Wir sind im Fernsehen!

Das war Ende der 70er Jahre eine kleine Sensation, als bekannt wurde, daß die „Aktuelle Kamera“ in unserer kleinen Stadt drehen würde. Wir, die Straßenkinder – also die Kinder, die noch unbeschwert in großen Horden beiderlei Geschlechts stundenlang und ohne Aufsicht auf den Straßen spielten –, rannten dort hin und sahen zu: Kameras, Aufnahmewagen, Menschen mit Mikrophon, endlose Kabel … das war aufregend und abends kam alles im Fernsehen.

Zu sehen war eine Baustelle, ein Gerüst an einem Haus, auf dem fleißig gearbeitet wurde. Männer mit Helmen und frisch gebügelten karierten Arbeitshemden logen ohne Scham in die Linse und erzählten den ganzen Quark von Planübererfüllung und vorschnellem Bauende und Vertrauen in die Partei, den man hören wollte, den niemand glaubte und den man professionell zusammenrührte wie den billigen Berliner Beton im Mischer, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Danach war das kleine Städtchen, das die ganze Republik mit Tütensuppen versorgte, wieder unauffällig geblieben. Aber gestern war es erneut im Fernsehen, in Form jener Schule, die ich acht Jahre lang besuchte. Diese lange Treppe bin ich einst glorios hinunter gesegelt, als ich zum ersten oder zweiten Mal verliebt war und die Angebetete durch Lässigkeit beeindrucken wollte. Egal!

Die Welt von heute. Wir sind im Fernsehen und sogar in der großen Presse.

Auch die beiden „Großstädte“ – so empfanden wir das – in der Nähe – Plauen und Zwickau –, haben sich gemausert und schaffen es immer wieder in die Schlagzeilen. In Plauen hatten im Januar mehrere seltsame Häuserbrände auf sich aufmerksam gemacht und zugleich einige Mißstände mit „slowakischen Bürgern“ offengelegt. Am Ende gab es zwei Tote, die nicht Opfer rechter Gewalt wurden, wie es schnell hieß, sondern eines Streites im Punkermilieu, der „zufällig“ auch die „Slowaken“ wieder betraf. Ende März gab es dann einen „Großeinsatz der Polizei“, nachdem sich mitten im Zentrum, am sogenannten Tunnel, 200 Neu-Plauener in erregter Stimmung gegenübergestanden hatten. Die Politik blieb nicht tatenlos und hat das Problem nun an der Wurzel gepackt: es gibt Alkoholverbot im Zentrum.

Aber Plauen kann dieser Tage mehr. Zum Beispiel Verbrechen bekämpfen, und zwar gleich 400 mit einem Schlag!  „Hatem H.“, stand gestern in der Zeitung, „soll der so genannten Plauener Tunnelgang” angehören.

Kombiniere, Kombiniere!

Einen Tag zuvor schafft es Plauen sogar in die „Bild”, das am schnellsten verschwindende Blatt der Jetztzeit. Dank dem „Libyer Osama A. (43) aus Plauen” (sic!). Tat 2: „Er bricht über den Balkon in die Wohnung einer Plauenerin ein, zieht ihr den Slip runter. Sie wird bewußtlos, er vergeht sich an ihr.“ Drei verdächtige EU-Bürger fallen da schon unter ferner liefen.

Noch immer am gleichen Tag gibt es einen Vorfall in Greiz, eine halbe Autostunde entfernt. Dort hat sich ein junger Mann an einer 11-Jährigen vergangen, als er „blank zog“ – ich liebe unsere Lokalpresse!

Und am Tag zuvor haben sich zwei Neu-Zwickauer bei Messerübungen schwer verletzt, aber ich möchte nicht allzu tief in die Vergangenheit eintauchen.

Überhaupt: ich will meine Heimat auch nicht schlecht reden. Es gibt durchaus andere beachtenswerte Ereignisse, wie zum Beispiel Erdbeben, Überschwemmungen und einen neuen Verein für häusliche Gewalt gegen Männer.

Apropos Erdbeben: Wir haben auch ganz aktive Antifa-Aktivisten, die sich trauen, Flashmobs als „Antihomophobe Aktion“ zu starten und als Musiker überraschend Straßenfeste zu bereichern. Auch sowas schafft es in die Zeitung!

Wie man sieht, war die Aktion am Tunnel ein voller Erfolg! Da kann man in dieser von leichten Erdbeben verwöhnten Region schon mal vom Supergau träumen.

Siehe auch: Es hat sich was getan

Wie der Zufall es will 

Die Welt: Staatsanwaltschaft soll in 400 Fällen gegen 21-Jährigen ermitteln

 

 

 

3 Gedanken zu “Wir sind im Fernsehen!

    • Pérégrinateur schreibt:

      Au-dessus de la mêlée!

      Sie wollen anscheinend Gute und Böse in einem Spiel entdecken, in dem es, eingestanden oder uneingestanden, um Interessen geht. Interessen, die dann auch die Haltungen aller Beteiligten (und selbst nur von ferne emotional Beteiligten) weithin determinieren. Ja, wenn ich sehe, dass andere um mich schon in einer Voreingenommenheit gebunden sind, dann mache ich deshalb durchaus gerne den Advokaten der Partei, gegen die man allgemein voreingenommen ist. Man sollte den Kopf immer durch die Hülle der uns umgebenden Moralblase stecken, nur dann hat man Aussicht, die weitere Entwicklung der Dinge zu versrtehen und vorauszusehen.

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      • Emil Kriemler schreibt:

        Nein, von der simplen Meinung, die Welt in Gute und Böse zu unterteilen habe ich mich längst verabschiedet, ebenso von der allgemeingültigen Wahrheit. Ganz so einfach ist die Sache nicht.
        Ihre Aussage irritiert allerdings etwas, denn gerade wollte die UN Israel wegen der Randale an der Gaza-Grenze verurteilen ohne die Hamas und deren Rolle auch nur zu erwähnen.
        Im übrigen ist der „Opferstatus“ der Palästinenser seit geraumer Zeit weit höher als der der Israelis, auch wenn das palästinensische Volk weit mehr unter den eigenen Führern leidet, die, wie vielerorts auch, sich vornehmlich die eigenen Taschen füllen.
        Und auch die arabischen Brüder mögen sie höchstens auf Distanz.
        Aber ja, die bösen Juden wollen sich einfach nicht massakrieren lassen, so was aber auch….

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