Neueste Heimatsplitter

Erstaunlich, wie auffallend, manchmal sogar aufdringlich zwei oder vier Prozent sein können. Das waren bis zuletzt die Zahlen – tatsächlich hat sich der Anteil innerhalb von vier Jahren verdreifacht. Man sollte meinen, eine so geringer Anteil müßte in der Menge verschwinden, fast unsichtbar sein, man müßte sich wirklich konzertieren, um ihn wahrzunehmen … aber nein – liegt es meinem Fokus? – diese paar Prozent bestimmen das Stadtbild und, den Nahverkehrszug, die Straßenbahn, die Einkaufstempel, die Plätze und Sitzplätze.

Man muß sich das Straßenbild Plauens von vor fünf Jahren vor Augen führen, um die Entwicklung zu begreifen. Wenn meine Kinder und Kindeskinder in meinem Alter, also in 20 bzw. 50 Jahren, durch die Stadt laufen werden – was sie glücklicherweise kaum tun werden – dann wird es eine andere, keine deutsche und auch keine vogtländische Stadt mehr sein.

Gespräch mit der Postfrau, die sich freut, mal wieder bei uns abliefern zu können. „Wie geht`s?“ – ein bißchen Interesse genügt, um den Redefluß in Gang zu bringen. Sie sei jetzt auf Altersteilzeit und habe noch zwei Jahre. „Ja, das erleichtert die Arbeit sicherlich.“ Aber nein, es ist nicht zu schaffen. Diese Menge und diese Gewichte. Es gibt auch keine Männer mehr, die das machen. „Und die Neubürger? Das sind doch viele junge Männer – gibt es da nicht den einen oder anderen?“ Sie schüttelt den Kopf: Hatten sie alles schon gehabt, aber nach spätestens drei Stunden kehren die um und werfen das Handtuch – ist ihnen zu schwer und zu hektisch.

Ähnliches Resultat beim Rechtsanwalt, befreundet. Sucht seit Jahren eine Bürofachkraft. Wandte sich an eine Bekannte aus dem Arbeitsamt. Es müsse doch, bei guter Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen jemanden geben. Kopfschütteln. Es können auch Ausländer sein. Sie verzieht nur die Miene: „Kannst du vergessen! Ist noch nie passiert, daß wir da jemanden vermitteln konnten.“

Einstige Apotheke ist jetzt „Ali‘s Feinkost“, die Bockwurstbude auf der Bahnhofstraße führt jetzt ein schnurrbärtiger Mann indischen Aussehens, der im „Ali Baba“ „orientalische Spezialitäten“ anbietet. Eine alte Plauenerin sitzt davor und brabbelt vor sich hin: „Kei Boggwurscht mär, kei Boggwurscht mär – Ali Boaba“.

Auf dem zehnminütigen Weg vom Bahnhof ins Zentrum begegne ich drei alten Leuten, die in Papierkörben nach Pfandflaschen suchen.

Katja Kipping war in Plauen und hat sich vor dem Erich-Ohser-Denkmal ablichten lassen. Es ist das mutmaßlich schwächste Werk des Bildhauers Erik Seidel. Seine wirklich bedeutenden Arbeiten kann man hier sehen.

Der „Lochbauer“ ist der vielleicht idyllischste Ort in ganz Plauen. Vor einem Steilhang fließt die Weiße Elster unter romantischer Brücke entlang, daneben der alte Fachwerk-Vierseitenhof, in dessen Mitte eine enorme Kastanie steht. Für mich besonders attraktiv, da der Wirt Ungarisch spricht, seine einstige ungarische Hilfskraft zur Ehefrau gemacht hat und die Chance nutzte die Sprache zu lernen. Ich bestelle also auf Ungarisch. Wenige Tage später liest man in der Zeitung, daß er AfD-Sympathisant sei, sich im Ton vergriffen habe und daß die Linke in der Stadtverordnetenversammlung ihn nun gern aus der Werbung der Stadt entfernt haben möchte.

Jemand erzählt mir folgende unglaubliche Geschichte: Er, europäischer Ausländer, soll in einem Blumenladen, der offenbar auch Paketdienste anbietet, ein Paket abholen. Der Inhaber verlangt den Personalausweis, doch er hat nur den Führerschein dabei. Es kommt zur Diskussion in deren Verlauf der Inhaber behauptet, daß jeden Tag mehrere von „Merkels Gästen“ zu ihm kämen, um Pakete abzuholen, die ihnen offensichtlich nicht zustünden. Für Müller, Meyer oder Schmidt, auf gut Verdacht. So seien mehrere Pakete verschwunden und nun fordere er eben den Personalausweis, der mit Anschrift und Adresse übereinstimmen müsse. Ich will hoffen, daß diese Geschichte nicht stimmt – aber selbst dann ist sie berichtenswert: sie zeigte dann, daß es diese Erzählungen gibt. Ob Wahrheit oder erfunden: das Gift bleibt.

AfD kompakt: Schließt die Al-Muhadjirin-Moschee und weist die Hassprediger aus

Beim Joggen im Wald kommen mir vier (fast) unbekleidete minderjährige Flüchtlinge entgegen, Schätzalter 15. Aus einem Rucksack ertönt laute Musik (die überwunden geglaubte Unsitte aus den Zeiten der Halbstarken scheint trotz IPod wieder Einzug zu halten – in der Stadt gleich zwei Begegnungen mit solchen Lärmverschmutzern, zwei minderbemittelten deutschen Kids.) Sie nehmen den gesamten Weg ein, ihr Ziel das Stadtbad. Dort lief ich soeben erst vorbei und sah durch den Zaun den neuen muskulösen arabischsprechenden Schwimmmeister, den man eingestellt hat, um Ordnung zu garantieren. Die Burschen scheinen nicht weichen zu wollen. Könnten nach mittelöstlicher Generationenfolge meine Enkel sein. Ich entscheide mich für Ignorieren und laufe, Kopf nach unten, eisern auf den Rechtsaußen zu. Der weicht im allerletzten Moment aus. Punktsieg.

Dresden, Prager Straße: Habe Probleme, die Gewinnsituation zu verstehen, die man mir einreden will – wo liegt der Gewinn, wenn zahlreiche Gruppen junger Männer am den Brunnen sitzen, in sehr fremden Sprachen sprechen, auf Handys schauen, lachen, den Weibern hinterher glotzen? Dresdner und Migranten begaffen sich gegenseitig wie seltsame Schaufensterware oder wie exotische Tiere im Zoo.

Frau mir vier kleinen Mädchen unterwegs, alle Kopftuch. In 20 Jahren 16?

Besuch im BuchHaus Loschwitz. Dort hatte ich vor 10 Jahren einmal eine Lesung. Das Buch steht als bewährter Ladenhüter noch immer im Regal. Die Chefin, Frau Dagen, sagte damals zu mir – es waren nur fünf Zuhörer, davon zwei zahlende –, daß auch Tellkamp, mit dem sie befreundet sei, so angefangen hätte und jetzt hat er den Buchpreis. Mittlerweile ist die Frau berühmt: sie initiierte nach den Vorfällen auf der Buchmesse Frankfurt die Charta 2017 und öffnete ihr Haus auch Stimmen, die sonst keine Öffentlichkeit bekommen. Schnell sind wir im Gespräch. Sie strahlt trotz der vielen Anfeindungen und Enttäuschungen, die kommen mußten, ungebremsten Optimismus aus. Einen Teil der Kundschaft habe sie verloren, aber einen anderen, besseren, gewonnen. Wir lebten in spannenden, interessanten Zeiten, man sei wieder erwacht, man hat seinen „Eisenkern“ wieder entdeckt und das müsse man bejahen und feiern. Ob sie keine Angst vor der Zukunft habe, vor Angriffen, vor der Intoleranz? Nein, denn wenn etwas ehrlich, authentisch und stimmig sei, dann füge es sich einfach, dann wird es gut. Das ist das große Mantra der Esoterik, füge ich ein und sie lacht. Wir verlassen das Geschäft gestärkt nach zwei Stunden Diskussion, nicht ohne eine große Tüte Bücher mitzunehmen[1] – der Vorteil des kleinen Fachhandels: man erwähnt ein Interesse, hört noch „Moment mal“ und bekommt wenig später das passende Buch unter die Nase gehalten.

Susanne Dagen erzählte auch: Von einigen westdeutschen Freunden wurde sie gefragt: Aber warum tut ihr das? Ihr habt doch alles! Soll heißen: euch geht es gut, ihr habt das Geschäft, habt euch was aufgebaut, funktioniert als Familie … warum dann seine Stimme erheben? Über so viel Weltfremdheit schüttelt sie den Kopf – sie verstehen es einfach nicht, können es nicht verstehen, sind in ihren Wohlfühlblasen befangen und glaubten wirklich, der Sinn des Lebens liege in ein wenig materiellen Wohlstands und Ideale und Werte und Vertrauen seien überflüssig. … Sie hatte einen guten Kunden, einen Anwalt, der das Geschäft „geliebt“ habe, wie er sagt. Der trennte sich von ihr, ertrug es nicht, im „rechten“ Laden einzukaufen und verließ nun Sachsen überhaupt, um nach Florenz zu ziehen. Auf diesen Riß in der Gesellschaft spreche ich sie an, die glaubt, daß eine neue existentielle Situation die Deutschen wieder zusammenschweißen könne. Ich bezweifle das: Sicher, Not schweißt zusammen, das ist unsere DDR-Erfahrung, aber man darf nicht vergessen, daß die Bundesrepublik ein jahrzehntelanges Entsolidarisierungs- und Individualisierungstraining durchlaufen hat und frage schließlich: „Sehen Sie, würde dieser Mann Ihnen helfen, wenn sie in Not wären?“ Sie überlegt nicht lang und sagt: „Vielleicht nicht. Aber ich würde ihm helfen und darauf kommt es an!“

Derweil ist Frau Dagen auch in die Musikgeschichte eingegangen.

[1] Die werden hier sukzessive besprochen werden.
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Ein Gedanke zu “Neueste Heimatsplitter

  1. Fritz Hoffmeister schreibt:

    Oh je, Plauen. Welche Bitterkeit. Heimat meiner Eltern und Großeltern. Wie traurig. Und ich habe die Stadt »vorher« nie gesehen. Dachte auch immer, in Ostdeutschland, so sagte man’s uns doch fortlaufend?, gäb’s kaum Zuwanderung, weshalb Pegida & Co. doch eigentlich gar nicht wüssten, von was sie sprechen …
    Danke für diesen lebendigen Bericht.

    Seidwalk: Ja, Plaun bleibt Plaun: https://www.youtube.com/watch?v=rxQtcCWduvM

    Wenn Sie unsere schöne Innenstadt bewundern wollen – hier geht gerade ein Clip viral:

    Gefällt mir

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