Mein zweiter Muslim

Kaum ein Jahr später begegnete ich erneut Muslimen. Diesmal in Dänemark.

Um die Sprache zu erlernen, belegte ich einen 10-wöchigen Kurs an der Folkehøjskole Kalø, zwischen Århus und Ebeltoft in Jütland.

Diese Volkshochschulen gehen auf den Theologen Grundtvig zurück und haben die skandinavischen Länder deutlich geprägt. Sie bieten den Dänen günstige Bildung auf hohem Niveau, dienen der Gemeinschafts- und Identitätsbildung. Sie sind ein lebendiger Beweis für die funktionierende Wohlfahrtsgesellschaft und den geglückten Egalitarismus in Dänemark, wo man im Übrigen jeden – bis auf die Königin – duzt.

Ein halbes oder ganzes Jahr auf einer der mittlerweile nur noch 70 Højskoler zu verbringen, ist für viele Jugendliche ein Weg, sich nach der Schule zu orientieren. Meine Anwesenheit hat daher den Altersdurchschnitt deutlich angehoben. Nur ein paar japanische Frauen, die von dänischen Männern geangelt worden waren – wahrscheinlich, weil sie immer nett lächeln und die entscheidenden Fragen mit „Ja“ beantworten – und sich nun mit der für sie unaussprechbaren Sprache abplagten, um die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, und ein iranischer Arzt lagen in meiner Liga.

Die Muslime, die neben den Grönländern – die wären auch einen Artikel wert! – die größte ausländische Gruppe bildeten, waren besonders jung. Wenn man von Zubeir, dem Ägypter, absah. Er lebte schon viele Jahre im Land, sprach die Sprache fast akzentfrei und war sehr intelligent. Wenn er beim Fußball nicht so unendlich eigensinnig gewesen wäre, hätte ich ihn fast sympathisch finden können. Gegen ihn waren die libanesischen und palästinensischen Jungen wahre Frischlinge. Sie hingen an seinen Lippen, besonders, wenn sie Arabisch sprachen.

Dänemark stand zu diesem Zeitpunkt unter Schock. Das kleine friedliche Land war gerade äußerst gewaltsam aus einem schönen Traum aufgeschreckt worden. Die Zeitung „Jyllands-Posten“ aus Århus hatte im Herbst ein paar Karikaturen veröffentlicht, die den Propheten in unvorteilhaften Stellungen darstellten. Es kam zu weltweiten gewaltsamen Protesten der Muslime, bei denen in Afghanistan, Pakistan und anderswo im wilden Osten Menschen starben, Botschaften in Flammen aufgingen, Flaggen abgefackelt und Handelsboykotte ausgesprochen wurden. Die kleine Insel der Glückseligen war plötzlich im Fokus der Wut von anderthalbmilliarden Menschen.

Und mehr: denn anstatt den armen verschüchterten Dänen beizustehen und die Meinungsfreiheit zu verteidigen, wandten sich viele Kräfte im Westen gegen das Land und schalten es der Islamfeindlichkeit, der kulturellen Gefühllosigkeit und dergleichen. Jack Straw, der britische Außenminister unter Blair, nannte die Zeichnungen „respektlos und kränkend“ und kurz bevor ich zum ersten Mal dänischen Boden betrat, hatte UN-Generalsekretär Kofi Annan die Dänen gerügt, weil sie sich der islamischen Einwanderung nicht genügend angepaßt hatten.

Ausgerechnet die Dänen! Die alles taten, den Neuankömmlingen alles anboten, sogar das Du … Die Volkshochschulen waren das beste Beispiel. Dort durften die Einwanderer ein Jahr lang kostenfrei leben, lernen und leisten, natürlich schweinefleischfrei.

Mittlerweile ist der Casus historisch aufgearbeitet. Ahmed Akkari, ehemaliger Imam, eine der Hauptfiguren in diesem Bubenstück, hatte vor einigen Jahren ein enthüllendes Buch geschrieben, in dem er die ganze Intrige des Akkari-Laban-Dossiers, das zum Auslöser der weltweiten Krise wurde, aufdeckte und nebenbei einen erschreckenden Blick in die Hinterstuben der Moscheen gewährte. Ich habe das Buch, das Pflichtlektüre sein sollte, besprochen unter: Islamismus: Ein- und Ausstieg.

Es verging nun kaum eine Stunde, in der das Gespräch nicht auf die Mohammed-Affäre im Besonderen oder den Islam im Allgemeinen kam. Und die Diskussion war bis zur Ermüdung immer die gleiche. Die dänischen Milchbärte waren erschüttert und versuchten alle Art von Rationalisierungen. Der Wille, das Problem nicht systemisch erscheinen zu lassen, war allerorten zu spüren. Man lud sogar die bekannte Migrantenband „Outlandish“ ein, die den alten Hans-Christian-Andersen-Klassiker „I Danmark er jeg født“ (In Dänemark bin ich geboren) sangen, um sich zu beruhigen und Integration vorzugaukeln. Darin wird die Schönheit des Landes besungen, seine Identität und die Sprache:

I Danmark er jeg født, dér har jeg hjemme, der har jeg rod, derfra min verden går. Du danske sprog, du er min moders stemme, … Dig elsker jeg! Elsker jeg! Dig elsker jeg! Dig elsker jeg! Elsker jeg! Dig elsker jeg! Danmark, mit fædreland!

In Dänemark bin ich geboren, dort ist mein Zuhause, dort habe ich meine Wurzeln, von dort aus öffnet sich meine Welt. Du dänische Sprache, du meiner Mutter Stimme … Dich liebe ich! Liebe ich! Dich liebe ich! Liebe ich! Dich liebe ich! Dänemark, mein Vaterland!

Das Lied wurde auch zum täglichen gemeinsamen Morgengesang gesungen. Christen, Atheisten, Muslime. Aber wenn das Gespräch auf die Zeichnungen kam, da konnten die Fronten nicht verhärteter sein. Mir war es unbegreiflich, mit welcher Vehemenz diese jungen Araber die Gewalt verteidigten, wie sie sich selber angegriffen fühlten und die Dänen und Dänemark, dem Land, dem sie alles zu verdanken hatten, beschuldigten und beschimpften, wegen ein paar Bleistiftstrichen ihre ganze Existenz in die Waage warfen. Da gab es keinen Kompromiß – nur Zurückweichen der sanften Dänen.

Und am Tag darauf versuchten sie erneut, einen Schritt auf die Muslime zuzugehen.

siehe auch: Mein erster Muslim

Something is rotten

Islamismus – Ein- und Ausstieg

 

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