Die Chemnitz-Depression

Ich muß was gestehen: ich bin depressiv. Heute zumindest. Gerade geworden. Mir ist kotzübel, ich könnte hinschmeißen! Junge Leute beim Feiern zu sehen, macht mich krank.

Gerade eben habe ich mir das Konzert in Chemnitz angeschaut, das „Protestkonzert“ mit den Toten Hosen, Marteria und Casper, Kraftklub, K.I.Z. und Feine Sahne Fischfilet. Nichts gegen den Protest. Sollen sie machen, genauso wie die anderen. Traurig macht mich das Was, nicht das Das.

© Twitter Algengrütze (Das Bild stellt natürlich nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit dar, wie alle vergleichbaren Produkte – Fake ist es allerdings nicht!)

Zuerst bin ich erschüttert vom künstlerischen Niveau der Akteure und vom dramatischen Verlust artistischer Qualität, der sich in den letzten Jahren abgespielt haben muß. Meine letzten Kontakte zur populären Musik hatte ich Anfang der 90er Jahre, zugegeben. Mein Urteil zählt nicht und sicher, hoffentlich, gibt es irgendwo in verrauchten Kellern oder Ziegelbuden noch ein paar großartige Künstler, Virtuosen auf Instrumenten, Gesangsakrobaten. Wahrscheinlich sind sie zu gut für den großen Erfolg.

Hier jedenfalls standen Stümper auf der Bühne, die noch nicht mal ihre Instrumente beherrschten – wenn beherrschen bedeutet, die Grenzen des Instruments auszuloten –, die kaum die Melodie halten konnten, keine Stimme, kein Volumen, nichts. Die Texte grenzen ans Imbezile, die Musik primitiv und langweilig.

Aber auch das ist noch zu verkraften. Tristesse kehrt ein, wenn man dazu 50000 junge Menschen tanzen, jubeln und vor allem mitsingen sieht. Die kennen das also, die hören das tagtäglich, die pusten sich das Hirn aus dem Kopf mit sinnleeren Hip-Hop-Rhythmen.

© „Die Zeit“ … und die Dummen

Noch schlimmer aber: Das ist die Jugend, unsere Jugend. Machen wir uns nichts vor, das ist die Mehrheit, siebzig, achtzig Prozent? Die machen das alles mit. Die denken nicht nach. Die leben im Hier und Jetzt – das alte Mantra der Esoterik – und ahnen nicht, sehen nicht, wollen oder können es nicht sehen, was auf sie zukommt. Sie sind ohne Sorgen aufgewachsen und schon ihren Eltern ging es so und sie leiten daraus ein Grundrecht auf Frieden, Wohlstand, Rente und Party ab, auf ewig. Sie geilen sich an Floskeln auf, Bekenntnissen, und lieben es, sich als gut zu bekennen.

© „Spiegel Online“ – Vorschlag zur Güte: Die Würde des Menschen ist nicht antanzbar

Von den 100 bis 200 Millionen Schwarzafrikanern, die in den nächsten 30 Jahren nach Europa aufbrechen könnten, ahnen sie nichts oder sie wischen es beiseite, finden es vielleicht sogar gut? Peace! Bro. „Ich will Spaß. ich bin schwarz. Brauchst du Gras? Ich hab‘ Gras!“

Die überanstrengten Sozialsysteme nehmen sie nicht wahr. Eine kulturelle Verwurzelung haben sie schon nicht mehr. Goethe und Nietzsche sind für sie ferne Namen voller schlechter Erinnerungen an Schülerqual. Vielleicht haben sie stattdessen noch Kehlmann gelesen oder Schlink. Schlink ganz bestimmt – ohne die Vieldeutigkeit zu begreifen; sie haben vermutlich sich nur gegen die Nazibraut gewandt, wie die das nur alles tun konnte …

Leute, sagt mir doch: warum kämpfen? Wozu? Für diese Generation? Wir werden die letzten sein, wir werden die letzten gewesen sein – das ist mir vorhin aufgegangen, bei „Casper und Marteria“ und den tausend klatschenden bildhübschen jungen Mädchen ohne Kopf.

Da sitzt man Tag für Tag an der Glotze, liest tausende Artikel, hunderte Bücher, schreibt sich die Finger wund, versucht zu begreifen, es umzuwenden, Alternativen zu finden … für die Katz. Die weckt niemand mehr auf. Nur das Leben selber, aber dann wird es zu spät sein. Es ist jetzt schon zu spät.

Ich könnte im Schaukelstuhl sitzen und Ungarisch lernen und Hamsun lesen und an einem Buch arbeiten, das kein Mensch braucht, Schach spielen …, das Leben genießen, sorgenlos. Denn mich wird es vielleicht nicht mehr mit voller Wucht treffen. Laß die Lemminge doch in ihr Unglück rennen – sie haben es nicht besser verdient. Wozu sich wehren? Es ist vorbei, mit dieser Jugend ist es vorbei.

Scheiße, macht mich das depressiv!

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17 Gedanken zu “Die Chemnitz-Depression

  1. JJA schreibt:

    Als Angehöriger der sog. Generation Y möchte ich auch ein paar Sätze zum Thema verlieren: Ja, der Blick auf die meisten meiner Altersgenossen lässt einen Übles schwanen. Dennoch nervt mich die allzu pessimistische Abwertung der Jugend, aus verschiedenen Gründen.
    (1) War es früher wirklich anders? Auch in einem Kontext wie einem Pop-Konzert? 1968 und so? Ich weiß, es gibt spezifische, neue Tiefpunkte in der Gegenwart, dennoch kann die Erinnerung vielleicht relativieren.
    (2) Das Versagen einer jungen Generation ist immer auch das Versagen ihrer Eltern.
    (3) Es gibt auch Hoffnungsschimmer, #notall lässt grüßen. Es gibt die Klugen, Wachen, Aufmerksamen, auch unter der 30-Jahre-Grenze. Und was gerade das rechte Milieu wissen sollte: Es braucht nicht immer viele, es braucht die Richtigen.
    Also: Weniger jammern, stecken Sie den Ihnen Anvertrauten lieber ein paar Bücher zu.

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  2. Leonore schreibt:

    @Till Schneider: Ja, interessante Idee. (Dem heutigen Mainstream wäre aber Percy’s Roman viel zu „biologistisch“ …) Auf Walker Percy’s „Thanatos Syndrom“ (oder war es eine Rezension zu „The Last Gentleman“ – ach nein, es war ein ehrender Artikel zu seinem Tod) bin ich durch die damals noch so wunderbare FAZ aufmerksam geworden… Wie tief ist sie inzwischen gesunken! (Obwohl – das ist ungerecht! Es finden sich immer noch augezeichnete Artikel in der FAZ. Man darf sich nur nicht von der unerträglichen Anti-AfD-Propaganda ablenken und dazu bringen lassen, sie voreilig in den Papiermüll zu werfen.)

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  3. Leonore schreibt:

    (Wieder mal in Zeitnot – deshalb nur ganz kurz:)

    „O Freunde, nicht diese Töne!“

    Nein, was da Primitivstes mitgrölt, rumhüpft, satanistische Gesten zeigt und sich gleichzeitig als die besseren Menschen fühlt, ist nicht „die“ Jugend – sicher nicht mal die Mehrheit, wie Sie befürchten.

    Und es gibt auch heute noch Kinder und Jugendliche, die ins Theater, in Konzerte, in die Kirche gehen, die Latein und ein Musikinstrument lernen … meine zweitjüngste Enkelin ist übrigens fasziniert von Brahms (das Violinkonzert – Solist mein „Liebling“ Leonid Kogan, nicht „nur“ technisch perfekt, sondern auch mit ergreifend innigem und aufwühlend schmerzlichem Gefühl – mit den Londoner Symphonikern kann er sich noch wunderbarer entfalten als in Paris … ) – na, wie dem auch sei:

    Als Gott Sodom vernichten wollte, weil dort Mord, Kinderschändung und sonstwas an der Tagesordnung war, da appellierte Abraham an sein Gerechtigkeitsempfinden, er möge doch nicht die Gerechten mit den Ungerechten bestrafen, und brachte ihn durch beharrliches Verhandeln dazu, sich schließlich darauf einzulassen, die Stadt nicht zu zerstören, wenn sich auch nur zehn Gerechte darin finden würden …

    Die wenigen, die anders sind als die brüllende blökende Masse (unter denen sicher auch so einige waren, die sich irgendwann besinnen werden), sind es hundertmal wert, daß wir nicht nachlassen in unserem Engagement!

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  4. Drei Nachträge:

    + Eins:

    Michael Klonovsky notiert:

    4. September 2018, dritter Jahrestag des „freundlichen Gesichts“ der Kanzlerin

    https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

    „Wir brauchen keinen ‚Aufstand der Anständigen‘, sondern einen anständigen Aufstand.“
    Leser ***

    ***

    Ein gebotener Nachtrag zu den Besucherzahlen des gestrigen „Karthago feiert“-Konzerts „gegen rechts“ zu Chemnitz, speziell zu der auch von mir verbreiteten Besucherzahl von 60.000 oder mehr. „65.000 gingen auf die Straße“, frohlockten die Grünen – bei jedem Dortmund-Spiel gehen alle vierzehn Tage 80.000 „auf die Straße“ –, viele davon übrigens gratis per Bus herbeigekarrt und mit Fresspaketen versorgt wie die Teilnehmer beim Pfingsttreffen der FDJ.

    Leser *** sendet mir diese Aufnahmen. Bilden Sie sich bitte selber Ihr Urteil – die Falkenäugigen könne auch zählen, so viele sind’s ja nicht… (nach ***’s Schätzung tags 10.000 bis 12.000, abends 20.000 bis 25.000 Personen).

    Photo 1: https://www.michael-klonovsky.de/images/Mail-Anhang_2.jpeg

    Photo 2: https://www.michael-klonovsky.de/images/Mail-Anhang.jpeg

    + Zwei:

    Photostrecke: „Wir sind mehr in Chemnitz – Das Protestkonzert in Bildern

    https://web.de/magazine/politik/chemnitz-protestkonzert-bildern-33146464

    Aktualisiert am 04. September 2018, 13:42 Uhr

    [Quelle: web.de]

    + Drei:

    Helene Fischer postet wir sind mehr: Zusammenhalt sollte stolz machen

    https://web.de/magazine/politik/helene-fischer-postet-wirsindmehrzusammenhalt-stolz-33148134

    Beim Thema Politik und gesellschaftlichen Problemen hält sich Schlagersängerin Helene Fischer meist zurück. Zu groß ist offenbar ihre Angst, eigene Anhänger zu verprellen. Jetzt hat sich Fischer dennoch zu den Übergriffen in Chemnitz geäußert.

    [Quelle: web.de]

    Jetzt hat man offenbar das von Ihnen oben verlinkte Youtube-Video gelöscht!

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    • Kopfrechner schreibt:

      Bester Seidwalk: Sie mühen sich für alle diejenigen, die nicht erschienen sind, die aber in den Verlautbarungen in unverschämter Weise zu den „65.000“ gezählt werden.

      Zählen wir spaßeshalber die Dixie-Klos auf dem oben zitierten JPG Mail-Anhang_2: es sind bei allerbestem Willen maximal 100.
      Abituraufgabe (Berlin, nicht Sachsen): Wie oft kann jede der angenommenen 30-35.000 (wirklich bildhübschen?) Damen innerhalb der Gesamtbeschallungsdauer eines für je eine Minute aufsuchen? Nur die Damen, echte Kerle brauchen ja kein vornehmes Klo.
      Richtig, innerhalb von 5 Stunden kann jede Dame mit einer mittleren Wartezeit von 2 Stunden und 30 Minuten maximal einmal für genau 60 Sekunden urinieren, koten und ggf. Menstruationshygiene walten lassen.

      TasteTheFeeling. Wir feiern die kleinen besonderen Momente. Prost!

      Seidwalk: Jetzt verstehe ich endlich, was mir mal in Oxford einer sagte: Beware the mathematicians!

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  5. Es ist in der Tat deprimierend, Sie beschreiben das ganz treffend. Ich begegne manchmal, auch aus beruflichen Gründen, Studenten der Geschichte; auch ein Trauerspiel: Oft semiliterat, uninteressiert an dem, was sie da tun, die richtige Gesinnung (nicht zuletzt durch die notwendigen Accessoirs) vor sich her tragend. Sammelt sich alles im großen Becken der „Geisteswissenschaften“, da die Anforderungen dort in der Regel auch für schwache Geister niedrig genug sind. Da ist wenig zu erwarten.
    Und Sie haben zu Recht auf die generationelle Vererbung hingewiesen; mein Eindruck ist, daß sich auch hier etwas wiederholt: Das Verhältnis des heutigen linken Milieus unter 40 zur Generation seiner Eltern erinnert mich an das Verhältnis der jungen Nationalsozialisten zur Generation der ihrigen: Eine geteilte Weltsicht, aber ins Realitätsfremde, Manichäische, Irrsinnige und – so steht bei einigen zu erwarten – ins schließlich Kriminelle übersteigert. Aber es ist die Saat linksgepolsterter Wohlstandsjahre, die da aufgeht.
    Ins Bild paßt dabei auch so etwas: https://twitter.com/JohannaRudiger/status/1036622066513059841. Durch genau solche Aktionen wird wunderbar demonstriert, wie „Links-Sein“ und „Antifa“ heutzutage nur sehr wenig mit Moral und Kampf und Politik und sehr viel mehr mit „Lifestyle“, Party und (Selbst-) Vermarktung zu tun haben. Es ist eine Art von Wohlstandsverwahrlosung, oder von Lifestyle-Politik: Man ist genau so „antifa“, wie man im Biosupermarkt kauft und das neueste iPhone in der Tasche trägt.
    Was bleibt zu tun übrig? Wenig. Im Privaten: Den eigenen Kindern die klassische Musik nahebringen; Instrumente üben; lesen; sie Latein und Griechisch lernen lassen, als Antidot zu allzu eingängigen Gegenwartsphrasen. Sich bemühen, sie zu eigenständigen Charakteren sich bilden zu lassen.
    Und ansonsten, mit Joyce zu reden: „Silence, exile and cunning.“

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  6. @seidwalk

    „… Leute, sagt mir doch: warum kämpfen? Wozu? Für diese Generation? Wir werden die letzten sein, wir werden die letzten gewesen sein – das ist mir vorhin aufgegangen, bei „Casper und Marteria“ und den tausend klatschenden bildhübschen jungen Mädchen ohne Kopf.

    Da sitzt man Tag für Tag an der Glotze, liest tausende Artikel, hunderte Bücher, schreibt sich die Finger wund, versucht zu begreifen, es umzuwenden, Alternativen zu finden … für die Katz. Die weckt niemand mehr auf. Nur das Leben selber, aber dann wird es zu spät sein. Es ist jetzt schon zu spät.

    Ich könnte im Schaukelstuhl sitzen und Ungarisch lernen und Hamsun lesen und an einem Buch arbeiten, das kein Mensch braucht, Schach spielen …, das Leben genießen, sorgenlos. Denn mich wird es vielleicht nicht mehr mit voller Wucht treffen. Laß die Lemminge doch in ihr Unglück rennen – sie haben es nicht besser verdient. Wozu sich wehren? Es ist vorbei, mit dieser Jugend ist es vorbei. …“

    ______________________

    Sie sagen es, lieber @seidwalk!

    Die Jugend stellt bekanntlich die Zukunft eines Volkes dar.

    Ein Volk, was als Jugend einen mehrheitlich derart verdorbenen Menschenbrei hervorbringt, wie er am gestrigen Montag in Chemnitz seine, Zitat Putin, „Kultur des Todes“ zelebrierte, ist verloren.

    Nein, für diese Art von saturierten Lemmingen lohnt es absolut nicht, sich in die Bresche werfen zu wollen.

    Wenn Sie denn trotzdem kämpfen mögen, dann kämpfen Sie allein für sich und ein paar enge Freunde/Angehörige.

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  7. Till Schneider schreibt:

    Ich kriege seit meiner Jugend schon dann Depressionen, wenn ich die brachial simplen Akkordfolgen eines Popsongs drei Minuten lang immer wieder ertragen muss (bin selber studierter „Klassik“-Pianist, wahrscheinlich deshalb), aber die Vorstellung, dass „die heutige Jugend“ zu weitesten Teilen gar nichts anderes mehr kennt als Hip-Hop etc. (oder gar nur Nichtmusik, d.h. „Rap“), diese Vorstellung gibt mir dann endgültig den Rest. Natürlich kann ich es mir gar nicht „vorstellen“, sondern nur wissen – was die Sache noch schlimmer macht.

    Ich habe neulich diesen Artikel

    https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/da-laeuft-etwas-ganz-schief-894/

    bei Hadmut Danisch verlinkt und kommentiert gefunden

    http://www.danisch.de/blog/2018/08/22/wie-man-idioten-baut/

    und hatte bei der Lektüre ein ganz unheimliches Gefühl. Ungefähr so, als würde mir gerade jemand erklären und zugleich beweisen (!), dass ich hauptsächlich von Androiden umgeben bin, und zwar von vereinfachten Modellen ohne den vollen menschlichen „Funktionsumfang“. Was ich bloß noch nicht bemerkt hatte, weil ich mich fast nie dort aufhalte, wo die sich aufhalten. Das Gefühl war absolut gruselig, kafkaesk, was weiß ich alles. Ich hatte es vorher schon einmal bei dem Roman „Das Thanatos-Syndrom“ von Walker Percy. Darin stellt ein Psychiater nach längerer Abwesenheit fest, dass plötzlich so einige seiner Patienten … ich sage nicht, was bei denen los war, vielleicht haben Sie den Roman noch nicht gelesen. Ich kann ihn empfehlen.

    Das Deprimierende ist nur, dass es dort am Ende eine Lösung des Problems gibt, während es bei unserer Jugend „vorbei ist“ – da haben Sie recht. Nichts mehr zu machen. Das fühlt sich pervers an, im Wortsinn.

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    • Ein einsamer Rufer in der Wüste – ein sehr aufschlußreicher Text. Man könnte jetzt nach statistischer Verifizierung rufen, aber die meisten Leser dieses Blogs werden das (und haben es bereits: Kurt Droffe) bestätigen. Es geht rasant abwärts. Siehe auch:

      Das ist Fortschritt!

      Zwei weitere bedeutende Aussagen sind diese: „Man fühlt sich nicht für sich selbst verantwortlich, sondern verlässt sich darauf, dass das Verantwortungsgefühl anderer dafür sorgt, dass man selbst keinen Schaden nimmt.“ und: „Die Studierenden können Theorien, die in der Lehre zuvor sprachlich einfach dargestellt wurden, mehrheitlich angemessen memorieren und reproduzieren. Hingegen fällt die eigenständige Erschließung von Theorien …“

      Wenn man das verallgemeinert, kommt man der Misere schon ziemlich nahe: die Jugend wird zur Unselbständigkeit erzogen, sie wird systematisch abgefedert, es drohen keine Konsequenzen und sie lernen das Nachplappern, verlernen das eigenständige Denken. Genau das war gestern on show in Chemnitz. Und die Presse, also die journalistischen Spunde, ist nichts anderes als Variationen in Moralmemorieren. Bsp: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-wer-sie-waehlt-waehlt-nazis-a-1226160.html Die werden bewußt durch Negativselektion herangezogen.

      Noch eine Beobachtung der letzten Jahre. Trotz der geistigen und kulturellen Leere dominieren sie oft das Gespräch. Immer wieder beobachte ich Runden – Familie, Öffentlichkeit, übern Gartenzaun -, wo 15-30jährige Schnösel lautstark reden, meist nur von sich, und die ein bis drei Generationen darüber schweigend zuhören. Sie haben das Rederecht freiwillig abgegeben. Letztens erst unterhielt wieder ein Endzwanziger so eine Runde; der älteste Teilnehmer über 80. Der junge Mann ist ein Versager, hat zum dritten Mal das Studium gewechselt, sich jedes Mal höher orientiert – BWL schaffe ich nicht, also werde ich Arzt; Medizin schaffe ich nicht, also werde ich Quantenphysiker … -, gerade seine ersten Scheinchen gemacht und faselte von großen Zukunftsplänen (und was die Welt im Innersten zusammenhält) und wenn die nichts werden, dann kann man ja auch nach Australien gehen, die suchen Fachkräfte … Und die Alten sitzen dabei, schämen sich (weil sie wissen, daß er nichts auf die Reihe bekommt) und sagen kein Wort.

      Eigentlich müßte man den Rotzbuben, auch gestern denen, das Wort verbieten. Vor welchem Erfahrungshintergrund belehrst du uns hier? Opa, erzähl mal was vom Krieg. Wie waren die sechs Jahre im Lager?

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      • Einzelner schreibt:

        Nicht verzagen! …

        … ich denke an die Bilder am Vorabend der Wende in der DDR. Ich denke an die feiernden Massen in FDJ- und Pionierhemden zum letzten Republikgeburtstag. Ich denke daran, in wie vielen Gesichtern der Fähnchenwinkenden ein echter Glanz lag. Denke daran wie unwahrscheinlich es sich dabei nach einer kommende wirkliche Wende anfühlte. Gab es unter den Meisten im Land ein Voraussehen der Wende? Oder war viel mehr etwas anderes, eine unterirdische intuitive Gewissheit: Und so kann es doch nicht weitergehen. Weiß man, wer alles tanzte zum Konzert auf dem Deck der Titanic?

        Mit besten Grüßen!

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  8. „Diese Welt, insofern sie Gottes gänzlich leer ist, ist Gott selbst. Die Notwendigkeit, insofern sie gegenüber dem Guten das schlechthin andere ist, ist das Gute selbst. Das ist der Grund, warum jeder Trost im Unglück von der Liebe und von der Wahrheit entfernt. Dies ist das Geheimnis der Geheimnisse. Berührt man es, ist man in Sicherheit.“ (Simone Weil)

    Trost füllt nur eine Leerstelle aus, die äußerst schmerzhaft ausgehalten und leer gehalten sein will. Die letzten Tage sind eine Zerreißprobe. Der große Sohn ereiferte sich über „Komplott“s Chemnitz-Rap (den ich mir interessehalber zu Gemüte führte), das sei musikalisch schlecht gemacht und ich hinge in einer irren Parallelwelt, in Wirklichkeit sei das alles kein Problem, keine reale Gefahr, ich hätte ja nichts erlebt von all dem, was ich da herbeiphantasierte, warum ich dagegen die ganze Zeit argumentiere? Meine wütende Verve, daß ihn das betreffen wird, nicht mich, daß diese Gesellschaft gerade zerreiße, tat er mit mildem Lächeln ab: „Schon gut, Mutter, lassen wir das.“ Er ist 19. Er will feiern. Und ich werde noch verrückt an meinem Kassandrasyndrom und dem ewigen Paradox der Gewißheit. Woher soll ich sicher wissen, daß ich rechthabe? Da schickte mir jemand das obige. Ein Trost ist das nicht. Aber ein Erkenntnisfortschritt. Vielleicht das richtige für depressive Philosophen.

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    • Sarrazin: „Ich glaube, dass man niemals in der Geschichte etwas voraussagen kann. Es hätte auch bei Ihnen niemand geglaubt, dass Kurz mit seinen jungen Jahren Bundeskanzler werden würde. Man hätte 1988 auch niemals gedacht, dass im Jahr 1989 die Mauer fällt und dass im Jahr 1991 die Sowjetunion untergeht. Insofern: Ich beschreibe Trends und Tendenzen, und natürlich hoffe ich, dass mein Buch auch ein Weckruf ist, der dazu beiträgt, auf Dinge, die ich als gefährlich empfinde, einen anderen Blick zu gewinnen.“

      Man kann es auch „Wahrscheinlichkeit“ nennen – die hier lesen und schreiben, wissen auch nicht, wie es kommen wird, aber sie können die Wahrscheinlichkeiten abmessen, sie können die Punkte zu einem Graph verbinden und ihn in die Zukunft verlängern.

      Ich will auch nicht getröstet sein, sondern alles auskosten. Den einzigen Trost, den ich mir hin und wieder gestatte, ist die Freude daran, zu sehen, daß alle mir wichtigen Menschen – im Privaten wie im Intellektuellen – auf dieser Seite der Vernunft stehen (sorry!) und das sagt mir: Wir haben recht, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit. Aber man kann niemanden zur Wahrheit zwingen und schließlich sollte jeder das Recht haben, freiwillig, selbstbestimmt unglücklich zu werden.

      Ohne die permanente Ausblendung des ganzen Wahnsinns, von dem man dann wohltemperiert nippt, könnte man wohl nicht existieren. Das wird man wohl weiterhin zu tun haben …

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    • @fauxelle

      Woher soll ich sicher wissen, daß ich rechthabe?

      ______________________

      Liebe Fauxelle,

      Warum so zaghaft? Wer Augen hat, der sehe! Selbstverständlich haben Sie recht!

      Als wir uns am ersten Novemberwochenende im Bücherlager miteinander unterhielten, richtete ich die Frage an Sie, ob Sie wegen der verlorenen Arbeit als Schulköchin noch Trauer empfinden.

      Das ganze Ausmaß*) der gegen ihre Familie ins Werk gesetzten, perfiden Repression war mir – ein Dreivierteljahr liegt das jetzt zurück – damals noch nicht bekannt.

      Erinnern Sie sich? – Einer der aus Rumänien zum Sonnabendnachmittagskaffee angereisten Teilnehmer machte eine Rechnung auf, bezüglich des rasanten Wegsterbens der Anhängerschaft des Altparteienkartells. Diese Lücke läßt sich – siehe gestern als es dem BRD-Regime quasi aus dem Stand heraus gelang, 50.000 junge [sic!] Jubelperser zu mobilisieren, scheinbar mühelos mit neuen, saturierten Lemmingen füllen.

      Solange wir uns in der Diaspora (dt. Zerstreuung) befinden, werden wir auch für uns selber und unser engstes Umfeld wenig bis nichts erreichen. Ohne eine tatsächliche, nicht nur mentale, soll heißen räumlich-geographische Sezession wird uns der konformistische Mahlstrom mit verschlingen.

      *) https://sezession.de/59361/repression-im-gespraech-mit-caroline-sommerfeld

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    • WolfgangHPunkt schreibt:

      Sehr geehrte „fauxelle“,

      dem Link (Sezession: Repression im Gespräch) von „Giuseppe Bottazzi“ in seinem Kommentar zu Ihrem Kommentar bin ich gefolgt.

      Ihre Geschichte hat bei mir die Erinnerung an einen Dialog in Franz Kafkas „In der Strafkolonie“
      wachgerufen:

      Reisender: …„dann weiß also der Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?“
      Offizier: „Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu verteidigen…“.

      Offizier: „Der Grundsatz nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos.“ [1]

      Nach zehn Jahren Waldorfschule hat mein Sohn auf einem staatlichen Berufskolleg seine Lebensfreude und sein Lachen wiedergefunden.

      [1] http://www.digbib.org/Franz_Kafka_1883/In_der_Strafkolonie 

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