Nächtliche Begegnung

Fahre nachts halb Elf nach dem Fußball mit dem Fahrrad durch die Stadt. Feuerwehr und Krankenwagen rauschen an mir vorbei, am Himmel kreist ein Hubschrauber. Was wird da nun wieder passiert sein? Plauen anno 2018. Jedenfalls durchaus keine Wohlfühlatmosphäre.

Am Friedhof winkt mir jemand vom Gehsteig zu, ein Fahrrad liegt im Gras. Ich solle halten. Mustere den Mann, bevor ich es tue: südländisches Aussehen, hager, einen Kopf kleiner – den traue ich mir zur Not zu und stoppe also.

„Wo Plauen, wo Plauen?“ ruft er. „Das ist Plauen“, antworte ich und frage nach der Adresse. Aber er kann mir keine nennen, drückt mir stattdessen ein Handy in die Hand. Jemand sagt in gebrochenem Deutsch, er solle zum Dietrichplatz kommen.

Das ist ein komplizierter Weg – wie erklärt man das einem, der noch nicht mal verstanden hat, daß er in Plauen ist und kaum ein Wort Deutsch kann? Also sage ich: „Komm!“ und fahre ihm voraus, obwohl es für mich die entgegengesetzte Richtung ist.

Er kann jedoch nicht mithalten, ist am Ende seiner Kräfte, steigt ab, pumpt und stöhnt. Also gehen wir ein Stück. Ich schaue ihn mir genauer an. So einem Menschen möchte man nachts nicht begegnen. Vermutlich mein Alter, zerfurchtes Gesicht, aber keine drei Zähne mehr im Mund.

Ich vermute einen Araber, aber er sagt „Russki“. Krame ein paar verschüttete Vokabeln hervor. „Russkie? Njet! Kaukasus?“ Er nickt. „Kак тебя зовут?“ – „Burat“. Das ist stimmig. „Georgia?“ – „Da“ – „Tschetschenien?“ – „Da“.

Damit stehen die Chancen gut, einen Kriminellen vor mir zu haben, wie selbst die Pro-Presse eingestehen muß. (Tags zuvor wurde zur selben Zeit und just am Dietrichplatz ein junger Mann von drei bärtigen „Russen“ geschlagen und mit einem Messer verletzt – Plauen anno 2018 …) Aber hier sind wir Mensch zu Mensch. Und dieser hier ist fix und fertig. Ich reiche ihm meine Wasserflasche: „Voda“ – er trinkt gierig. Sagt noch was von „Falkenstein“. Der Ort liegt 25 km entfernt. Vermutlich ist er das alles geradelt und hat seit langem nichts gegessen. Jedenfalls hält er sich seinen Bauch.

Schließlich sind wir beim Bahnhof. „это nagy, nein, большой улица. Два kilometer, один kilometer bergab“ – ich zeige das und „один kilometer bergauf, понимать?“

Er nickt, lacht, bedankt sich, schlägt ein und unsere Wege trennen sich auf immer – wie ich hoffe.

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Ein Gedanke zu “Nächtliche Begegnung

  1. @seidwalk

    „… unsere Wege trennen sich auf immer – wie ich hoffe.“

    ___________________

    „Man sieht sich (angeblich) immer zwei Mal im Leben.“

    Sollte sich diese Redensart in Ihrem Falle bewahrheiten, bleibt zu hoffen, daß sich der Kaukasier noch (wohlwollend) an diese nächtliche Begegnung am Plauener Friedhof mit Ihnen erinnert …

    Seidwalk: Solange ich nicht in seine Taschenlampe schauen muß, sehe ich der Begegnung mit Vorfreude entgegen.

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