Ontologie des Tötens

Daß tausende Menschen auf die Straße gehen, wenn Migranten deutsche Bürger töten, hat einen tiefen Grund, den die meisten vermutlich nicht denken und erst recht nicht ausdrücken können, den sie aber – und darauf kommt es an – tief innerlich fühlen. Und solange dieses Gefühl noch funktioniert, hat das Volk in beiderlei Gestalt – als „der Mensch“ im Plural und als historisch-soziales Gefüge –  noch eine Seele.

Wenn Heinz seine Ulla absticht, dann liegt ontologisch ein anderer Fall vor, als wenn Ulla von Hussain[1] abgestochen wird.

Menschen töten Menschen, seit es Menschen gibt. Sie tun es organisiert – das nennt man Krieg oder Genozid oder Holocaust – oder individuell, von Mensch zu Mensch: Mord und Totschlag. Im ersten Fall kann oft „die“ Geschichte als Erklärung dienen, im zweiten ist es in der Regel „eine“ Geschichte, auch wenn diese nicht selten sichtbar in „die“ Geschichte eingebunden ist. Mit Geschichten, ganz gleich ob „die“ oder „eine“, kann man Dinge erklären, kann man ihnen eine Ursache und einen Sinn zuschreiben, kann man die Kardinalfrage „Warum?“ und manchmal auch die nach dem „Wozu?“ beantworten.

Der Mord an Ulla läßt sich aus einer eigenen, gewissermaßen organisch gewachsenen Geschichte erklären, wenn er von Heinz begangen wurde. Dies ist weit komplizierter, wenn Hussain der Täter ist.

Beide Taten sind zu verurteilen, zu strafen und zu sühnen und, wenn möglich, sollten sie verhindert werden. Das mag im Einzelfall funktionieren, im statistischen Mittel aber kaum. Je nach Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, des gesellschaftlichen Zustandes, der herrschenden oder abwesenden Moral … den objektiven Bedingungen also, wird es so und so viele Tötungsdelikte geben, plus minus einen Zufallskorridor. Ebenso gibt es Trends und Entwicklungen. In der westlichen Welt nahm die Zahl der Gewaltverbrechen in den letzten Jahrzehnten, bis vor kurzem, kontinuierlich ab[2].

Diese Morde sind normal. Normal nicht im Sinne der Norm, des Anzustrebenden – sie widersprechen oder sollten dies zumindest tun, der Norm einer zivilisierten Gesellschaft, aber sie sind normal im Sinne des zu Erwartenden, dessen, was zum Leben einer komplexen Sozietät dazugehört. Es gibt in ihr Konflikte – das ist normal und meist auch gewünscht – von denen einige wenige zum Tode führen. Sie gehören, mit anderen, philosophischen Worten, zum Seinszustand der Gesellschaft, sie sind Teil der gesellschaftlichen Ontologie.

Sie sind es, weil sie normal sind, weil sie organisch aus ihrem inneren Wesen heraus entstehen. Nichts rechtfertigt sie, aber sie sind da, waren es immer und werden es aller Voraussicht nach auch immer sein. Daß Heinz Ulla ersticht, gehört zu uns.

Daß Hussain Ulla ersticht, jedoch nicht. Denn Hussain ist kein genuines, natürliches, organisches Produkt dieser Gesellschaft, er ist nicht in ihr entstanden, nicht in ihr aufgewachsen, hat nicht an ihr partizipiert, ihr nichts gegeben und lange Zeit auch nichts genommen, ihre Werte nicht geteilt[3], sie nicht mit der Muttermilch aufgenommen.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: keine Gesellschaft ist hermetisch abgeschlossen, noch nicht mal die nordkoreanische oder isländische. Menschliche Gesellschaften haben immer Austausch zu anderen Gesellschaften, mal mehr, mal weniger. Ja, sie benötigen den Austausch sogar, denn ein moderater Austausch funktioniert wie ein Immunsystem, besser ein evolutionäres Immunsystem. Der moderate Austausch garantiert die Stärkung der Abwehrkräfte auf der einen Seite, aber er garantiert auch genügend kulturellen und durchaus auch genetischen Einfluß, um Verkrustungen zu vermeiden, um neue „Mutationen“ zu ermöglichen. Intelligente Systeme lernen vom Fremden oder verarbeiten es – sofern sie es verkraften können, sie fördern und steuern es – das Fremde und das Lernen – sogar. Es wird organisch ins System aufgenommen, quasi verdaut, bringt das System weiter, macht es flexibler.

Ist dieser Einfluß jedoch zu stark[4] oder zu plötzlich, dann droht er das System oder die Gesellschaft zu sprengen. Gesellschaften können, wenn sie dysfunktional werden, solche Explosionen auch aus sich selber, also quasi-organisch, hervorbringen – z.B. Kriege, Pogrome, Ethnozide usw. – das wollen wir nicht vergessen. Oftmals liegen diesen Ereignissen frühere Einbrüche größeren Ausmaßes oder unverdaute Einverleibungen zugrunde.

Es geht also um das Maß. Man verlange nun keine Zahl, was das Maß sei. Wenn in Potsdam der Hugenotte Henry seine Ulla erstochen hat[5], so dürfte das kaum als ontologischer Fehler empfunden worden sein, umso mehr, da Henry vielleicht ein erfolgreicher Handschuhmachermeister gewesen ist. Wenn heute Heinz seine Ulla in Köthen ersticht, dann ist die Stadt schockiert, aber niemand geht deswegen auf die Straße. Weil dieser Mord, so bedauerlich er ist, sich organisch einfügt, er hat eine Geschichte, die sich rekonstruieren läßt und deren Gesetzmäßigkeiten zum großen Ganzen, zu „der“ Geschichte gehören.

Anders sieht es aus, wenn ein Hussain in Köthen eine Ulla ersticht.

Selbst wenn er eine Umme erstäche, so würde das keine größere Aufmerksamkeit bekommen, denn die Köthener sähen weder in ihm noch in ihr einen von ihnen. Sie gehören zu einem anderen ontologischen Bereich. Aber Hussain und Ulla, das ist eine gravierende Verletzung der ontologischen Grenze, denn Hussain gehört (noch) nicht dazu, aber Ulla über viele Generationen.

Der Eintritt von Millionen Menschen eines anderen ontologischen Systems in kürzester Zeit in „unser“ ontologisches System stellt eine unglaubliche Erschütterung dar. Daraus sich ergebende Tragödien; sofern sie Opfer des „unsrigen“ Systems bedeuten, werden sehr empfindlich gespürt, denn sie sind nicht organisch gewachsen, sie haben keine „eine“ Geschichte, die lange zurückreicht und sie hätten – auch statistisch – nicht sein müssen, mehr noch, es hätte sie gar nicht gegeben. Deshalb die zahlreichen Schildchen an den Orten der Tat mit der hilflosen Aufschrift: „Warum?“ Es ist der berechtigte, wenn auch unreflektierte und unbeantwortbare Ruf nach „einer“ Geschichte, die in „die“ Geschichte paßt.

Und das spüren die Menschen, das „Volk“, das einige nun „Mob“ nennen. Sie spüren, daß etwas nicht stimmt, ganz fundamental nicht stimmt, daß etwas nicht sein kann – das tausendfache: „das kann doch nicht sein!“ –, sie fühlen den ontologischen Unterschied.

[1] Ich wähle diesen Namen, weil er einer der häufigsten Namen in den islamischen Ländern – bei Sunniten und Schiiten gleichermaßen – ist; Mohammed kam nicht in Frage, um blasphemische Interpretationen zu vermeiden.
[2] Siehe dazu: West-Östlicher Dschihad
[3] Auch wenn jemand, der in dieser Gesellschaft aufgewachsen ist, also organisch zu ihr gehört, diese Werte nicht teilt oder sich sogar gegen sie auflehnt, so ist dieser „Protest“ oder das bewußte Vergehen gegen diese Werte noch immer auf selbige bezogen.
[4] oder auch über lange Phasen zu schwach
[5] Als Einzelfall – bei Häufung kann sich die Situation ändern.

Ein Gedanke zu “Ontologie des Tötens

  1. Stefanie schreibt:

    Die Tat eines Fremden mag als ein Angriff auf die eigene Gemeinschaft angesehen werden; der Punkt, der die Gemüter aber am meisten erhitzt, ist, dass der Staat dazu in der Lage hätte sein müssen, den Angriff abzuwenden. Es sind Täter, die die Grenze unberechtigt überschritten haben, selbst nach eingängiger Prüfung keinen Asylstatus hatten, oft genug schon vor dem Mord durch Gewalt aufgefallen sind. Der Staat hat versagt: er hat seinen Teil des Gesellschaftsvertrages nicht eingelöst und die Leute kündigen nach und nach ihren Teil (wenn es auch überwiegend eine innere Kündigung ist). Dasselbe würde mehr oder weniger auch dann passieren, wenn Heinz , nachdem er mit guter Sozialprognose entlassen wurde, die nächste Ulla umbringen würde. – Jedenfalls wenn es so gehäuft vorkäme. Und erst recht, wenn kein Verantwortlicher Konsequenzen daraus ziehen müsste.

    Seidwalk: Wenn Ihre Argumentation korrekt wäre, dann hätte dieses Ereignis hier anders aussehen müssen:

    https://www.bild.de/regional/berlin/berlin-aktuell/in-berlin-hunderte-polizisten-bewachen-beisetzung-von-nidal-r-57220486.bild.html

    Ob mit oder ohne Sozialprognose, auch dieser „Heinz“, selbst wenn er Intensivtäter wäre, gehört zur gleichen ontologischen Kategorie, also würde „man“ sein Fehlverhalten „auf sich nehmen“.

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