Die Angst vor dem Faschismus

In einem sehr lesens-, nachdenkens- und in vielerlei Hinsicht kritisierenswerten Interview sieht die „migrantische deutsche Denkerin“ und „Migrationsforscherin“ Naika Foroutan Deutschland auf dem Weg in eine „präfaschistische Phase“: „Europa rutscht gerade in eine Richtung, die keinen progressiven ,sinnstiftenden Endpunkt‘ mehr ansteuert wie Habermas mal den Treiber für gesellschaftliche Entwicklungen genannt hat: also den Blick auf gesellschaftliche Errungenschaften, die Sinn erzeugen und als Treiber der Entwicklung Gesellschaften nach vorne bringen. Wir befinden uns vielmehr in einer Phase der Destruktion.”

Grund genug, aus der marxistischen Theorie heraus noch einmal die alte Frage zu beantworten: Droht ein neuer Faschismus?

Man kann die Frage im großen Stile aufziehen, die dutzenden Faschismus-Definitionen gegeneinander ausspielen, über die Entwertung der Parole sprechen etc. Hier dagegen soll ein früher Artikel Friedrich Engels‘ als Aufhänger dienen, das Argument marxistisch zu durchleuchten. Denn es ist doch eine seltsame Eigenart, daß ausgerechnet linke, also mutmaßlich marxistisch geschulte Meinungsmacher die Faschismuskeule gern hervorziehen.

Der Anfang des Endes in Österreich“ (MEW 4, 505ff.) lautet ein sechsseitiger Zeitungsartikel, den Engels Anfang 1848 in der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“ veröffentlichte. Ein geschichtsträchtiges Datum, nicht nur, weil Europa gerade im Revolutionsmodus war, sondern auch für Marxisten: es sind die Tage des Erscheinens des „Manifest der Kommunistischen Partei“ (MEW 4, 459-493), besagter Text stammt aus dem unmittelbaren Umfeld der paradigmatischen Schrift. Sie ist mithin eine am historischen Objekt durchgeführte Operation mit den manifestierten Mitteln und Messern.

Es ist kein Geheimnis mehr, daß das „Manifest“ wesentlich Engels zu verdanken ist1. Er hatte mit seinen „Grundsätzen des Kommunismus“ einen katechismusartigen Blueprint verfaßt, der dann in gemeinsamer Arbeit zum Manifest umgeschrieben wurde. Schon stilistisch deutet der Vergleich des „Manifestes“ mit „Der Anfang des Endes in Österreich“ auf seinen prägenden Einfluß hin.

Engels analysiert den kommenden Untergang der Habsburgermonarchie. „Die buntscheckige, zusammengeerbte und zusammengestohlene österreichische Monarchie, dieser organisierte Wirrwarr von zehn Sprachen und Nationen, dies planlose Kompositum der widersprechendsten Sitten und Gesetze, fängt endlich an, auseinanderzufallen.“ Man beachte das Wort „endlich“ – und die Selbstverständlichkeit, mit der Engels dem Melting Pot Österreich-Ungarn die innere Überlebensfähigkeit abspricht: Selbstbestimmung der Völker, das war einst ein urmarxistisches Anliegen!

Aber warum? Warum muß, laut Engels, die Monarchie zusammenbrechen? Man könnte meinen, es liege am verbrauchten Personal. „Talleyrand, Louis-Philippe und Metternich, drei höchst mittelmäßige Köpfe, und darum höchst passend für unsere mittelmäßige Zeit, gelten dem deutschen Bürger für die drei Götter, die seit dreißig Jahren die Weltgeschichte wie eine Puppenkomödie am Drähtchen haben tanzen lassen.“ „Aber kann Metternich dafür?“, fügt er an. Den scheinbaren Ursachen – dem politischen Versagen – folgen nun die tatsächlichen.

Und da beginnt Engels historisch anzusetzen, erzählt er die Geschichte. Zuerst die Geschichte der Rückständigkeit Österreichs, das sich aufgrund seiner geographischen Lage lange der „sich entwickelnden Industrie“, dem sich „ausdehnenden Handel“, den „sich erhebenden Städten“, dem Aufstieg des Bürgertums widersetzen konnte. „Die bürgerliche Zivilisation konnte eine Zeitlang abgesperrt, sie konnte eine Zeitlang der östreichischen Barbarei angepaßt und untergeordnet werden. Früher oder später aber mußte sie die feudale Barbarei überwinden, und damit war das einzige Band zersprengt, das die verschiedensten Provinzen zusammengehalten hatte.“

So lange war das Land vor der Revolution sicher: „Wer aber sicherte die Ursachen der Revolution?“ Es ist Engels, der das Wort „Ursachen“ kursiv setzt. Er will sich noch immer nicht mit dem Scheinbaren abfinden, will zum Eigentlichen. Das sind die „Maschinen“. „Östreich verschanzte sich gegen die Maschinen hinter ein konsequentes Prohibitivsystem. Aber vergebens. Gerade das Prohibitivsystem brachte die Maschinen nach Östreich hinein.“

Ganz exemplarisch scheint hier die Denkfigur der Dialektik in einer noch etwas ungehobelten Form hervor. Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich nicht aufheben, im Gegenteil, seine Verhinderung wird zur Bedingung seines Einzugs, historisch gesetzmäßige Entwicklungen lassen sich nie verhindern, sondern immer nur modifizieren. Die Folgen waren umstürzend: „die Manufakturarbeiter wurden brotlos“, sie wurden „aus ihrer angestammten Lebensweise herausgerissen“, die Bourgoisie entstand und die Arbeiter, die Fronbauern verloren einerseits ihre Einkommen, entwickelten andererseits neue Bedürfnisse und lösten das feudale Verhältnis zum Gutsherrn auf, die Städte erhoben sich … kurz: „Die Stellung aller Klassen veränderte sich total.“ Mit den Eisenbahnen erreichen plötzlich „die Produkte der großen Industrie“ auch noch „die entferntesten Winkel der Monarchie.“

Selbst die Nationalitäten definieren sich neu, „aus dem wüsten Agglomerat einander fremder Provinzen sondern sich bestimmte, größere Gruppen mit gemeinsamen Tendenzen und Interessen heraus.“

Und jetzt kommt der entscheidende Satz: Alles hat das Reich der Habsburger ausgehalten: „Die französische Revolution, Napoleon und die Julistürme hat’s ausgehalten. Aber den Dampf hält’s nicht aus. Der Dampf hat sich durch die Alpen und den Böhmerwald Bahn gebrochen, der Dampf hat der Donau ihre Rolle eskamotiert, der Dampf hat die östreichische Barbarei zu Fetzen gerissen und damit dem Hause Habsburg den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Der Dampf war’s! Schon im Manifest steht: „Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion“ und führt zu den berühmten kraft- und wundervollen Zeilen: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Mit nüchternen Augen – das heißt bei Marx und Engels, mit Blick auf die sozioökonomischen Zusammenhänge. Und damit zurück zur Ausgangsfrage, denn was für den Kommunismus gilt, gilt aus marxistischer Sicht auch für den Faschismus, gilt für jede gesellschaftliche Formation.

So wie ein Metternich – der tatsächlich mächtigste Mann seiner Zeit – den Lauf der Geschichte nicht aufhalten konnte, sowenig wird es, aus streng marxistischer Sicht, auch ein Trump nicht können. Die Frage, die sich marxistisch geschulte Geister stellen müssen, geht weit über die historische Persönlichkeit hinaus. Sie müßte statt: Kann Trump/Le Pen/Wilders/Sarrazin/die AfD/Bannon … zum Faschismus führen, lauten: Sind die historischen Bedingungen, die ökonomisch und sozial determiniert sind, sind die „Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse“, die materiellen Voraussetzungen reif für einen neuen Faschismus?

Weiter: Bedarf der Faschismus nicht einer aufgewühlten Menge? „Bedarf es tiefer Einsicht“, fragen die beiden Klassiker fast höhnisch im Manifest, „um zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewußtsein sich ändert?“

Nicht ein „Führer“ macht den Faschismus, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. Das nennt man „materialistische Geschichtsauffassung“, „Historischen Materialismus“ und der scheint den heutigen Pseudomarxisten und Möchtegernlinken fremd zu sein.

Zur Erinnerung – Friedrich Engels klipp und klar im Anti-Dühring: „Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ (MEW 20, 248f.)

Will man das Gespenst eines neuen Faschismus aufbauen, dann bitte nur von diesen Prämissen aus. Aber bietet die globalisierte Produktion, der globalisierte Austausch von Produkten, Informationen und Menschen – von der „Lehre aus der Geschichte“ ganz zu schweigen – wirklich einen Nährboden für einen Faschismus?

Glaubt tatsächlich jemand ernsthaft, daß eine übersatte, adipöse, krankenversicherte, universalversicherte, vorm Bildschirm krummrückig gewordene, politisch desinteressierte, durchgegenderte, egozentrische, narzißtische, politisch korrekt, konsumnomadisch erzogene Generation auf eine Frage wie „Wollt ihr den totalen Krieg?“ euphorisch mit „Ja“ antworten könnte? Viel mehr muß man sich fragen, wem die Angstmacherei unmittelbar politisch nützen soll.

Realer Faschismus braucht Elend, Massenarbeitslosigkeit, braucht eine verzweifelte Menge, eine allumfassende Propaganda, Gleichschaltung, Militarisierung, eine große funktionierende Armee, enorm zugespitzte „Klassengegensätze“ usw. und nicht zuletzt einen großen Jungmännerüberschuß.

Denn auch Gunnar Heinsohns Entdeckung des Kriegsindex ist reiner Materialismus, auch wenn er die ökonomische Auslegung nicht teilt. Sofern wir uns den Jungmännerüberschuß nicht importieren, ist in Deutschland und in Europa auf lange Sicht aus ganz objektiven Gründen eine streng diktatorische, kriegsbegeisterte Gesellschaft nahezu undenkbar.

Die tatsächliche totalitäre Drohung ergibt sich aus der Einengung des Meinungshorizontes einerseits und – ganz marxistisch – aus den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen, die im Silicon Valley geplant und durch technische Zwänge mit neuen Glücksversprechen verbunden durchgesetzt werden.

Daß unsere Gesellschaft zerfällt, ist nicht zu übersehen. Wozu sie es bringen wird im Zeitalter der Virtualität, Gleichzeitigkeit, des gnadenlosen Konsums, der unerfüllbaren Sinnsehnsucht etc. ist kaum zu prognostizieren, aber faschistisch – wenn dieser Begriff irgendeinen Sinn haben soll – wird sie definitiv nicht. (Eher könnte es in die Richtung SamjatinOrwellHuxley gehen.)

Das zumindest lehren uns Marx, Engels und der Dampf.

1 Vgl. etwa: J.D.Hunley: The Life and Thought of Friedrich Engels. Yale University 1991, S. 65-79

2 Gedanken zu “Die Angst vor dem Faschismus

  1. Großartig! So wollen wir „Marxismus von rechts“! Wobei mir ein Gedanke noch unausgegoren im Kopf hängengeblieben ist: wie verhält es sich mit der Gleichschaltung? Die ist ein wesentliches Ingrediens. Die „Robokratie“ könnte so ein Gleichschaltungsimpuls sein, und zugleich ist sie höchst materialistisch i.S. von technischer Basis und Menschenbild.

    Liken

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Das trifft einen wesentlichen Punkt der neulinken Weltanschauung. Was immer man gegen die alte Linke einwenden mag, sie zeigt durch die (oft leider nur deklamatorische) Orientierung an den materiellen Umständen, dass sie mit der Macht objektiver Verhältnisse rechnete, was den weltanschaulichen Weg zu einer realistischen Weltauffassung öffnet. Die neue Linke dagegen strebte due Herrschaft im ideologischen Raum an, wie eine Kirche. Und wundert sich dann, wenn die doch so fleißig bepredigten Pfarrkinder die Kirchenbänke desertieren, weil sie ihre materiellen Interessen verraten sehen. In der Reaktion worauf man dann, ganz wie die Pfaffen, noch verstärkte Gesinnungsaufsicht und -kontrolle anstrebt, als ob das etwas hülfe, wenn erst das Pendel mit Macht zurückschlägt.

    Einige Gedanken zum Interview.

    • „Die Diskussion darum, ob man Menschen retten darf, die im Mittelmeer ertrinken, oder ob daraus Pull-Faktoren für eine Migration nach Europa entstehen und man deshalb erst einmal welche sterben lässt, bis es ‚die restlichen Afrikaner‘ auch verstehen und sich nicht mehr auf den Weg machen, das hat mich sehr erschüttert.“ — Die derzeit (auch durch Treibenlassen) verfolgte Migrationspolitik ist selbstverständlich ein Anreiz für Zuwanderung. Soviel an Ursache-Wirkung-Beziehung sollte doch jeder verstehen, der sich noch dazu als Sozialwissenschaftler mit dem Thema beschäftigt. Dass man willentlich Menschen ertrinken lassensoll, diese Gorderung habe ich bis vor Kurzem noch nie gelesen, die meisten oder sogar alle wollten, das unbedingt gerettet werde, Sie übersieht, dass sie dem deutschen Bürher exklusiv ein Koppelgeschäft anbietet: Retten und dann selbstverständlich ins Land bringen und auf unabsehbare Zeit staatlich versorgen. Ein Verkäufer von moralischen Artikeln jann so auftreten, er braucht sich dann aber nicht zu wundern, wenn Zweifel aufkommen, ob Deutschland es stemmen kann, das Sozialamt für bis zu zwei Drittel der Menschheit zu machen. Und dass das Publikum dann eben gar nichts mehr abkauft, weil keine Ware mit weniger offenbaren Mängeln im Angebot ist. Hier sind wir wieder beim materialistischen Punkt. Als Pfaffe mag man glauben, seine Mündel zu grenzenloser Entsagung bereden zu können, aber die Menchen ziehen letztendlich eben doch ihre eigenen Interessen vor,nicht immer offen, aber gewiss heimlich; man darf sie nicht überfordern. Jeder realistische Politiker weiß das, doch offenbar nicht jede „Forscherin“. Das Ende grenzenloser Immigration ist die Verelendung des eigenen Landes oder die Gegenreaktion, den Zuzug möglichst vollständig zu drosseln. Die Ertrunkenen des dann verstärkten Schwalls, und der erst langsam nachlassen wird, weil die Hoffnung aufs Durchkommen ja so „erfolgreich“ eingepflanzt wurde, die gehen auf die Kappe von Träumern wie ihr. Ich habe übrigens schon schwärzere Gedanken: Wieso sollte ich jemanden retten, der mich offenbar moralisch erpressen will?

    • „Zum einen, weil die Diskussion eine moralische Erosion aufzeigt, die direkt zu europäischen Menschenlagern in Nordafrika führt und zur Entwertung des Lebens anderer, die keine Europäer sind. Ob Kind, ob Frau, ob Junge mit Hoffnung im Blick – das spielt keine Rolle.“ — Offenbar eine rührselige Person. Rechtlich entscheiden heißt ohne Ansehen der Person entscheiden. Ist es nicht diskriminierend, sich vom Migranten ohne Hoffnung im Blick oder schon reifen Alters weniger anrühren zu lassen? Offenbat hat sie ein Grundprinzip jeder Politik nicht verstanden, niemand regiert jemals unschuldig, weil den einen Interessen nachzukommen die anderen verletzen heißt. Vielleicht haben wir es hier mit bei der holden Weiblichkeit leider sehr weit verbreiteten Sowohl-als-auch zu tun, mit dem sie sich gerne in die Taschen lügen oder ihr Dekorum als „moralisches“, d. h. die anstehende Entscheidung meidendes Kindklein wagen wollen: „Ich will allen wohl und ich will keinem wehe.“ Ich würde damit warten, bis Löwe und Lamm friedlich nebeneinander liegen.

    • „Die Zugangskategorie für Leben ist durch die Geographie bestimmt. Zum anderen, weil es zahlreiche Studien gibt, die nachweisen, dass eine restriktive Migrationspolitik die Menschen, die vor Hunger, Krieg und Hoffnungslosigkeit fliehen, nicht daran hindert, sich auf den Weg zu machen. Dass diese Studien und Erkenntnisse nicht durchdringen gegen ein dumpfes Gefühl der Abwehr, ist eine schlimme Erfahrung.“ — Die australische Vergrämungsmethode scheint jedoch gewirkt zu haben. Aber vielleicht ist deren Rezeption in den einschlägigen Forscherkreisen nicht durchgedrungen gegen das helle Gefühl, die ganze Menschheit vor Versorgung unter europäischem Niveau retten zu wollen.

    • „Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil vieles so gegenwärtig scheint, dass einen Panik erfasst. Vielleicht sollte ich erst den Schluss lesen, vielleicht zeigt Stern da Auswege.“ — WIe oben schon angedeutet: Ein Mädchen als „Sozialforscherin“. Vermutlich darf sie „an Vieles ja gar nicht denken“, weil ihr sonst zu bang würde, aber die anderen erziehen und anleuten, das wollte sie doch ganz gerne. Wer würde sich einen Alpenführer nehmen, der nicht in den Abgrund schauen kann?

    • „ich habe so lange am Gegenteil gearbeitet und war überzeugt davon, dass es ein neues deutsches Wir geben würde, das nicht mehr anhand von religiösen, kulturellen oder migrationsbiografischen Linien das Deutschsein definiert, sondern als eine Haltung für eine plurale Gemeinschaft neu entsteht.“ — Sie hätte gerne die alte deutsche Gesellschaft zu Semmelbröslen gemahlen und sich daraus eine neue nach Frankfurter Rezept und ihren persönlichen Wünschen gebacken, aber die alte wollte sich nicht zermahlen und dann in den Ofen schieben lassen. Wie empörend!

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    Genug mit dem Inhalt. Ich erlaube mir noch einige Hinweise auf die Argumentionsart und den Sprachstil.

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    • „Ich würde Gauck nie in einer Linie mit Sarrazin beschreiben – sondern eher als jemanden, der auf die Inszenierungslogik der Rechten für Menschen, die nicht gehört werden, hereinfällt und versucht, sie abzuholen, indem er ihre als Angst getarnten Vergiftungen aufnimmt. Und damit sind nicht die Bürger gemeint, sondern die Argumente, die ins Feld geführt werden. Dass die Menschen nicht gehört werden, steht in keinem kausalen Zusammenhang zur Multikulturalität. Aber die wahllose Kombination jeglicher gesellschaftlicher Missstände mit Migration, kombiniert mit dem Vorwurf, das werde von naiven Gutmenschen geleugnet, erzeugt ein Klima der Distanzierung. Um sich nicht vorwerfen zu lassen, naiv zu sein, fangen viele Menschen plötzlich damit an, sich kritisch zu errungenen Werten zu stellen.“

    Übersetzung aus dem spezifischen Sozio-Idiolekt ins Deutsche, selbstredend mit dem vollem Risiko des Missverstehens:

    • „IGauck ist anders als Sarrazin. Er plappert aus Naivität die propagandistischen rechten Parolen nach, die Bürger würden von der Politik nicht angehört und versucht sie [die Bürger!] von dieser Meinung abzubringen, indem er an diese [Bürger!-]Reden anknüpft, die sie wegen ihrer [der Bürger] nur vorgeblichen Angst führen. Dass die Bürger wirklich nicht gehört werden, ist noch lange kein Grund, wieso sie den Multikulturalismus nicht fressen sollten. Aber weil in allen sozialen Problemen ein Zusammenhang mit der Migration gesehen und auch noch behauptet wird, die Gutmenschen würden diesen Zusammenhang leugnen, werden die Menschen einander fremd. Weil sie Angst haben, als naiv dargestellt zu werden, kritisieren sie Werte, die es noch nicht so lange gibt, die man aber nicht ablehnen sollte,.“

    Vermutlich konnte ich nicht alle subtilen Konnotationen und feinen Stilfiguren erkennen; besonders rätselhaft erscheint mir die „Inszenierungslogik der Rechten für Menschen, die nicht gehört werden“, in der ich außer einer Enallage noch mehr an klassischen Tropen superponiert vermute, aber eben nicht bestimmen kann. In der Berliner Humbug-Universität lebt eben das Bildungsideal ihres Namenspatrons fort. Wer nicht dort studiert hat, versteht wohl manches aus diesem hochgeistigen Milieu einfach nicht.

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    • „Die Rechte wollte die Grenzen des Sagbaren schleifen und sie hat es geschafft“ — Hoffentlich waren diese „geschleiften“ Grenzen keine jener Mauern, die es in und um Deutschland nicht geben darf und deshalb auch nícht kann, sonst hätte die Rechte doch etwas Gutes getan.

    • „Empörung kann ein großer Mobilisierungseffekt in Gesellschaften sein. Aber wenn so viel passiert, über das man sich empören kann, dann ist das irgendwann eine stumpfe Waffe.“ — Man müsste sich vielleicht entscheiden, ob einen die Empörung überkommt, so wie der Zorn den Gerechten, oder ob man sie als Waffe führt und nun nicht mehr schnell genug zücken kann, weil man sie schon die ganze Zeit über in den Hand hält.

    • „ein Großteil der heutigen Politik scheint das Konzept der objektiven Wahrheit zu verwerfen“ — Da hat sie wohl recht.

    • „Politik funktioniert in den letzten Jahren, und das sehe ich als großes Scheitern an, nach Bevölkerungsanalysen und Umfragen. Dabei geht politisches Handwerk verloren.“ — Deutsch: „Die Politik folgt heute fatalerweise den Ergebnissen von Meinungsumfragen. Dadurch verlernen es die Politiker, ihre Macht auszuüben.“

    • „Und unterschätzen Sie nicht die Dynamik des Sprechens vor Massen. Bayerns Ministerpräsident Söder ist seit einiger Zeit schon im Wahlkampf. Das formt einen Sprach-Denk-Komplex, aus dem man nicht einfach rauskommt, wenn man die Tribüne im Bierzelt verlässt. Bei praktisch jedem Menschen. Und irgendwann verschiebt sich die normative Gefühlslage, nicht nur seine. Gegen Sarrazin war der Reflex noch recht stark. Inzwischen müssen sich Seenotretter vor Gericht und vor der öffentlichen Meinung rechtfertigen. Das ist schon eine starke diskursive und moralische Verschiebung. Normalisierung geschieht schleichend, im Guten wie im Bösen. Und das Böse wird irgendwann ganz alltäglich. “ —Übersetzung: „Unterschätzen SIe nicht, was man alles sagt, wenn viele auf einen hören. Bayerns Ministerpräsident Söder ist seit einiger Zeit schon im Wahlkampf. Was er sagt, denkt er dann auch irgendwann, das geht jedem so. Und irgendwann empfindet man dann nicht mehr nach Vorschrift. Gegen Sarrazin war man noch konform empört. Inzwischen müssen sich dagegen die von der Empfindung Gesteuerten rechtfertigen, anstatt dass sie das öffentliche Wort führen. Unsere Felle schwimmen langsam davon.“

    • „Die SPD ist aber schon lange keine Arbeiterpartei mehr, sie wird von der Dienstleistungsklasse gewählt, von Leuten wie uns. […] Eine Gesellschaft entwickelt sich aber nicht weiter, wenn sie Intellektuelle hasst. Es gehört inzwischen zum guten Ton, nicht klug sein zu wollen und keine akademische Sprache zu nutzen […] die SPD hat unsere Stimmen nicht verdient. Und hier spreche ich jetzt als Migrantin. […] Ich würde inzwischen jene, die das Thema [Migrations- und Integrationspolitik] betrifft zur Wahl der Grünen aufrufen. […] Robert Habeck ist ein Suchender, der mit viel Herzenswärme eine Politik für die Bevölkerung macht. Und hier hätte er Potenzial, die migrantische deutsche Bevölkerung gezielter anzusprechen und in diese Wärme einzubinden. […] “ — Zum Glück kann man ja wenigstens gelegentlich die akademische Sprache eines Mitglieds der migrantischen Dienstleistungsklasse lesen, das den Konditional stets an der rechten Stelle zu setzen weiß und auch sicher genügend Einblick in Wärmeeinbindungsprobleme hat, um Wärmebrücken zu vermeiden, die doch nur Brennstoff kosten und das soziale Klima mit Vitamin B vergiften.

    • „Intellektuelle sind zentral. Sie denken für die Gesellschaft – mit der Gesellschaft oder indem sie Gesellschaften beobachten, beschreiben, künstlerisch darstellen oder irritieren. Die Politik nimmt dieses Wissen auf und setzt es um, indem sie noch einmal eine Rückkopplungsschleife im Land dreht und so die Ideen auf Konkretion und auf die Bereitschaft der Bevölkerung zur Umsetzung testet – so im besten Sinne.“ — Das ist uns leider verlorengegangen. Zu Zeiten von Adenauer, Erhardt, Brandt, Schmidt, Kohl und Schröder, da hat die Politik noch auf die Intellektuellen gehört, ihre klugen Pläne willig zu verwirklichen gesucht und auch die Belastbarkeit der Bevölkerung getestet. Aber heute? Wer kennt oder befolgt gar heute denn noch die modernisierte Julius-Zihalsche Regel: „Die Bürger sind jener Teil der Bevölkerung, der als zum Unterhalt der intellektuellen Klassen verpflichtet anzusehen ist.“

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    Kann es sein, dass Frau Foroutan Frau Merkel rhetorisch berät?

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