Märtyrer, Versöhnung, Hirn …

Rumänisches Tagebuch IV

Die Rückfahrt gibt uns Gelegenheit, das Erlebte aufzuarbeiten. Die Autobahn gen Norden ist fast autofrei. Wir halten an einer Raststätte, um zu tun, was man hin und wieder tun muß, finden aber keine Gelegenheit. Zurück in der rumänischen Realität: eine Autobahnraststätte nebst Tankstelle ohne Toilette. Ich laufe um das Gebäude herum und stehe unverhofft vor dem Anblick dreier junger Damen, die Hosen heruntergezogen und in Hockstellung, sich entleerend. Da wurde mir der zweite Teil der Carl Schmittschen Sentenz, die gerade die Runde macht, unmittelbar einsichtig: „Für drei Dinge danke ich Gott: Erstens, daß ich ein Mensch bin und kein Tier. Zweitens, daß ich ein Mann bin und keine Frau. Drittens, daß ich preußischer Staatsrat bin und kein Nobelpreisträger.“

Wir fahren stattdessen weiter und wollen unser Glück in Arad versuchen. Die Stadt mit 160000 Einwohnern und nur eine Autostunde von Temeswar entfernt, stellt einen auffälligen Kontrast zu jener dar. Man sieht hier fast keine sozialistischen Bausünden, das habsburgische Element ist mit grandiosen Bauten und breiten Chausseen dominant, aber im Gegensatz zur größeren Nachbarstadt ist alles in fürchterlichem Verfall.

Palast der Kultur, Rathaus, Universität © Sven Teschke/Wikipedia

Diese Stadt muß ein kulturelles Zentrum gewesen sein, man sieht es ihr an: Universität, Theater, Konzertsaal, Kulturpalast, Museen … Arad hat alles. Biegt man jedoch in die erstbeste Seitenstraße ein, dann kommt man schnell in slumartige Gegenden. Leere, verfallene Fenster grinsen einen an, in den Hinterhöfen liegt überwachsener Bauschutt und Müll. Dutzende verschlungene und verknotete Elektro- oder Telefonkabel hängen außen an den Häusern und suchen ihre individuellen Eingänge an den jeweiligen Fenstern.

typischer Kabelsalat

Sofort wird die Mentalitätsfrage offensichtlich, denn das sind Dinge, die jedermann – egal, ob arm oder reich – mit ein klein wenig Eigeninitiative hätte beseitigen können, aber hier scheint das niemanden zu interessieren, man steigt lieber über Dreckberge, um ins eigene Haus zu gelangen.

Die Leute scheinen hier, auch im Zentrum, deutlich ärmer zu sein als in Temeswar. Immer wieder begegnen uns „Gestalten“, heruntergekommene Menschen ohne Zähne, in befleckter, verdreckter Kleidung, mit schäbigen Plastiktüten in der Hand, auf der Suche nach Verwertbarem. Die Jugend, wie in Temeswar, scheint hier verschwunden, die schicke, hippe Jugend umso mehr. Nur in einem kahlen McDonald‘s-Geschäft – das wir für einen Moment als Toilette in Erwägung ziehen (aber es gibt keine!) – sitzen ein paar „moderne Menschen“. Wir müssen schließlich, um unser biologisches Problem zu lösen, in den Mihai Eminescu-Park hinter der Uni, vorbei an einer Gruppe Schachspieler, in die Büsche flüchten.

Wir haben uns ein wenig verlaufen und stehen plötzlich auf einem großen Platz, in dessen Mitte zwei gigantische Denkmäler, fast in Konkurrenz zueinander, stehen, das eine mit Kränzen in ungarischen, das andere in rumänischen Farben umlegt. Wir stehen vor der Freiheitsstatue, die an die Märtyrer von Arad erinnert. In Ungarn kann man den Märtyrern nicht entkommen – kaum eine Stadt, in der kein Monument an sie erinnert und an vielen Plätzen hängt die berühmte Lithographie von Miklós Barabás oder Variationen dieser.

Diese 13 Generäle, die 1848/49 auf Kossuths Seite für die Unabhängigkeit Ungarn kämpften, gerieten in Arad in habsburgische Kriegsgefangenschaft und wurden trotz Zusicherung ihrer Freilassung im Oktober 1849 exekutiert. Dabei entschied man sich bewußt für den Tod durch den Strang, was als eine zusätzliche Beleidigung der Militärs und der Ungarn aufgefaßt wurde. Die Reaktionen waren gewaltsam, aber Ungarn lag militärisch am Boden – so wurde diese Wut in den Märtyrerkult umgeleitet und lebt so bis heute fort!

Aber diese 13 Märtyrer sind auch aus einem anderen aktuellen Grund von Interesse. Schaut man sich ihre Namen an, dann fallen neben den ungarischen auch serbische und deutsche Namen auf: Damjanich, Aulich, Pöltenberg, Schweidel, Lahner, Leinen-Westerburg. Das waren keine Geburtsungarn, sondern Willensungarn, die z.T. noch nicht einmal die Sprache beherrschten. Aber sie entschieden sich, auf ungarischer Seite zu kämpfen und Ungarn zu sein, und waren bereit, selbst ihr Leben dafür zu geben und die Ungarn haben das akzeptiert und sie in die eigenen Ahnenreihen aufgenommen.

Um die Freiheitsstatue gab es immer wieder Kontroversen; sie wurde verdeckt, abgebaut, wieder aufgebaut und hat nun am „Platz der Versöhnung“ hoffentlich ihre Ruhe gefunden. Freilich wirkt der Platz ganz und gar nicht versöhnlich, denn der Siegesgöttin direkt ins Auge schaut eine überlebensgroße Gruppe an marschierenden Männern, die einen 10 Meter hohen Triumphbogen durchqueren. Dabei handelt es sich, in moderne Bronzeplastik gegossen, um Avram Iancu, einen rumänischen Freiheitskämpfer und dessen Gefolge, der just gegen die Ungarn gekämpft hatte. Versöhnung ist ein weiter Begriff. Wer weiß, was aus dieser Art Versöhnung noch werden kann.

Versöhnung auf Konfrontationskurs

Leider bleibt uns nicht viel Zeit in Arad, denn wir wollen noch über die Grenze nach Gyula, wo sich ein berühmtes Bad befindet. Dort kommen wir am Nachmittag an und gehen ohne Zögern in die Therme. Mittlerweile sind wir schon ein wenig Experten geworden. Gyula entpuppt sich leider als Enttäuschung, vor allem wegen seines Publikums. Es gibt ein schönes und sehr warmes Außenbecken aber drinnen ist es laut und unruhig und um seinen Platz muß man kämpfen. Auch die Flucht in die Sauna ändert wenig daran und als man dann gegen 19 Uhr einfach die Stöpsel in den Becken zieht, obwohl das Bad bis 22 Uhr geöffnet haben sollte und plötzlich hunderte Menschen sich in den engen Umkleidekabinen drängeln, ist die Entscheidung gefallen.

Am nächsten Morgen sehen wir auch, warum das so ist. Unser kleiner Stadtspaziergang durch ein hübsch gemachtes Zentrum – das riecht sehr nach EU-Geldern – bezeugt die Unmenge an Hotels, Appartements und Pensionen; die Stadt an der Grenze hat sich für den touristischen Weg entschieden, mit allen Vor- und Nachteilen.

Ein Vorteil ist der gute Service, die Zimmer sind modern, sauber und technisch voll ausgerüstet. Vor dem Schlafengehen sehen wir eine Jane-Austen-Verfilmung: „Emma“ mit ungarischen Untertiteln – ein skurriles Erlebnis. Aber das wunderbare Englisch dieser Frau schafft ganz von selbst Hochstimmung. Zum opulenten Frühstück dann eine weitere Überraschung. Was wie eine selbstgemachte Leberpastete aussieht, entpuppt sich als etwas lange nicht mehr Geschmecktes – meine Frau kann es gar nicht zuordnen, ich kläre sie auf: das ist Hirn. In Deutschland seit langem verschrien und ob seiner gesundheitsbedenklichen Inhalte wohl kaum noch verkauft, wird es in Ungarn ohne Vorwarnung auf dem Frühstückstisch serviert.

Bei mir werden Erinnerungen geweckt. Meine Eltern, mein Vater insbesondere, war ein Allesfresser im besten Wortsinne. Teile seiner Phantasie bezogen sich auf die Erkundung der Grenzen des Eßbaren. So kam es, daß wir zu Weihnachten Kaninchenschädel knackten, allerlei Innereien verspeisten, hin und wieder Hirn, das Fleisch aller möglichen Tiere, Schwein, Rind, Schaf sowieso, aber auch Reh und Hirsch und mit großer Lust Pferd oder Esel, Schnecken, Schildkrötensuppe, Haifischflossensuppe und selbst Schwalbennestersuppe – das waren vermutlich nur chinesische Imitate –, heute alles (zu Recht) gewissensbelastet … und einmal brachte er sogar einen ganzen Nutria an, ein großes, wenn auch sehr fettiges Ereignis. Es gab in der DDR eine ganze Reihe an Biberfarmen und einmal hatten wir im Ferienlager sogar eine besucht und uns danach, Kinder, die wir waren, eine Kette aus Biberzähnen gebastelt. Nur Austern gab es keine und daß er bis heute nicht weiß, wie Froschschenkel schmecken, wird hin und wieder thematisiert. Der Geschmack von Hirn blieb unvergessen, den Rest erinnere ich kaum noch.

Wenn man die multimediale Ausstellung im Schloß Almásy in Gyula betritt, wird man gleich in den ersten Räumen mit dem Thema Essen konfrontiert und sieht: auch die Herrschaften früherer Tage haben alles gegessen, was ihnen vor Speer, Flinte oder Angel kam. Die sehenswerte Dauerausstellung widmet sich dem Alltagsleben auf allen Ebenen. Viel Raum ist der Dienerschaft gewidmet, die den alten Graf und seine Familie numerisch um ein Vielfaches überragte, vom Pferdeknecht über die Köche, Zofen und Lakaien bis hin zum Gutsverwalter und Privatlehrer. Auf dieser Pyramide konnten Kultur und Unkultur gedeihen, Bibliotheken, Musikzimmer, Spielzimmer, Frauenzimmer, Herrenzimmer, Arbeitszimmer … das Kastély ist enorm, opulent, stilvoll, alles neu restauriert, ein Ort, den man nicht missen sollte. Nach drei Stunden, die wie im Flug vergingen, müssen wir zum Parkplatz hasten, denn unsere Parkuhr ist abgelaufen, und noch immer haben wir nicht alles gesehen. Den vielleicht interessantesten Raum über die verschiedenen Nationalitäten an Ort und Schloß und die sich daraus ergebenden Konflikte und Schwierigkeiten entdecken wir leider zu spät und können ihn nur durchhuschen.

Übrigens: seit vielen Jahren begleitet mich mein Pentax Papilio, ein Fernglas der Extraklasse. Denn mehr noch als seine teleskopische Leistung bewundere ich seine mikroskopische, seine Arbeit als Nahglas. Mit einer sensationellen Naheinstellgrenze von 50 cm und einer 8,5-fachen Vergrößerung erschließt es – besser noch als eine Lupe – die Welt des Kleinen und Nahen. Im Frühjahr streife ich stundenlang durch die Wissen und studiere Blumen, Pflanzen, Spinnen, Insekten und all diese schwer zu sehenden Wunder der Natur und so manches Drama auf Leben und Tod – am eindrücklichsten eine Libellenlarve, die Kaulquappen in wenigen Sekunden kunstfertig verschlingt und nur den geringelten Darm übrigläßt. Aber auch in Museen ist das Glas unentbehrlich und aufgrund seiner geringen Größe gut mitzuführen. Edle Stickkunst oder Goldschmiedearbeiten entfalten erst durch das Glas ihre wahre Schönheit.

Die Fahrt zurück führt uns an Hódmezővásárhely (sprich: Hohdmehßöhwascharhehlj) vorbei, jenem Ort, der die Linke in Deutschland für ein paar Wochen von einer ungarischen Revolution hat träumen lassen. Dort wurde der Fidesz-Kandidat im Februar bei der Bürgermeisterwahl sensationell abgewählt und das Rezept gleich mitgeliefert: die Koalition aller Parteien gegen Fidesz und die Einigung auf einen Gegenkandidaten. Würde das im ganzen Land gelingen, dann müßte Orbán zu stürzen sein. Das Resultat ist mittlerweile bekannt: Orbán konnte seine Position stärken, die wenigen Direktmandate, die man dem Fidesz abluchsen konnte, wurden durch die Mehrheitswahl zurückgewonnen. Und in Hódmezővásárhely selbst hatte sich am 8. April der Fidesz-Kandidat wieder haushoch (mit 52%) vor Jobbik (37%) durchgesetzt, die anderen Parteien blieben unter ferner liefen.

Jetzt macht uns der Name lachen. Meine Frau versucht ihn im Auto auszusprechen, aber es kommt immer was mit … Möse raus: Hotmösèvasar usw. „Vásárhely“ ist der Marktplatz. Wo solche Dinge gehandelt werden, da sollt ich – sagt meine Frau – besser nicht vorbeischauen. Wir biegen uns im Auto vor Lachen und entscheiden, an der Stadt, die ohnehin im ostermontaglichen Mittagsschlaf liegt, vorbei zu fahren und steuern stattdessen ein drittes Heilbad an: Mórahalom. Hier kreuzen sich die Wege mit der Serbienreise im letzten Jahr.

Wir dachten, wir kennen das Bad, aber es hat sich einiges seither getan. Der gesamte Eingangsbereich ist neu und umgestaltet und wir blamieren uns gründlich, weil wir nicht gleich wissen, welcher Chip wo reinzuschieben und welcher Code wo ranzuhalten ist. Segnungen der Technik. Der Kartenabreißer von früher steht jetzt hinter der elektronischen Schranke und erklärt uns, statt die Karte abzureißen, den komplizierten Ablauf.

Leider stellt sich die entspannte Atmosphäre des Vorjahres aufgrund des Massenandranges nicht mehr ein und nach drei Stunden Kampfbaden fahren wir nach Hause. Dort liegt in der Abendsonne auf der Terrasse eine fast verhungerte Katze – aber das ist eine andere Geschichte.

Siehe auch Teil 1 bis 3:

Mein Rumänisches Tagebuch

Rumänien – Glanz und Elend

Deutschland, Deutschland über Rumänien

sowie: Szegediner Überraschungen, In Geschichte baden, Ein Tag in Serbien

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2 Gedanken zu “Märtyrer, Versöhnung, Hirn …

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Wer nicht alles essen kann, steht gewöhnlich unter der Fuchtel eines zu Absonderungsregeln geronnenen tribalen Denkens. Du sollst das Gericht nicht essen, du sollst nicht leiden, dass jener andere neben dir das Gericht isst – es gibt keine bessere Methode, um von vornherein die Trennung am Tisch und im Bett sicherzustellen. Dagegen sagte der Prinzgemahl Philipp: Wenn etwas vier Füße hat und kein Tisch ist, wenn etwas im Wasser schwimmt und kein U-Boot ist, wenn etwas fliegt und kein Flugzeug its, dann werden die Kantonesen es essen. (Zitat aus der Erinnerung.)

    Unsere zugezogenen Schweinefleischverächter und unser symbolkonsumistisch vegan essendes (oder zumindest so tuendes) grünes Kleinbürgertum passen insofern vorzüglich zusammen – metaphorisch zumindest, bichstäblich dagegen weniger.

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    • Aus der Fähigkeit alles zu essen, ergibt sich freilich nicht die Pflicht, es auch zu tun oder das lebende Wesen dafür leiden zu lassen. Gerade die Chinesen offenbaren die Diskrepanz zwischen Vernunft und Gier.

      Trotz meiner beschriebenen Sozialisation halte ich den systemischen Vegetarismus für eine Grundvoraussetzung eines ökologischen und ethischen Daseins. Solange es keine Notwendigkeit gibt, tierisches Leben zum Selbsterhalt zu vernichten, sollte man es auch nicht tun. In der Sache ist der Vegetarismus berechtigt, die heutigen ideologischen oder theologischen Begründungen sind das Problem. Dazu später etwas mehr.

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