Demokratie – ein schönes Wort

Am 29. April 1933 schreibt Kurt Hildebrandt an Stefan George: “Ich bin gestern in ‘die‘ Partei eingetreten. Die Beamten sind in den letzten Tagen in solchen Mengen übergetreten und eingetreten, daß ein Nicht-Eintreten geradezu Widerstand und freiwillige Selbstausschaltung bedeutet. Der Universität gegenüber könnte der Eintritt eine eher positive Bedeutung haben und ich glaube, es besteht kein Grund, dieser auszuweichen.“

Hildebrandt war eine von dutzenden faszinierenden Gestalten im Umkreis des „Meisters“ George. Zwar gelang es ihm nie, dem Poeten persönlich nahe zu kommen, aber in seinem umfangreichen Werk finden sich gleich mehrere Arbeiten, die ohne George nicht denkbar gewesen wären, die umgekehrt aber auch unter den Adepten und Liebhabern des Dichters hohes Ansehen genossen. Hildebrandt war promovierter Mediziner und studierte neben seiner Arbeit im Kriegslazarett  noch Philosophie, in der er 1924 bei der neukantianischen Ikone Paul Natorp promovierte. Eigene philologische Studien befähigten ihn zu Platon-Übersetzungen.

Vor allem über Platon gelang ihm der Eintritt in den George-Kreis. Seine Übersetzung des „Symposions“ und der dazu einleitende Essay wurden sofort als philosophiehistorische Grundlegung einer Ahnschaft erkannt, die Feier der Schönheit, des Leibes und des jugendlichen männlichen Körpers entsprachen Georges Auffassung. In seiner Platon-Studie „Der Kampf des Geistes um die Macht” wurde die „Politeia“ im Sinne des „Geheimen Deutschlands“, das „platonische Reich“ als Vorbote des „Neuen Reiches“ gelesen[1] – mit ihr gelang Hildebrandt die ersehnte Aufnahme in die „Blätter für die Kunst“.

Sein Verhalten in der NS-Zeit ist weniger verdienstvoll. Nach einigen rassentheoretischen Arbeiten wurde er nach dem Krieg entnazifiziert und arbeitete weiter als Philosophieprofessor. Besonders seine beiden Goethe-Studien[2], die neben Leisegangs, Rickerts, Weinhandls und Rudolf Steiners Werken zu den frühen herausragenden „Eindenkbüchern“[3] gehören, also die Denkwege und Denkweise Goethes nachvollziehen wollten, sind zu empfehlen.

In obiger Äußerung deutete Hildebrandt eine Art inneren Widerstand gegen den Parteieintritt an. Vermutlich war er nicht ganz ehrlich und formulierte die Zeilen an George bewußt distanziert, weil er wußte, daß der „Prophet“, „Seher“ und „Führer“, der eine apolitische oder transpolitische Attitüde pflegte, nur selten in die konkreten politischen Abgründe hinabstieg. Hildebrandt hatte den Schritt schon länger bedacht und auch George damit konfrontiert, doch dieser wollte keine Stellung nehmen, sah profane politische Entscheidungen eher als Privat- und Intimsphäre.

Dennoch sind die beiden letzten Sätze signifikant und wiederholungswürdig: „Die Beamten sind in den letzten Tagen in solchen Mengen übergetreten und eingetreten, daß ein Nicht-Eintreten geradezu Widerstand und freiwillige Selbstausschaltung bedeutet. Der Universität gegenüber könnte der Eintritt eine eher positive Bedeutung haben und ich glaube, es besteht kein Grund, dieser auszuweichen.“

Im ersten beschreibt Hildebrandt den Druck, der nach Hitlers Wahlerfolgen, der Machtübernahme und einer allgemeinen Begeisterung nebst Gleichschaltung entstanden ist und die Freiheit der eigenen Entscheidung einschränkte. Im zweiten hingegen das ziehende Element der Argumentation, nämlich die profane Nützlichkeit einer solchen Entscheidung. Tatsächlich bekam Hildebrandt trotz fehlender Habilitation wenig später die Stelle des Philosophen Julius Stenzel in Kiel, der sich durch die Maßregelung einiger pöbelnder nationalsozialistischer Studenten angreifbar gemacht hatte und dessen Frau im Übrigen jüdisch war.

Man übertreibt wohl nicht, wenn man Hildebrandts Doppelbegründung aus Druck und Zug zum Signum einer Diktatur erklärt. So funktioniert das. Es ist recht wohlfeil, dies reflexartig als „Opportunismus“ zu denunzieren, wie es Jürgen Egyptien in seiner gerade erschienenen voluminösen George-Biographie[4] tat, denn die inneren Zwänge der Menschen, die kennt keiner.

Hildebrandts Worte haben – deswegen erwähne ich sie hier – unverhoffte Aktualität gewonnen. Wir leben wieder in Zeiten, in denen Bekenntnisse nicht durch direkte Aufforderung, sondern durch den sanften Druck der Masse und der Massenmedien erzwungen werden.

In meinem Artikel zum „Skandal“ um die „Echo“-Preisverleihung hatte ich die Prognose gewagt, daß nach den ersten Preisrückgaben es eine Welle an weiteren Rückgaben geben werde und die Realität hat diese Voraussage bei weitem übertroffen. Nicht nur Preise wurden zurückgegeben und Distanzierungsübungen perfektioniert, nein, der Preis wurde als solcher abgeschafft[5].

Wie groß der Druck, den eine solche Entscheidung nach sich zieht, ist, sehen wir gerade an der Aussetzung des Literaturnobelpreises. Schon der „Golden Globe“  stand im #metoo-Furor  unter Uniformzwang – wer sich nicht durch ein schwarzes Kleid bekannte, wurde namentlich beschämt und machte sich verdächtig und beim letzten „Oscar“ schlug die Bekenntniswelle über. Der gehört nun auch besser abgeschafft …

Ich hatte zudem die Äußerung gewagt, daß Helene Fischer erneut ins Fadenkreuz der moralisch generierten Distanzierungserwartung geraten und sie diesem – aufgrund ihrer quasi-divanen Position – widerstehen könnte. Die Realität gab mir im ersten Punkt recht und übertraf meine Vorstellungskraft im zweiten: Helene Fischer hat sich geäußert (allerdings die Preise nicht zurückgegeben), hat sich distanziert, ist eingeknickt, hat Angst bekommen … auch wenn sie die Worte bedachtsam wählte.

Diese erzwungenen Kotaus vor der „öffentlichen Meinung“ – d.i. die in den Medien ventilierte, nicht die der Straße – sind kreuzgefährlich, denn sie drehen die Beweispflicht um. Nicht nur die positive Aussage wird bewertet und stigmatisiert, sondern auch die Nichtaussage zur Aussage gemacht: Man kann nicht mehr nicht reden! Schweigen ist Reden, alles ist Reden, der Redezwang ist total: die Meinungsdiktatur!

Es gibt sie also wieder, die Situationen, in denen man sich verhalten muß, in denen man politisch sein muß, auch als unpolitischer oder apolitischer oder gar transpolitischer Mensch und solange man kein Unikum wie Stefan George ist – ein Typus, der längst ausgestorben ist und vielleicht nur noch von ein paar letzten Zynikern und Kynikern und Kynstlern im Privaten repräsentiert wird –, in denen man bekennen muß, in denen den Meinungsdiktatoren das Lippenbekenntnis wichtiger wird als die freie Rede oder das kritische Wort. Es gibt sie wieder, die Listen[6] zu boykottierender „Geschäfte“[7], denen man nur noch das (vielleicht bald entbehrliche) Satiremäntelchen[8] umhängt.

Und natürlich gibt es auch, wie zu Hildebrandts Zeiten, die Profiteure des Meinungsabsolutismus, die auf der Fettsuppe schwimmen, den Takt vorgeben und systemisch dafür belohnt werden, etwa mit Fernsehpräsenz[9], wie die Böhmermanns unserer Tage, mit Sozialmedienpräsenz, wie aktuell gerade die Youtuber Rayk Anders[10] oder LeFloid[11] und/oder durch materielle Belohnungssysteme, die freilich selten sichtbar werden. Mit besonderer Wollust stürzen sie sich auf jene, die ohnehin schon im Fadenkreuz der Überwachung stehen, wie gerade Martin Sellner[12] und einige seiner Weggefährten.

Demokratie, so scheint es, ist nur noch ein schönes Wort.

[1] Wie Gadamer andeutete in „Griechische Philosophie“ Band III, S. 331 ff.
[2] Goethe. Seine Weltweisheit im Gesamtwerk. 1941; Goethes Naturerkenntnis. 1948
[3] Hans Leisegang: Goethes Denken; Heinrich Rickert: Goethes Faust; Ferdinand Weinhandl: Die Metaphysik Goethes; Rudolf Steiner: Goethes Weltanschauung
[4] Stefan George. Dichter und Prophet. 2018, S. 430
[5] zu Hintergründen und Zusammenhängen: https://sezession.de/58470/kollegah-vs-campino-kulturkampf-oder-abloesung
[6] https://pastebin.com/iuDuvcEm (Mir ist nicht gelungen, eine Originalquelle dazu ausfindig zu machen – daher unter Vorbehalt: https://arcadimagazin.de/hier-erfahrt-ihr-ob-boehmermann-euch-zensieren-will/)
[7] Zu diesem Komplex siehe: Löwenblog: Böhmermanns Postskriptionslisten http://www.marcogallina.de/2018/05/03/boehmermanns-proskriptionslisten/
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Reconquista_Internet
[9] https://www.youtube.com/watch?v=f4UUFJbXO0s
[10] https://www.youtube.com/watch?v=zvKjfWSPI7s
[11] https://www.youtube.com/watch?v=2N0OhGp4SR4
[12] Siehe: Razzia gegen Martin Sellner https://www.youtube.com/watch?v=fiKYrwdwWiA
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