Rautenfußball

Natürlich ist Merkel schuld! Wer denn sonst?

Und natürlich hat sie nicht die Bälle selbst verschossen oder die sinnlosen Dribblings verloren, die einfachen Pässe verspielt. Aber ohne Merkels fataler Entscheidung würde sich manches Leben anders gestaltet haben und ohne Merkel könnte Deutschland noch von der Weltmeisterschaft träumen. Schuld ist die Raute, in Politik und Fußball – im ersten Bereich durch ihre Anwesenheit, im zweiten durch die Abwesenheit.

Hätte man nämlich Sané dabei gehabt, den pfeilschnellen Flügelflitzer, das Ausnahmetalent, dann wäre die Raute im Mittelfeld sinnvoll gewesen. Aber Raute hin oder her, als die Mexikaner zuletzt stehend k.o. waren, da hätte ein Spieler wie Sané ganz allein alle überlaufen. Tatsächlich blieb vor allem seine linke Seite das ganze Spiel über quasi tot.

Merkels Verantwortung für die Blamage Deutschlands geht tiefer. Sie hat es geschafft, ein florierendes, befriedetes und vor sich hinschlummerndes Land in eine existenzielle permanente Krise, die bald eine permanente Revolution werden könnte, zu verwandeln. Die Stimmung ist so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. Die Lust auf Brot und Spiele ist verflogen, der Rückhalt für eine semiintegrierte Equipe gebremst; die Leute wissen, daß schwere Entscheidungen fallen müssen, daß die Zukunft des Landes, die vor vier Jahren noch endlos rosig aussah, düster sein wird. Und diese Stimmung überträgt sich auch auf „die Mannschaft“, auch wenn die Herren Fußballer, die meisten zumindest, vermutlich nicht recht verstehen, was ihnen da geschieht.

Die Özil-Gündogan-Affäre war ein ähnlicher Weckruf wie die beiden Vorbereitungsspiele – oder hätte es zumindest werden sollen. Chance vertan. Löw und Merkel sind – wie ich an anderer Stelle schon herausgearbeitet hatte – Parallelaktionen: sie teilen nicht nur ihre Regierungszeit, sondern auch den ängstlichen, passiven Stil, das Aussitzen und die Züchtung der Mediokrität. Sie werden auch analog gehen … Wären sie nicht sechs Jahre auseinander, man könnte sie für getrennte Zwillinge halten, die spiegelbildliche Entscheidungen auf unterschiedlichen Wegen treffen.

Nun hat sich Merkel aber nicht nur zur Mutti der Nation, sondern auch zur Mama der Nationalmannschaft aufgeschwungen. Regelmäßig besucht sie die Kicker, nicht nur, um ein wenig Männerschweiß zu atmen – das kann sie bei Altmeier auch. Nein, sie will auch die gute Fee spielen, ein bißchen lächeln, ein bißchen rauten, ein bißchen belehren, ein bißchen trösten und vielleicht auch hier und da mal ein „Dududu“ mit Zeigefinger, wenn der eine oder andere Spieler kurzfristig vergessen haben sollte, wem er zu huldigen hat. Längst hat sie sich in den Spirit der Mannschaft eingechannelt und auch heute durfte man in der Presse lesen, daß man vor dem allesentscheidenden CDU-Treffen sich noch gemeinsam das Länderspiel anschauen möchte. So viel schwarze Energie, schlechtes Karma, verträgt kein Umkleideraum.

Die Zeiten der Lächel-Siege sind vorbei. Seit 2015 saß Merkel vier oder fünf Mal bei Anne Will auf der Wohlfühl-Couch, um alle Sorgen wegzulächeln und den Deutschen zu sagen, sie habe einen Plan – und es hat immer wieder geklappt: wie Gläubige hing die halbe Nation und die ganze Journaille an ihren Lippen und – Halleluja! – sie wußte, wo es langgeht. Allein, die Realität schien sich an das nette und naive Lächeln, auf das wir alle immer wieder hereinfallen, nicht halten zu wollen: die Lage wurde ernster und ernster. Und vor einer Woche ging das Konzept dann schief, so wie Löws Altherrenfußball. (Immerhin stimmen die Frisuren!) Die Welt hat sich weitergedreht und Deutschland steht noch immer, wo es auch beim letzten Mal schon stand. Und dann fiel der fatale Satz, den Seehofer als Affront begreifen mußte, und schwupps sind wir in der veritabelsten Regierungskrise seit Gründung der Republik.

Löw zog selbstverständlich nach. Seine Mannschaft spiegelt den Zustand der Nation: satt und träge und ein bißchen dumm, und auch er gleicht seinem Gegenstück.

Nebenbei: die Deutschen lieben es, in Sack und Asche zu gehen, und Claudia Roth, „das moralische Ankerzentrum der Republik“, bringt es mit ihrem moralischen Jubelverbot auf den Punkt – ihr heimliches Mantra: Wer nach Auschwitz noch deutschen Fußballhünen zujubelt, ist barbarisch. Wer sich freut, vergißt und wer vergißt, der tut es wieder

Magisches Denken, keine Frage. Nur noch Magie kann uns retten! Wenn Deutschland noch Weltmeister werden will, dann hilft nur eines im großen FIFA-Voodoo. Die Nadel ziehen! „Ich kann mit der Frau nicht arbeiten“ – Seehofers Seufzer ist der Seufzer der Nation. Wer kann das überhaupt? Nur wenn Merkel verschwindet, besser heute als morgen, und Löw gleich hinterdrein, kann sich der zerstochene Nationalmannschaftskörper wieder erholen.

In diesem Sinne, im Sinne des Fußballs: Merkel muß weg!

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