George: Mehr als Charisma

Wenn man mit leisen Tönen und ohne gewagte Theorien sich über Stefan George zu Wort meldet, dann hat man wenig Aussicht, Gehör zu finden.

So ging es Kai Kauffmann mit seiner George-Biographie, die weder die Monumentalität eines Karlauf, noch die ausschweifende Gelehrsamkeit eines Egyptien aufweist, die vor allem darauf verzichtete, an einem Jahrestag veröffentlicht zu werden, so als gäbe es ein sich selbst genügendes Interesse am Dichter.

Das ist bedauerlich, denn just diese „knapp gefaßte Biographie“ – das ist vielleicht ihr größter Mangel – verdient mehr Aufmerksamkeit. Ihr Verfasser zeigt die seltene Gabe, Wesentliches in Kürze zusammenfassen zu können und er tritt der Person George mit Respekt einerseits und gehöriger, wenn auch wohlwollender Distanz andererseits gegenüber, verzichtet auf Voyeurismus und Enthüllungseifer. Er will George nicht nackt machen, wie so manch anderer.

Er orientiert sich dabei mehr noch am Gang der Dichtung und der Entwicklung des Kreises als am eigentlichen Leben. Trotzdem werden die Probleme einer problematischen Sexualität nicht ausgespart: Freundschaft und Erotik sind konstitutiv für Dichter und Kreis. Im Gegensatz zu Egyptien beschränkt sich Kauffmann aber auf repräsentative Beispiele: Wolfskehl, Gundolf, die Kosmiker, Lechner, Hofmannsthal natürlich, Maximin, später Boehringer und Kommerell … Gegen Karlauf, den er immer wieder sanft kritisiert, macht er sich für ein je individuelles Verständnis jeder einzelnen Beziehung stark, denn George habe über eine „beträchtliche Bandbreite an Verhaltensmöglichkeiten“ verfügt und das zu begreifen, ist auch notwendig, um Teile der Lyrik verstehen zu können, die teilweise „pädagogisch codiert“ seien. Damit wird Karlaufs These, daß „das persönliche Charisma Georges die einzige Substanz des Kreises“ gewesen sei, behutsam (und zu recht) relativiert.

Am Gang der Dichtung wird die Bildung des Kreises nachvollzogen und sie steht immer im Zentrum, auch wenn George das Ziel der Mythenbildung und die „Sorge um das Erbe“ auf allen Registern zu verwirklichen versuchte: in der Lebensgestaltung, dem Geheimnis, dem Bild, der Ästhetik, den Beziehungen, der Öffentlichkeit. Im Kern bleibt aber das Gedicht, die Faszination an der Dichtung, die Macht der geschriebenen Sprache der innere Magnet des Kreises und auch des noch immer nicht abgeebbten Interesses an Georges Werk und Person.

Und das läßt sich mit dieser Biographie anhand der einzelnen Gedichtbände wunderbar nachvollziehen. Kauffmann arbeitet die wichtigsten Merkmale des jeweiligen Bandes heraus, vergißt auch die „Blätter“ und das „Jahrbuch“ nicht und macht die Bedeutung für die Kreisformung deutlich, ohne dabei esoterisch zu sein und den heutigen Leser auf der Strecke zu lassen.

Zum Schluß widmet er sich ausführlich der Frage nach der Ahnschaft des „Neuen Reiches“ für das „Dritte Reich“ und überzeugt auch hier durch vornehme Zurückhaltung. Sicher, George hat unter Bedrängnis geschrieben: „die ahnherrschaft der neuen nationalen bewegung leugne ich durchaus nicht ab und schiebe auch meine geistige mitwirkung nicht beiseite. Was ich dafür tun konnte habe ich getan die jugend die sich heut um mich schart ist mit mir gleicher meinung“, doch auch in dieser Frage macht Kauffmann die bewußt eingehaltene Ambivalenz geltend.

Kein Wunder also, daß dieses lobenswerte Buch fast unbemerkt vorüber ging. Vielleicht liegt es aber auch an seiner Kennerschaft und Konzentrationskraft, denn man sollte George und Georges Werk schon ein wenig kennen, um die knapp gehaltenen, aber präzisen Gedanken aufnehmen zu können.

Kai Kauffmann: Stefan George. Eine Biographie. Wallstein Verlag. Göttingen 2014

siehe auch: Erfolg eines Mißerfolgs

Die Fülle der Leere

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