Oi wie Oikos

Eine Buchbesprechung

Was für ein kraftvoller und selbstbewußter Titel! Das weckt Vorfreuden. Man erwartet eine stringente Analyse nebst Prognose eines der Zentralprobleme der Jetztzeit, des Verlustes und der „Verteidigung des Eigenen“. Zudem wird uns Thierry Baudet, der Autor, als „konservatives Wunderkind“ vorgestellt – da hätte man schon skeptisch werden sollen.

Es braucht dann auch nur wenige Seiten, um zu begreifen, daß hier kein aus einem Stück gegossener Fundamentalessay vor uns liegt, sondern ein aus vielen kleinen Einzelessays zusammengestückeltes Puzzle mit Passepartout. Letzteres soll der wohlklingende Begriff „Oikophobie“ – der Oikos, das Eigene – darstellen, der im ganzen Text keine Rolle findet, im Vor- und im Nachwort allerdings passend geklopft wird.

Dabei beginnt Baudet recht kraftvoll, zieht mit satten Farben Verbindungen zwischen Staat, Volk, Historie, Kunst und Moderne, findet griffige Formeln: „Hierbei geht es nicht um eine Ideologie – es geht um Pathologie“, um freilich sehr schnell einzugestehen: „Auf die Fragen, was die Ursache der Oikophobie ist, habe ich keine Lösung gefunden.“

Warum dann ein Buch schreiben? Will er sich auf die Analyse, die Rahmenbedingungen beschränken? Auch das wäre eine lobenswerte Aufgabe.

Die erfüllt er dann im ersten größeren Kapitel, das sich dem „europäischen Projekt“ widmet, noch ansatzweise. Als praktizierender Politiker gewährt er dem Leser manchen Einblick in die große Maschine EU mit ihren überbordenden Institutionen, dem Lobbyismus, den ideologischen Grundlegungen. Eine gewisse Neigung zur Vereinfachung und zur Entdifferenzierung ist allerdings auch dort nicht zu übersehen. Man bekommt immer stärker den Eindruck, daß Baudet nicht erklären, sondern verkünden will und zwar sein eigenes Verständnis und Programm.

Die EU mündet für ihn zwangsläufig über den Supranationalismus in den Föderalismus, muß eine unüberwindbare, sich selbst replizierende tausendarmige Krake an Institutionen schaffen, die an der „Übertragung der Souveränität und die Schaffung eines neuen Staates, nämlich die Vereinigten Staaten von Europa“ arbeite, was aus allerlei Gründen nie und nimmer funktionieren könne und daher letztlich über den „Abbau des Regelwerkes“, die „Auflösung des Europäischen Parlaments“, die Schaffung einer „kleinen Kommission, die lediglich den Freihandel koordiniert“, den Abbau der „Außen- und Sicherheitspolitik“ und die Abschaffung des Euro ins Reich der Geschichte geschickt werden müsse. Später verweist er noch auf die Aporien, die sich aus Superbehörden wie der WTO oder dem Internationalen Strafgerichtshof ergeben. Hier merkt man den studierten Juristen durch.

Danach verliert sich der rote Faden vollends. Es werden noch Einwanderung und Islam bedacht, dann der erste Prozeß gegen Geert Wilders rekapituliert, um sich schließlich im extensiven Mittelteil, in innenpolitische Tageserscheinungen der Niederlande zu verlieren, denen zu folgen dem Nichtholländer schwer fällt. Griffig sind dann nur noch die vereinzelten Forderungen und Verkündigungen: „Die Paragraphen über Beleidigung und Anstachelung zum Haß müssen gestrichen werden“ oder: „Das Leugnen historischer Tatsachen muß möglich sein“ oder „Wo die Tyrannei der Mehrheit die Achillesferse der Demokratie ist, ist die Tyrannei der Minderheiten die Achillesferse des Rechtsstaates“ …

Um seinen Rundumschlag zu vollenden und vielleicht auch, um die Seitenzahl 200 zu erreichen, werden noch moderne Kunst, Klimaerwärmung, die Freuden der Entenjagd, die Kunst, eine Zigarre zu rauchen, die zivilisationszersetzende Macht des Vibrators und ein, zwei Dinge, die ich nicht verstehe, angeführt.

Das alles wird mit einem Nachwort, in dem der schöne Begriff „Oikophobie“ endlich wieder auftaucht, zusammengeleimt. Davon abgesehen krankt das Buch an einem Geburtsfehler: es stammt im Original aus dem Jahre 2013, behandelt die Geschichte des frühen Jahrzehnts und weiß noch nichts vom Brexit, ISIS, neuem Terror, Köln, vom Schicksalsjahr 2015.

Thierry Baudet: Oikophobie. Der Hass auf das Eigene und seine zerstörerischen Folgen. Ares Verlag, 192 Seiten, 18 Euro

zuerst erschienen in „Sezession“ Heft 82

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