Die Flüchtlinge

Eine kleine Dampferfahrt auf der Donau. Mit an Bord eine ungarische Schulklasse, vielleicht sechste oder siebente Klasse. Ein Mädchen, das schon durch seine fortgeschrittene Entwicklung aus der Reihe fiel, wird interessant, als sie im rheinischen Dialekt irgendwas mit „geil“ ruft.

Wenig später steht sie zufällig neben mir an der Reling. „Du bist Deutsche?“, frage ich sie? „Klar bin ich Deutsche!“, kommt burschikos zurück. Ihre Sprache ist einfach und direkt und weiß so manches nette Wort, klingt vor allem unverkennbar nach Köln-Bonner Raum.

Wie das komme, frage ich sie. „Na, wir sind Flüchtlinge!“ Da wird es spannend!

„Flüchtlinge? – Wovor seid ihr denn geflohen?“ – „Na vor den Flüchtlingen!“

Und jetzt erzählt sie: Sie war in einer Schulklasse, in der es fast nur noch Flüchtlinge gab. Und die hätten sich benommen … sie holt Luft. Sie, die wenigen Deutschen, sind beschimpft, geärgert und gemobbt worden, aber die Lehrer hatten sie immer wieder ermahnt, freundlich zu sein. Nur, irgendwann ging das nicht mehr und dann haben sie, die Deutschen also, zurückgefeuert. Und dann gab es immer Ärger mit den Lehrern, die gesagt haben: „Das dürft ihr nicht tun!“ Die anderen, die Flüchtlinge, wüßten nicht, was sie tun und die könnten nicht anders und müßten das alles erst noch begreifen und verstehen lernen … „aber ihr, ihr seid Deutsche und wißt, daß man nett sein und freundlich und tolerant sein muß.“

Aber als die Spannungen immer größer wurden, da entschied der Vater dann: „Wir fliehen. Wir hauen ab. Nach Ungarn.“ Die Oma war schon seit ein paar Jahren hier, um von ihrer Rente leben zu können.

Jetzt wohnen sie in der Nähe zur serbischen Grenze und kaufen sich gerade ein Haus, wollen für immer hier bleiben. Der Vater ist noch in Köln und arbeitet dort. Noch wohnt sie zusammen mit Oma, Mutter und Geschwistern.

Ich stelle mir das traumatisch vor und frage sie: „Wie kommst du denn zurecht in der ungarischen Klasse? Wie geht’s mit dem Ungarisch?“ – „Ach, das geht schon“, sagte sie. „Die Kerle sind überall doof und mit den Weibern“ – sie benutzt wirklich diese Ausdrücke – „ist es schon okay. Nur: in Deutschland war ich immer die Klassenbeste und hier bin ich ganz hinten. Das versteh‘ ich nicht.“

4 Gedanken zu “Die Flüchtlinge

  1. Stefan schreibt:

    Ist bei uns nicht viel anders. Wir, also das heißt ich, Freiberufler mit unverschämt hoher Abgabenlast und zwei blonden Töchtern, haben direkt nach dem 5. September begonnen, die Koffer zu packen. Und sind nun seit bald 2 Jahren in Uruguay.

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      • Stefan schreibt:

        Keinen Augenblick!

        Der Lebensstandard ist in etwa vergleichbar mit Deutschland, wenn man ihn sich denn leisten kann und will (Lebenshaltungskosten dann in etwa gleich), man kann aber natürlich auch auf weit niedrigerem Niveau leben. Ich empfehle jedem, sich den Job quasi schon „mitzubringen“, da man auf dem hiesigen Arbeitsmarkt natürlich nicht dasselbe wie in Deutschland erzielt.

        Wir im Speziellen haben den Vorteil, dass meine Kinder den Doppelpass (qua Geburt – und diesen wird man auch nie wieder los) und eine relativ weitläufige Verwandschaft hier haben. Man findet aber auch sonst relativ schnell Anschluss, die Uruguayos sind sehr aufgeschlossen.

        Es ist natürlich auch nicht alles perfekt, hier: Die Kriminalitätsrate ist höher als in Deutschland, aber da geben sich Berlin oder Frankfurt etc. ja gerade alle Mühe, aufzuschließen … Und als Gringo muss man schon aufpassen, da wird man doch gerne reingelegt. Schon aus Gründen der Folklore …

        Die Steuersätze sind niedriger als in Deutschland, für Freiberufler oder Selbständige sehr deutlich niedriger.

        Nun denn, es lässt sich auch viel im Netz ergoogeln, so manches stimmt, manches auch nicht (mehr).

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  2. Das erinnert mich an ein Filmchen, das ich während des letzten Bundestagswahlkampfes gesehen hatte, Schauplatz Berlin, zwei junge Mütter, die gerade die KiTa gewechselt haben. Beide wurden nach ihrer Parteienpräferenz gefragt, die Grünwählerin erklärte, sie sei ja raus aus der alten KiTa, weil da so viele Kinder von AfD-Wählern wären, mit denen möchte sie nicht, daß ihr Kind zusammen in der KiTa ist. Die andere junge Mutter bekannte sich zur AfD und sagte ins Mikro, daß sie in eine andere KiTa gewechselt seien, die schon um 6:30 morgens geöffnet habe, weil sie Vollzeit arbeiten muß um mit ihrer Kleinen finanziell über die Runden zu kommen. Fluchtgründe.

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