Die Katze

Als wir in Ungarn ankamen, haben wir die Katze der Vorgängerin übernommen. Kein Problem – wir sind Katzenliebhaber und der kleine schwarze „Kormos“ (der Rußige) hat sich schnell angepaßt.

Nur mit Nachbars Katze gab es manchmal Streit. Er, der Nachbar, ein dickbäuchiger Rentner dem das Atmen schwer fällt, mit starkem Drang zur Horizontale. So liegt er stundenlang im Garten, löst Kreuzworträtsel und hustet vor sich hin. Seine Katze – eine rot-weiß-schwarze – sitzt manchmal auf seinem Bauch.

Sie ist ohnehin Chef im Ring. Groß und dick und mit giftigem Blick; da kann unser Kormos nicht mithalten. Mir war sie schnell unsympathisch und sie mied unseren Garten.

Der Alte hustet seit drei Wochen nicht mehr und die Katze war auch weg. Wir haben beides gar nicht bemerkt, bis in unserem Garten ein jämmerliches Geschöpf erschien, abgemagert, zerzaustes Fell und sterbensmüder Blick. Zuerst hatte ich sie gar nicht erkannt, erst ihr Halsband verriet sie: des Nachbars Katze. Wir erfahren: er liegt im Krankenhaus und hat die Katze offensichtlich ohne Pflege zurückgelassen.

Apathisch lag sie im Garten, suchte die Sonne, die Wärme, oder legte sich mitten auf die aufgewärmte Straße, so daß die Autos große Bögen fahren mußten. Als ich sie zum ersten Mal mitleidig hoch nahm, erschrak ich: sie wog fast nichts mehr, war nur Fell und Gerippe. Auch unser Kormos schien das Elend zu bemerken: aufmerksam beschnuppert er sie, zeigt sonst aber keine Aversion.

Was tut man in dieser Situation? Na klar, man hilft. Aber sie ist schon so lebensmüde, daß es einiger Tricks bedarf, ihr etwas Futter einzuflößen. Ich spreche mit ihr, streichle sie und gebe ihr, nachdem wir unsere alte Feindschaft beerdigt haben, Reiki, was sie dankbar annimmt. Wir werden uns sympathisch.

Kostenlos – für sie und ihren Besitzer – gehen wir zum Arzt, werden Würmer und Ohrmilben bekämpft.

Das war vor einigen Tagen. Wir füttern sie seither täglich. Mit gutem, teurem Futter. Sie sieht schon deutlich besser aus.

Am zweiten Tag lag sie morgens vor der Gartentür, am dritten Tag begrüßte sie mich und am vierten stand sie davor und forderte miauend ihr Recht nach Futter ein. So schnell geht das. Ihr Schritt ist wieder federnd und das Fell beginnt erneut zu glänzen. Ich bürste sie. Danach eroberte sie sich das Haus, dessen Schwelle sie vor zwei Tagen nicht zu übertreten wagte. Schon hat sie in der Küchenecke eine Markierung gesetzt. Und gerade steht sie neben meinem Laptop und wacht.

Und wenn wir nicht aufpassen und klare Regeln einführen, dann vertreibt sie vielleicht bald unseren Kormos[1]

[1] Sie hat als Wiederholungstäter (Markieren) inzwischen Hausverbot bekommen, freundlich aber bestimmt – und hält es auch bei offener Gartentüre ein.
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Ein Gedanke zu “Die Katze

  1. Leonore schreibt:

    Sie lieber Mensch – !

    Wer hat das nochmal gesagt:

    „Liebe und Haß tragen ihren Lohn in sich selbst.
    Es tut uns wohl zu lieben und weh zu hassen.“

    (Kann man bestimmt googeln. Ich hab es auf Anhieb nicht gefunden und keine Zeit und Geduld zum Suchen.)

    Jedenfalls haben Sie nicht nur der Katze Gutes getan, sondern auch sich selbst. Und Ihren Lesern hier gleich mit ein schönes warmes Gefühl in der Herzgegend gegeben.

    (Merkwürdiges Kätzchen! – eigentlich markieren doch nur Kater ihr Territorium … Männlich kann sie aber aufgrund ihrer Farbe nicht sein. „Sexualdimorphismus“ (Nein, glaube ich nicht wirklich. Mein Blick war nur beim Überlegen nach rechts zu den „Aktuellen Beiträgen“ abgeschweift.)? Wahrscheinlich ist sie einfach nicht stubenrein. Oder noch wahrscheinlich noch ein bißchen traumatisiert.)

    Seidwalk: Meine Erfahrung mit Katzen lehrt: Sobald zwei oder mehr in einem Haushalt, dann wird markiert, ganz gleich, welches Geschlecht und welche Konstellation und das meint auch richtiges typisches Sprühen: – die Neue hat einfach zwei Pfützen gemacht, just an den strategischen Stellen (Futterplatz des Katers), also nicht gesprüht aber wohl doch als Territoriumsmarker …

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