Mein erster Muslim

Zum ersten Mal hatte ich 2005 mit einem leibhaftigen Muslim zu tun. In Florenz.

Dort weilte ich zwei Monate lang. Wohnte in der Via S. Guiseppe, gleich gegenüber der weltberühmten Basilica di Santa Croce. Ein Traum, so schien es zu Beginn. Aber der Schleier fiel bald. Auf der großen Piazza di Santa Croce trafen sich jeden Abend hunderte Menschen und feierten in allen Sprachen der Welt und sangen und tranken … an Schlaf war nicht zu denken.

Nach vier Wochen bekam ich klaustrophobische Zustände – und zwar im Freien. Überall war man von Mauern und Häuserwänden umgeben, ununterbrochen bewegte man sich auf Stein und Beton, die wenigen winzigen Parkflächen waren grau und von Hundekot übersät. Mir fehlte die Farbe Grün und ich erwischte mich immer öfter dabei, in den blauen Himmel zu starren, anstatt die tollen Fassaden und Kirchen zu bewundern. Fast jeden Tag lief ich zum Arno um einen Blick auf den Fluß und die gegenüberliegenden Berge zu werfen.

Am schlimmsten aber waren die Menschenmassen. Nicht nur die Masse an sich, sondern zuvörderst die Art der Menschen: Touristen. Ein wahres Babylon. Überall liefen Gruppen einem Guide hinterher, der eine Nationalfahne in die Höhe hielt. Die ganze Welt war hier, Amerikaner die Menge, Skandinavier, Chinesen und Japaner, die geliebten Deutschen natürlich, Israelis … alles. Außer vielleicht Muslime.

Muslime gab es kaum in touristischen Gruppen, aber in der Stadt. Mit einem lebte ich zwei Monate zusammen: Salehadin war ein junger Tunesier, der von seinem Vater nach Italien geschickt worden war, um die Sprache zu erlernen, denn der Vater baute in Afrika kleine zierliche Delikatesszwiebeln an und mit denen wollte er Italien erobern.

Anfang Oktober begann der Ramadan – für Salehadin eine fürchterliche Leidenszeit. Er liebte das Essen, was man ihm trotz seiner jungen Jahre ansah, er trank auch Alkohol, „aber nur im Keller“, wie er sagte, denn dort sieht es Allah nicht. Kurz: er war ein weitgehend säkularisierter, stark verwestlichter, konsumorientierter, dekadenter Muslim, ging nicht in die Moschee und ich habe ihn auch nie beten sehen.

Nur Ramadan, das mußte sein! Punkt 19 Uhr bereitete er sich einen enormen Teller an Spaghetti, bestimmt eine komplette 500 Gramm-Packung, übergoß sie mit einer Flasche Ketchup, rieb einen ganzen Käse darauf und schaufelte alles heißhungrig in sich hinein. Danach ging er in eine marokkanische Bar in der Nähe, kam 22 Uhr zurück, legte sich schlafen und morgens, vor dem Sonnenaufgang, hörte ich ihn wieder in der Küche hantieren.

Oft flüchtete ich in die Buchläden und Antiquariate. Beeindruckend der Bestand in der Libreria Feltrinelli. Auf mehreren Etagen wurde alles geboten, was das Herz begehrt. Nachdem ich einmal mit Salehadin über Islam und Christentum diskutiert hatte – das alles hatte damals noch eine ganz andere Bedeutung – führte ich ihn in diesen Buchtempel, wir stiegen die Treppen hinauf und in einem fast versteckten Raum, standen wir vor den Regalen der nichtchristlichen Religionen. Es gab sieben oder acht verschiedene Übersetzungen des Korans, die ich ihm stolz zeigte: „Look, this is western tolerance and curiosity. We want to know“ und drückte ihm einen italienischen Koran in die Hand.

Aber Salehadin schien erschrocken zurückzuweichen. Er reagierte mit Überraschung und Entsetzen. Das sei nicht in Ordnung, sagte er entschieden. Den Koran könne und dürfe man nicht übersetzen. Wer ihn lesen wolle, müsse Arabisch lernen!

Aber wie soll das möglich sein, fragte ich ihn. Eine solch schwierige Sprache könne man nicht einfach erlernen und es würde viele Jahre dauern, bis man in der Lage wäre, ein solches heiliges Buch lesen und verstehen zu können. Da schaute er mich etwas mitleidig an.

Bei der Bibel, sagte ich, sei das nicht so. Hier steht sie in vielen Ausgaben und Übersetzungen. Sicher auch eine in Französisch oder Arabisch. „Würdest du sie lesen? Oder müßte man auch erst Griechisch oder Latein lernen?“

Erneut erntete ich einen entsetzten Blick, so als ob er mich für einen Geisteskranken hielt. „Why should I read it?“, fragte er mich. Der Koran ist das Buch aller Bücher, wozu sollte man noch andere Bücher lesen?

Das war kein Fundamentalist, der das sagte, das war ein ganz normaler, netter, wenig gebildeter Durchschnittstunesier, der damals schon dauernd an seinem Handy hing und außer Essen und „gut Leben“ wenig anderes im Kopf hatte. Und doch steckte, wenn man nur ein Mal den neuralgischen Punkt berührte, diese Vehemenz in ihm.

Er hatte, ohne es wohl zu ahnen, das ganze Erfolgsgeheimnis des Islam ausgeplaudert.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Mein erster Muslim

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Eine Freundin von mir ist Semitistin und gibt an einer Universität Kurse in Klassischem Arabisch, nunmehr meist für den jüngst ins Land gekommenen Schwall an Muslimen. Sie beherrschen nämlich diese recht alte Sprachform kaum je. Das koranische Arabisch war schon zum Zeitpunkt der Verfassung des Textes nicht mehr Umgangssprache, sondern ein in der poetischen Gattung konservierter alter Sprachstand, etwa mit Flexionsformen, die in der alltäglichen Sprache selbst schon geschwunden waren. Ferner benutzt der Koran reichlich ausgefallene Worte aus obskuren Stammesdialekten, die man wohl zur poetischen Bereicherung hereinnehmen wollte und die sogar schon den alten Exegeten große Schwierigkeiten bereiteten. Inzwischen sind die „Bedeutungen“ dieser Worte meist durch die passend zusammenreimende Arbeit der Gottesgelahrten „gefunden“ worden und durch Tradierung für die Gläubigen verbindlich gemacht. Das hat dann zur Folge, dass wenn meine Freundin zu einer sprachlichen Analyse ansetzt und erläutert, wieso dieses oder jenes Wort recht besehen unklar ist, sie unter ihren Studenten (darunter inzwischen „ein Drittel Kopftuchmädchen, wie Sarrazin sagen würde“ – sie als progressive Immigrationsbefürworterin natürlich nicht) auf Ablehung stößt. Nicht unbedingt immer ausdrücklich, aber man hat erkennbar die unerschütterliche Ansicht, ein Nichtmuslim könne über den Koran nichts Vernünftiges sagen. Denn der Koran enthält ja die Wahrheit, wer also den Koran nicht gläubig aufnimmt, zeigt bösen Willen, und wieso sollte man glauben, was Böswillige über das Wort Gottes sagen? [https://de.wikipedia.org/wiki/Ouroboros]

    Privat hat sie einen Patchwork-Verschwägerten, einen Muslim aus einem recht liberalen muslimischen Land, der dreißig Jahre lang als Ingenieur in Deutschland gearbeitet hat, aber bestimmte Orte meidet, weil es an solchen nach muslimischem Glauben böse Dschinns gibt. (Die Existenz von Dschinns ist anscheinend koranisch, also Aussage Gottes, also unbezweifelbar.) Inzwischen schon recht alt, leidet er inzwischen wie ein Hund darunter, dass die zwei Töchter, die er mit seiner deutschen Frau hatte, mit hiesigen Nichtmuslimen verheiratet sind; das wird ihm sicher dereinst vorgehalten werden. Er hat sein Möglichstes versucht, um seine Schwiegersöhne zu einer wenigsten Pro-forma-Konversion zu überreden, so sehr insistierend, dass der eine ihm eines Tages aufgebracht antwortete, er wolle doch nicht wegen eines solchen Unfugs zum Heuchler werden. Natürlich sollte auch meine Freundin bekehrt werden, wozu er ihr wiederholt deutsche Übersetzungen des Korans brachte, am Ende die maximal entschärfte Ahmadiyya-Übersetzung, weil er offenbar sah, wo der Schuh blutig bei ihr drückte. Worauf sie meinte, sie jedenfalls könne den Koran im Original lesen und leidlich verstehen, er aber solle doch erst selbst einmal Arabisch lernen und verstehen, wofür er ohne viel Ahnung von der Sache missioniere.

    Die Ehrlichkeit gebietet es einzuräumen, dass auch das europäische Christentum solche Zustände der unerschütterlichen Glaubensgewissheit bei gleichzeitig dürftigstem Wissensstand über das Geglaubte erlebt hat. Nehmen Sie einen Libertiner wie François Villon im 15. Jahrhundert, der ausweislich seiner Werke völlig selbstverständlich noch an die offenbarten Wahrheiten und das kirchliche Einschüchterungsweltbild glaubte, und demgegenüber etwa Heinrich Heine aus dem 19. Jahrhundert, von dem es die folgende Anekdote gibt. Gegen Ende seines Lebens zeigte er sich (vermutlich eher ironisch) reumütig gegenüber dem Gott Abrahams und Jakobs, den er so oft verspottet hatte. Ein Anhänger, mit dem er darüber sprach, wollte ihn trösten und meinte, er sei sich sicher, dass Gott ihm verzeihen werde. Worauf Heine schnippisch antwortete: « Bien sûr qu’il me pardonnera, c’est son métier ! » – „Selbstverständlich wird er mir verzeihen, das ist ja schließlich sein Geschäft!“

    Da hat eine Umkehrung stattgefunden. Früher war der Christ der Sklave des allmächtigen Gottes und heute ist der allbeflissene wohltätige Gott nach Ansicht der meisten selbsterklärten Christen der Dienstleister des Menschen. Ist man der Ansicht, der biblische Gott sei nicht auf der Höhe der Zeit, etwa in Sachen Feminismus, dann murkst man sich heute eben in maximaler philologischen Lumperei eine Bibel in gerechter Sprache zusammen, um auch in göttlichen Dingen den heute gebotenen Proporz zu erreichen. Klappt nicht gleich, aber die Zeit wird es schon richten.

    Wer nichts hat an Wohlstand, Lebenszufriedernheit oder Bildung, der hat doch eines immer: tröstende Illusionen, die auch die vielen unerträglichen Drohungen und Fatalitäten des Lebens – wir sehen sie schon früher an den uns Nahestehenden uind am Ende müssen die meisten von uns selbst krank werden und alle von uns sterben – aus dem Weltbild zu tilgen erlauben.

    Mehr Leiden, mehr Religion. Die jüngste Flutung unseres Landes mit selbstgewiss religösen Spinnern wird auch unter den Hiesigen nicht nur den einen oder anderen zur Religion der Zugezogenen bekehren, sondern per Reaktion auf die Be-, genauer Entreicherung auch fanatischere Religionen unter den Hiesigen verbreiten. Vielleicht sollten wir heute schon die Hexen bedauern, die sie künftig deshalb verbrennen werden. (Mit einigen vernünftigen Ausnahmen natürlich.) Das wird natürlich nur eintreten, falls die nachkommenden Schwarzafrikaner der nächsten Welle nich welche übriglassen werden. Ich war mal per Tandem mit einem hierzulande wirkenden katholischen Priester aus dem Kongo verkoppelt und dachte, ihm etwas Nettes zu tun, indem ich mit ihm einen Ausflug zu einer Urkirche meiner Gegend unternahm. Im Wesentlichen war nur ein heute zumindest unterirdisches Geschoss erhalten. Wie er das Schild am Eingang zum Gelände las, das von dessen Weiternutzung als Krypta berichtete, sagte er, indem er dabei körperliche Stresssymptome zeigte, ich könne doch irgendwann anders einmal die Krypta besichtigen. Ich habe dann verstanden und höflichkeits­halber nicht insistiert.

    Generell ist geistige Offenheit wohl nicht gerade die am meisten verbreitete Eigenschaft unter den Menschen. Sie ziehen der die Gewissheit vor, die aber bekanntlich immer selbstfabriziert ist. In einem weiteren SInne könnte man das religiös nennen, und es ist die anthropologische Basis für den verderblichsten Zug aller alten oder auch säkularen Religionen noch vor ihrer oft menschenfeindlichen Bösartigkeit, weil es nämlich die Besserung behindert oder ganz verhindert. Mir steht immer der Mund offen, wenn ich so eine(n) selbstgewisse(n) Säkulare(n) dozieren höre, dies und das könne doch gar nicht der Fall sein, „weil das doch schlimm wäre“, „weil doch alle Menschen/Staaten zum Gegenteil verpflichtet sind“, „weil das doch dem Grundgesetz widerspricht“ usw. usf. – in jedem Fall ein leidenschaftliches Plaidoyer der meist auch noch sehr subjektiven Moral gegen die Wirklichkeit. O sancta simplicitas!

    Zum ersten Male ist mir dieser völlig selbstverständliche Anspruch gegen die WIrklichkeit aufgefallen in einer Fernsehdiskussion über die gerade aufkommende AIDS-Epidemie. Voll Pathos meinte da ein halbwüchsiges Mädel: „Jeder Mensch hat ein Recht auf eine angstfreie Sexualität.“ Einzuklagen wohl beim Gerichtshof der Wohlmeinenden gegen die herbeizitierte Natur; bleibt sie ferne, wird in ihrer Abwesenheit verhandelt, mit welchem Ausgang, kann man sich denken. Wer aber dient als Gerichtsvollzieher?

    Wenn in dem Falle etwas geholfen hat, dann nur die fundamental skeptische, pragmatisch handelnde, revisionsbereite und völlig der „Letztbegründungen“ und ähnlicher Selbstgewissheiten entbehrende Naturwissenschaft. Ein Geschäft, das die meisten aber als zu bitter empfinden.

    Ich denke mir manchmal, man sollte das Wahlrecht auf solche Menschen einschränken, die schon irgendeine herbe Wirklichkeitserfahrung hinter sich haben. Bloße Wortwolkenbewohner dagegen sollten draußen vor den Wahllokalen bleiben müssen,

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.