Zwanghafte Flucht

Unsere Zeit hat aufgehört zu reflektieren, zu analysieren, zu kommentieren und Fakten mit Ursachen. Gründen und dem genauen Hergang in Beziehung zu setzen. Diese Zeit lehnt Intelligenz ab und konzentriert sich stattdessen auf Leidenschaften, Pathos, Gefühle, Empfindungen und unmittelbare Eindrücke. (Michel Onfray)[1]

Es gibt Sätze, die sind so geläufig, daß man sie gar nicht mehr wahrnimmt, wenn man sie hört. Erst wenn man sie sich gezielt ins Bewußtsein ruft und darüber ein wenig nachdenkt, geht ihr wahrer Gehalt oder dessen Abwesenheit auf.

Niemand wird freiwillig zum Flüchtling“ ist so ein Satz. Mit ihm kann die einst mächtige „Frankfurter Rundschau“ – sie hat es geschafft, ihre Auflage innerhalb von 20 Jahren von 200000 auf 40000 verkaufte Exemplare herunterzuwirtschaften – in prallen Lettern einen ihrer Artikel überschreiben. Daß es dabei, nebenbei, möglicherweise einen direkten Zusammenhang geben könnte, zwischen dem dramatischen quantitativen und qualitativen Verfall, scheint man nicht wahrnehmen zu wollen. In der „FR“ tummeln sich auch in den Foren fast nur noch Betonköpfe, die aus irgendeinem Grund nicht „TAZ“ oder „Junge Welt“ lesen wollen.

Dieser markige Satz jedenfalls – „Niemand wird freiwillig zum Flüchtling“ – verdient ein paar Worte. Seine erste propagandistische Leistung besteht schon in der Vokabel „Flüchtling“, aber der Satz braucht das Wort, denn stünde dort Asylant oder Migrant, Einwanderer oder Aussiedler (oder neuerdings auch Asylzuwanderer), dann hätte er seine logische Stringenz bereits eingebüßt. Flucht aber soll etwas Erzwungenes und Zwanghaftes suggerieren, eine quasi-physikalische Fliehkraft, die nach ihren eigenen festen Gesetzen das einst Ruhende in die Bewegung, die neue Bahn und die Entgleisung zwingt.

Tatsächlich – eine kleine hübsche Metapher – ist die Fliehkraft auch in der Physik aber eine Trägheitskraft. Der physikalische Körper „will“ in seinem Zustand, in der Ruhe bleiben. Zwingt man ihm aber einmal die Bewegung auf, dann „will“ er auch in der Bewegung bleiben.

Womit wir beim Willen – in „freiwillig“ –, also beim freien Willen sind. Das ist in der Philosophie ein riesiges Faß! Und nicht nur dort, auch die Psychologie, die Theologie und neuerdings auch die Neurologie und Genetik, haben dazu viele verschiedene Auffassungen, die von der göttlichen Determiniertheit am einen Ende – also alles ist von einer divinen Macht vorherbestimmt – bis hin zur biologischen Determiniertheit – also alles wird von unserem Hirn, der Materie letztlich befohlen – reicht.

Dazwischen befindet sich der weite Sektor, der dem Menschen einen gewissen Grad an Willensfreiheit zugesteht und letztlich hat sich dieser Standpunkt bis in die Definition des Menschen hinein durchgesetzt: Der Mensch ist das Tier, das auch anders kann (meine Definition). Und zwar, weil er es „will“ – in irgendeiner Form. Warum er das kann? Weil er – so weit wir wissen – als einziges Lebewesen von seiner Sterblichkeit weiß! Weil er, wie Heidegger es nannte, in den Tod hineinragt. Weil er sich sorgen kann.

Einem Flüchtling oder sonst einem Menschen aber den freien Willen abzuerkennen, heißt, ihm die Menschlichkeit abzuerkennen. Es zeugt von einem sehr negativen Menschenbild. Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“ etwa widerspricht dem nur scheinbar, denn es war gerade Luthers Entschluß, sein freier Wille, der ihn „zwang“ dort zu stehen (in Worms) und nicht anders zu können. Die Formel erhält ihre Stärke nicht aus ihrer Wahrheit, sondern aus ihrer „Lüge“, denn selbstverständlich wußten alle Anwesenden, daß Luther auch anders gekonnt hätte, aber gerade, weil er es nicht tat, weil er sich selbst für eine Sache, eine Überzeugung riskierte, bewies er seinen starken Willen. Es war letztlich ein Kampf zwischen mehreren starken Willen. Können heißt hier wollen: Hier stehe ich und will nicht anders.

Und das beschreibt, wenn es hoch kommt, auch besagten Willen. „Niemand wird freiwillig zum Flüchtling“ heißt genau das Gegenteil: Alle werden freiwillig zum Flüchtling, alle entschließen sich, alle wollen es und wenn man sieht, welche Strapazen viele auf sich nehmen, keine Kosten scheuen, mit welcher Energie und Athletik sie meterhohe mit messerscharfen Klingen bewehrte Zäune überwinden, wie all ihre aufgestaute Anspannung sich danach entlädt, dann ahnt man die Macht dieser Freiwilligkeit.

Zum Mitschreiben: Fast niemand wird zur Flucht gezwungen, aber fast alle werden dazu veranlaßt.

Dabei stellt niemand – apropos: das „niemand“ im Satz braucht man nicht weiter kommentieren; es unterliegt den logischen Aporien aller Totalverallgemeinerungen – (das meint in diesem Falle mich) in Frage, daß es bei einigen und vielen einen hohen Leidensdruck gegeben hat, der die Variante „Flucht“ oder Ausreise zur Handlungsmöglichkeit macht. Davor darf man sich im Herzen nicht verhärten, das muß man anerkennen.

Aber Menschen wählen stets nur Möglichkeiten, die ihnen offen stehen, die denkmöglich, die erfahr-bar sind. Und wenn man dem Elend ein Paradies gegenüberstellt – beides in den meisten Fällen Fiktionen – dann wächst die Wahrscheinlichkeit, daß Konflikte und Schwierigkeiten nicht durch intrinsische Lösungen geregelt werden, sondern daß man ihnen ausweicht, sie flieht.

Einen Zwang gibt es dazu freilich nicht, maximal Zwänge. Das ist der tiefe Sinn von Camus‘ Diktum: „Es gibt nur ein wirklich ernsthaftes philosophisches Problem: den Selbstmord.“

Anders gesagt: Diese Art Zwang sehen nur Menschen, die das Denken zugunsten eines allumfassenden Fühlens aufgegeben haben und damit nach 2500-jähriger Denktradition dieser ins Gesicht schlagen und in die Infantilität regredieren, Menschen zum Beispiel, die sich nicht entblöden zu sagen: „Ich möchte mich entschuldigen, bei den Menschen, die ertrinken werden, obwohl Europa das verhindern könnte.“ Und leider, leider haben diese Nichtdenker heute die Macht und können – wie hier im „Tagesspiegel“ –, diesen Nonsens tagtäglich in unsere Ohren blasen.

So als hätte es nicht eine lange und stolze Geschichte des Widerstandes gegeben, Männer und Frauen wie Luther oder Jeanne d’Arc, wie die Buddhisten und Anachoreten, wie die Stoiker und die frühen Christen, wie Sophie Scholl und Claus Schenk Graf von Stauffenberg … die aus starkem Willen heraus nicht anders konnten und ihren Mann dort standen, wo sie standen. Sie konnten nicht anders, weil sie anders konnten, weil sie – ganz unabhängig davon, ob man ihnen zustimmt oder nicht – einen freien Willen, weil sie Ideale und einen Kopf zum Denken hatten.

PS: Auch das kann ein Fluchtgrund sein: die Flucht vor der Strafverfolgung. Niemand wird freiwillig zum Flüchtling?

[1] Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden. München 2018. S. 601

3 Gedanken zu “Zwanghafte Flucht

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Wenn Sie tote physikalische Objekte wollen lassen, dann erlaube ich mir auch den Willen der lebenden – wo ist eigentlich der wesentliche Unterschied zwischen beiden? – müssen zu lassen.

    ――――――――――

    Aber zunächst eine Korrektur zu den Trägheitskräften. Das klassisch-mechanische Trägheitsgesetz besagt, dass ein Körper im Zustand seiner gleichförmig geradlinigen Bewegung verbleibt, wenn an ihm keine Kräfte angreifen. (Ruhe ist nur ein Spezialfall davon, wenn nämlich die Bewegung verschwindende Geschwindigkeit hat). Sogenannte Trägheitskräfte treten auf, wenn ein Körper auf eine andere als geradlinige Bahn gezwungen wird, zum Beispiel eine Kreisbahn. Eine Bewegung im Kreis mit gleichbleibender Geschwindigkeit ist nämlich keine gleichförmig geradlinige Bewegung, weil zwar dessen Betrag gleichbleibt, aber die Richtung des Geschwindigkeitsvektors sich beständig ändert und damit der Vektor selbst. Dessen zeitliche Unveränderlichkeit unter Abwesenheit von Kräften besagt gerade das Trägheitsgesetz.

    Was hält aber nun einen Körper auf einer Kreisbahn? Es sind letztlich sogenannte Zwangskräfte. Wenn man einen Stein in einer Schleuder um sich kreisen lässt, dann ist diese Zwangskraft letztlich der Halte-Zug des Schleuderers am andern Ende der Schleuder; beim in die Kurve einer erhöhten Rennbahn gehenden Rad ist es die Druckspannung im Bahnbelag, die eine Kraftkomponente zum Innern der Bahn hin liefert, welche das Rad nicht ausbrechen lässt; beim um die Erde kreisenden Mond ist es die Gravitation der Erde usw. usf. Geometrische Bahnzwänge unterzieht man gewöhnlich keiner genaueren Analyse, insofern sie ausreichend Kraft aufbringen und insofern sie das makroskopische Bild nicht zu sehr verfälschen. Die kleine Verlängerung des gespannten Seils bei einer Schleuder oder der leicht eingedrückte Belag einer Bahn ändern genau genommen die Bahn natürlich schon, aber das ist eben meist zu vernachlässigen. Das „Zwang-“ in „Zwangskraft“ ist letztlich nur der Hinweis gegenüber dem Mitphysiker, dass die im EiInzelfall wirkenden Kräfte „stramm“ genug sind, um beide Annahmen nicht zu verletzen.

    ――――――――――

    Nun zur Willensfreiheit.

    Ich habe nie verstanden, wie man das klassisch-mechanische Weltbild akzeptieren konnte, und gleichzeitig der menschlichen Entscheidung, einem wie auch immer im Detail ablaufendem Mechanismus des Hirns, einen nichtdeterminierten Ausgang zubilligen konnte. Durch die Quantenphysik hat sich daran nichts Wesentliches geändert – außer dem Hinzutritt des nicht aufs Nichtgenauwissen reduziblen Zufalls. Die Nichtvorhersagbarkeit einer Entscheidung sollte man aber nie als ihre „Freiheit“ missverstehen. Sonst könnte man genauso aus dem Zitterweg eines mikroskopischen Teilchens, das unter dem zufälligen Bombardement noch kleinerer Teilchen eine Brownsche Bewegung ausführt, auf eine Bahnwahlfreiheit des Teilchens schließen.

    In der Tat beobachtet man notorisch solche Schlüsse, wenn Menschen unerklärlichem Zufall ausgesetzt sind. Sie bilden Hypothesen, die das Sicherheit verschaffende Gefühl geben, die Abläufe kausal zu verstehen, oft unterstellen sie dazu lächerlicherweise Dingen und Abläufen Absichten. Unsere menschlichen Hirne sind eben Animismus ausscheidende Organe. Dagegen hilft wohl nur ein Bisschen der häufige Ausbruch in die mineralische Einsamkeit aus dem menschlichen Netzwerk, für das Leben in welchem uns die Natur ja wohl mit dieser Macke ausgestattet hat, denn es ist vermutlich evolutionär förderlich, bei Mitmenschen das Gras der Bosheit wachsen zu hören.

    Gehen Sie im Frühling für ein paar Stunden in einem aufgelassenen Steinbruch und hören sie, wie es etwa jede Viertelstunde raschelt, wenn kleine Steinchen aus der Wand rieseln, zur Sohle niederprasseln und dabei von Zeit zu Zeit wohl eine Ameise erschlagen. Was für böse Steinchen aber auch!

    Wie so oft hat Ambrose Bierce alles Nötige gesagt:

    ――――――――――

    DECIDE, v.i. To succumb to the preponderance of one set of influences over another set.

    A leaf was riven from a tree,
    „I mean to fall to earth,“ said he.

    The west wind, rising, made him veer.
    „Eastward,“ said he, „I now shall steer.“

    The east wind rose with greater force.
    Said he: „‚Twere wise to change my course.“

    With equal power they contend.
    He said: „My judgment I suspend.“

    Down died the winds; the leaf, elate,
    Cried: „I’ve decided to fall straight.“

    „First thoughts are best?“ That’s not the moral;
    Just choose your own and we’ll not quarrel.

    Howe’er your choice may chance to fall,
    You’ll have no hand in it at all.

    ――――――――――

    Um wieder ins Menschliche abzukippen. Die Realitätsblindheit bei den einmal moralisch Festgelegten ist atemberaubend. Sie sehen den Einen im Boot, den man unmittelbar retten kann, aber nicht den Zugfaktor, den regelmäßiges solches Handeln bewirkt und der dann das Meer regelmäßig seine Quote an Toten fordern lässt. Es sind Kindsköpfe, manipuliert von zumeist anderen Kindsköpfen, und die ihre eigenen wachsenden Zweifel daran, dass man die gesamten Welt durch Aufnahme in Europa wird „retten“ können, durch um so heftigeres moralisches Gestikulieren übertönen.

    Solche Blödigkeit bei der Erfassung der umfassenden Wirklichkeit findet man bei den Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­eiferern oft. Vor wenigen Jahren war zu lesen, eine Schweizer Universität, ich meine es war die von Bern, wolle die Frauenquote bei den Studenten der Physik erhöhen. Als hinderlich hat sich erwiesen, dass die Mädels die Mathematik nicht so besonders gerne haben, weshalb man ihnen diese tunlichst aus dem Weg räumen will. Offenbar sucht man einen Prin­zess­innen­weg zur Physik. Man wird ihn nicht finden, denn ein Physiker, der nicht rechnen kann, ist eine Null. Es wird sich herumsprechen, was für Absolventinnen die dortige Universität hervorbringt, und bald wird sie keiner mehr einstellen wollen. Worauf wir sicher das noch lautere Geschrei der Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­beflissenen hören werden, dass Physikerinnen mit Abschluss empörenderweise bei der Einstellung benachteiligt würden.

    Gefällt 1 Person

    • DTKB schreibt:

      Ihre Einschätzung „es sind Kindsköpfe“ möchte ich in Verbindung bringen mit der Gehirnentwicklung in der Pubertät.
      Im Zentrum steht dabei die Weiterentwicklung des Frontalhirns.
      Das Frontalhirn ist diejenige Region im Gehirn, welche sich am spätesten entwickelt. Dem Frontalhirn werden dabei verschiedene wichtige Funktionen zugeschrieben, unter Anderem die Fähigkeit, Pläne zu machen und Entscheidungen zu treffen sowie die Fähigkeit, unpassendes Verhalten zu unterdrücken.
      Die Weiterentwicklung des Frontalhirns endet übrigens nicht – wie früher angenommen – mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter, sondern entwickelt sich auch im Erwachsenenalter durch Lernen und Erfahrung ständig weiter.
      Vielleicht sehen wir bei diesen „Kindsköpfen“ nur den äußeren Ausdruck einer ausgeprägten biologischen Reifungsverzögerung?
      Im Strafrecht wird solch eine Verzögerung berücksichtigt durch die „Pufferzone“ vom 18. bis 21. Lebensjahr zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht. Aber nach meinem Eindruck gibt es real eine viel größere Abweichungen bis hin zum völligen Ausbleiben einer „Reife“.
      Früher waren diese Leute buchstäblich „Kindsköpfe“ und wurden in wesentliche Entscheidungsprozesse nicht einbezogen.
      Eigenartigerweise scheint die Gesellschaft jedes Gespür und erst Recht jedes Bewusstsein für dieses Phänomen verloren zu haben.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Auf der Brücke des Staatsschiffs stehen die Kinder, gewählt, weil sie so süß plappern können.

        Zwei Interviews mit Gewinnerinnen der politischen Sympathiekonkurrenz,dazu jeweils ein Suchmuster. (Ich will Ihnen wirklich nicht die ganzen Sermones zumuten.)

        1. „Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Liebe?“

        [http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/claudia-roth-einsamkeit-ist-schon-ein-thema-11956022.html]

        2. „Versorgungssicherheit und Klimaschutz“

        [https://www.deutschlandfunk.de/kandidatin-fuer-den-parteivorsitz-der-gruenen-ich-bin.868.de.html?dram%3Aarticle_id=408793]

        Ohne weiteren Kommentar, das spricht alles für sich selbst. Zur Schiffskapitänin eine Definition aus Ambrose Biercens Devil’s Dictionary:

        3. ADMIRAL, n. That part of a war-ship which does the talking while the figure-head does the thinking.

        Aus antidiskriminatorischen Gründen hier nur Zitate von weiblichen Geistesgrößen bzw. über eine.

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