben etwa innerhalb der letzten 15 bis 20 Jahre seelische Erkrankungen bei den Mädchen um 1.000 Prozent, Depressionen um 500 Prozent zugenommen. Schwedische und finnische Mädchen weisen die höchste Suizidrate Europas auf.“

    https://jungefreiheit.de/service/archiv?artikel=archiv13/201323053113.htm

    Und nochmal Prof. Karlheinz Brisch in seinem Aufsatz „Frühe Bindung spätes Leid“ :

    „Frühkindlichen Erfahrungen entkommt niemand, sagt die Bindungstheorie, sie pflanzen sich fort wie biblische Prophezeiungen. In siebzig bis achtzig Prozent aller Fälle übertrage sich der einmal erworbene Bindungstyp auf den eigenen Nachwuchs, haben generationsübergreifende Studien zutage gefördert. Nur ein sicherer Hafen in frühester Jugend garantiert demnach, dass sich ein Mensch zu einer stabilen, den Schwierigkeiten des Lebens gewachsenen Persönlichkeit entwickelt.

    Dieser Hafen kann die Mutter sein, aber auch der Vater oder eine andere vertraute Person, räumen Bindungsforscher wie die Regensburger Psychologen Karin und Klaus Grossmann ein. Wichtig sei nur der Grad der „Feinfühligkeit“, der darüber entscheidet, ob sich ein Kind in all seinen Befindlichkeiten, Bedürfnissen und Eigenarten angenommen und gefördert fühlt.

    Das ist offenbar selten genug der Fall. Der Münchener PädiaterKarl Heinz Brisch schätzt, dass nur etwas mehr als die Hälfte aller Kinder in Deutschland eine sichere Bindung mit auf den Weg bekommen. Dreißig Prozent müssen sich mit einer unsicheren und knapp zehn Prozent mit einer desorganisierten abfinden – Letzteres bereits „der Beginn von Psychopathologie“.

    Flankierend zu solchen Zahlen werden Hirnforscher zitiert: Bestimmte Verschaltungen im kindlichen Gehirn könnten zu lebenslangen „biologischen Narben“ führen.“

    https://www.khbrisch.de/presse-news-archiv/presse-kh-brisch/psychologie-fruehe-bindung-spaetes-leid/

    Das waren so meine Assoziationen zu dem Satz, der wie selbstverständlich davon ausgeht, daß wir uns selbst nicht mehr lieben. Wollte ich nur kurz erwähnt haben.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Wenn die Mütter arbeiten gehen, erhöhen sie das Familieneinkommen, was die Steuerquellen kräftiger sprudeln lässt. Wenn die Eltern dann noch, ferne den Großeltern, der Arbeit halber in die Großstadt gezogen sind, bleibt ihnen mehr und mehr wegen unvorhergesehener Kinderkrankheiten, ausfallender Schulstunden usw. nichts anderes übrig, als auf professionelle Betreuungskräfte zurückzugreifen, die dann ihrerseits auch das Staatssäckel füllen. Eine Putzfrau ist wohl auch noch nötig, um abends irgendwann auch mal Ruhe zu haben.

      Löst sich das Modell der familiären Betreuung auf, erhöht sich, gerade umgekehrt als nach dem bekannten Paradoxon, bei dem alle Männer ihre bezahlten Haushälterinnen heiraten, bei gleicher Arbeit das nominelle Bruttosozialprodukt, womit man als Politiker prächtig vor den Wählern renommieren kann. Und wissen diese nicht ohnehin besser über das Familieneinkommen zu verfügen als die Familien selbst? Als Bonus gibt es dann noch Emanzipation und Karrierechancen für die Frauen dazu, denn manchmal kann eine Aldi-Regaleinräumerin dann aufsteigen und Aldi-Regalobereinräumerin werden. Ohne eigenen Vorgesetzten ist man eben letztlich nicht emanzipiert. Ainsi tout est au meilleur dans le meilleur des mondes possibles.

      Diese Erhöhung der besteuerten und für die Versorgungssysteme belastbaren Arbeit dürfte noch mehr als die von ihnen genannte Lufthoheit über den Kinderbetten Antrieb für die Schub durch die willfährigen Medien sein, die de facto für die Ersetzung von Familienarbeit durch bezahlte trommeln. Gerade bei den eher als Männer Geselligkeit suchenden Frauen dürfte es deshalb sehr verfangen, weil ihnen wegen der nur noch geringen eigenen Nachkommenszahl zu Hause „die Decke auf den Kopf fällt“. Dieses Motiv ist mir persönlich übrigens nicht eingängig; es gibt in meinen Augen nichts Köstlicheres als Muße, um alleine den eigenen Gedanken oder auch nur Hirngespinsten nachzuhängen, die nur in der Einsamkeit kräftig sprudeln, weil jede soziale Situation bei uns Herdentieren ganz automatisch zu einer Konformisierung der Handlungen, Gedanken und Einstellungen führt. Wenn man einen originellen Denker sucht, sollte man nach Menschen Ausschau halten, die berufslos im Engadin über Sils-Maria einsame Bergwanderungen unternehmen …

      Aber die meisten und mehr noch die Frauen als die Männer wollen eben dazugehören, and so pull comes to push …

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