To drown or not to drown

Zwei Nachrichten eines Tages: „Obwohl sich die Lage vermeintlich entspannt hat, bereitet die Flüchtlingssituation fast jedem zweiten Deutschen immer noch große Sorgen.

Und: „Gestorben wird reichlich“ – auf dem Mittelmeer, meint der Kapitän der „Lifeline“, der nun in Malta vor Gericht steht.

Europa hat sich in ein schier unlösbares Dilemma hineinmanövriert. Es geht nicht um die 200000 im Jahr, es geht um die unendlichen Menschenmassen dahinter.

Aber Halt: es gibt eine Lösung, nur wird diese in derzeitigen aufgeheizten Diskussion noch nicht mal erwogen.

Während man beim „Focus“ erstaunt darüber ist, daß die Hälfte der Deutschen – Tendenz steigend –, jetzt, da alles doch wieder ruhiger werde, sich um die Flüchtlingsfrage Sorgen macht, bin ich überrascht, daß es noch immer die Hälfte meiner Mitmenschen nicht geschnallt hat, daß diese Frage, die Migration, unsere Schicksalsfrage sein wird. Daran werden die EU und Deutschland scheitern – wenn es zuvor nicht schon an am Finanzcrash, an innereuropäischen Divergenzen, an Bürokratenblödheit, Größenwahn, an Merkels Altersstarrsinn, am Nahostkonflikt oder tausend anderen validen Gründen zu Ende gehen wird.

Und just dieses Problem wird seiner Unlösbarkeit immer näher geführt. Der Info-Krieg um die Migranten auf dem Mittelmeer ist nur der sichtbarste Teil.

Klar, man muß Ertrinkende und in Seenot Geratene retten. Das muß man nicht mit Gesetzen und Verordnungen rechtfertigen, das ist menschliche Natur. Aber retten kann nur, wer zur Rettung bereit steht und diese umwerfende Tatsache ist ein wesentlicher Faktor im Risikomanagement. Viele Risiken, die der moderne Mensch eingeht, sind keine mehr, weil sie versichert wurden. Die Rolle der Flüchtlingsschiffe verschiedener NGOs ist die von Versicherungen.

Aber auch Kapitän Reisch hat recht: Wer sich einmal auf ein solches Boot begibt und all das Drama um Leben und Tod miterlebt, der begibt sich automatisch in den Teufelskreis des Retten-Müssens, solange die Kräfte reichen. Erst danach, nach dem psychischen oder physischen Zusammenbruch, der in der Regel kommt, reiht er sich wieder in die Phalanx der Ignoranten, der Verweigerer, der Deprimierten, der Nichtstuer also, ein.

Auch danach wird noch immer reichlich gestorben.

Der Tod ist ein Meister aus Afrika. Seine Meisterschaft wird sich in den nächsten Jahrzehnten kolossal erweisen. Man wird zu Millionen, zu zig Millionen, zu hunderten Millionen in Afrika gewaltsam sterben; an Hunger, Elend, Seuchen, Armut, in Bürgerkriegen, im Terror, in Bandenkriegen, bei Unfällen, Umweltkatastrophen, Dürren, Völkerwanderungen … das ganze Arsenal. Niemand, keine Kraft dieser Welt wird das aufhalten können. Man kann hier und da lindern, hier einen Menschen aus dem Wasser ziehen, dort einen Brunnen bauen, dieses Kind impfen und jenes in die Schule schicken … anstatt ihrer werden viele andere leiden und sterben. Die enorme Bevölkerungsexplosion, die in ihrer Dimension historisch einmalig ist, das unsägliche Verhältnis zwischen Jungen und Alten, zwischen Jungmännern und Positionen, die Unmöglichkeit ein exponentiell wachsendes Chaos zu organisieren, … läßt keinen anderen Schluß zu.

Man kann an diesem Wissen zugrunde gehen und unendlich leiden – oder lernen, damit zu leben. Nenne es Zynismus – ich nenne es Realitätssinn.

Dazu gehört auch: die Migrationswellen werden über uns hereinbrechen. Verantwortungsvolle Politik hätte schon seit Jahren diskutieren müssen, wie man damit langfristig umgeht. Grenzen zu öffnen und schöne Bilder in die Welt zu senden, sind der falsche Weg, sie werden am Grundproblem in Afrika nichts ändern, denn nur ein paar Millionen von den bald vier Milliarden werden es schaffen, aber diese Millionen werden Europa – ob sie es nun wollen oder nicht – zerstören, sie werden Europa zu Afrika machen, sie werden vielleicht ein paar bessere Jahre oder Jahrzehnte für wenige ergattern, aber sie werden alle und alles, uns inbegriffen, mit in den Strudel reißen.

Wer das verstanden hat, der weiß zumindest, was nicht zu tun ist: Weiter so.

Wenn Kapitän Reisch in seiner unverschämten Naivität den Politikern empfiehlt: „Fahrt einfach mal mit“, dann will er sie in den Teufelskreis einladen, in dem er selber steckt. Die libysche Küstenwache habe drei Menschen dem Tode überlassen, erzählt er betroffen. Die Schleuser schickten noch immer Boote aufs Meer, auch wenn keine Rettungsschiffe vor Ort seien. Die Menschen werden wissentlich in den Tod geschickt.

Exakt. Man schickt die Menschen, denen man zuvor die Information untersagt, die also die Lage selbst nicht überblicken können, bewußt in den Untergang, denn jeder Tote lastet auf dem europäischen Gewissen. Schon ein erhängter Afghane ist uns unerträglich. Je mehr Menschen ertrinken, umso größer wird der Druck, neue Rettungsschiffe zu entsenden. Das ist Zynismus – er geht direkt von den Schleppern aus, die genau wissen, welcher Hebel im humanistischen Westen zu drücken ist, und indirekt von linker Politik, die sich weder aus dem Bewährten erklärt noch die Vernunft und Vorsorge der Utopie und der Betroffenheit vorzieht.

Versorgt sie mit Leid – das weiß man in Libyen und anderswo. Die Europäer können es nicht ertragen. Hier hingegen zählt ein Menschenleben nicht – es ist die billigste Währung in Afrika und sie wird immer mehr an Wert verlieren, je mehr man davon hat. Menschenwürde kennt einen quantitativen Grenzbereich.

Europa hat sich durch seine Flüchtlingspolitik erpreßbar gemacht. Nur ein einziges Mal ein gutes Gesicht zeigen, genügt, um den Verzweifelten bis Gelangweilten das böse Gift der Hoffnung einzuflößen.

Jetzt wird es schwer, zurückzurudern. Die selige Zeit der „wohltemperierten Grausamkeit“ (Sloterdijk) ist fast vorbei. Nicht der Grausamkeit – die kommt erst noch –, sondern des Wohltemperierten. Jede Geldsendung aus deutschen Geldern in die Dritte Welt – im letzten Jahr waren es 18 Mrd. Euro! –, jeder sinnentleerte Asylbescheid, aber auch jede geglückte Karriere, jeder Job, jedes neue Auto … ist ein Signal, wird wie ein Magnet wirken und neue Scharen mit toxischer Hoffnung versorgen.

Stattdessen müssen die fatalen Entscheidungen des Jahres 2012 zurückgenommen werden: jedem Migrant muß klar sein, daß er Jahre lang Gras fressen muß, daß er sich seine Existenz hart erkämpfen muß, mindestens so hart wie zu Hause, wenn er es hier zu etwas bringen will. Wer das schafft, sei willkommen – in überschaubaren Zahlen. Auch jetzt, glaube ich, kann der wirklich Willige etwas erreichen – wenn viele es nicht tun, muß man ihren Willen hinterfragen.

Zur Erinnerung: Im Juli 2012 hatte das Bundesverfassungsgericht die 1993 beschlossenen und seinerzeit als Erfolg gefeierten Grundleistungsbeträge nach § 3 Asylbewerberleistungsgesetz für grundgesetzwidrig erklärt. Danach wurden die Leistungen zum Lebensunterhalt deutlich angehoben. Miete, Nebenkosten, Krankenversicherung sind für Asylbewerber frei, der Barbetrag zur Deckung von Grundbedürfnissen (Zusatzausgaben für Transport, Kommunikation etc.) wurde von 40 auf 140 Euro pro Person angehoben usw. Nach 15 Monaten im Lande wurden Asylbewerber de facto Hartz-IV-Empfängern gleichgestellt.

Schon im Jahre darauf begannen die Asylbewerberzahlen deutlich zu steigen. 2011 wurden 45 000 Asylanträge gestellt, zehn Prozent mehr als 2010. 2012 waren es 65 000. Ein Jahr nach dem Beschluß hatte sich die Zahl auf 127 000 verdoppelt, um 2014 eine erneute Verdopplung zu erfahren.

Derweil starrte Europa geschockt auf mehrere Tragödien vor Lampedusa – im Oktober trifft sich der Rat der EU, um – nichts zu entscheiden. Italien und Griechenland werden allein gelassen, es werden Betroffenheit und Trauer bekundet, aber die Sinnhaftigkeit der Dublin-II-Beschlüsse und der Drittstaatenregelung nicht diskutiert. Der gleiche Mechanismus greift heute noch immer.

2014 kamen also bereits fünfmal mehr Asylsuchende nach Deutschland als drei Jahre zuvor – der Zusammenhang mit den erhöhten Verpflegungsgarantien ist evident.

Grenzen zu – das ergibt sich dann von selbst, auch wenn es tatsächlich unmöglich sein sollte, die grüne Grenze dicht zu machen. Diese Unmöglichkeit wird sich ganz schnell relativieren, wenn erneut endlose Schlangen auftauchen. Es ist aber ein Unterschied, ob man eine bewachte und kenntlich gemachte Grenze überschreitet oder ob man nicht einmal ersehen kann, in welchem Land man sich befindet. Es ist zudem ein justitiabler Akt. Wer ihn begeht, weiß oder muß wissen, daß er Gesetze bricht – und muß die Konsequenzen tragen.

Und im Mittelmeer? Ja, es werden kurzfristig Menschen ertrinken, das ist schrecklich. Aber das wird aufhören, erst dann aufhören, wenn man weiß, daß Europa sich verweigert, und damit wird Europa langfristig eine Vielzahl an Menschenleben retten.

siehe auch: Verladebahnhof Deutschland

4 Gedanken zu “To drown or not to drown

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Menschen, die nur emotionalen Antrieben folgen und ihre Ratio ausschalten, spätestens nachdem sie – meist ziemlich schnell – ihre emotionale Einstellung gefunden haben, welche dann – meist dank des arretierenden Dunning-Kruger-Effekts – kaum mehr von ihnen oder wem auch immer zu verändern ist, sind der Inbegriff menschlicher Blödheit und bereiten entsetzlich guten Gewissens dem Unglück gute Jahre.

    Menschlich ist man nur, wenn man im Effekt hilfreich ist und nicht, wenn man einem Drang nachgibt und sich deswegen so fühlt. Solchem sinnvollen Handeln muss zwingend Kalkül vorgehen. Selbst wenn die Menschheit eines Tages ausgestorben sein wird, wird es übrigens die falsche, unkalkulierte Menschlichkeit noch immer geben, indem etwa die mutterlieben Kühe instinkthaft ihre Kälber lecken werden. Eine Instinkthandlung, mit denen sie auf sie die für WIederkäuer so nötige Darmflora übertragen. Andere impulsgetriebene Handlungen beim instinktreduzierten Menschentier, das heute in sozialen Milieus lebt, für die die Evolution nicht ausreichend Zeit hatte, förderliche Instinkte zu selektieren, gehen dagegen fehl. Jeder Automatismus, der sich der Augsicht der Vernunft entzieht, ist in diesen eine Gefahr. Wir sind zum Bedenken der Folgen verdammt, aber viele sind verdammt unwillig zu dieser Mühe. Emotion ist nämlich der bequemste Autopilot.

    Heute wird wohl Webers „Politik als Beruf“ kaum mehr rezipiert. Stattdessen gibt es Journalismus als Erweckungspredigt und Konformismus als soziale Lebensregel. Vermutlich ist das stark mitverursacht durch die Penetration aller Lebensbereich mit den „weiblichen Werten“.

    Man schaue sich wieder einmal Laughtons “The Night of the Hunter”

    https://www.youtube.com/watch?v=uF7uscfKrjA (Leider mit beschnittenem Kader)

    in dieser Hinsicht an. Eine, nur eine fällt darin nicht auf den ach so moralischen Prediger herein. Wer Menschheit sagt, will betrügen, ob er es selbst weiß oder nicht, andere und meist auch sich selbst. Gott bewahre uns vor einer Menschheit aus lauter Idealisten! Selbst mit lauter aus Eigeninteresse dann eben doch zurückhaltender agierenden Egoisten lebt es sich angenehmer.

    Wenn Ihnen jemand dagegen mit dem ach so wunderbaren Vorbild Jesu kommt, fragen Sie ihn nur, wie denn eigentlich dessen Ende war? „Aber der ist doch wiederauferstanden, der Kreuztestod war doch Heils-Absicht!“ Das sagen solche immer danach, um ihre Verblendung zu retten …

    Gefällt 1 Person

      • Pérégrinateur schreibt:

        Ich praktiziere diesselbe Methode; oder um es mit einem Spruch der Gegend zu sagen, in der ich aufgewachsen bin: „Nicht ausgeschumpfen ist genug gelobt!“ Allerdings bleibe ich auch still, wenn ich mein Urteil zurückhalte.

        ――――――――

        Haben Sie Klonovskys kurze Frage vom Tage gelesen? Ihnen will ich meine Antwort nennen.
        Ich hatte nämlich dazu einen in sich ziemlich stimmigen Alptraum, schon vor Längerem, der sich bis anhin aber nicht verwirklicht hat – hoffentlich stimmt doch eine seiner Prämissen nicht, denn ein ergreifender Traum gibt nun einmal Wahrheit kund, das kann Ihnen jede bauchganglionengesteuerte Empfindlerin bestätigen.

        Die vor allem durch ihre stets nur moralischen Handlungsmotive im Land und in der Welt bekannte Bundeskanzlerin erkennt dank ihrer überragenden politischen Einsicht, dass die Politik der offenen Seetore in Europa keine Zukunft mehr hat, weswegen die vergeblich anbrandende Menschenflut ein unverkennbares Signal der geänderten Zustände braucht, damit nicht weiterhin Menschen umsonst im Mittelmeer ertrinken. Sie bestellt die Weltpresse ein und veranstaltet vor den Kameras eine dramatische Selbstersäufung im Spreebogen. Danach als Point d’orgue öffentliche Lesung eines Morgue-Gedichtes von Benn. In der Folge Überschwemmungen in Berlin-Mitte wegen des in voller Zahl anwesenden und in Tränen ausbrechenden feminisierten Haltungskommentariats der Weltpresse, auch weil Münkler aus Nachlässigkeit die Fluttore seines politstrategischen Rückhaltebeckens nicht geöffnet hält. Spontane Heiligsprechung der Protestantin durch die deutschen katholischen Bischöfe, die in Rom schon gar nicht mehr anfragen lassen wegen offenkundiger Imitatio Christi usw. usf.

        Wie sollten wir anderen Deutschen ob dieses Edelmutes danach und nur allein für unsere minderen Zwecke noch weiterleben? Und wer soll nun unsere chrysostomische Gewissensführerin sein? Etwa irgend eine Journaleuse, die wegen ihrer formation professionelle in Gefahr ist, nicht einmal „scheinbar“ mit „anscheinend“ zu verwechseln?!

        Zum Glück bin ich danach gleich aufgewacht. Oh, schweiget still, ihr bitter’n Höllenlieder! Die Trän‘ bleibt aus, die Erde hat mich wieder!

        Liken

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