Neue Grenzen der Zivilreligion

Vielleicht eine Petitesse, aber eine signifikante, die beim täglichen Presserundgang ins Auge fiel.

Ein beliebtes Argument der Integrationsproblemwahrnehmungsverweigerer-fraktion ist die Frage: „Und wo tangiert es dich?“, „Wie hat es denn dein Leben verändert?“, „Geht es dir etwa schlechter?“ und dergleichen. Besonders häufig hört man solches in netten, gut gemähten und getrimmten Eigenheimsiedlungen, in denen die Gardinen wackeln und die Telefondrähte glühen, wenn sich doch ein Mal ein Dunkelhäutiger dahin verläuft.

Dort kommen in der Regel auch Gymnasiasten her, aber in den Großstädten sieht es noch anders aus. In Dänemark – in Ungarn übrigens auch, aber vollkommen gesittet – ist es lange Tradition, daß der scheidende Jahrgang eines Gymnasiums eine „Studentenfahrt“ unternimmt.

In ihren Schuluniformen mit der ganz auffälligen Studentenmütze, sitzen die Klassen traditionell auf Pferdewagen – neuerdings natürlich in vielen Pferdestärken gemessen – und lassen, auf gut Deutsch, die Sau raus: singen, tanzen, lachen, saufen, kotzen auch manchmal und wehen frenetisch mit der „Dannebrog“, der dänischen Flagge. So fahren sie von Elternhaus zu Elternhaus, lassen sich bewirten und nehmen symbolisch Abschied. Ein Initiationsritus.

Kann man schön oder weniger schön finden, ist aber Kult, ein wichtiger Teil der Zivilreligion und ein identitätsstiftender kultureller und nationaler Brauch.

Nun gibt es aber seit zwei, drei Jahren Probleme. Das normale Leben läßt sich in einigen Gegenden nicht mehr weiterführen. Die Wagen wurden von „Jugendlichen“ angegriffen, beschimpft, mit Eiern beworfen, mit Flaschen, Steinen, Knallkörpern und sogar mit Säure und in einem Falle sollen sogar Schüsse gefallen sein.

Diese Vorfälle geschahen immer dann, wenn bestimmte für das normale Auge nicht wahrnehmbare Grenzen überschritten wurden: wir bewegen uns in sogenannten Getto-områder.

Dort mag man keinen Alkohol und vielleicht auch kein exzessives Feiern und Lachen und offene Hemden und kurze Röcke und was weiß ich nicht alles, vor allem mag man das Eindringen in das Territorium nicht. Nur, auch im Getto gibt es Studenten, die gerne ihre Eltern besuchen möchten.

Es gibt sogar einen Verein und kommerzielle Anbieter, die sich um alles kümmern: vom Fahrer über den Wagen zu den Getränken und Ausschmückungen bis hin zur Reinigung. Dieser Verein hat nun von der Polizei Geleitschutz verlangt, wenn man in bestimmte Stadtviertel fährt. Die Polizei wiederum sieht das nicht als ihre Aufgabe, will aber besonders aufmerksam sein. Es sei, schreiben die Veranstalter, nicht mehr zu verantworten, Fahrer und Studenten diesen Gefahren auszusetzen.

Das Ende einer Tradition. Vereinzelt noch – aber es bedarf keiner großen Phantasie zu begreifen, daß es damit bald überall ein Ende haben wird, wenn bestimmte Milieus weiterhin an Zahl und Macht wachsen.

„Und wo tangiert es dich?“, „Wie hat es denn dein Leben verändert?, „Geht es dir also schlechter?“ Neu gefragt.

Nachzulesen in Dänemarks größter Zeitung „BT“

siehe auch: Ballaballa

Allüberall

In 20 Jahren Bürgerkrieg

Ghettoisierung

Schwedische Zustände

Ein Gedanke zu “Neue Grenzen der Zivilreligion

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Vermutlich bildet Dänemark nicht ausreichend Sozialpädagogen aus. Nach jedem solchen Vorkommnis muss man nämlich für jedes einschlägige Viertel einen neuen Streetworker einstellen, der als Aushandlungs-Moderator özoğuzschen Stils arbeitet. Am besten wäre selbstredend jemand mit dem entsprechenden Migrationshintergrund, weil man nur mit diesem ausreichende Sensibilität für die diskriminierte Seite aufbringen kann. Dänemark sollte endlich seinen verletzten Stolz darüber hinunterschlucken, solche Früchte nicht genügend zu kultivieren, und bei der Berliner Humbug-Universität anfragen. Dort weiß man bestimmt Abhilfe und hat gewiss verfügbares Personal.

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