Eine ungarische Familie

Eine Endfünfzigerin – eine der wenigen Ungarn, mit denen man, meist hinter vorgehaltener Hand oder in Privatsphäre, ein bißchen über Politik sprechen kann –, klagt ihr Leid. Sie hat zwei Söhne, auf die sie stolz ist. Beide leben in Budapest. Der eine arbeitet bei Orbáns Fidesz und hat es auf der Karriereleiter schon ziemlich weit gebracht. Der andere an der Universität.

Die Wahl war eine ernsthafte Bewährungsprobe für die Familie gewesen. Auch der Vater wählt Orbán. Was meine Gesprächspartnerin wählt, erfahre ich nicht. Sie sieht bekümmert aus.

Es kam am Wochenende zum Eklat. Der sich links positionierende Sohn, der zuletzt auch an den Budapester Demonstrationen gegen Orbán teilgenommen hatte, habe den Vater direkt angegriffen: „Ich dachte, du seist ein anständiger Mensch, aber du bist nur ein Lump!“ Der Vater und Ehemann meiner Bekannten, habe perplex geschwiegen und ist seither in sein Schneckenhaus gekrochen und sagt, getroffen und besorgt, kein Wort mehr.

Schon lange, erzählt sie, werde in der Familie nicht mehr über Politik gesprochen und nur so konnte sie zusammengehalten werden – doch das Ergebnis der Wahl hat die alten Gräben neu aufgerissen.

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2 Gedanken zu “Eine ungarische Familie

  1. Seit einigen Monaten lese ich hier, kenne also Ihre Kritik an den Ungarn: verschlossene Untertanen… Vor einigen Wochen war ich wieder mal, nach beinah zehn Jahren, in Deutschland und mangels eigenen Fahrzeugs viel mit Flixbussen unterwegs. Alle Busfahrer waren Ungarn, In den Pausen während oft mehrstündiger Fahrten habe ich mich manchmal zu ihnen gesellt und mich über alles mögliche unterhalten: Kinder, Frauen, Autos, Eigentumswohnungen, Verdienst, Arbeitsbedingungen bei Flixbus, Orban, Lebensbedingungen in Ungarn, Mieten in Budapest, Merkel, „Syrer“-Invasion… worüber man sich so unterhält wenn man gemeinsam unterwegs ist. Und selten traf ich auf Menschen, die derart offen über Themen gesprochen haben, die bei den allermeisten Deutschen für einen abrupten Gesprächsabbruch gesorgt hätten. Ich empfand „meine“ Ungarn als äusserst angenehme und kommunikative Gesprächspartner, kann folglich Ihre Beschreibung der Ungarn nicht bestätigen.

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    • Das wundert mich nicht – die Realität hat viele Seiten! Ich versuche sie alle einzufangen.

      Aber Sie schreiben von Ungarn in Deutschland. Sollte das nicht schon einen Unterschied machen? Sind die beiden Größen überhaupt vergleichbar. Löst sich die Zunge nicht von selbst, wenn der beengende Kontext entfällt …? Außerdem beschreibe ich den Fakt der Kommunikation unter Ungarn oder im ungarischen Umfeld und nicht das Gespräch mit Deutschen, also Menschen von außerhalb. Und ist nicht allein der Fakt, daß alle Ihre Busfahrer Ungarn waren, schon bedenkenswert? Ich kenne in der Tat gleich mehrere Fälle, wo die Männer als Kraftfahrer in D arbeiten, oft mit über 1000 km Pendelei, alle zwei Wochen für zwei Tage heim kommen, Familienleben unmöglich … und hier sucht man händeringend nach Fahrern.

      Hier zwei Beispiele einer Korrespondenz im Originalduktus, eine vor und eine nach der Wahl:

      „Was meinen Sie über Ungarische Frühtlinge Politik? Am Samstag ich soll votieren… aber ich habe keine Lust dazu. Ich denke dass, bei uns die Poltik und politische Kultur einbisschen kompliziertbar und neblich.Die derzeitige Regierung log viel und stohlt. Dort liegt die Migranten Frage ich kann nicht entscheiden. Was meinen Sie? Was wird die beste Ungarns?

      Meine Antwort: „Ich fürchte, es gibt keine wirklich gute Lösung für Ungarn. Die Ungarn sollten sich der Worte Petőfi Sándors entsinnen:

      Rabok legyünk vagy szabadok?
      Ez a kérdés, válasszatok!

      Hängt die Migrantenfrage nur an Orbán? Ez a kérdés, válasszatok! Wenn ja, dann muß man entscheiden, was einem wichtiger ist: ein selbstbestimmtes Ungarn oder eine weniger korrupte Regierung.“

      Ihre Antwort: „Orban Viktor wieder gewonnt… ich glaube es nicht, mit 2/3… Ich weiß nicht, was ich denken oder fühlen soll .

      Ich fühle mich in einem Gefängnis, in Ungarn. Ungarn entschied neben eine korrupte Regierung.“

      Original Ungarin in original Ungarn – eine von vielen aber es gibt natürlich auch Millionen, die das anders sehen.

      Meine Antwort: „…ich verstehe Ihre Sorgen und das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben. Ich verstehe es auch, weil es mir ganz ähnlich geht – und zwar in Deutschland!

      Ungarn hatte eine schwere Wahl zu treffen zwischen wichtigen geopolitischen und innenpolitischen Problemen und es gab wohl keine Lösung für beide Probleme.“

      PS: Morgen kommt noch mal ein Artikel auch zu Ihrem Thema – ich ziehe ihn vor.

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