Ungarische Vignetten

Schwimmbad in der ungarischen Kleinstadt. In der Männerumkleide hüpft zwischen den sich umkleidenden Männern die vielleicht siebenjährige Tochter eines der Männer herum – nackt. Ganz normal hier.

Das Gellért-Heilbad in Budapest ist international. Die ganze Welt versammelt sich dort. Ideal, um Nationalcharaktere und – physiognomien zu studieren und zu erraten. Es klappt fast immer. Die hektische Gruppe junger Männer und Frauen, die ihr Handy auch im Wasser dabei haben, müssen Italiener sein. Bingo! Der Dialekt deutet auf den Mezzogiorno. Zwei vierkantige blonde Gesichter halte ich für ein dänisches Paar – sie sprechen Schwedisch oder Norwegisch. Es gibt auch ganz typische ungarische Physiognomien, obwohl die Vielfalt hier groß ist. Holländer sind oft an ihrem Pferdegesicht zu erkennen, die breiten slawischen Gesichter der zahlreichen Russen sowieso. Eine junge schwarze Studentin verrät durch ihren Gang die Amerikanerin … schwer sind oft die Deutschen zu unterscheiden. Hier verläßt man sich am besten auf Kleidung, Schuhwerk und Habitus.

An den Eingängen hängen große Bilder, die vergangene Berühmtheiten im Bad zeigen: Schauspieler, Schriftsteller, Sänger. Darunter: Miklós Horthy in lappriger Badehose und dünnen schwammigen Beinchen. Man stelle sich in einem deutschen Bad ein Bild Hitlers in Badetracht vor! Hier badete Hitler! Obwohl: es könnte mehr zur Geschichtsaufarbeitung und Entmythologisierung beitragen als ganze Regalreihen von Büchern.

Ich habe meine Teilnahme am Altherrenfußball in Ungarn beendet. Und das hat – glaube ich – mit der Mentalität der Ungarn zu tun. Es nahmen immer wieder auch junge Kerle teil, kaum 20 Jahre und technisch perfekt. Aber sie haben das Spiel zerstört durch ihren Eigensinn und die unendliche Lust, die alten Männer vorzuführen. Zuletzt war einer, der lieber sechs, sieben Gegenspieler ausdribbelte, anstatt den Ball an die freien Mitspieler abzugeben. Das Problem dabei: die Ungarn sagen dazu nichts; gestandene Männer sehen zu und akzeptieren das. Ungarn wagen es nicht, dem anderen die Meinung zu sagen (siehe: Der Ungar als Untertan). Die gleiche Situation im deutschen Klub. Dort bringt ein Vater seine Söhne mit, die bei Wismut Aue spielen. Nach dem dritten Dribbling gibt es vom Vater einen Anschnauzer, der sich gewaschen hat, und siehe da: die Burschen können mannschaftsdienlich spielen.

Vielfach beobachtet und im Gespräch immer wieder bestätigt: In Ungarn saugen, wischen, putzen, spülen, wedeln und kochen die Frauen. Ausgenommen sind die heiligen Gerichte: Pörkölt und Fischsuppe sowie größere Fleisch- und Grillangelegenheiten. Diese dürfen von Frauenhand nicht berührt werden. PS: Ein Wort zum Gulasch. Man erzählt mir lustige Geschichten, wie man den Ungarn in Ostdeutschland Stein und Bein schwor, daß man original (Szegediner) Gulasch kochen könne. Tatsächlich kennen die Ungarn derartiges nicht. Ihr Gulyas ist eine Suppe und wird wie folgt zubereitet (Achtung! Zu viel Salz):

Besuch der Großen Synagoge in Budapest. Alle halbe Stunde gibt es Führungen in vielen Sprachen. Ich geselle mich der kleinen italienischen Gruppe zu, die nur aus zwei wildgelockten Jugendlichen mit jüdischer Physiognomie besteht. Es rattert eine Tünde – also Ungarin – ihren Text herunter. Fast etwas spöttisch spricht sie von „diesen Juden“ und ihren seltsamen und scheinbar irrationalen Bräuchen, Geboten und Verboten und von ihren internen Streitereien. Der letzte Teil ist dem Holocaust gewidmet. Im selben Moment sie nimmt einen Fächer hervor und wedelt sich wie wild zu. Mehrfach betont sie, daß „die Deutschen“ die Regeln der Menschlichkeit verletzt hatten. Deshalb sei der Tora-Stein am Baum des Lebens – von Tony Curtis gestiftet – symbolisch leer geblieben; die Leere symbolisiere die Abwesenheit der Menschlichkeit „der Deutschen“. Während sie das sagt, schaut sie alle paar Sekunden an die Uhr, in der Hoffnung, der Sekundenzeiger möge sich schneller drehen.

Hinter Tünde betritt ein Mann den Raum der Bima – man dürfe nicht „Altar“ sagen, paukt uns Tünde ein. Die Kippa des Mannes, offenbar ein Angestellter oder Gläubiger, stellt das Vereinswappen des FC Barcelona dar.

Auf dem kleinen Friedhof neben der Synagoge liegen 2000 Getto-Opfer. Am Rand stehen Maulbeerbäume und bieten die saftigsten und süßesten Maulbeeren feil. Nicht nur für die Tauben eine Verlockung: Zynismus oder Versöhnungs-Symbol?

Eine Mail der Vermieterin erreicht mich. Ein Nachbar (als Dank für die Katzen-Rettung) habe sie angerufen – in unserem Garten wuchere das Unkraut, Samen flögen umher. Wir nennen das Wildblumenwiese. Dazu muß man wissen: Das kleine Fleckchen Erde (15x8m) ist von hohen, vollkommen zugewucherten Zäunen umgeben – um es von außen zu sehen, muß man sich schon anstrengen. Ich verbitte mir die Denunziation und mähe den Rasen. „So sind sie halt, die Nachbarn“, schreibt die Vermieterin. Sie kontrollieren gern, soll das wohl heißen, daß alles konform ist, aber sie sagen dir es nicht ins Gesicht. Besser hintenrum.

Gärtchen – im Frühstadium. Deutsche Innovation – bitte beachten! -: der Komposter!

Hochzeit in der Stadt – die Nazarener feiern.  Sie gehören einer methodistischen Freikirche an; man erkennt sie an den Häubchen, die die Frauen permanent auf dem Kopf tragen und an der oft traditionellen einfachen Kleidung. Es gibt einen Autokorso, wilde Hupereien, Reifenquietschen, Geschrei und Gerassel. Autos stellen sich quer und junge Männer schießen in die Luft. – Nee, natürlich nicht, ein kleiner Scherz. Alles geht ruhig, gesittet, feierlich vor sich, ein Hauch des Heiligen.

3 Gedanken zu “Ungarische Vignetten

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Der verderbliche Samenflug – auch in Deutschland ein gravierendes soziales Problem. Einer sehr alten Verwandten vor mir wurde ebenfalls „hintenrum“ zugetragen, dass die Nachbarin mit ihrem monotonen Rasen sich über ihre Hauswiese beschwert habe, in der Gänseblümchen, blasse und satte Schlüsselblumen und Männertreu wuchsen. Worauf die alte Frau schweren Herzens in den Garten ging und die störenden Pflanzen ausstach. Später wurde sie, die im Leben bisher immer Minderwertigkeitsgefühle gehegt hattte, deshalb von banger Höflichkeit gewesen war und stets zur Selbstherabsetzung geneigt hatte, jedoch mehr und mehr eigensinnig, SIe ließ dann im Garten gleichmütig alles wachsen. Auf die Frage, wieso sie ihre langjährige beste Freundin denn nicht zum Geburtstag eingeladen habe, meinte sie sogar barsch, sie habe deren Geschwätz nun lange genug ertragen.

    Nur mit Rücksicht und ohne jeden Mutwillen ist das Leben sauer. Mein Großvater sagte mir in seinem letzten halben Jahr, am liebsten würde er vor dem Gang über den Jordan noch jemandem einen üblen Streich spielen. Es hat leider nicht mehr geklappt; aber ich denke, er hatte zuvor auch nicht viel verabsäumt. In seinem Dorf haben mir Alte mehrfach versichert, bei Jungenstreichen dort habe es immer über ihn geheißen, „Und dem X seiner war natürlich auch wieder dabei!“ Einmal musste er sogar übers Wochende im Ortsgefängnis einsitzen, nachdem die Burschen mehr oder weniger versehentlich das Rathaus mit selbstgebastelter Pyrotechnik beschossen hatten und er dabei erkannt wurde.

    Auch noch zu meiner Zeit waren immer ein paar in der Klasse lustig darauf « à mêler le salpêtre et le souffre » – oder chemisch genauer gesagt, chlorathaltigen Unkrautvernichter und Puderzucker. Unsere heutigen Jungs sind demgegenüber wie kastriert. Wenn wieder mal von Sprengmittelfunden bei zugewanderten Bevölkerungsgruppen berichtet wird, bitte zu bedenken, dass man bei deren weniger gezähmten männlichen Jugend auch mit solcher rumsigen Experimentierfreude ohne jede Schädigungsabsicht rechnen muss.

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    • Ja, Sie haben recht. Samen kennen keine Grenzen, Zäune und Mauern – man sollte erst gar nicht beginnen, welche aufzubauen. Daher müssen auch nach deutscher Auffassung die Probleme in den Herkunftsgärten gelöst werden.

      Geben Sie die Aussage der alten verwandten Dame für die Zitierung frei? Daran könnte ich Gefallen finden!

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Nur zu, zitieren Sie! Wenn wir wie sie erst einmal tot sind, bleibt von uns nur, was die Helden sich abends am Feuer über uns erzählen.

        Es wäre zu wünschen, dass wir die uns drückenden Probleme in der Herkunftsgärten nicht erst nach der Fertigstellung des Flughafens BER, eines beklagenswerterweise völlig uneuropäischen Unterfangens, sondern sogar schon vor der Zweiten Wiederkehr Christi lösen werden, die nun wirklich in gesamteuropäischer Verantwortung stattfinden wird und wofür in Brüssel schon ein Rechtsrahmen und eine Stiftung nach Luxemburger Recht mit Immunität genießendem Direktorium geschaffen wurde. Man muss immer auch an die Anschlussverwendungen unserer besten Expertinnen und Experten und an deren dringendste Bedürfnisse denken.

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