… kein solches Glück

Auf meinen Reisen traf ich einen alten Brahmanen, einen weisen, geistvollen und sehr gelehrten Mann; außerdem war er reich und folglich nur um so mehr weise; denn, da er alles hatte, was er brauchte, so hatte er nicht nötig, irgend jemand zu täuschen. Sein Haushalt war sehr gut geleitet von drei schönen Frauen, deren einziges Streben war, ihm zu gefallen; und wenn er sich nicht mit seinen Frauen dem Vergnügen hingab, so brachte er seine Zeit mit Philosophieren zu.

Neben seinem Haus, das schön, reich geschmückt und von entzückenden Gärten umgeben war, lebte eine alte strenggläubige und ziemlich arme Hindufrau.

Eines Tages sagte der Brahmane zu mir: Ich wollte, ich wäre nie geboren. Ich fragte ihn: Warum? Er antwortete: Nun studiere ich seit vierzig Jahren – es sind vierzig verlorene Jahre; ich lehre die andern, und ich weiß nichts; dieser Zustand ist für mich so demütigend, so anwidernd, daß mir das Leben unerträglich ist. Ich bin geboren und ich lebe in der Zeit, und ich weiß nicht, was die Zeit ist; ich finde mich in einem Punkte zwischen zwei Ewigkeiten, wie unsere Weisen sagen, und ich habe keine Vorstellung von einer Ewigkeit; ich bestehe aus Stoff und ich denke; und ich habe mir nie deutlich machen können, was das Denken hervorbringt; ich weiß nicht, ob mein Verstand eine einfache Fähigkeit in mir ist, gleich der Fähigkeit des Gehens, des Verdauens, oder ob ich mit meinem Kopf denke, wie ich mit meinen Händen greife. Nicht bloß die Grundursache des Denkens ist mir unbekannt; die Grundursache meiner Bewegungen ist mir gerade so verborgen; ich weiß nicht, warum ich existiere. Und doch stellt man mir täglich Fragen über diese Probleme. Ich muß antworten; ich habe nichts Rechtes zu sagen; ich rede viel; und wenn ich geredet habe, so stehe ich da mit dummem Kopf und schäme mich vor mir selbst.

Noch schlimmer wird es, wenn man mich fragt, ob Brahma von Vishnu hervorgebracht wurde oder ob sie alle beide ewig sind. Gott ist mein Zeuge, daß ich keine Ahnung davon habe, und das merkt man wohl an meinen Antworten. Ah! Ehrwürdiger Vater, sagt man zu mir; belehren Sie uns doch, wie es kommt, daß die Erde so von Übeln überschwemmt ist. Ich bin geradeso in Verlegenheit wie die Fragesteller; ich sage ihnen manchmal, es sei alles aufs beste eingerichtet. Aber diejenigen, die der Krieg zugrunde gerichtet und verstümmelt hat, wollen mir das nicht aufs Wort glauben, und ich glaube es auch nicht. Dann mache ich mich wieder nach Hause, niedergedrückt von meinem Wissensdrang und von meiner Unwissenheit. Ich lese unsere alten Bücher, dadurch wird alles nur dunkler.

Ich rede mit meinen Kollegen: Die einen sagen, man solle das Leben genießen und die Menschen zum besten haben; Die andern glauben, sie wissen etwas und verlieren sich in allen möglichen Schwärmereien; Mein Unbehagen wird so nur größer. Manchmal bin ich nahe daran, in Verzweiflung zu versinken, wenn ich bedenke, daß ich nach allem Forschen nicht weiß, woher ich komme, was ich bin, wohin ich gehe, was aus mir werden wird.

Der gute Mann tat mir wirklich leid. Es gab keinen vernünftigeren, ehrlicheren Menschen als ihn. Es kam mir vor, als ob er um so unglücklicher wäre, je heller sein Verstand und je wärmer sein Herz beschaffen war.

An demselben Tag sah ich die alte Frau aus seiner Nachbarschaft. Ich fragte sie, ob sie jemals darüber betrübt gewesen sei, daß sie nicht wisse, wie ihre Seele beschaffen sei. Sie verstand nicht einmal meine Frage. Nie hatte sie auch nur einen einzigen Augenblick ihres Lebens über ein einziges der Probleme nachgedacht, die den guten Brahmanen so quälten. Sie glaubte von ganzem Herzen an die Verwandlungen Vishnus, und wenn sie manchmal etwas Gangeswasser bekommen konnte, sich damit zu waschen, so dünkte sie sich die glücklichste der Frauen.

Unter dem tiefen Eindruck, den mir das Glück dieses armen Wesens machte, ging ich wieder zu meinem Philosophen und sagte zu ihm: Schämen Sie sich nicht, daß Sie so unglücklich sind, während Ihrem Haus gegenüber ein alter Automat, der gar nichts denkt, ganz vergnügt dahinlebt? Sie haben recht, war seine Antwort, ich habe mir hundertmal gesagt, ich wäre glücklich, wenn ich so dumm wäre wie meine Nachbarin; Und doch möchte ich kein solches Glück.

Diese Antwort meines Brahmanen machte mir einen tieferen Eindruck als alles übrige. Ich ging mit mir zu Rate und erkannte, daß ich in der Tat nicht glücklich sein wollte um den Preis, ein Dummkopf zu sein.

Ich legte diese Frage Philosophen vor; Sie waren auch meiner Ansicht. Und doch, sagte ich, steckt in dieser Denkweise ein Widerspruch, daß man rasend werden möchte; Denn um was handelt es sich denn im Grunde? Doch darum, glücklich zu sein. Was macht es da aus, ob man Geist hat oder dumm ist? Ja noch mehr, wer zufrieden ist mit seinem Dasein, der ist sicher, daß er zufrieden ist. Wer nachdenkt, der weiß nicht so ganz sicher, ob er recht nachdenkt. Es ist also klar, sagte ich, man müßte sich eigentlich das Los wünschen, des gesunden Menschenverstandes bar zu sein, wenn wir durch diesen gesunden Menschenverstand auch nur ein klein bißchen unglücklich werden.

Jedermann war meiner Ansicht, und doch fand ich niemand, der den Handel gerne hätte eingehen wollen, ein Dummkopf zu werden, um es dafür behaglich zu haben. Daraus schloß ich, daß wir, wenn wir Wert aufs Glück legen, die Vernunft doch noch mehr schätzen.

Aber nach weiterem Nachdenken scheint es mir, daß diese Bevorzugung der Vernunft vor dem Glück doch etwas recht Sinnloses ist. Wie kann man diesen Widerspruch sich zurechtlegen? Wie alle anderen. Es läßt sich viel darüber sagen.

Voltaire: Geschichte eines guten Brahmanen (1759)

9 Gedanken zu “… kein solches Glück

  1. Leonore schreibt:

    Du kannst nicht sein, du kannst dich nur verschwenden,
    Kannst bleiben nicht, die Erde wandert aller Enden;
    Du kannst nicht sammeln, jedes Gold wird Blei,
    Und nichts ergreifen, alles schwirrt vorbei;
    Du kannst nicht wissen, denn es ward schon Trug.
    Du kannst nur lieben. Lieben ist genug.

    Ernst Bertram

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  2. Rainer Möller schreibt:

    Gottfried Benn war schon ein bisschen weiter als Voltaire. Er schrieb: „Dumm sein UND ARBEIT HABEN – das ist das Glück.“
    Also sollte man sich auf die Frage konzentrieren, wie man zu einer Arbeit kommt, von der man leben kann, Dazu darf man wiederum nicht GANZ dumm sein.

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  3. Matthias Rulf schreibt:

    Glückseligkeit

    Wir sind alle auf den Genuss in irgendeiner Form aus – auf intellektuellen, sinnenhaften oder kulturellen Genuss. Wir finden Gefallen an Reformen oder daran, anderen zu sagen was zu tun ist, oder wir wollen die Übel der Gesellschaft mildern und Gutes tun. Wir haben Freude an erweitertem Wissen, größerer körperlicher Befriedigung, größerer Erfahrung, größerem Verständnis des Lebens – an all den klugen, gescheiten Dingen des Geistes -, und der höchste Reiz liegt natürlich darin, Gott zu erleben. Sinnengenuss ist das Grundelement der Gesellschaft. Von der Kindheit bis zum Tode trachten wir geschickt, heimlich oder offen nach mehr oder weniger flüchtigen Freuden. Welche Art des Genusses wir auch anstreben: wir sollten das sehr klar sehen, weil unser Leben dadurch gelenkt und geformt wird. Es ist daher für jeden von uns wichtig eingehend, zögernd und einfühlsam dieses Problem des Genusses zu prüfen, denn sinnenhafte Freude zu finden und sie zu nähren und zu erhalten ist ein grundlegendes Verlangen des Lebens, ohne sie wird das Dasein träge, stumpfsinnig, einsam und bedeutungslos. Sie mögen fragen: Warum eigentlich sollte das Leben nicht durch Sinnengenuss bestimmt werden? Aus dem einfachen Grunde, weil aus der Lust Leid, Enttäuschung, Kummer und Furcht kommen und aus der Furcht entsteht die Gewalt. Wenn Sie auf diese Art zu leben wünschen, tun Sie es, die meisten Menschen tun es irgendwie. Wenn Sie aber vom Leid frei sein möchten müssen Sie verstehen, was dem Verlangen nach Genuss zugrunde liegt. Den Sinnengenuss zu verstehen heisst nicht ihn abzulehnen. Wir verurteilen ihn nicht, wir sagen nicht er sei richtig oder falsch. Aber wenn wir schon danach trachten, wollen wir es mit offenen Augen tun, wissend, das ein Mensch, der zu jeder Zeit Genuss und Vergnügen sucht unvermeidlich seinem Schatten begegnen muss, dem Leid. Lust und Leid können nicht getrennt werden, obgleich wir dem Lustvollen nachlaufen und das Leid zu vermeiden trachten. Warum verlangt der Mensch immer nach Genuss? Wie kommt es, das wir edle und unedle Dinge immer mit einer lustbetonten Unterströmung tun? Warum opfern wir uns und leiden mit einem leisen Lustgefühl? Was ist Lustgefühl und wie entsteht es? Ich möchte wissen ob einer von Ihnen sich diese Fragen gestellt hat und der Antwort wirklich bis zum Schluss nachgegangen ist. Das Verlangen nach Genuss entwickelt sich in vier Stufen: Wahrnehmung, Empfindung, Berührung und Begehren. Ich sehe ein schönes Auto, nehmen wir einmal an. Durch den Anblick habe ich als Reaktion eine Sinnesempfindung. Dann berühre ich den Wagen entweder tatsächlich oder in der Vorstellung – und daraus entsteht der Wunsch ihn zu besitzen und mich darin zur Schau zu stellen. Oder ich sehe eine liebliche Wolke oder einen Berg der sich klar gegen den Himmel abhebt, oder ein Blatt das der Frühling gerade hervorgebracht hat, oder ich sehe ein tiefes Tal voller Lieblichkeit und Pracht, oder einen strahlenden Sonnenuntergang, oder ein schönes Antlitz, das intelligent, lebendig und nicht selbstbewusst ist – dann wäre es ja nicht länger schön. Auf das alles schaue ich mit tiefem Entzücken und da ich es betrachte ist kein Beobachter da, sondern nur reine Schönheit – wie in der Liebe. Für einen Augenblick bin ich all meinen Problemen, Ängsten und Kümmernissen entrückt – es ist nur dieses wunderbare Erlebnis da. Ich kann mit Entzücken darauf schauen und es im nächsten Augenblick vergessen, oder aber der Gedanke schaltet sich ein und damit beginnt das Problem. Mein Gedächtnis erinnert sich daran was ich gesehen habe und denkt wie schön es war. Ich sage mir das ich es gerne noch öfter wiedersehen würde. Das Denken beginnt zu vergleichen, zu urteilen und sagt: Ich muss es morgen wieder haben. So fördert das Denken das Fortbestehen einer Erfahrung, die für eine Sekunde Entzücken geschenkt hat. Ebenso ist es mit sexuellen oder anderen Wünschen. Am Wünschen ist nichts verkehrt, zu reagieren ist durchaus normal. Aber dann schaltet sich der Gedanke ein und sinnt über das Entzücken nach und wandelt es in Genuss um. Das Denken wünscht die Erfahrung zu wiederholen und je öfter Sie etwas wiederholen, umso gewohnheitsmäßiger wird es. Je häufiger Sie daran denken, umso mehr stärkt der Gedanke das Verlangen nach Genuss. So schafft und stützt der Gedanke durch den Wunsch den Genuss und gibt ihm Fortdauer und so wird die natürliche Wunschreaktion beim Anblick von etwas Schönem durch das Denken verdorben. Das Denken macht es zu einer Erinnerung und die Erinnerung wird genährt indem wir ständig daran denken. Natürlich hat die Erinnerung auf einer bestimmten Ebene ihren Platz, im Alltagsleben könnten wir ohne sie nicht existieren. Innerhalb ihres Bereichs muss sie gut funktionieren, aber es gibt einen Zustand des Geistes in dem sie nur wenig Raum hat. Ein Geist der nicht durch Erinnerung verkrüppelt ist, ist wirklich frei. Haben Sie je bemerkt das die Erinnerung nur schwach ist, wenn Sie sich einer Sache mit ganzem Herzen hingeben? Nur wenn Sie auf eine Herausforderung nicht mit Ihrem ganzen Sein antworten entstehen Konflikt und Streit und die Folge ist Verwirrung, verbunden mit Lust oder Leid. Der Kampf erzeugt das Gedächtnis, dem ständig weitere Erinnerungen hinzugefügt werden und diese Erinnerungen sind es die antworten. Alles was aus dem Gedächtnis resultiert ist alt und daher niemals frei. Es gibt überhaupt keine Freiheit des Denkens – das ist reiner Unsinn. Das Denken ist niemals neu, denn es ist die Antwort des Gedächtnisses, der Erfahrung, des Wissens. Weil das Denken alt ist macht es den Gegenstand, auf den Sie für einen Augenblick mit Entzücken geschaut und den Sie zutiefst erlebt haben, alt. Von dem Vergangenen leiten Sie dann Vergnügen und Genuss ab, niemals aber von dem Neuen. Das Neue hat mit der Zeit nichts zu tun. Wenn Sie nun auf die Dinge schauen können ohne zu dulden das sich das Verlangen nach Genuss einschleicht – auf ein Gesicht, einen Vogel, auf die Farbe eines Sari, die Schönheit einer weiten Wasserfläche die in der Sonne glitzert, oder auf irgendetwas anderes das Entzücken schenkt -, wenn Sie darauf ohne den Wunsch schauen können das die Erfahrung sich wiederhole, dann wird es keinen Schmerz, keine Furcht geben, sondern unermessliche Freude. Das Bemühen, die Freude zu wiederholen und fortdauern zu lassen verwandelt sie in Leid. Beobachten Sie das in sich selbst. Das Verlangen nach Wiederholung der Freude erzeugt das Leid, denn in der Wiederholung ist das Erlebnis nicht das Gleiche das es zuvor war. Sie kämpfen darum das selbe Entzücken wiederzuerlangen, nicht nur als ästhetische Sinnesempfindung, sondern als den gleichen inneren Zustand des Geistes und Sie sind verletzt und enttäuscht, weil es sich Ihnen verweigert. Haben Sie beobachtet was in Ihnen vor sich geht, wenn sich Ihnen eine kleine Freude versagt? Wenn Sie nicht erlangen was Sie sich wünschen werden Sie unruhig, neidisch, hasserfüllt. Haben Sie darauf geachtet welchen Kampf Sie auszustehen haben, wenn Ihnen der Genuss des Trinkens oder Rauchens oder der Sexualität oder was es sonst sei versagt ist? Und das alles ist eine Abwandlung der Furcht, nicht wahr? Sie fürchten sich davor nicht das zu erlangen was Sie sich wünschen, oder das zu verlieren was Sie besitzen. Wenn ein bestimmter Glaube oder eine Ideologie an der Sie seit Jahren festgehalten haben erschüttert oder Ihnen durch die Logik oder durch das Leben entrissen wird, fürchten Sie sich dann nicht davor allein zu stehen? Dieser Glaube hat Ihnen jahrelang Befriedigung und Wohlsein vermittelt und wenn er fortgenommen wird bleiben Sie als Gestrandeter zurück, ausgehöhlt und die Furcht hält an, bis Sie eine andere Form des Wohlseins, einen anderen Glauben finden. Es erscheint mir so einfach und eben darum, weil es so unkompliziert ist sehen wir nicht seine Einfachheit. Wir lieben es alles zu komplizieren. Wenn Ihnen Ihre Frau davonläuft, sind Sie dann nicht eifersüchtig, sind Sie dann nicht ärgerlich? Hassen Sie dann nicht den Mann der sie an sich gefesselt hat? Und das alles ist nichts anderes als die Furcht jemanden zu verlieren der Ihnen großen Lebensgenuss verschafft hat, der Ihr Gefährte war, der Ihnen ein gewisses Sicherheitsgefühl gegeben und Ihren Besitzerstolz befriedigt hat. Wenn Sie nun verstehen das dort, wo Sie den Genuss suchen Leid die Folge sein muss, mögen Sie, wenn Sie es wünschen, in dieser Art weiterleben, aber schlittern Sie nicht einfach hinein. Wenn Sie den Wunsch haben mit den flüchtigen Freuden Schluss zu machen, was zugleich bedeutet das Leid zu beenden, müssen Sie mit der Freude, in welcher Form sie sich auch bieten mag äußerst achtsam umgehen. Sie dürfen sie nicht völlig ausschalten wie die Mönche oder Sannyasis es tun, die niemals eine Frau anschauen weil sie es für eine Sünde halten und die dadurch die lebendige Kraft ihres Verstehens zerstören, sondern Sie müssen den tiefen Sinn und die ganze Bedeutung der Sinnenfreude verstehen. Dann werden Sie unermessliche Freude erleben. Sie können über diese Freude nicht nachdenken, sie ist etwas Unmittelbares und wenn Sie darüber nachdenken, verwandeln Sie sie in Genuss. In der Gegenwart zu leben bedeutet die Schönheit unmittelbar zu empfinden und das tiefe Entzücken das damit verbunden ist, ohne daraus weiteren Genuss ableiten zu wollen.

    Auszug aus:

    Jiddu Krishnamurti
    „Einbruch in die Freiheit“

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  4. Wolf schreibt:

    Ein Brahmane ist Angehöriger der indischen Priesterkaste. Es ist aber sehr seltsam, dass dieser ohne jegliche Antworten ist. Kaum zu glauben.

    Ich meine, dass Voltaire, als er diese Geschichte aufgeschrieben hat, selbst an jenem Punkt gewesen ist, an dem ihm klar wurde, dass er im Grunde kein Wissen hat und kurz gedacht hat, dass ihm die Alternative dumm sein aber glücklich in den Sinn gekommen ist, da Nachdenken ohne Ergebnisse unglücklich macht.

    Seidwalk: Andererseits: Die Einsicht in das Nichtwissenkönnen, das „Ich weiß, daß ich nichts weiß“, gilt als eine der ewigen Weisheiten westlicher Kultur. Letztlich schreibt Voltaire das sokratische Paradox weiter, das freilich jeden ernsthaft denkenden und forschenden Menschen beschäftigen muß. Es läuft am Ende immer auf die Frage Wozu? hinaus, die von der Glücksprämisse nur verstellt wird.

    Wolf: Diese „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist ein naive und irreführende Übersetzung, die schon ganz aus dem Textzusammenhang gerissen ist.

    Seidwalk: Wie lautet die korrekte Übersetzung und aus welchen Zshg. wurde es gerissen?

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Zu „Ich weiß, dass ich nichts weiß …“:

      Die Aussage ist meist viel zu radikal. Wer solche Gedanken hegt, weiß nämlich meistens schon ziemlich viel und allein für seine eigenen Ansprüche zu wenig, weshalb er sein eigenes Wissen zu Kontrastzwecken herabsetzt. Ich habe einmal der naturlieben Fünf- oder Sechsjährigen einer Freundin einen Kompass geschenkt, worauf unversehens das Problem auftauchte, dass ich der Kleinen das Prinzip und die Umstände hätte erklären müssen, und das bitte in für Kinder verständlichen Worten. Was ich dann überhaupt nicht vermochte – Kugelgestalt der Erde, Himmelsrichtungen, magnetische Pole, Ferromagnetismus der Nadel, Magnetismus durch bewegte Ladungen (denn etwas anderes kommt angesichts der Temperaturen im Erdinnern nicht infrage, sowenig selbst die eigentlichen Experten da Genaueres wissen), das hätte ich schon anbringen können, aber hätte es verfangen? Es lag völlig außerhalb ihrer Lebenswelt. Eine gute Lektion dafür, wie viel man doch eigentlich weiß, selbst wenn man vermeintlich „nichts weiß“ – und wie wenig davon man doch manchmal erklären kann. Auf dem eigenen Bildungsweg hat jeder Mitteleuropäer so manche Stufe der Wissenpyramide genommen – und hadert doch nur darüber, wie weit die Spitze entfernt ist.

      Zum Lebensglück:

      Es gilt vielen als selbstverständlich, dass Glücklichsein der höchste Lebenszweck sei. Will man aber wirklich leben wie die Kuh auf der Weide? Zufrieden das Gras fressen, ohne Gedanken an gestern und morgen oder überhaupt an irgend etwas, was die eigene Leibsbefindlichkeit transzendiert? Ich würde sogar noch weiter polemisieren. Kann man der Kuh, die ihr Neugeborenes abschleckt, eine der menschlichen zumindest vergleichbare Mutterliebe absprechen? Um auf die genannte Tochter von oben zurückzukommen, deren Mutter hätte sie sicher nicht abgeschleckt, für diesen Schluss habe ich deren verkrampften Blick im Angesicht der „Senfladung“ in den Windeln der höchstens Einjährigen ausreichend wahrgenommen und lebendig in der Erinnerung. Die vielgepriesene „Liebe“ aus dem Trio der christlichen Haupttugenden ist für mich jedenfalls auch nicht maßgebend, von den anderen beiden ganz zu schweigen.

      Vielleicht gibt ja für solche, die dem naturalistischen Fehlschluss nicht allzu abhold sind, das vergleichsweise riesige Volumen des menschlichen Hirns und insbesondere der Hirnrinde – das limbische System ist jämmerlich klein – einen Hinweis, wo unsere Spezialität liegt und wo sich Vervollkommnung erreichen lässt, falls man denn auf solche auf irgend einem Felde aus wäre. Was aber wohl in jedem Falle ein Minderheitenprogramm wäre, zumindest zu Zeiten, wo Physikstudenten in der Bachelor-Prüfung nach sechs Semestern mit Übungsgruppen über Übungsgruppen empört nach dem Taschenrechner verlangen, wenn sie 5 und 7 multiplizieren sollen.

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    • Wolf schreibt:

      Zunächst, der übersetzte Satz: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ ist eine paradoxe Aussage. Die Definition für das Wort ‚paradox‘: Einen unauflöslichen Widerspruch in sich enthaltend, widersinnig, widersprüchlich. (Griechisch paradoxos, zu para = gegen, entgegen und doxa = Meinung)

      Insofern kann man von vorne herein sagen, dass ein paradoxer Satz gänzlich unsinnig ist. Von dieser Tatsache ausgehend muss die Übersetzung falsch sein. Das bedeutet, dass der Übersetzer sehr schlampig gearbeitet hat.

      Der Zusammenhang: Sokrates unterhält sich mit jemandem. Er fragt ob sein Gegenüber die Definition für ein Wort weiß und natürlich sagt der junge Mann, mit dem er spricht, großspurig, selbstverständlich weiß ich die Definition. Daraufhin bittet ihn Sokrates jene Definition vorzutragen. Der junge Mann versucht es, scheitert aber, weil Sokrates ihm nachweist, dass die vorgebrachte Erklärung, was das Wort bedeutet, nicht richtig ist. Sokrates äußert sich und sagt: Dieser Mensch hier behauptet die Definition zu wissen und doch weiß er sie nicht. Ich aber behaupte nicht die Definition zu kennen. Es wird dann jeweils versucht eine gute Definition zu finden.

      Sokrates Ziel war immer, dem Gesprächspartner ein Aha-Erlebnis zu geben, eine Erkenntnis zu vermitteln. Nämlich die Erkenntnis, dass die Kenntnis von Worten im Argen liegt und dass es lohnenswert ist genaue Definitionen zu wissen.

      Sokrates: „Die Definition der Begriffe ist der Beginn der Weisheit.“ Platons Absicht war Menschen für die Philosophie zu interessieren und Schüler für seine Athener Philosophenschule zu gewinnen. Platons Philosophie hat ein bestimmtes Ziel. Dieses Ziel ist in seinem 7. Brief umschrieben und man kann dieses Ziel über das fortgesetzte Lernen von Definitionen erreichen. Das Lernen von Definitionen ist nicht nur der Beginn der Weisheit sondern der Weg höhere Bewusstseinsebenen zu erreichen.

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  5. HansCastorp schreibt:

    Bei allem Verständnis für die Antwort des Brahmanen; der ist mir kein Weiser, der sein Ausgeschlossensein von der Welt nicht als tiefes Unglück, als Mangel, der sich seine Existenz als Fragezeichen gegen das Leben nicht übelnimmt. Demgegenüber scheint mir die Antwort des Brahmanen vorhersehbar platt und abgestanden. Vermag aber nicht zu beurteilen, inwieweit die sprachliche Unbeholfenheit des Textes in mein Urteil mit hineinspielt.

    Seidwalk: Ich werde die Kritik an Voltaire weiterreichen.

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  6. Fred Helbig schreibt:

    Hectros Reise oder die Suche nach dem Glück.

    7. Es ist ein Irrtum zu glauben, Glück wäre das Ziel.

    Und aktuell:

    12. Glück ist schwieriger in einem Land, das von schlechten Leuten regiert wird.

    Evolutionär bietet beständiges Glück keinen Reproduktionsvorteil und ist somit auch selten.
    Besonders ausgeprägte Glücksmomente finden sich oft, wenn ein widriges Ereignis durch ein vorteilhaftes abgelöst wird. Beispiele sind: Hunger/Durst wird durch Nahrung, Kälte durch Wärme, Krankheit durch Gesundheit ausgeglichen und es sind überwiegend egoistische oder reziprok altruistische Erlebnisse die triggern.

    Zu Voltaire passt Punkt 5.

    Manchmal bedeutet Glück, etwas nicht zu begreifen.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Das Ende des Schmerzes ist die höchste Lust. Im übrigen gewöhnt man sich auf Dauer an vieles, weil auch das Glücksempfinden plastisch ist und der Glücks-Nullpegel auf den gleitenden Mittelwert eines mittleren Zeitintervalls nachgeführt wird.

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