Rotkäppchen frißt den Wolf

Aller Anfang ist schwer und im Ungarischlernen besonders.

Nach fast zwei Jahren des Paukens – sicher nicht intensiv genug – habe ich nun mein erstes ungarisches Buch gelesen.

Um ehrlich zu sein, das allererste war das hier:

Das zweite stellt nun schon erhöhte Anforderungen und auch wenn ich der Handlung folgen kann, ist noch längst nicht jede grammatische Konstruktion durchschaut. Es handelt sich um althergebrachte Märchen, wenn man es sich genau betrachtet, sogar um alte deutsche Märchen: Klasszikus Mesék Kicsinyeknek – was so viel heißt wie: Klassische Märchen für die Kleinen.

Man meint die Geschichten zu kennen, etwa die von „Rotkäppchen und dem Wolf“. Piroska – also „Rötchen“, so heißt das Rotkäppchen (ohne Kappe) auf Ungarisch – besucht die Großmutter, soll nicht vom Wege abkommen, tut es doch, trifft den Wolf und läßt sich auf ein Gespräch mit ihm ein, verrät ihre Pläne und damit das Haus der Großmutter, wohin der Wolf nun eilt, die alte Dame frißt, sich verkleidet und nun auch noch Rotkäppchen erwartet, diese ebenfalls verschlingt, um dann von einem Jäger entdeckt zu werden, der die beiden, während der Wolf schläft, aus dem Bauch befreit, indem er ihn aufschneidet, Wackersteine stattdessen einfüllt, worauf der Bösewicht unstillbaren Durst bekommt und am Brunnen von den Steinen hinab gezogen wird und ersäuft.

So auch unsere Geschichte für die Kleinen. Da liest man stolz – weil man was versteht – die erste Seite, die in drei kurzen Abschnitten bis zu Rotkäppchens Verrat akkurat, wenn auch sehr kurz, berichtet. Vorwissen, Bilder und Sprachkenntnis stimmen überein.

Aber schon auf Seite 2 wird es kompliziert: Habe ich das recht verstanden? Ich hole mein Wörterbuch hervor und siehe da, dort steht tatsächlich: „Hanem, amikor meglátta a farkast, úgy megijedt, hogy egy pillanat alatt kiugrott az ágyból, és gyorsan bebújt a szekrénybe“.

Man glaube mir bitte: das ist noch wesentlich komplizierter als es auf den ersten Blick ausschaut. Demnach erschrickt die Großmutter, nachdem sie den Wolf sieht, den sie gerade hereingebeten hatte (er sprach mit verstellter Stimme), so sehr, daß sie – trotz Krankheit und Unwohlsein – im selben Augenblick aus dem Bett springt und sich blitzschnell im Schrank versteckt!

Wir ahnen es! Gute Menschen wollen unsere Kleinen vor dem Bösen schützen! Und da darf ein Märchenwolf keine Omas mehr fressen – früher hieß bei uns gebratene Blutwurst noch „Tote Oma“ … darf das noch so heißen? Darf man das überhaupt noch essen?

Und so geht es weiter, um es kurz zu machen. Auch Rotkäppchen wird nicht verspeist; das Schlimmste, was man den Kleinen heutzutage zutrauen mag, ist noch der Satz „Damit ich dich besser fressen kann“ auf der Kleinen Frage nach den großen Zähnen der haarigen „Großmutter“. Zum großen Fressen kommt es jedoch nicht, denn Rotkäppchen rennt aus dem Haus, als sich der Unhold als „gonosz farkas“ – „böser Wolf“ – zu erkennen gibt, ruft um Hilfe und zum Glück ist ein Holzfäller in der Nähe – zu alt, um auf Gedanken zu kommen (worum es in dem Märchen natürlich ständig geht!) -, der die Hilferufe hört, den Wolf mit seiner Axt vertreibt und die Großmutter aus dem Schlafzimmerschrank befreit.

Niemand wird gefressen, niemand muß sich das vorstellen, wie das ist, im Bauch eines anderen, zwischen den Zähnen zu sein, niemand wird aufgeschnitten und wieder zugenäht und auch die Tierrechtsfraktion kann zufrieden das Buch zuschlagen, wenn das Kindlein eingeschlummert ist, denn selbst dem Wolf geschieht nichts, er rennt nur eilends davon in den Wald, so schnell, „daß seine Füße den Boden nicht mehr berühren“. Es gibt auch kein Schießgewehr mehr. Wo kämen wir da hin?

Und Happy End ist, wenn Piroska, die Großmutter und der alte Holzfäller zusammen schön Kaffee trinken.

Ich schlage das Titelblatt auf, um die biographischen Daten zu lesen und erschrecke ein wenig: Der Originaltitel ist Englisch und stammt aus Leicester. „Classic Fairy Tales“ – tatsächlich aus dem Jahre 1989! So alt? So lange geht das schon, diese ganze „Schützerei“, Verhunzung, Entschärfung, Belehrung, Gleichmacherei, Korrektheit, Erziehung und Didaktik, diese Knebelung des freien Geistes?

Es ist an der Zeit!

siehe auch: Am Abend mancher Tage

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Ein Gedanke zu “Rotkäppchen frißt den Wolf

  1. SiN-Leserin schreibt:

    So früh wurden Märchen schon „kindgerecht“ umgeschrieben? Ja, durchaus. Meine kleine Schwester (Jahrgang 1983) hatte ein sehr schönes Bildermärchenbuch, in dem aber z.B. das Ende der Gänsemagd verändert worden war – die Magd, die sich zur Prinzessin aufgeschwungen hatte, wird dort nicht mehr in ein mit Nägeln gespicktes Fass gesperrt und zu Tode geschleift, sondern sie bekommt „nur“ den Kopf abgeschlagen. (Da sie dasselbe vorher dem Pferd Fallada angedeihen ließ, ist das dann allerdings auch wieder eine passende Art der Wiederherstellung des Gleichgewichts.) Auch kann ich mich nicht erinnern, dass in den Märchenbüchern, die wir als Kinder hatten, das grausame Märchen vom Machandelbaum enthalten gewesen wäre (tatsächlich ist mir dessen Mensch-im-Kochtopf-und-danach-die-Knochen-aufsammel-Motiv persönlich erst kurz vor dem Abitur bei der Medeasage begegnet), insofern scheint mir das Phänomen, Kindern die besonders schlimmen Märchenversionen vorenthalten zu wollen, nicht ganz neu zu sein.

    Die hier geschilderte Rotkäppchenversion finde ich aber schon sehr kurios, da sie die Handlung fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Im Grunde wird hier nicht mehr das Märchen als solches erzählt, sondern eine Fanfiction. Deren Autoren haben beim Original oft (zu Recht) das Gefühl, die Figuren müssten sich doch einfach nur wie vernünftige Menschen verhalten bzw. würden minimal günstigere äußere Umstände benötigen, und schon wäre alles anders. Dabei geht die Tragik einer Geschichte (wie etwa bei Harry Potter – die vielen Toten am Schluss) nur leider häufig verloren und in der Neuversion kommt etwas ziemlich Banales heraus. Eben ein Rotkäppchen, das mit Großmutter und Holzfäller in einer Armutsidylle am gedeckten Kaffeetisch mit geflicktem Tischtuch sitzt.

    So, jetzt habe ich sehr viel geschrieben, obwohl ich diesen Blog sonst nur mit größtem Interesse lese, eigentlich wollte ich nur Folgendes fragen: Kennen Sie den Verlag bzw. den Herausgeber der Originalversion dieser Märchenausgabe? Wenn ich bei Amazon Classic Fairy Tales eingebe, bekomme ich unterschiedliche Ergebnisse. Mich würde interessieren, was der Bearbeiter aus anderen Märchen gemacht hat – bspw. müsste sich die Handlung vom Wolf und den sieben Geißlein meiner Meinung nach eigentlich darin erschöpfen, dass der kreidegefressenhabende Wolf an die Tür klopft und – anders als im Original – nicht hereingelassen wird, denn sobald er drinnen ist, lässt sich das Schlimme und Hässliche wohl kaum mehr vermeiden.

    Seidwalk: https://www.amazon.com/Classic-Fairy-Tales-Maureen-Spurgeon/dp/B01CUCCZP8

    Enthält noch Aschenputtel, Dornröschen und Schneewittchen – was davon eben übrig geblieben ist.

    Es gibt enorm brutale Märchen, die viel konkreter sind als die vier. Einige davon würde ich meinen Kindern auch nicht vorlesen. Aber sie sind nun mal die Klassiker und hochgradig metaphorisch, was man beim Rotkäppchen etwa daran sieht, daß die beiden Verschlungenen lebend aus dem Bauch geschnitten werden.

    Auch in anderen Kulturkreisen: In Ali Baba und die 40 Räuber werden die Räuber in ihren Ledersäcken mit siedendem Öl übergossen …

    SiN-Lerserin: Danke!

    Gefällt mir

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