Kleine WM-Nachlese

Die Fifa möchte weniger schöne Frauen im Fußball. Die Einblendung junger hübscher Damen in Nationalfarben sei sexistisch. „Federico Addiechi, in der FIFA zuständig für Diversität, sagte: ‚Wir haben es den einzelnen Sendern und den Hosts gesagt. Wir wollen dagegen vorgehen.‘“ Die Lösung liegt auf der Hand: Quotenregelung! Häßlich, dick, verformt, schwarz und weiß … für alles gibt es eine Statistik, ergo eine Quote. Es sollte in Zukunft auch den Spielern untersagt werden, schöne Frauen aus dem gleichen Genpool zu daten, zu heiraten und zu schwängern.

Hätte man freilich gewußt, daß die freche Dame, die den Rasen als Flitzer im Endspiel enterte, von Pussy Riots ist, sie hätte ganz sicher ihre Quote bekommen. Man wird in der deutschen Presse diesen verzweifelten Schrei nach Aufmerksamkeit als Heldentat feiern.

Kroatiens Erfolg gegen England war ein Sieg der Männlichkeit. Es spielten echte Männer gegen verzärtelte Stars. Am Ende war es Mandžukić, der wenige Minuten zuvor schmerzhaft mit dem Torwart zusammengeprallt war, der unter Muskelkrämpfen litt und trotzdem nach 110 Minuten wach und schnell und clever genug war, dem träumenden Verteidiger Johns einen entscheidenden Meter abzukaufen und gnadenlos einzuschießen. Diese verwitterte Männergeneration um Modrić, Mandžukić, Subašić, Rakitić, Perišić, Lovren bekam noch den Krieg zu spüren, kannte persönliches Leid, Grausamkeit, Vertreibung, Heimatverlust, Verlust geliebter Menschen … Viele mögen daran zerbrechen, aber wer es überlebt, kann davon zehren. Sie sind keine Sympathieträger, sie sind mit allen Wassern gewaschen, kennen jeden Trick im Buch … Männlichkeit ist ohne Brutalität, ohne Härte – auch gegen sich selbst –, ohne Lebenserfahrung nicht zu haben.

Der Erfolg Kroatiens zeigt aber auch die Kraft des „Nationalismus“. Schnell war man in den deutschen Medien bereit, belehrend die Faschismuskeule zu schwingen und übersah dabei, was eine Gruppe Männer, die gemeinsam hinter einer Fahne stehen, auf diese schwören und wirklich an sie glauben, zu leisten in der Lage sind. Trotz der Ballkünstler Modrić und Rakitić waren die kroatischen Siege vor allem Willenssiege; ein Wille, der durch den Glaube an die Nation entfacht und erhalten wurde.

An der Fußballberichterstattung lassen sich auch die Folgen der selbstauferlegten Unmündigkeit der Presse studieren. Einerseits will man Kroatien – als kleines Land – mögen, andererseits ist es ein Land, das auf sich hält. Ein Journalist des „Spiegel“, mit kroatischen Wurzeln, mischt sich unter englische Fans. Als man ihn enttarnt, verweist er auf sein Herkommen – das wird akzeptiert: Herkunftsstolz zählt auch unter Fans. Dann fragt er farbige Engländer, weshalb sie überhaupt England unterstützten – das Unerhörte dieser Frage, ja das Rassistische, scheint ihm nicht bewußt zu sein, denn anders als „England ist doch euer Unterdrücker“ ist sie kaum zu verstehen. Die reagieren zweierlei: mit großer Selbstverständlichkeit – wir leben hier, das ist unser Land – aber auch mit Spiegelrassismus. Sie lieben Raheem Sterling, der sei schwarz und in Jamaika geboren. Also auch hier gibt es ein ethnisches und rassisches Zugehörigkeitsgefühl – ein Artikel, der sich die ideologische Völkerverständigung, einmal mehr die Belehrung, zur Aufgabe gemacht hat, weist ungewollt auf die tiefen Wurzeln des Volkhaften und Identitären.

Über das „Prinzip Hoffnung“ hatte der Marxist Ernst Bloch 1600 Seiten geschrieben. Die WM hat es widerlegt. Zumindest im Fußball ist es das Rezept für Desaster. Löws Truppe versinnbildlichte das Scheitern, aber auch England und einige andere könnten als Beispiele gelten. Schlechte Vorbereitung, müde und wenig motivierte Profis – ein Fahneneid kann sie nicht einen –, die Özil-Gündogan-Affäre usw. zum einen, freilich auch die Reaktionslosigkeit während des Turniers und der Spiele zeugen vom irrigen Glauben an das Prinzip Hoffnung. Trotz vieler Warnschüsse gab man heimlich die Parole aus: es wird schon klappen, laßt uns hoffen, es hat doch immer geklappt. Auch die Engländer bezahlten den Preis für den Glauben an die Hoffnung. Als im entscheidenden Spiel gegen Kroatien, in der zweiten Halbzeit, ihr Spiel plötzlich zu zerfasern begann, hätte Southgate dringend reagieren müssen – durch eine Auswechslung, eine Systemumstellung, Anordnungen, Motivation, was auch immer. Aber er ließ das Spiel laufen, sichtbar in der Hoffnung, den knappen Vorsprung irgendwie über den Schlußpfiff zu retten. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: die Hoffnung wurde vom schieren Willen besiegt.

Zum Finale:

Béla Réthi, legendärer Kommentator (man vergleiche), den ich gewöhnlich durch Schauen fremdländischer Kanäle vermeiden kann, verwechselt mehrfach Umtiti und Matuidi mit Pogba und Kanté – alle schwarz, richtig schwarz. Es fällt ihm scheinbar schwer, Schwarze zu unterscheiden. Oder irre ich? Kommt aufs Gleiche raus: dann fällt es eben mir schwer. Das Man!

Das Finale ist der beste Beweis für die partielle Unsinnigkeit des Videobeweises. Auch am Bildschirm ist die menschliche Unvollkommenheit gefragt, muß dynamische Situationen statisch bewerten und – irrt. So oder so. Mit einem wesentlichen Unterschied: VAR ermöglicht manchmal erst den Irrtum, wie im aktuellen Fall: der Elfmeter gegen Perisić war eine Farce, eine farce française.

Eine Mannschaft, die aufgeregt zum Schiedsrichter rennt, um ein fragliches Handspiel zu reklamieren und dies und sein Ergebnis auch noch feiert … Franzosen eben. Was soll’s: man muß fair und sportlich bleiben. Also: Herzlich Glückwunsch, Hrvatska!

Ein Regenguß durchweichte die wichtigen Menschen. Man ließ die kroatische Präsidentin im Regen stehen, bis ihre Frisur dahin war. Man stelle sich die Kanzlerin an ihrer Stelle vor – oder besser nicht!

Mich durchzuckt eine kurze Vision im Endspiel-Gewitter. Im Moment, als Lloris den goldenen Pokal in die Höhe reißt, schlägt der Blitz darin ein.

Die große Lehre der WM: auch im Fußball ist Gerechtigkeit eine Utopie.

Ein Gedanke zu “Kleine WM-Nachlese

  1. Till Schneider schreibt:

    Die „partielle Unsinnigkeit des Videobeweises“, allerdings in einer anderen Bedeutung des Ausdrucks, zeigte sich im Finale noch in einer weiteren Spielszene, die m.E. mindestens so entscheidend war wie das sog. „Handspiel“ von Perisić: der Schwalbe von Griezmann, die zum 1:0 per Freistoß führte. Im Video war die Schwalbe glasklar zu sehen; es gibt auch jeder zu, dass es eine war, jedenfalls in den Artikeln, die ich bisher gelesen habe. Aber ach: Das Regelwerk erlaubt es nicht, so etwas per Videobeweis zu überprüfen, siehe die folgende Stelle über den schwachen Schiedsrichter Pitana (aus einem dpa-Bericht auf „web.de“):

    „Pitana übersah unter anderem eine Schwalbe von Griezmann vor dem Freistoß zu Frankreichs 1:0 – dies lässt sich aber den Regeln nach nicht durch den Videobeweis überprüfen.“

    Laut Regelwerk darf also ein sog. „Handspiel“ per Videobeweis detektiert und geahndet werden, worauf in diesem Fall die Franzosen einen möglicherweise spielentscheidenden Elfmeter erhielten und verwandelten. Dagegen darf eine nicht nur sogenannte, sondern echte Schwalbe NICHT per Videobeweis usw., weshalb in diesem Fall – tja, ebenfalls die Franzosen einen Freistoß erhielten und das möglicherweise spielentscheidende 1:0 erzielten.

    Kurzum: Das Regelwerk lässt zu, dass spielentscheidende Nicht-Fouls qua Videobeweis zum Foul umdefiniert werden können, und zugleich, dass spielentscheidende Tatsächlich-Fouls eben nicht qua Videobeweis als solche definiert werden können – beides mit den entsprechenden, zwangsläufigen Konsequenzen. Oder „alternativlosen“ Konsequenzen, das passt auch.

    „Partiell unsinnig“ ist der Videobeweis also auch deswegen, weil er partiell nicht eingesetzt werden darf. Aber wieso nicht? Warum soll der Video-Schiedsrichter dem Schiedsrichter so etwas Krasses wie eine eindeutige Schwalbe in aussichtsreicher Position nicht melden, wenn der Schiedsrichter darauf hereingefallen ist? Verstehe ich nicht. Aber in der Presse ist nur vom „umstrittenen“ Handspiel die Rede.

    Für mich ist das Finale durch diesen inkonsequenten Video-Murks entschieden worden, wenn nicht gekillt worden. Zumal er seltsamerweise nur den Franzosen zugutekam.

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