Der Auschwitz-Rap

Vom Rap verstehe ich so viel wie mein Großvater vom I-Phone – trotzdem würde ich mein Leben dafür einsetzen, daß er seine Meinung dazu frei äußern kann.

Gerade lese ich Stefan George. Vielleicht verzeiht man vor diesem Hintergrund eher die leicht aggressive Stimmung, in die mich die mediale Beschallung mit einem Thema versetzt, von dessen Existenz ich bisher – glücklicherweise – noch nicht einmal wußte. Weder kannte ich Kollegah und Farid Bang noch ahnte ich, daß es eine Echo-Verleihung gibt. Allerdings war mir bekannt, daß die Künstlerszene in ihren ausgezeichnetsten Exemplaren zum Moralismus neigt.

Das sind die drei Ingredienzien, die gerade verrührt werden. Mir scheint, man sollte sich auf keine Seite stellen und alle drei ablehnen. Alles ist falsch!

Zum einen verstehe ich den Skandal nicht. Wenn ein „Deutsch-Marokkaner“ und ein zum Islam notstandskonvertierter Deutscher aus prekären Milieus mit lower-class-music – der Windows-Thesaurus besteht auf „loser-class-music“ – in Kontakt kommen, was soll da anderes als künstlerischer Müll zustandekommen? Auch als Düsseldorfer Deutschmarokkaner hätte man klassisches Klavier studieren oder den Juden Heine lesen können.

Es fällt mir schwer, im Rap überhaupt Kunst zu sehen, auch wenn ich anerkenne, daß man es – wie bei allen Inselbegabungen und bei allen Dauerübungen – zu einer beachtenswerten, kunstvollen Fertigkeit bringen kann. Das unterscheidet den Rapper nicht vom Hochseilartisten oder Rubik-Cube-Weltmeister. Aber Rap ist mir wesensfremd und ich hätte es begrüßt, wenn er dort geblieben wäre, wo er hergekommen ist: in den schwarzen Armenvierteln Amerikas.

Der Rap gehört nicht zu Deutschland, wenn man darunter, wie die Herren Dobrindt, Seehofer und Söder, die Wurzelhaftigkeit und die identitätsstiftende Prägeleistung versteht. Ja, ich wage die These: Rap ist immer antisemitisch, denn seine intrinsische Vulgarität und Primitivität muß angesichts der komplexen Dimension des Holocausts verletzend wirken. Adorno pflichtete mir bei: Nach Auschwitz einen Rap singen, ist barbarisch.

Worüber aber wundert man sich? Da wird das Milieu dieser Künstler direkt oder indirekt gefördert und erst ermöglicht und dann erregt man sich über die ganz natürlichen und konsequenten Ausflüsse.

Zweitens ist der Text der beiden in der Tat unappetitlich, übrigens nicht nur wegen der Auschwitz-Zeile. Daß so etwas prämiert wird, ist ein Skandal, der weniger skandalös erscheint, wenn man weiß, daß der „Echo“-Preis sich nach Verkaufszahlen richtet. Der eigentliche Skandal ist also, daß Gangster-Rap sich millionenfach verkauft und unter diesem „Schmutz und Schund“, wie man früher sagte, auch noch extreme Exempel Verkaufsschlager werden. Das sagt doch einiges über den Zustand unserer Jugend – den geistigen, kulturellen und ethnischen. Man braucht den beiden nur zwei Minuten zuzuhören, um zu begreifen, daß sie nichts in der Birne haben, aber auch, daß sie folgerichtiges Produkt unserer bundesrepublikanischen modernen Welt sind. Und wer es nicht glaubt, der lese die erste „Strophe“ ihres Poems.

Diese Syrer vergewaltigen dein Mädel, Bitch
Sie sagt, „Lass mich in Ruhe!“, doch er versteht sie nicht
Zerlege dich, gab mir Testo
Mach‘ dein Bahnhofsghetto zu Charlie Hebdo
Deutschen Rap höre ich zum Einschlafen
Denn er hat mehr Windowshopper als ein Eiswagen, ah
Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet
Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen
Ich tick‘ Rauschgift in Massen, ficke Bauchtaschenrapper
Wenn ich will, macht Genetikk ein Auslandssemester, ah
Wenn Farid bei dir einläuft mit Pumpgun
Suchst du Anis im Wald, als wärst du Heilkräutersammler
Dann kommt ein deutscher Gammler und bumst dich im Wald schnell
Und nimmt dich von hinten wie Bullen die Handschell’n (ah)
JBG 3, die Muskelpakete
Doch keiner von uns kann Ali Huckepack heben

Drittens – und das nervt fast  am meisten – feiert die Empörungsindustrie wieder fröhliche Urständ. Das kriegslüsterne Maas-Männlein allen voran – das Wort „widerwärtig“, das wie eine Klette an ihm hängt, fällt. Plötzlich sind wieder alle „mutig“ und stehen auf, twittern und posten, was das Zeug hält und die Welle der Preisrückgaben hat – eine Prognose – gerade erst begonnen. Nur Helene Fischer wird ihre behalten wollen und sich endlich enttarnen. Die ganze Verlogenheit wird auch durch die Betonung der Koinzidenz zum Holocaust-Gedenktag deutlich, für die die beiden Wortakrobaten kaum verantwortlich zu machen sind. „Ihr Heuchler!“

Jetzt, wo der Preis einmal vergeben ward, muß man ihn auch anerkennen können, wenn schon Freiheit der Kunst, dann eben auch hier. Wer bei marokkanislamischem Gewaltverherrlichungsrap die Schere ansetzt, der scheut auch bei allen anderen Nonkonformismen nicht zurück und heute sind es diese zwei Hanseln und morgen Botho Strauß … und gestern war es schon Sieferle

Ob es überhaupt Kunst ist, darüber hätte man streiten können. Diesem Machwerk fehlt doch das wesentlichste Kennzeichen der Kunst überhaupt: die Schönheit. Aber die Ästhetik an sich wurde ja der des Widerstandes geopfert – in einem genialen aber fatalen Werk und ganz im Sinne der „Befreiung“ der 68er: alles Schöne wurde nach Klassenkampfkriterien beurteilt und nun hat man den Salat: die unterste Schicht, ohne Bildung und Kultur, macht Kunst!

Sie, die Schönheit, war Stefan Georges Leitidee, insbesondere in seinen frühen, in seinen symbolistischen und ästhetizistischen Werken, die die Botschaft, das Bedeuten, fast gänzlich scheuten. Schönheit war Absolutum und einziges Kriterium. George begann mit Übersetzungen Baudelaires und eine davon – laßt mich nun wieder in sie, diese pralle synästhetische Welt, eintauchen und schweigen – lautete:

Einklänge

Aus der natur belebten tempelbaun
Oft unverständlich wirre worte weichen •
Dort geht der mensch durch einen wald von zeichen
Die mit vertrauten blicken ihn beschaun.

Wie lange echo fern zusammenrauschen
In tiefer finsterer geselligkeit •
Weit wie die nacht und wie die helligkeit
Parfüme farben töne rede tauschen.

Parfüme gibt es frisch wie kinderwangen
Süss wie hoboen grün wie eine alm –
Und andre die verderbt und siegreich prangen

Mit einem hauch von unbegrenzten dingen •
Wie ambra moschus und geweihter qualm
Die die verzückung unsrer seelen singen.

6 Gedanken zu “Der Auschwitz-Rap

  1. Robert schreibt:

    Die etwas harsche Weltsicht des Artikels ist in der Tat durch die zeitgleiche Lektüre Georges zu erklären. Sie scheint einem etwas distanziertem Blick ab entgegenzustehen.
    Der Preis wird für Verkaufszahlen verliehen, in diesem Fall für Downloads und Streams. Wie ich irgendwo gelesen habe, sollen es 300 Mio. Streams des Liedes gewesen sein, die als preiswürdig erachtet wurden. 300 Millionen. Das ist eine Hausnummer.
    Man muss Rap ja nicht mögen, aber einen etwas differenzierteren Blick hat er schon verdient. „Rap gehört nicht zu Deutschland“? Gut, dann aber auch Blues nicht (auch so eine Unterschichtenmusik), auch Jazz nicht (dito, nur heute gern zur Selbstverzierung einiger selbsternannter Intellektueller verwendet) usw. Techno ja, der darf. House wieder nicht. Schade.
    Mir erschließt sich auch nicht, weshalb Rap (für den ich keine Lanze brechen will – aus mir spricht nur der Musikliebhaber) per se antisemtitisch sein soll. Rap ist in seinen Texten oft (nicht immer) brutal und gewaltverherrlichend, bricht bewusst Tabus. Wenn die Rapper dann dem türkisch/arabischen Kultur- bzw. Einflusskreis zuzurechnen sind, bietet sich das in Deutschland größtmögliche Tabu doch förmlich an: Auschwitz. Ist das nicht alles unglaublich banal? Warum dieses Gewese machen? Warum regt sich niemand über die Charlie Hebdo-Passage im Text auf, die man immerhin als Aufruf zum Terror verstehen kann?
    Wiederum nur durch die George-Lektüre kann ich das Bedauern deuten, dass „die unterste Schicht, ohne Bildung und Kultur“ Kunst macht. Ja bitte wer denn sonst? Zurück ins 19. oder besser noch 17. Jahrhundert? Kunst von und für Eliten? Es ist kein Verrat am Konservativismus, jede künstlerische Ausdrucksform anzuerkennen und als das zu nehmen was sie ist: als eine subjektive Zustandsbeschreibung der Welt. Und diese Beschreibung muss nicht zwingend schön sein – unsere Welt ist es ja auch nicht immer.
    Wir regen uns – zu Recht – über die Übergriffe der Moralisten und Empörer auf, die Gedichte übermalen lassen und Bilder aus Galerien entfernen. Passen wir dabei bloß auf, dass wir auch den Balken im eignen Auge sehen.

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    • Bei der Entdifferenzierung erwischt – ich bekenne mich schuldig! Ab und zu gehen die Gäule noch immer durch, wobei der Auslöser weniger diese beiden Millionenbeglücker sind – die können machen, was sie wollen, solange ich davon verschont bleibe – sondern die doppelte moralische Empörung der Etablierten.

      Die Mehrfachbedeutungen (Charlie Hebdo, Syrer etc.)des „Poems“ wurden mit dem Satz „Zweitens ist der Text der beiden in der Tat unappetitlich, übrigens nicht nur wegen der Auschwitz-Zeile“ bereits genügend betont. Gerade dieses Herauspicken, macht die Kampagne ja so verwerflich.

      Dann bitte ich den ironisch-polemischen Ton, der in den Tags auch extra angezeigt wird, nicht zu vergessen. Das ist auch komisches fingiertes Vormichhingrummeln, simuliertes Dampfablassen, das, wie die Psychologie erfolgreich nachgewiesen hat, hat tatsächlich Dampf abläßt. Eine Frage des Wohlfühlens. Insbesondere der Adorno-Bezug schien mir ausreichend ironisch gekennzeichnet zu sein.

      Die grundsätzlicheren Fragen sind die nach der Kunst und obwohl sie nicht zu beantworten sind, da im Auge des Betrachters (und sei es als Balken). Und was ist „Kunst“ überhaupt – vorerst nur ein Begriff, nichts Faßbares …

      Wenn ich nicht irre, saßen wir sogar im gleichen Raum, als mir zum ersten Mal schlagartig die Bedeutung dieser Frage aufkam. Unser gemeinsamer Bekannter Marc hatte gerade ein Jazz-Stück auf dem Klavier gespielt, gut vorgetragen aber doch banal gestrickt. Ich sagte irgendwas, das man das ja nicht mit Haydn vergleichen könne und ließ mich zum ersten Mal zu der Vermutung hinreißen, daß moderne Kunst in Form von Jazz, Rock, Blues, Hip-Hop, Schlager etc. doch ein künstlerischer Abstieg sei und man auch zwischen einem Lied auf einer zweisaitigen Fidel eines „Orientalen“ – so virtuos es auch sein mag – und einer Beethoven-Symphonie unterscheiden müsse – und ich sagte das als glühender Zappa-Fan und begnadeter Luftgitarrist. Marc wies mich sofort in die Schranken und wurde vom örtlichen Großkritiker Herr B. flankiert: Nein, jede Kunst sei gleich viel wert, alles andere sei Rassismus (vielleicht ist das Wort nicht gefallen, aber der Sache nach) udn Diskriminierung.

      Das Publikum nickte. Ich setzte mich wie ein begossener Pudel. Seither verließ mich die Frage nicht mehr. Heute weiß ich: ich hatte recht – muß aber differenzieren.

      Tatsächlich glaube ich, daß Kunst nur von (geistigen, künstlerischen) Eliten und in der Regel auch nur für Eliten gemacht und goutiert werden kann – was nicht heißt, daß nicht jedermann seine Kunstfertigkeit einbringen sollte. Und das sollte man auch nicht geringschätzen, andererseits aber auch nicht so tun, als sei eine gute Handarbeit schon ein Meisterwerk. (Nicht das „Unterschichtige“, also das soziale Herkommen, ist das Problem, sondern die innere Differenziertheit des Kunstwerkes; „Genie“ ist vermutlich überall in gleicher Menge verteilt.) Und natürlich gibt es auch im Jazz, Rock, Rap Exzellenz – wie gesagt als einstiger Zauberwürfel-aficionado (1 min) bewundere ich die wahren Meister (20 Sekunden unter Wasser!) und als Schachspieler bewundere ich Magnus Carlsen aber ich erwarte von ihnen keine Antwort auf die wesentlichen Fragen – während George, wie jeder wahre Künstler, die gibt!

      „Wir regen uns – zu Recht – über die Übergriffe der Moralisten und Empörer auf, die Gedichte übermalen lassen und Bilder aus Galerien entfernen. Passen wir dabei bloß auf, dass wir auch den Balken im eignen Auge sehen.“ – das ist natürlich ein unbeendbares Zirkelargument, wenn man nicht irgendwo einen „objektiven“ Begriff zwischenschaltet, etwa: „zu Recht“. Das ist eben der Unterschied: es gibt berechtigten und unberechtigten Moralismus. Wenn jede Form von moralischer Forderung sofort als „Moralismus“ gekennzeichnet wird, dann ist Reden über Moral nicht mehr möglich.

      PS: Nach 20 Jahren George wurde mit gerade der Tiefsinn der Wortfolge „glatten fluten dunkelglanz“ verständlich gemacht – hundert Mal überlesen … das ist Kunst!

      und: Zwischen Blues/Jazz und Rap gibt es einen enormen Unterschied: man muß was von Musik verstehen, Instrumente virtuos beherrschen, Noten lesen können, eine Musikgeschichte intus haben … der Rapper kann auf all dies verzichten, er muß sich nur eine Sprechtechnik aneignen und ein paar idiosynkratische Bewegungen und Kleidungen … Das ist ja auch die Crux der „abstrakten Kunst“ – sie ermöglichte den künstlerischen Ausdruck ohne vorherige Durchbildung des handwerklichen Gerüstes und war damit zwangsläufig entgrenzend. Marcel Duchamps „Pissoir“ war zugleich ein künstlerischer Genie- und Todesstreich.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Hier das Original:

    ――――――――

    Charles Baudelaire
    Les Fleurs du Mal

    IV. Correspondances

    La Nature est un temple où de vivants piliers
    Laissent parfois sortir de confuses paroles ;
    L’homme y passe à travers des forêts de symboles
    Qui l’observent avec des regards familiers.

    Comme de longs échos qui de loin se confondent
    Dans une ténébreuse et profonde unité,
    Vaste comme la nuit et comme la clarté,
    Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.

    Il est des parfums frais comme des chairs d’enfants,
    Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
    — Et d’autres, corrompus, riches et triomphants,

    Ayant l’expansion des choses infinies,
    Comme l’ambre, le musc, le benjoin et l’encens,
    Qui chantent les transports de l’esprit et des sens.

    ――――――――

    Das wunderbar verfasste Gedicht erzeugt sehr gekommt eine Stimmung und geradezu eine Gewissheit der Bedeutsamkeit der natürlichen Dinge. Doch die muss ich verderben: Die Natur enthüllt sich nicht der hermeneutischen Methode, die in allen eine Botschaft zu erkennen wähnt, sondern allenfalls der experimentellen Folter des Naturwissenschaftlers. Wild irgendwelchen Sinn auf die Natur zu projizieren mag reizvoll sein und ist deshalb weithin beliebt, man vergleiche etwa das noch heute sehr beliebte romantische Naturgedicht, aber der Mensch denkt sich den Sinnn immer nur hinein.

    Ein wunderbar zweischneidiges Beispiel solcher Projektion findet sich früh in Diderots Jacques le fataliste:

    « Le premier serment que se firent deux êtres de chair, ce fut au pied d’un rocher qui tombait en poussière ; ils attestèrent de leur constance un ciel qui n’est pas un instant le même ; tout passait en eux et autour d’eux, et ils croyaient leurs cœurs affranchis de vicissitudes. Ô enfants ! toujours enfants !… »

    („Der erste Schwur, den zwei fleischliche Wesen einander leisteten, der geschah zu Füßen eines Felsens, der zu Staub zerfiel. Als Zeugen ihrer Beständigkeit riefen sie einen Himmel an, der doch keinen Augenblick derselbe ist. Alles trug sich in ihnen zu und um sie herum, und sie glaubten ihre Herzen frei von Flatterhaftigkeit. Oh ihr Kinder! Immer Kinder! …“)

    Fast wäre ich versucht gewesen, Macbeths Sound-and-fury-Monolog zu zitieren. But this is another story …

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    • Ich habe mich bei diesem Gedicht immer gefragt, ob Baudelaire da vielleicht (der deutsch-französische Austausch war ja damals noch größer als heute, und Wagners Opern zum Beispiel liebte B.) E. T. A. Hoffmanns „Goldenen Topf“ im Kopf gehabt haben könnte?:
      „So wie der Student Anselmus in die Büsche und Bäume hineinblickte, schienen lange Gänge sich in weiter Ferne auszudehnen. – Im tiefen Dunkel dicker Cypressenstauden schimmerten Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallenstrahlen hervorsprizzend, die plätschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche; seltsame Stimmen rauschten und säuselten durch den Wald der wunderbaren Gewächse, und herrliche Düfte strömten auf und nieder.“
      „Die Quellen und Bäche plätschern und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vorüber, schaue in unser Kristall – Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast uns verstanden! – Im Jubelchor zwitschern und singen bunte Vögelein: Höre uns, höre uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entzücken der Liebe! – Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich in weiter Ferne erhebt. Die künstlichen Säulen scheinen Bäume und die Capitäler und Gesimse Akanthusblätter, die in wundervollen Gewinden und Figuren herrliche Verzierungen bilden.“
      Suchen Sie einfach mal im Text (https://de.m.wikisource.org/wiki/Der_goldne_Topf) nach den entsprechenden Stellen.
      Das gehört nun zugegebenermaßen überhaupt nicht zum Thema dieses Blogeintrags, aber ich mußte das einfach mal loswerden …

      Kleines PS: Das böse Wort von Karl Kraus, George habe Shakespeare aus einer fremden Sprache in eine übersetzt, die er auch nicht beherrsche, kennen Sie wohl? (Bei Kraus besser formuliert).

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Die von Ihnen angeführten Stellen geben vor allem Seh-, in zweiter Linie auch Hörimpressionen wieder, ohne dass je ein Geruch genannt würde. Baudelaire hatte jedoch die Sinnenpräferenzordnung eines Hundes: Geruch vor Gehör vor Gesichtssinn. Es gibt bei ihm zwar ebenfalls Stellen wie die genannten, in denen die „Entdeckung eines kleinen Paradieses“ (Grund für die Anführungszeichen siehe unten) geschildert wird; ich glaube aber, die dort dann stärkere Gewichtung des visuellen Aspekts ist in der Hauptsache unserer defizienten menschlichen Sinnesausstattung geschuldet. Wir können sehr leicht einer Sache ansichtig werden, unseren Blick darauf richten, beim Hören und Riechen geht das aber sehr viel schlechter bis gar nicht;  es gibt sozusagen kein Hinriechen.

        Der größere Rezipient deutscher romantischer Literatur und auch Übersetzer von solcher war sicher der arme Gérard de Nerval, von dem es einige wunderbar hermetische Gedichte gibt (Les Filles du feu), während Baudelaire ja zumlich bald auf den schwarzromantischen Poe abonniert war. Die rheinromantische Bemühungen Nervals kommen mir nur epigonal und naiv vor, und zwar weil das Bittere und Dunkle, oder wenigstens zwischendurch ein Gedanken neben der Gefühlschwelgerei fehlt. Nur Rosenwasser und Kinderstaunen vor dem wunderlichen Weihnachtsbaum.

        Dagegen hat mich die kleine Erzählung „Drei Tage in Sigmunds Leben“ des Urromantikers Friedrich Tiecks begeistert, und auch der schon etwas aus der Romantik herausragende Heine ist, jedenfalls wo er ironisch ist, vorzüglich. Wenn ich heute in seinen „Romanzero“ hineinschaue, übergehe ich deshalb alle Gedichte und schlage gleich das Nachwort auf. Romantik ohne Widerhaken wie bei Tieck, ohne Ironie wie bei Heine, ohne Abkippen ins Düstere wie bei Baudelaire finde ich schwer erträglich.

        Und nun der oben angedeutete „Blick ins Paradies“ auf Baudelairesche Art:
        • Les Fleurs du Mal XXX, Une Charogne
        • Les Fleurs du Mal CXLI, Un Voyage à Cythère
        Obwohl mir der Finger juckt, zitiere ich hier weder noch versuche ich mich gar an Übersetzungen (Beide Gedichte wurden anscheinend von George ausgelassen). Bitte zwei Stunden Abstand zum Essen halten.

        Das Krauszitat kannte ich nicht (mehr?) – die Lektüre der Fackelbände wird wegen der größtenteils nur lokalen und zeitgenössischen Größen, gegen die Kraus austeilt, manchmal etwas öde. (Meiner Erinnerung nach schreibt Neumann in seinen Parodien über die minderen Kraus-Opfer, dass sie geradezu „durch Vernichtung auf die Nachwelt gebracht“ worden seien..) Ich würde seinem Tenor aber sogleich zustimmen, wenn ich nicht befürchten müsste, dass in diesen Hallen hier der Heilige Stefan eine prächtige Altarnische hat, vor der also allenfalls Proskynesis, aber gewiss keine Spottrede erlaubt ist.

        Seidwalk: Befürchten Sie nichts! „Szent Istvan“ war seinerzeit eine kleine Komödie – es gibt eine ausgesprochene Faszination, Begeisterung, das ja, aber nichts im Bereich des Heiligen. George ist ein Grenzphänomen hin zur – gelegentlich – unfreiwilligen Komik. Man muß ihn nur ernst nehmen …

        Zum Beispiel mag ich auch diese kleine Parodie:

        aus lametta vom christbaum der drittletzten erleuchtung

        Ich wünschte dass ihr jene pfade trätet
        Auf denen unsre antilopen-süchte
        Den myrrenduft berauschenderer früchte
        Genossen als um die ihr glücklich bätet

        Dass weid und pappel ihres matten silbers
        Entwohnten zierrat euch zu knien schütte
        Indes zum tempelhof des weltvergilbers
        Die knaben wallen wein in buchner bütte.

        Dann würden eure wunden durch die gitter
        Der allzustrengen schergen röter bluten
        Und eure seelen auf dem hochgeschuhten
        Kothurn des engels nahn dem kranz der ritter.

        Christian Morgenstern

        Pérégrinateur: Sehr gut getroffen hat’s der Krischan!

        Sie sollten allerdings aus Verantwortungsgefühl dem Gedicht eine Warnung vorstellen, es einesfalls beim Trinken zu lesen; anderenfalls leiden nämlich schuldlos die armen Tapeten.

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  3. Es ist vom ästhetischen Standpunkt aus schwer zu glauben, aber Zwölfjährige fahren total darauf ab! Vorhin mit meinem Mittleren geredet, der mir, während er ein frühmittelalterliches Kloster abzeichnete für Geschichte, die komplette Causa Bang-Kollegah-Echo-Antisemitismus auseinandersetzte. Er hatte sich informiert, ist ja auch sein Lieblingsrapper. Aus logischen Gründen befand er: wenn das Kunst ist, und Lieder gelten normalerweise als Kunst, dann gilt dafür die künstlerische Freiheit. Oder aber man müßte auch alle linken mehr oderm minder künstlerischen Weisen, „gegen die Deutschen zu singen“ (Zitat Kind) als Volksverhetzung verbieten.
    Das Schöne kommt am Wochenende, katholische Messe und Wagner mit Mama, das Unschöne ist alltags dran. Mir scheint, der Rap ist zumindest in diesem Falle der Urteilsbildung förderlich.

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