Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

Man entsinnt sich sicher der Geschichte der Katze, die fast verhungert bei uns auf der Terrasse lag. Die Geschichte ging weiter und hat nun ein Ende, wie es jede Geschichte haben muß und auch nur haben kann.

Trotzdem kann man etwas daraus lernen, sogar vieles. Vor allem, wenn man sie mit anderen Geschichten vergleicht.

Unsere erste Katze hatten wir in England. Als unsere Tochter das zugelaufene Tier zum ersten Mal sah, kam ihr sofort der Name „Willy“ in den Sinn – also hieß er Willy. Das war in England kein ganz einfacher Name und stellte die Schwester beim Tierarzt jedes Mal vor ernsthafte Probleme, wenn sie den Patienten aufrief. Da sie es nicht wagte „Willy“ zu sagen, ließ sie sich etwas Neues einfallen – sie nannte ihn Tilly. Vermutlich ohne es zu wissen, gab sie dem Tier einen durchaus passenden Namen.

Willy war nämlich ein Krieger.

Und sonderbegabt.

Er hatte die Angewohnheit, Hasen zu jagen und zu fressen. Eines Morgens fand ich ihn in der Küche bis zum Schwanz in einem Hasenbalg vergraben, den er von hinten nach vorn fast vollständig ausgefressen hatte. Über und über mit Blut verschmiert. Die Hasen waren oft größer als er selbst. Nach dieser Szene[1] wurde die Katzenklappe nachts geschlossen und er wurde etwas friedlicher.

Als wir in den Urlaub fuhren, baten wir die Nachbarn, nach der Katze zu sehen und sie zu versorgen. Doch zu unserem Erschrecken fanden wir bei der Rückkehr eine halbtote Katze vor, die offensichtlich seit Tagen nichts mehr gefressen hatte. Die lieben Nachbarn, Franzosen, selbst Halter einer edlen Rassekatze, hatten immer wieder neues Futter nachgeschüttet, so daß ein riesiger Futterberg sich bildete, anstatt zu begreifen oder begreifen zu wollen, daß hier etwas nicht in Ordnung sein könnte.

Unser Willy, der kaum noch krauchen konnte, versuchte verzweifelt und unter großen Schmerzen und jämmerlichem Jaulen Kot abzusetzen und konnte es nicht. Das Bild war herzzerreißend. Wir fuhren umgehend zum Arzt, wo er sofort notoperiert wurde.

Er hatte sich mal wieder einen Hasen gegönnt und in seiner Gier auch Fell und Knochen verschluckt und die blieben im Darm stecken. Der Kot wurde entfernt, aber der Darm war doch so geschädigt, daß sich das Problem alle paar Monate wiederholte und ihm schließlich fast 10 cm geschwächter Darm herausoperiert werden mußten.

Während unserer Abwesenheit muß das Tier unendlich gelitten haben. Jetzt folgt die Lehre!

Das Tier litt und wir lagen am Strand oder saßen in einem italienischen Café im schönen Apulien. Das Tier hat gelitten und niemand hat es bemerkt – hat das Tier also überhaupt gelitten? Das ist die Kernfrage des Solipsismus.

Im Moment unserer Rückkehr war sein Leid auch unser Leid. Nun litten wir mit.

Zurück zu jener kranken Katze in Ungarn. Vor vier oder fünf Wochen lag sie halbtot auf der Terrasse. Mit viel Mühe und Zuneigung konnte ich sie wieder aufpäppeln. Zwischenzeitlich wirkte sie wieder dynamisch und lebenslustig. Doch letzte Woche, von einem Tag auf den anderen, verweigerte sie erneut die Nahrung und stand auch vor dem Wassertrog, ohne zu trinken. So ging es zwei Tage. Apathisch lag sie im Garten und regte sich kaum noch, wieder magerte sie bis auf das Skelett herunter. Sie litt offenbar Qualen.

Es tat weh, sie so liegen zu sehen, ohnmächtig zu sein, aber mir war auch klar, daß das ihr letzter Gang sein würde. Und irgendwann muß man den gehen.

Am Donnerstag fegte ein wüster Sturm über die Stadt mit prasselndem Regen und Hagel. Ich trug sie von der Wiese unter das Vordach. Sie wehrte sich schon nicht mehr gegen das Unwetter. Dort verbrachte sie die Nacht – am Morgen war sie verschwunden. Zuletzt war sie vollkommen in sich gekehrt. Ich gönnte ihr ihren Tod und war ein klein bißchen froh, daß sie sich offenbar eine andere Stelle gesucht hatte – so mußten wir die Schmerzen nicht teilen. Andererseits hätte ich sie gerne im Garten begraben.

Irgendwann, irgendwo hier in der Gegend, dachte ich, wird sie friedlich einschlafen, allein, wie es sich für eine Katze gehört.

Doch so kam es nicht!

Gestern wurde ich von einer Nachbarin – die ebenfalls mitgelitten hatte –, eine ältere Frau, auf ein Facebookkonto aufmerksam gemacht.

Da war sie wieder. Es gibt in der Stadt eine Notstation für verwahrloste Katzen. Dort war sie gelandet, jemand hatte sie dahin gebracht, und das gab man auf Facebook bekannt. Sie wurde noch einmal einem Arzt vorgestellt, bekam Infusionen … und ist nun, am Montag, doch gestorben, vermutlich Nierenversagen. „Ihre kleine Seele hat die Regenbogenbrücke überquert“, schreibt man. Mein Suchen in den letzten Tagen war umsonst. Noch sieht man die Stellen im schattigen Gras, wo sie immer gelegen hat.

Die Nieren sind übrigens eine Schwachstelle bei den Hauskatzen und das ist nicht zuletzt Menschenschuld. Es ist das übliche Katzenfutter, das vielen Katzen zu schaffen macht. Dreck! Zucker, Salz, Phosphate – Dinge, die es in der Grundnahrung der Katze, der Maus, nicht gibt – überfordern den Katzenkörper. Resultat sind Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Adipositas, bei Katern überfordern Gallensteine und Kristalle das sensible urinäre System und die Nieren werden belastet. Dahinter steckt, wie Hans-Ulrich Grimm in seinem Buch „Katzen würden Mäuse kaufen“ zeigt, eine Millionenindustrie, die nicht nur für die Krankheit der Katze sorgt, sondern auch für „Heilung“ bzw. Verlängerung der Krankheit.

Ob man sie eingeschläfert oder ob sie sich davongestohlen hat, kann ich nicht sagen. Aber sie ist nicht dort gestorben, wo es richtig gewesen wäre und sie hat nicht die Ruhe gehabt, die sie sich wohl selbst gesucht hätte. Vermutlich starb sie auf einem Operationstisch oder in einem Katzenbehälter.

Dafür aber litten dutzende Menschen – die bis vor wenigen Tagen von der Existenz der Katze nichts wußten und nie etwas mit ihr zu tun hatten – mit. Der Beitrag auf Facebook wurde 193 mal geteilt, 76 Menschen haben ein Trauer-Smiley (!) hinterlassen – alles Frauen, auch einen Gedanken wert! –, 2500 Menschen folgen dieser Facebook-Seite.

Man kann es drehen, wie man will: Leid – sofern es nicht das ureigene ist – hat etwas mit dem Wissen davon zu tun, oder, wie Chamfort sagte: „Il faut que notre cœur se brise ou se bronze.“ Aber eben nur, wenn man davon weiß.

Siehe auch: Das Christopherus-Syndrom

[1] … und einer anderen: er hatte in der Nacht einen Rattenkopf auf das Kopfkissen des Kindes gekotzt.

Ein Gedanke zu “Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

  1. Leonore schreibt:

    Vermutlich war es die dem Nierenversagen geschuldete Verwirrtheit, die das Kätzchen hat weglaufen lassen …

    Friede ihrer Asche.

    Wer das Versprechen, sich um die Katze eines Nachbarn zu kümmern, bricht oder so nachlässig wie beschrieben hält, sollte sich was schämen. Aber Ihr Kater war schon auch merkwürdig gierig für eine Katze! Hasenknochen … ! – Als ich aus dem Elternhaus auszog und nur noch am Wochenende heimkam, protestierte unsere Katze – sie war auf der Couch sozusagen in meine Hände geboren worden – auf ihre Weise: Sie ließ sich die ganze Woche über nicht zu Hause blicken, sondern lebte in unmittelbarer Nähe im und am Wald, dezimierte die Kaninchen auf den Wiesen, begrüßte meine Eltern aber freundlich, wenn die bei Waldspaziergängen an „ihrer“ Stelle vorbeikamen. Sobald ich wieder daheim war, strich sie mir um die Beine. Dieses Verhalten gab sie erst nach Monaten und als der Winter kam wieder auf. Jedenfalls hat sie die Karnickel-Diät bestens vertragen und danach noch fast 20 Jahre gelebt. Es waren aber eben auch keine Hasen.)

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.