Mein dritter Muslim

Die dritte substantielle Begegnung mit Muslimen bescherte der Herbst 2015. Die Menschen kamen mit all ihrer Individualität. Es gab nationale oder ethnische oder kulturelle Eigenheiten, die man bestimmten Gruppen zuordnen konnte: den Eritreern, den Somaliern, den Afghanen, den Syrern. (Dieser Blog lebte die ersten Monate von Berichten und Erfahrungen mit jenen Menschen.)

Zum Teil herrschten chaotische Zustände. Eine halbe Nacht verbrachte ich zusammen mit Hussain, dem jungen Syrer, in einer schnell eingerichteten Erstaufnahmestelle, in der von heute auf morgen mehrere hunderte Menschen aufgenommen, registriert, versorgt wurden. Viele von ihnen wollten dort nicht bleiben und wenige Tage später war die Hälfte der Insassen schon wieder verschwunden.

Hussain arbeitete als Übersetzer. Es war wohl jene Nacht, die uns – nach anfänglichem Interesse füreinander –  näher gebracht hatte.

Seit einem Jahr nun hat Hussain Plauen verlassen. Zusammen mit seiner Verlobten war er in die Nähe Kölns gezogen. Wir schreiben uns nur noch gelegentlich, aber seinen Zeilen strahlen noch immer Dankbarkeit aus.

Gerade vor ein paar Tagen schrieb er wieder und berichtet von seinen Fortschritten. Innerhalb von zwei Tagen fielen drei wichtige Entscheidungen für sein Leben.

Er hat die Sprachprüfung C2 abgelegt.

Er hat seine Fahrprüfung bestanden.

Er hat ein dreimonatiges Praktikum in einem Helios-Krankenhaus begonnen.

Seine Verlobte konnte mittlerweile die B1-Sprachprüfung ablegen und möchte im nächsten Jahr an einer Handelsschule eine Ausbildung, evtl. als Optikerin, beginnen.

Und er will sich an allen Universitäten für ein Medizinstudium bewerben.

Vor einigen Monaten hatte er mit dem Gedanken gespielt, nach dem Studium zurück nach Syrien zu gehen. Man darf es nicht unterschätzen: drei lange Jahre hat er seine Heimat und seine Familie nicht mehr gesehen.

Wenn es gelänge, in einem individualisierten und einfühlsamen Verfahren diese jungen Menschen, die wollen und können, ausfindig zu machen und gezielt auszubilden, auch religiös und politisch, dann wäre die Migrationsbewegung gerechtfertigt. Und wie viele Prozent würde das betreffen? Zehn? Fünf? Zwei? Wir sprächen vermutlich von einigen Zehntausend.

Und was den Glauben betrifft: mir scheint, daß er in Hussains Leben längst nicht mehr die Bedeutung hat als zu Beginn. Damals war es sein Halt. Jetzt orientiert er sich an seinen Träumen.

Auch Salim hat mittlerweile seine Fahrprüfung bestanden und sich ein Auto gekauft. Das wäre für Hussain Geldverschwendung. An sich ist das natürlich kein Problem. Warum soll er für sich und seine Familie kein Auto kaufen? Und selbstverständlich ist der Markt groß – es wird kein Protzwagen sein. Dennoch: Salim, der Tischler, der die Sprache nie wird sprechen können – auch wenn er jetzt sein B1 gemacht hat –, der es also schwer haben wird, zu arbeiten – obwohl er es will – , bezahlt dieses Auto von der staatlichen Unterstützung für sich, seine Frau und seine drei Kinder. Er wird es kaum verheimlichen, Bilder nach Syrien schicken, stolz sein … wie Männer eben sind, und nebenbei, vermutlich ohne Absicht, die Botschaft senden: nach drei Jahren kann man hier schon eine Wohnung und ein Auto haben, auch ohne Arbeit …

Von Hussain erfahre ich zudem von einem anderen aufschlußreichen Fall: Ein Syrer kehrt zurück, weil es ihm der subsidiäre Schutz nicht gestattet, die Familie nachzuholen.

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