Die rote Rassismuskarte

Ich spiele die Rass(ismus)karte nur sehr ungern. Als ontologischer Trumpf hat sie mich nie überzeugt – was an mangelnder Kenntnis der Diskussion, die mich bisher auch wenig interessierte, liegen mag –, ästhetisch finde ich sie wenig anziehend und erkenntnistheoretisch scheint sie mir kaum etwas zu leisten. Wenn andere sie allerdings im Diskursskat austeilen, dann muß man sie gezwungenermaßen aufnehmen. Trotzdem: es ist alles nur ein Spiel.

Das Spiel heißt Fußball –  zum letzten Mal in dieser Woche, versprochen. Es war einer der großen Stars des Weltfußballs und Manchester Citys – Yaya Touréder vor wenigen Tagen seinen ehemaligen Trainer Pep Guardiola – Touré hatte den Klub zum Ende der Saison verlassen – des Rassismus bezichtigte.

Touré ist Ivorer, gewann mehrmals die Trophäe des „Afrikanischen Spielers des Jahres“ und mit City drei Meisterschaften. Besonders in der legendären Saison 2011/12 hat er sich verdient gemacht; ohne seine Tore gegen Newcastle hätte es nicht einmal den Traum des Gewinns gegeben, der sich dann so unvorstellbar dramatisch gestaltete.

Nun warf Touré, der nur 17 meist kurze Einsätze bekam, dem Startrainer vor, ihm seine letzte Spielzeit für den Klub verdorben zu haben, und der Grund dafür sei, so vermutet der Afrikaner, seine Herkunft vom Schwarzen Kontinent. Irgendwann, so sagt er in einem Interview für France Football, sei ihm der Gedanke gekommen, es könne an seiner Hautfarbe gelegen haben. Und er legt nach: Guardiola habe schon immer Probleme mit schwarzen Spielern gehabt und das bei allen seinen Stationen.

Die Anschuldigungen sind abenteuerlich. Aber sie sind auch folgerichtig, selbst wann man vom Ego-Problem der Superstars absieht. Es zeigt, daß eine sich permanent selbstflagellierend Gesellschaft Ausreden kreiert, vorgibt und anbietet, die jeder bei Schwierigkeiten nutzen kann, der zu einer diskriminierten „Minderheit“, Ethnie, Religionsgemeinschaft, einem Geschlecht, einer sexuellen Orientierung und dergleichen mehr gehört.

Tatsächlich hatte Guardiola den alternden Fußballer kaum mehr eingesetzt, weil bei ihm schon seit Jahren eine sichtbar absteigende Motivationskurve zu konstatieren war und das vor dem Hintergrund einer konstitutionellen Launenhaftigkeit. Auch in seinen Bestzeiten, in denen Touré wahre Wunder vollbringen konnte, gab es immer wieder Spiele oder Spielphasen, in denen er Desinteresse zeigte, mangelnde Einsatzbereitschaft und Kampfeswillen.

Und das – so leid es mir tut – ist tatsächlich tendenziell etwas „typisch Afrikanisches“, speziell schwarzafrikanisches, ein Phänomen, das zwar individuell überall auftreten kann, das – so zumindest mein Eindruck – bei zentralafrikanischen Spielern besonders häufig auffällt.

Allein die jüngere Geschichte Manchester Citys kennt genügend berühmte Beispiele. Zuletzt wurde  Kelechi Iheanacho, ein junger Nigerianer aus der eigenen Akademie, in den man sehr große Hoffnungen steckte, an Leicester verkauft, und das wohl auch, weil bei ihm ebenfalls immer wieder Unlusterscheinungen und vor allem unangenehme Starallüren zu bemerken waren. Und unvergessen bleibt auch der Togolese Emmanuel Adebayor, dessen größter Laufeinsatz sein Jubellauf über das gesamte Feld gegen Arsenal war, denn er fühlte sich damals von Arsenal verletzt und wollte es den gegnerischen Fans heimzahlen. Seinerzeit war das ein Riesengaudi, aber die tieferen Ursachen sind bedenkenswert. Danach und davor verschleuderte auch er sein großes Talent, das ihn immerhin zu Real Madrid, Arsenal, Tottenham und City geführt hatte, durch Coolness. Der Großmeister darin war freilich das italienisch-ghanaische Fastgenie Mario Balotteli.

Just durch das Klagen und Nachtreten hat Touré, der nach acht wahrlich vergoldeten Dienstjahren in Manchester eine Legende hätte bleiben können, sein Standbild zerstört und alle („rassistischen“) Klischees bestätigt. Schon vor vier Jahren drohte Touré mit der Auflösung seines Vertrages, weil der Klub es versäumt hatte, ihm an seinem Geburtstag eine Torte zu präsentieren – was man im Jahr darauf sicherheitshalber mit der Kamera festhielt. Diese Wehleidigkeit und das sich Einreden, benachteiligt zu werden, findet man leider oft bei den afrikanischen Spielern.

Daß es sich dabei nicht um ein persönliches Vorurteil handelt, beweist die Affäre um Tony Henry, einem mit allen Wassern gewaschenen und sich auf Jahrzehnte Erfahrung stützenden Nachwuchsscout. Er war zuletzt „director of recruitment” bei West Ham United und wurde Anfang des Jahres entlassen – wegen Rassismus. Er hatte geäußert, daß der Klub keine weiteren afrikanischen Spieler verpflichten wolle – zu dem Zeitpunkt standen dort bereits fünf oder sechs unter Vertrag – weil es mit ihnen immer Schwierigkeiten gab. Das bestätigte sich dann in der Denunziation durch Diafra Sakho, senegalesischer Nationalspieler, woraufhin der Experte eilfertig entlassen wurde. Der Club schrieb: „West Ham United will not tolerate any type of discrimination and has, therefore, acted swiftly due to the serious nature of these claims.” Usw.

Hätte es sein können, daß Henry aus jahrelanger Erfahrung heraus ganz einfach die Wahrheit sagte? „It’s just sometimes they can have a bad attitude.”

Wer will das entscheiden? Darf ich aus meinen persönlichen Erfahrungen Schlußfolgerungen ziehen? Oder aus der in der Weltliteratur abgelegten Meinung namhafter Autoren?

Auch deswegen spiele ich die Rassismuskarte nicht gern …

Apropos: Es gibt ganz offensichtlich einen inner-schwarzen Zusammenhalt in unserer bunten Gesellschaft, auch im Fußball. Als vor wenigen Tagen Leroy Sané von seiner Nichtnominierung erfuhr, da staunten zwar alle, aber wirkliche persönliche Unterstützung, also Tweets, bekam er nur – soweit ich sehen kann – von Mangala, Mendy, Kyle Walker und Rio Ferdinand; die ersten drei City-Spieler, der letzte United-Legende und jetzt pundit. Und alle vier farbig.

Mangala nennt Sané „Lil’bro“, Getto-Slang für Little Brother, eine Anrede, die, wenn mich nicht alles täuscht, vor allem unter Farbigen geläufig ist. Dazu als Emoji  eine Faust und ein Bizeps – in braun. Black Power!

Steckt dahinter ein unausgesprochener Rassismusverdacht gegen Löw? – den Zahn kann man ihm ziehen, dazu hätte Löw nicht den Mut.

Unzweifelhaft dürfte aber ein gewisser Zusammenhalt sein, der sich über die Hautfarbe definiert und ob man will oder nicht: das ist Rassismus. Und das hier vielleicht auch … Alle Wege führen schließlich zum Rassismus.

siehe auch:

Ihre und unsere Wirklichkeit

Integration – Unterschiede

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Ein Gedanke zu “Die rote Rassismuskarte

  1. „Rassismus“ ist zu einer weiteren Marke, einem Chip im Spiel um Aufmerksamkeit und Ressourcen geworden, wie „Belästigung“, „Diskriminierung“ und alle postmodernen -ismen. Auch hier mit dem Kollateralschaden, daß die Unterschiede zwischen wesentlich und unwesentlich verschwinden: wo der unwisssentlich falsch ausgeprochene Nachname vom gleichen Rassismus ist wie die Faust ins schwarze Gesicht, da wird der Effekt langfristig sein, daß die Faust schließlich keinen mehr interessiert. Aber unsere social-justice-warriors haben eben Kulturanthropologie und Genderfächer studiert, und so wissen sie den Begriff „Inflation“ nicht analytisch zu gebrauchen. Die obige Klage ist zudem in den hochkompetitiven Spitzensportarten noch unsinniger: Wettbewerbsmechanismen sind in der Regel effektiver beim Abbau von Diskriminierungen als noch so gut gemeinte Aktionen oder „Gesetze“; das galt für Frauen, das gilt auch für Schwarze oder andere „Marginalisierte“.
    Die Pointe bei all‘ diesen Sprachhebeln ist ja, daß sie, ginge es nach den vorgeblichen „Opfern“, nur in eine Richtung verwendet werden dürfen. „Inverse racism doesn’t exist“, schallt es mir bei Twitter entgegen, denn die Diskriminierung sei „strukturell“. Wenn ich also zu einem Schwarzen „Neger“ sage, dann ist das Rassismus; sagt ein Schwarzer zu mir aber „Alman-Arsch“ oder „weißer Hund“, dann auf keinen Fall. Man sollte es als das ansehen, was es ist: Nicht ein Kampf um „Rechte“, sondern ein Kampf um „Ressourcen“; im obigen Fall Spitzengehälter, im Alltag Fördergelder, Gehaltsaufschläge, „Wiedergutmachungen“.

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