Besetztes Gelände

Autobahnraststätte Göttlesbrunn, 10 Minuten hinter Wien in Richtung Ungarn. Wir parken zwischen zwei Fahrzeugen mit holländischem Kennzeichen. Vor einem sitzt eine Familie im Gras und kocht sich auf arabische Weise Tee. Die Frau mit Kopftuch. Auch der andere Holländer hat eine Frau mit Kopftuch und jetzt werde ich aufmerksam – tatsächlich, wir sind von Holländern umgeben, muslimischen Holländern. Noch ist Holland nicht verloren?

Ich gehe eine Vignette kaufen. Direkt neben der Tankstelle stehen zwei weitere Holländer. Deren Frauen sind komplett schwarz verhüllt, eine verrichtet gerade auf einem Teppich ihr Gebet.

Mich berührt diese Szene sehr unangenehm. Sie schockiert mich! Ein Gebet ist ein sehr intimer Akt – ich will bei anderen nicht dabei sein. Vor allem aber entsetzt mich die Selbstverständlichkeit des Raumergreifens. Es gibt keine Scham, keine Zurückhaltung, keine Diskretion. Hätten dort zwei ihre sexuelle Notdurft verrichtet, es wäre nicht schlimmer gewesen.

Mitten in Österreich, einem christlichen Land, wird in der Öffentlichkeit, ohne Scham oder Diskretion, der muslimische Glaube zelebriert, ohne die geringste Anstalt, einen Rückzugsraum zu suchen.

Andererseits: das ist gelebte Toleranz. Was würde – geht es mir durch den Kopf – passieren, wenn ein Christ oder Buddhist seine „religiöse Notdurft“ (Karl Marx) offen auf einer türkischen, syrischen oder ägyptischen Raststätte verrichten würde?

Wir gehen in den „Autogrill“, um unsere leibliche Notdurft zu verrichten und einen Kaffee nach europäischen Gepflogenheiten zu trinken. Bei der Rückkehr ein kurzer Schreck! Die Autotür sperrangelweit offen! Aber es fehlt nichts, wir müssen vergessen haben, sie zu schließen. Unsere holländischen Nachbarn sitzen noch immer im Gras und haben vielleicht aufgepaßt.

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2 Gedanken zu “Besetztes Gelände

  1. Stefanie schreibt:

    Da begegnetet Ihnen nun der Inbegriff islamischer Frömmigkeit, Sittlichkeit und Tugendhaftigkeit und was löst es aus: Schamgefühle….
    Was die Ursachen angeht, spekuliere ich mal in Richtung abendländischer, vielleicht spezifisch protestantischer Zurückhaltung bei Dingen, die im öffentlichen Raum zu Kontroversen führen können. Das geht vielleicht auf den Prozess zurück, den Stephen Pinker in „Better angels of our nature“, beschreibt (bzw. von Norbert Elias übernimmt): nachdem der Leviathan das Gewaltmonopol an sich gerissen hatte, setzte er alles daran, seine Untertanen zu domestizieren. Mit den besseren Tischsitten, nahm die Anzahl abgeschnittener Nasen bei Abendgesellschaften ab, man sah in öffentlichen Hinrichtungen keinen Anlass mehr für Familienausflüge und legte allgemein Wert auf Impulskontrolle. Die Religion, die in der Neuzeit so viele Konflikte verursachte, wurde zur Privatsache erklärt, wenn auch ihre Gebote und Moralvorstellungen weiter in der Gesellschaft wirkten. Gott wurde aus der Philosophischen Debatte ausgeklammert, bzw. man definierte sein Wirken nun als Naturgesetze, die sich mit dem Verstand ergründen ließen. Man trennte die Sphären Öffentlichkeit, Privatsache, Geschäftliche Angelegenheiten,Politik, Wissenschaft…, Kurz: der öffentliche Raum wurde befriedet und und Störungen wurden gesetzlich sanktioniert. Politische Veranstaltungen, die in die Öffentlichkeit hineinwirkten, wurden ritualisiert (Demonstrationen, Kundgebungen, Parlamentsdebatte) und die Leute gewöhnten sich dran.
    Kommt nun eine Gruppe daher, die sich durch ihr Äußeres (Phantasieuniform, Kopftuch, Irokesenschnitt, Springerstiefel) als Gruppe kenntlich macht und das noch durch spezifische Handlungen unterstreicht (gebücktes Beten, laute Musik, römischer Gruß..), ihr Reviere markiert (Parolen an den Wänden, Tags, ) und dazu noch sehr robust auftritt (anbrüllen, einschüchtern, verprügeln) – Dann wird sie denn öffentlichen Raum über kurz oder lang dominieren -sofern der Staat nicht Willens ist, sie zurückzudrängen. Dazu muss aber erstmal das Sensorium der Leute anschlagen, sie müssen das raumgreifende Verhalten wahrnehmen. Frauen mit Kopftuch nimmt man aber nicht als politischen Gegner wahr und redet sich mit irgendwelchen Traditionen heraus. Es widerstrebt einem, in ihnen eine historische Macht am Werke zu sehen -selbst wenn sie mit Kinderwagen, dickem Bauch, Kleinkind an der Hand und Lausebengel hinterher durch die Stadt ziehen – sowenig wie man sich fragt, was die Kleinen in 10, 20 Jahren so treiben werden.Tauchen dagegen Männer mit Nachthemd, Häkelkäppi und Zauselbart auf ist das Bedrohungsgefühl gleich stärker ausgeprägt. Die Betenden und Verhüllten sind sich zu 99% wahrscheinlich nicht bewußt, was sie durch ihr Verhalten bewirken, für die ist es einfach Religion. In der jetzigen Situation würden Verbote (Kopftuch, Gebet, Muezinruf) den Zusammenhalt untereinander nur noch verschärfen, vielleicht Märtyrer im MeTwo-Stil schaffen. Sie wären wahrscheinlich auch nicht durchsetzbar. Wirksamer wäre es, wenn die Frauen selbst ein Unterdrückungssymbol in der Verhüllung sehen würden, so wie es wohl zur Zeit im Iran geschieht.
    Atatürk soll zumindestens die Burka in der Türkei losgeworden sein, indem er erließ, das normale Frauen sie weiterhin tragen dürfen, während Prostituierte sie tragen müssen.

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    • Stefanie schreibt:

      Je mehr man darüber nachdenkt, umso mehr erkennt man darin auch die Wirkungsweise des Dschihad, bzw. des kleinen Dschihad (ohne Bomben un Maschinenpistolen) , der sich vielleicht als das Ringen mit sich selbst, als innere Mission, verstehen läßt. Wer ihm folgt, führt ein gottgefälliges Leben -mit Familiensinn, gastfreundlich, solidarisch gegenüber den Armen- wer sollte gegen solche Nachbarn etwas einzuwenden haben? Sie unterlaufen quasi einzeln das Radar, bei dem ein Glöckchen bei uns klingeln würde. Das liegt auch an unserer Fixierung aufs Individuum, durch die wir zwar den Baum mit seinen Sprösslingen sehen, aber nicht den Wald, der da heranwächst. Wir können in der Frau mit Kinderwagen, dem Mann, der in der Sonne sitzend seinen Tee trinkt keinen Feind erkennen. Selbst wenn etwas irritierend wirkt – wie Ihr Erlebnis – tut man es als harmlos ab. Es sind ja nette fromme Leute, die aus offenen Autos nichts herausnehmen (und hoffentlich auch nichts hineinlegen). Zwar wird der jugendliche Nachwuchs häufiger kriminell – doch das kann man ja sozioökonomisch, kulturell – wer weiß?- vielleicht gar genetisch begründen (oder sagen es leitet sich implizit aus der Religion ab). Und dann gibt es ja noch die Eiferer, die Großen Dschihadis, die Prediger und Salafisten, deren Einschüchterung so gut funktioniert, daß wir uns auf keinen Fall noch mehr Muslime zum Feind machen wollen. Wir betonen ihre Friedfertigkeit und kommen ihnen wieder ein Stück weit mehr entgegen. (Beschneidung, Schächten, Polygamie)- Und was sollte sonst das Ziel eines heiligen – oder auch jedes anderen Krieges sein, als dem Feind seinen Willen aufzuzwingen? .

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