Was ist Geschichte?

Ich prophezeie der Philosophie eine andere Vergangenheit. (Peter Sloterdijk)[1]

Wenn es einen gefährlicheren Job als den des Philosophen gibt – „Der Philosoph ist nicht Experte, sondern der Stuntman des Experten: sein Double fürs Gefährliche“[2] – dann ist es der des Historikers.

Um ihn erfolgreich, d.h. risikoarm ausüben zu können, genügt es nicht, „die Fakten“ erkundet zu haben, man muß vielmehr schon wissen oder zumindest so tun, als hätte man dieses Wissen, was „Geschichte“ eigentlich ist – die Philosophen dürfen hier noch Ahnungslosigkeit mimen – und dies setzt unter anderem und vor allem für den Historiker die Kenntnis der Geschichte der Geschichte voraus, die selbst eine sehr aufschlußreiche Geschichte ist.

Wer eine Geschichte schreibt, sollte sich der Geschichte der Geschichte und der Philosophie der Geschichte bewußt sein, das gilt für den Autor von „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ (Burckhardt) oder einer „Morphologie der Weltgeschichte“ (Spengler) oder einer Universalgeschichte, für denjenigen Autoren also, der die Geschichte verfaßt oder über „Ursprung und Ziel der Geschichte“ (Jaspers), den „Sinn der Geschichte“ (Berdjajew) nachdenkt weit mehr als für den Verfasser einer Mikrogeschichte wie z.B. der dreifach eingeengten „Geschichte des deutschen Arbeiterschach“[3], aber selbst dieser hat sich die geschichtsphilosophische Verantwortung bewußt zu machen. Geschieht dies nicht, so wird der Text unbewußt verortet – was viel schlimmer ist als ein Lokalisationsfehler –, der Autor wird von seinem Text übermannt.

Der Begriff der Geschichte selbst ist ambivalent – „Geschichte ist in eins Geschehen und Selbstbewußtsein dieses Geschehens, Geschichte und Wissen von Geschichte“[4] –, aber ganz gleich, welcher historischen Schule man sich zugehörig fühlt, wird man die Geschichte als nachträglichen Sinnzusammenhang des Geschehenen begreifen dürfen, auch wenn der Sinn stets uneinholbar vorauseilt oder aber gar nicht existiert: „Das Problem der Geschichte ist innerhalb ihres eigenen Bereiches nicht zu lösen. Geschichtliche Ereignisse als solche enthalten nicht den mindesten Hinweis auf einen umfassenden, letzten Sinn. Die Geschichte hat kein letztes Ergebnis“[5].

Arthur C. Danto hat in seinem bahnbrechenden Werk „Analytische Philosophie der Geschichte“ zwischen substantialistischer und analytischer Geschichtsphilosophie und Geschichtsschreibung unterschieden. Erstere stellt den Anspruch, darzulegen, was in der Vergangenheit geschehen ist, letztere widmet sich dem Verständnis der Schreibung der Geschichte und stößt zwangsläufig auf das Paradox, daß der Historiker selbst Teil der Historie ist, da er diese erst konstituiert, indem er das Gewesene als Geschichte strukturiert.

Geschichtsschreibung unterliegt narrativen Gesetzmäßigkeiten, sprich der Logik der Sprache und hat demzufolge primär sprachanalytische Implikationen. Geschichte kann aber selbst nicht anders denn als Geschichtsschreibung/-sprechung erinnert werden. Daraus ergibt sich zum einen die absolute Notwendigkeit der Geschichte als auch die Unmöglichkeit ihrer Darstellung. Die konstitutive Zeit der Geschichte ist nicht die Vergangenheit, wie man glauben möchte, sondern die Zukunft: Ob und wie ein Ereignis geschichtlich relevant ist, sein wird und gewesen sein wird, wird stets die Zukunft zu zeigen haben. Geschichte muß sich daher sowohl als Historie als auch als Fiktion begreifen, sie kann sinnvollerweise nur im (Gestus des) Futur II geschrieben werden und ist nie vollendet; ist sie vollendet, dann ist sie nicht mehr.

Solange Geschichte zu schreiben ist, gleich, ob vor substantialistischem oder analytischem Horizont, und unerachtet der Größe des historisch zu betrachtenden Zeitraums, gilt, was Jaspers apodiktisch feststellt: „Es kommt darauf an, die Vielfachheit dieser Linie, Gestalten, Einheiten zu erfassen, aber offen zu bleiben für das darüber Hinausliegende, in dem diese Phänomene stattfinden…“[6].

Diese intrinsische Forderung wird durch eine externe Verantwortung ergänzt, die in der Bedeutung der Geschichte als identitätsstiftendem Faktor gründet, denn wer jemand oder was etwas ist, läßt sich nur historisch erklären.

Historische Identität sichert vom anderen abgrenzende Individualität, sprich: Einmaligkeit, klärt „über Richtung des eigenen Tuns und Wollens“[7] auf und trägt daher schweres moralisches Gepäck mit sich und leistet wesentliche Kompensationsaufgaben im Angesicht der Vergänglichkeit menschlichen Lebens. Letztendlich stiftet sich die Identität nicht über das tatsächlich Gewesene, sondern über dem dies darstellende Erzählen. Geschichte heißt per definitionem Geschichte(n) erzählen.

Jede dieser Geschichten ist kausal-logisch, temporal, vor allem aber linguistisch nach vorn und hinten offen, d.h. mit anderen Geschichten als Gegebenheiten und Möglichkeiten verknüpft. Entscheidend ist also, daß und wie Geschichte erzählt wird; history is story, der Historiker ist Geschichtenerzähler: „Die Rolle der Erzählungen in der Geschichte sollte nunmehr klar sein. Sie werden verwendet, um Veränderungen zu erklären, und zwar – was überaus charakteristisch für sie ist – umfassende Veränderungen… Es ist die Aufgabe der Geschichte, uns diese Veränderungen offenbar zu machen, die Vergangenheit zu zeitlichen Ganzheiten zu organisieren und diese Veränderungen gleichzeitig mit der Erzählung dessen, was sich zugetragen hat, zu erklären – und sei es unter Zuhilfenahme jener Art der zeitlichen Perspektive, die linguistisch in erzählenden Sätzen widergespiegelt wird“[8].

Die sich daraus ergebenden Forderungen an den Historiker oder besser: an den Geschichtenerzähler faßte Dilthey in programmatische Worte: „Freudige Erzählkunst, bohrende Erklärung, Anwendung des systematischen Wissens auf sie, Zerlegung in einzelne Wirkungszusammenhänge und Prinzip der Entwicklung, diese Momente summieren sich und verstärken sich untereinander.“[9] 

 

[1] Peter Sloterdijk: Die Sonne und der Tod.
[2] Odo Marquard wiederholt diesen Satz immer wieder gerne, z.B. in: Abschied vom Prinzipiellen. Stuttgart 1991. S. 39
[3] Gerhard Willeke: Geschichte des deutschen Arbeiterschach. 343 S., Nightrider Unlimited, Treuenhagen 2002
[4] Karl Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. München 1963 (1949). S. 290
[5] Karl Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart/Berlin/Köln 1990 (1949). S. 175
[6] Karl Jaspers: a.a.O. S. 322
[7] Emil Angehrn: Geschichtsphilosophie. Stuttgart/Berlin/Köln 1991. S. 183
[8] Arthur C. Danto: Analytische Philosophie der Geschichte. Frankfurt 1990 (1965). S. 404f.
[9] Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Frankfurt 1981. S. 201

 Siehe auch:

Die Geschichte der Zukunft

Sprache und Sein – produktives Paradox

zuerst erschienen in „eigentümlich frei“
Advertisements

2 Gedanken zu “Was ist Geschichte?

  1. Ich hatte ja gedacht, Sie würden nun die Gauland-Rede dazu nutzen, Ihre geschichtsphilosophischen Überlegungen zu vertiefen, aber Sie haben das lieber politich genommen. Dabei würde sich die Aussage gut dazu eignen, über den Begriff von „Geschichte“ nachzudenken. Was soll das heißen, „erfolgreiche“ Geschichte? Die Bezeichnung ist letztlich so naiv wie ihr Gegenteil, und diese Art der Geschichtsbetrachtung ist mir völlig fremd. Auch Sie „erwarten“ mir nach meinem Geschmack noch zuviel von der Geschichte, oder besser vielleicht: von der Geschichtsschreibung; ein Residuum Ihrer marxistisch-materialistischen Formation?
    Das Frappierendste an der Geschichte ist ja die Selbstverständlichkeit: daß sie vergangen ist. Als solche nehmen wir sie aber nicht wahr, sie scheint uns gegenwärtig, wie ein Raum, in dem wir leben und uns bewegen. Aber sie ist vergangen, vorbei, passé; gegenwärtig ist nur die Gegenwart und die Bilder, die wir von der Vergangenheit entwerfen. (Danto brachte einmal als Beispiel den so gegenwärtig scheinenden Moment des angezündeten Streichholzes: In dem Augenblick, in dem das Licht des Anbrennens auf unsere Netzhaut trifft, ist das Brennen selbst schon geschehen). Wir (und gerade wir Historiker) haben uns so an „Geschichte“ gewöhnt, daß wir sie als etwas wahrnehmen, das uns gegenübersteht wie ein Haus, unser Buchregal, unsere Familie. Tut sie aber nicht. Ist Geschichte überhaupt „wirklich“? Wohl so wenig die die Zukunft.
    Geschichte ist vergangen, hinter uns, vorbei: Was uns bleibt, sind Spuren, Indizien, anhand derer wir zu rekonstruieren versuchen, was war oder gewesen sein könnte. Das werden wir am Objekt selbst, dem Vergangenen, nie überprüfen können, sondern nur durch regelgeleitete Interpretation der verschiedenen gegenwärtigen Indizien konstruieren können (Konstruktivismus, ick hör dir trapsen). Deshalb ist die Konstruktion auch nicht beliebig, denn es sind wissenschaftliche Regeln, nach denen die Konstruktion erfolgt – die Regeln können übrigens auch ganz andere sein.
    Und auch dann können wir Geschichte ja immer nur beschreiben, nie vergegenwärtigen, die als das darstellen, was sie war (wissen wir ja auch gar nicht). Man kann es am eigenen Leben exemplifizieren: Wie lange brauchte man, um es zu beschreiben? Noch einmal genau die eigene Lebenszeit? Aber die Beschreibung deckt sich ja nicht mit dem Beschriebenen! Man läßt aus, faßt zusammen, und die Sprache ist ja nicht das Ding selbst! Ich kann also noch nicht einmal mein eigenes Leben umfassend beschreiben; nur das für mich Wichtigste herausgreifen, aber nicht, zu welcher Sekunde im meinem siebten Lebensjahr ich mich von der rechten auf die linke Seite gedreht habe. So wenig wie ich sagen kann, welche Welle sich im Pazifik im Jahre 1567 um 12:45:33 Uhr überschlagen hat. (Hat sie das?). Unser Wissen ist Stückwerk, unsere Darstellung erst recht.
    Das sind alles (wissenschaftstheoretische) Banalitäten, aber sie helfen, sich daran zu erinnern, wie wenig die Vergangenheit mit dem zu tun hat, was wir „Geschichte“ nennen. Und dabei sind wir bei der „Geschichtsphilosophie“ noch nicht einmal angekommen und haben Begriffe der geschichtlichen Kontingenz, Zirkularität etc. noch gar nicht einmal angedacht. Bspw.: Hat der Nationalsozialismus vielleicht Schlimmeres verhindert? Angenommen, Hitler wäre 1933 nicht an die Macht gekommen; deutsche Wissenschaftler hätten bis 1940 die Atombombe entwickelt, die Reichswehr hätte geputscht und den atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion geführt? Übrigens muß jeder Deutsche, der Hitler ablehnt, seinen eigenen Tod mitwünschen, denn ohne ihn wäre wohl SO keiner der nach 1933 geborenen auf der Welt. Ich muß also die Bedingungen meiner eigenen Existenz wegwünschen. Tatsächlich ist das ja auch das untragische Denken der meisten NS-Hasser: Sie glauben, die Gegenwart wäre so und so gut wie sie ist, nur eben ohne 6 Millionen ermordete Juden. Vielleicht wäre sie schlechter?
    Ich könnte hier lange weiter „my rambling thoughts“ ausbreiten, erspare uns das aber. Alle diese Unwägbarkeiten führen bei mir jedoch zu einer Abstinenz von allen Begriffen wie „erfolgreich“, „katastrophal“, „deutsche Geschichte“, etc.
    Über die Auflösung der Spannung zwischen geschichtstheoretischer (kann ich sagen?:) „epochè“ und tagespolitischer Meinungsstärke dann vielleicht ein anderes Mal.

    PS: Die von Ihnen genannten Bücher von Danto wie von Angehrn liegen übrigens seit ein paar Monaten neben mir auf dem Tisch; dazu würden noch gehören: White, Ricoeur, auch Adorno und viele andere, auch teilweise von Ihnen genannte. Zu systematischer Lektüre fehlt die Zeit (Muße), ich delektiere mich gerade lieber am Latein der Briefe eines Sidonius Apollinaris. Der ist besser portionierbar …

    Gefällt mir

    • Über die „erfolgreiche“ Geschichte bin ich natürlich auch gestolpert – sie wissen ja, daß (eine) Geschichte, wenn überhaupt, sich erst nach ihrem Ende bewerten läßt, es dann aber niemanden mehr geben kann, der sie zu erzählen vermag. Gerade diesen Gedanken hatte Danto je betont und herausgearbeitet, neben der Unmöglichkeit der historischen Voraussage.

      Was Sie beschreiben, beinhaltet so viele Probleme, daß man das an dieser Stelle nicht behandeln kann. Umberto Eco oder Jorge Luis Borges haben ähnliche Fragen auch immer wieder literarisch behandelt.

      Ihr Delektieren findet hier schöne Parallelen: Erstens kommt demnächst doch noch was Ergänzendes zur Geschichte, zweitens habe ich (in diesem Zshg.) gerade ebenfalls mit „ihrem“ Sidonius zu tun und drittens delektiere ich mich gerade am Ungarischen, das man sich wohl nur wie das Lateinische erknobeln kann. Werde das sukzessive intensivieren und die Gewichte etwas anders verteilen.

      PS: „Das Frappierendste an der Geschichte ist ja die Selbstverständlichkeit: daß sie vergangen ist.“ – Ja, aber das ist nur die eine Seite. Sie ist eben – als Geschehen – auch gegenwärtig als Ergebnis und als Voraussetzung dessen, was ist und sein wird. Und sie ist gegenwärtig als Narration, sofern sie denn erzählt wird. Narration ist freilich selber Geschehen, über das man erzählen könnte und das das Geschehen beeinflußt – Marx ist das beste Bsp. … und ich glaube, sein größter Fehler, sein blinder Fleck war, sich selbst als Narrator nicht mitgedacht zu haben. Hätte er das, dann hätte er begreifen müssen, daß ein Prophezeiung, gar ein „historisches Gesetz“ in dieser Konkretheit nicht möglich ist. Alles, was wir wissen können ist: „Auch dieses wird vorübergehen„.

      Kurt Droffe: Ergänzung: Wie aus Ihrem und meinem Gesagten deutlich wird, greifen bei diesem Thema Erkenntnis-, Sprach-, und, wenn man möchte, Moralphilosophie, dazu auch noch Erzähltheorie so ineinander, daß es – zumal für einen Laien wie mich – schwierig ist, dies systematisch, und sei es nur bei der Lektüre, anzugehen. Vielleicht, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

      Bitte halten Sie mich über Ihre Sidonius-Lektüre auf dem Laufenden: Ich bin verwundert, daß Sie gerade jetzt auch mit ihm zu tun haben, er ist ja nun, auch in der lateinischen Welt, ein eher obskurer Autor.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.