Noch eine ungarische Familie

Im Frühjahr werden wir säckeweise mit Topinambur und im Herbst freigiebig mit frischen Goji-Beeren versorgt. Die Geberin ist eine angeheiratete Hefner, ein häufiger Name in dieser Gegend und in der, aus der ich komme. Nach dem Krieg wurden die Ungarndeutschen vertrieben und eine größere Gruppe hat es just ins Vogtland verschlagen – eine (Frau Reitzenstein) war Lehrerin an meiner Schule (S. 34) – zwei Nachfahren dieser Menschen gehörten in der Jugend zu meinen besten Freunden …, aber erst jetzt wird diese Geschichte ein Thema.

Sie selbst ist Ungarin, und wie so viele hier, sehr deutschaffin. Nun klagt sie ihr Leid. Sie macht sich Sorgen. Um ihre Enkelkinder.

Deren gibt es zwei und ein drittes ist unterwegs. Jedoch: sie leben in Deutschland, in Darmstadt. Nun, da die Frau des Sohnes wieder schwanger ist, wollte sie beim letzten Besuch wissen, wann die Familie denn zurückkomme, doch Sohn und Schwiegertochter haben allergisch auf diese Frage reagiert, und seither wagt sie nicht mehr, diese Frage zu stellen.

Dann erzählt sie: Der Sohn hat einen guten Job in Deutschland, arbeitet irgendwas mit Informatik und verdient eine Menge. Aber er muß hart dafür arbeiten; von früh bis spät ist er unterwegs und sieht nur wenig von seinen Kindern.

Sie haben eine kleine Wohnung in einem Haus, in dem lauter Ausländer aus aller Herren Länder wohnen. Da gibt es keinerlei Kontakte. Auch privat sind sie, trotz jahrelangen Aufenthaltes noch immer recht isoliert. Die Schwiegertochter klagt darüber, daß sie den ganzen Tag mit den Kindern allein zu Hause sei.

Und da fragt die Oma: Warum kommt ihr nicht zurück? Hier habt ihr Freunde, hier habt ihr Familie, hier könnt ihr eine Familie sein, ihr habt hier ein Haus und Arbeit, die Kinder haben Großeltern und können auf der Straße spielen. Die Kinder brauchen die Großeltern, sagt sie, und es ist ein Unterschied, ob man sich einmal die Woche über Skype am Bildschirm sieht oder ob man ein Kind an die Hand und in den Arm nehmen, es von der Schule abholen und auf dem Spielplatz gemeinsam spielen kann …

Das ist die Rechnung: Auf der einen Seite nichts, aber Geld und „Erfolg“, auf der anderen Seite alles, was das Leben lebenswert macht, aber wenig Geld.

Und so geht es vielen Ungarn. Sie sehen hier keine materielle Zukunft, werden vom deutschen Reichtum angesaugt und verzichten dafür auf alle traditionellen Werte.

Als wir am Abendbrottisch darüber sprechen, werden die Parallelen zu unserer eigenen Geschichte schnell sichtbar. Sind nicht Millionen Familien an der Wende zerbrochen? Ich höre es überall, was ich an der eigenen erlebe. Groß war der Zusammenhalt damals, man half sich und kaum ein Wochenende ohne ein Treffen oder sogar eine Feier in Familie, mit Freunden oder Nachbarn. Heute dagegen wirken diese ohnehin seltenen Veranstaltungen meist leer, gekünstelt und erzwungen. Die Herzlichkeit ist fort und Kinder als Mittelpunkt gibt es oft nicht mehr.

Dafür geht es uns „besser“: Haus, Auto, Reisen – das hört man meist. Und alle Bücher, die man will.

Wo ist die Waage, die das messen kann?

6 Gedanken zu “Noch eine ungarische Familie

  1. Die Geschichte kommt mir bekannt, vor, aus der eigenen Familie. Mein Bruder, Einserabi, Einserstudium, ehrgeizig, heiratete (unverständlicherweise) eine Chinesin und ging nach China, als Manager verschiedener Unternehmen. Mittlerweile ist er Millionär. Der Preis: Die Ehe, ohnehin ein Kusiosum, distanziert, die Tochter schwer magersüchtig, der Sohn seit dem vierzehnten Lebensjahr auf einem College im den USA. Gemeinsam sind, wenn überhaupt, die Urlaube. Ich stimme dem Herrn Pérégrinateur zu, die Wünsche der Menschen sind verschieden; dennoch stehe ich immer einigermaßen fassungslos vor dieser Ruine menschlichen Miteinanders. Persönlich mag jeder für sich verwirklichen, was ihm am meisten zusagt – in dem Moment, wo andere, Kinder dabei bezahlen müssen, ist der pure Egoismus ein Irrweg (und ich bin keineswegs jemand, der glaubt, man dürfe Kindern nichts zumuten).
    Sie kennen meine Meinung: Ins Ausland kann gehen, wer eine solide Basis hat. Die Balance zwischen gesunder Neugier und Offenheit und überdrehtem Karrierismus oder „Exotismus“ ist sicher oft schwer zu halten. Zudem ist mir der Fall meines Bruders unverständlicher (psychologisch weiß ich sehr wohl, was dahintersteckt) als der Ihrer ungarischen Familie, die ja letztlich aus der „Armut“ kommt: Sich einen bescheidenen materiellen Wohlstand zu erarbeiten ist etwas anders als eine Karriere voranzubringen, die auch sonst nicht steckengeblieben wäre.
    Hinzu kommt, daß gerade in unseren Zeiten es mir wichtig scheint, die Exit-Option zu öffnen: Migration stößt Migration an, und ich mag es meinen Kindern gegenüber nicht verantworten, sie nicht auf einen Weg „in den Westen“ vorzubereiten.
    (Auf dem iPad geschrieben, entschuldigen Sie die Holperigkeit des Texts und der Gedanken.)

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Bevorzugt der Kindsvater sein derzeitiges Leben wegen der damit verbundenen materiellen Vorteile? Weil er damit eine soziale Position über anderen einnimmt? Oder weil er die Herausforderung durch seine Arbeit genießt? Mag er vielleicht den häufigen Umgang mit Verwandten oder sogar Frau und Kindern im Grunde nicht so sehr? Es gibt viele mögliche Gründe für das Festhalten am neuen Lebensstil und auch meine Waagschale könnte von dem oder jenem hinuntergedrückt werden.

    Auch die Einstellung der Kindsmutter kann recht weit variieren. Viele Mütter und Ehefrauen des Kleinbürgertums in meiner Jugend auf dem Lande hegten zum Beispiel eine ungewollt lächerliche stellvertretende Eitelkeit, sie übertrumpften einander gerne mit Sätzen wie „Und mein Sohn hat sogar soundsoviele Leute unter sich!“ Einige noch religiös gebundene Großmütter konnten vor Stolz gar nicht mehr auf die Erde und ihre niederen Lebewesen schauen, wenn der Enkel Theologie studiert hatte und nun doch tatsächlich Pfarrer geworden war.

    Zudem ist im Reich der Wünsche jeder Widerspruch zugelassen, man darf also zugleich wollen, dass der Mann möglichst viel Geld nach Hause bringt und zugleich möglichst viel Zeit mit der Familie verbringt. Die Partnerschaft eines Studienkollegen von mir ging in die Brüche, weil er nach sehr gutem Examen entgegen ihrer Erwartung nicht in die Industrie ging, um viel Geld zu verdienen, sondern seinen Interessen gemäß eine akademische Karriere anstrebte – worüber er übrigens nie einen Zweifel gelassen hatte. Sie konnte das überhaupt nicht verstehen, man studiere doch schließlich nur dazu. Heute empört er sich häufig im Gespräch über die meisten seiner Studenten, die ganz naiv ein rein aufwandsökonomisches Denken zeigen. Einer etwa wollte sich von einem Kurs wieder abmelden. Nach mühseliger Befragung nach dem Motiv ergab sich: Zum Kurs angemeldet hatte er sich aus Interesse an der Sache, die Berechnung des Punktekontos ergab dann aber, dass er mit dem Kurs einige Leistungspunkte „zuviel“ haben würde. Und dann setzte die Überlegung ein, dass der Kurs sicher nicht ohne Grund so viele Punkte einbringt, also wohl schwierig ist – weshalb unser homo oeconomicus dann lieber ersatzweise einen ihn nicht interessierenden, aber vermutlich leichteren Kurs besuchen wollte, der ihm keinen Überschuss eintragen würde.

    Es wäre nicht gerade meine Wahl, aus Prinzip nach dem größeren materiellen Nutzen oder dem höheren Status zu streben. Diese Haltung erscheint mir jedoch noch einsichtig, wenn sie einer reflektierten eigenen Wahl folgt. Doch erschreckend viele treffen gar keine eigene Wahl, sondern übernehmen die von der Gesellschaft geschätzten Wertungen ganz unbewusst, sozusagen osmotisch. Zum ersten Mal konnte ich darüber nach dem Abitur staunen. Ein Klassenkamerad meinte, mit meinem Notenschnitt müsste ich doch jetzt einfach Medizin studieren, obwohl meine Neigungen für jeden in der Klasse ersichtlich immer in ganz anderer Richtung gelegen hatten. Was für ein tief eingewurzeltes Pflichtgefühl manche Menschen doch haben! Später frequentierte ich eine Gaststätte, in der auch viele Vertreter und Werbemenschen verkehrten, die Gespräche an Nachbartischen waren da sehr instruktiv. Es ging es häufig um Sport, anfangs vor allem um Tennis (es war die Boris-Becker-Zeit), später war das aber offenbar nicht mehr statusgemäß, und es musste nun unbedingt Golf sein. Dazu dann freundliche gegenseitige Angebote zum Erwerb der Statussymbole: „Ich kenne da jemanden, das kann ich ihnen für EK besorgen!“ Und die Werbevögel, die einander in Stiller Post von der Maslowsche Bedürfnishierarchie berichteten, klebten am meisten an den Leimruten anderer Werbevögel.

    Viele Menschen leben nicht, sondern sind nur die eigenprogrammlosen Gehäuse gesellschaftlich eingepflanzer Meme. Vermutlich war das aber zu allen Zeiten so, nur dass eben die Verkehrsschilder für die Konformisten je nachdem in andere Richtungen wiesen.

    Mancher kann gerade in der warmherzigen traditionellen Familie nur unglücklich sein, die Ihnen selbstverständlich so erstrebenswert scheint, weil sie ihm nämlich zu eng ist. Nicht jedem gefällt es eben in Epikurs Gärtlein. Was du willst, dass man dir tu, das mute keinem andern zu. In extremis mag man dann etwa so denken:

    « Si je craingnois de mourir en autre lieu, que celuy de ma naissance : si je pensois mourir moins à mon aise, esloingné des miens : à peine sortiroy-je hors de France, je ne sortirois pas sans effroy hors de ma parroisse : Je sens la mort qui me pince continuellement la gorge, ou les reins : Mais je suis autrement faict : elle m’est une par tout. Si toutesfois j’avois à choisir : ce seroit, ce croy-je, plustost à cheval, que dans un lict : hors de ma maison, et loing des miens. Il y a plus de crevecoeur que de consolation, à prendre congé de ses amis. J’oublie volontiers ce devoir de nostre entregent : Car des offices de l’amitié, celuy-là est le seul desplaisant : et oublierois ainsi volontiers à dire ce grand et eternel adieu. S’il se tire quelque commodité de cette assistance, il s’en tire cent incommoditez. J’ay veu plusieurs mourans bien piteusement, assiegez de tout ce train : cette presse les estouffe. C’est contre le devoir, et est tesmoignage de peu d’affection, et de peu de soing, de vous laisser mourir en repos : L’un tourmente vos yeux, l’autre vos oreilles, l’autre la bouche : il n’y a sens, ny membre, qu’on ne vous fracasse. Le coeur vous serre de pitié, d’ouïr les plaintes des amis ; et de despit a l’advanture, d’ouïr d’autres plaintes, feintes et masquées. Qui a tousjours eu le goust tendre, affoibly, il l’a encore plus. Il luy faut en une si grande necessité, une main douce, et accommodée à son sentiment, pour le grater justement où il luy cuit. Ou qu’on ne le grate point du tout. Si nous avons besoing de sage femme, à nous mettre au monde : nous avons bien besoing d’un homme encore plus sage, à nous en sortir. Tel, et amy, le faudroit-il acheter bien cherement, pour le service d’une telle occasion. »

    „Wenn ich fürchtete, fern von meinem Geburtsort zu sterben, und wenn ich glaubte, ich stürbe fern von den Meinen weniger nach meinem Behagen, dann verließe ich kaum je Frankreich, ich verließe nicht ohne Schrecken auch nur meinen Pfarrsprengel. Ich spüre, wie mich der Tod beständig an der Gurgel zwickt oder die Nieren zwackt. Doch bin ich anders eingestellt, er ist mir überall gleich viel. Wenn ich jedoch zu wählen hätte, dann glaube ich, wäre er mir lieber zu Pferde als in einem Bett; lieber fern von zu Hause und den Meinen. Da ist mehr Kummer als Trost, wenn man sich von den Freunden verabschiedet. Diese Umgangspflicht vergesse ich gerne. Von den Diensten der Freundschaft ist das der einzige unangenehme. Also würde ich lieber darauf verzichten, dieses große und ewige Adieu zu sagen. Wenn auch etwas Angenehmes aus solcher Gesellschaft zu ziehen sein mag, so kommt doch hundertfältiger Verdruss mit. Ich habe einige sehr jämmerlich sterben sehen, umlagert von diesem ganzen Gefolge – dieser Andrang erstickt sie. Es ist gegen die Pflicht und ein Zeugnis von wenig Zuneigung und Bekümmerung, wenn man einen in Ruhe sterben lässt. Der eine plagt deine Augen, der andere deine Ohren, ein dritter den Mund. Keinen Sinn und kein Glied gibt es, das man einem nicht quetscht. Das Herz verkrampft einem vor Mitleid, wenn man die Klagen der Freunde hört, und übrigens auch aus Ärger, wenn man andere, nur scheinbare und verstellte Klagen hört. Wer schon immer einen Geschmack nur für Zartes und Feines hatte, dem geht es dabei noch mehr so. In so großer Not braucht er eine zarte und für seine Empfindung passende Hand, die ihn genau da kratzt, wo es ihn juckt. Oder dass man ihn halt gar nicht kratzt. Wenn wir eine Hebamme [sage femme] brauchen, um uns auf die Welt zu bringen, so noch mehr einen noch weiseren Mann [homme encore plus sage], der uns aus ihr herausführt. So einen und einen befreundeten müsste man sehr teuer bezahlen zum Dienst in solcher Gelegenheit.“

    [Montaigne, Essais III, 10, De la vanité ]

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    • Tiefere Einsichten in das Familiengefüge haben wir nicht, daher ist die eigentliche Motivlage nicht darstellbar. Die Wärme, mit der die Frau von ihren Kindern und Enkeln spricht, scheint auf ein emotional funktionierendes Familienleben hinzudeuten. Ihre Sorge dreht sich nicht zuletzt um die Enkelkinder. Für sie ist schwer nachzuvollziehen – aber Sie haben das ja zur Genüge dargestellt, wie schwer es vielen fällt, anderer Lebensentwürfe zu verstehen geschweige denn zu tolerieren (ich lebe seit eh und je unter dieser Last des Unverständnisses) -, daß man sich einerseits über mangelnde soziale Anbindung und Vereinsamung in D beklagt, aber die soziale Gesellschaft „nur“ des Geldes oder Jobs wegen meidet. Ohne Frage spielt aber auch ein Eigeninteresse mit: sie wird der Oma-Rolle beraubt, die ihr ein inneres Bedürfnis ist.

      Unterm Strich bleibt: Globalisierung und Familie (im umfassenderen Sinne) sind kaum zu vereinbarende Antagonismen. Ich sage immer plakativ: Wer seine Kinder ins Ausland läßt, stirbt alleine. Aber das ist es möglicherweise wert?

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Nur zum Unverständnis. Ich konnte nie nachvollziehen, wieso man Achtung und Status unter Menschen erringen wollen sollte, deren Wertmaßstäbe man selber doch gar nichtr teilt. Zugegeben, dann steht der Weg offen zum Mison in Lessings Epigramm:

        Ich warf dem Mison vor, dass ihn so viele hassen.
        Wen liebt denn ich? sprach Mison drauf gelassen.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Nochmals zum Unverständnis eine reizende Sentenz von Erich Fried:

        Sich von Gedanken, wie man auf andere wirken könnte, leiten zu lassen, ist peinlich und schon aus diesem Grunde zu vermeiden.

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      • Unke schreibt:

        Wer seine Kinder ins Ausland läßt, stirbt alleine.
        Nur darum geht es? Deswegen der ganze Aufriss?
        Zum Tode meines Vaters kam ich schon aus Deutschland zu spät (immerhin, 4 Tage vorher habe ich ihn noch gesehen). Ist es nicht eher umgekeht (Gunnar Heinsohns Argument): wer seinen Kndern nicht ein 2. Standbein im Ausland verschafft handelt fahrlässig…?

        Seidwalk: Bitte die Frage im Hinterkopf zu behalten und zu warten, bis man auf dem Sterbebett liegt und uns danach die Antwort mitzuteilen … Aber im Ernst: Ich habe keine Ahnung, worum es im Leben geht! Wollte nur einen „Seideffekt“ aufzeigen – davon gibt es viele und Ihrer (oder Heinsohns) ist selbstverständlich auch einer. Obwohl: mit dem Standbein verschaffen, das ist auch so eine Sache. Man sollte den Kindern auch nicht zu viel abnehmen, mitgeben, verschaffen …

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