Lektüren März

Johannes Heinrichs: Gastfreundschaft der Kulturen. Der Weg zwischen Multikulti und neuem Nationalismus. Ibidem-Verlag Stuttgart 2017, 208 Seiten

Als 2015 die Migration scheinbar urplötzlich auf der Tagesordnung stand, da konnte der Philosoph Heinrichs ein 25 Jahre altes Manuskript aus der Schublade ziehen, neu auflegen und noch immer zeitgemäß klingen.

Möglich war das, weil er aus eigenen Begrifflichkeiten heraus argumentiert, aus seiner „Reflexions-Systemtheorie“, an der er seit über 40 Jahren arbeitet. Heinrichs will der Demokratie ein vierteiliges systemtheoretisches Raster überstülpen, das sich in Wirtschaftssystem, Politisches System, Kultursystem und Legitimationssystem ausfaltet. Wenn wir von „Integration“ sprechen, dann bewegen wir uns primär im kulturellen Bereich und dessen Medium sei die Sprache. Nicht Gegnerschaften, sondern Gastfreundschaft sei die Lösung und die könne nur funktionieren, wenn die Differenz zwischen Gastgeber und Gast klar definiert ist. Entscheidend sei also, ob der Migrant die Sprache lernt und sich kulturell assimiliert, die gastgebende Kultur affirmiert und in seiner Geschichte akzeptiert und sich mit ihr identifiziert. Dabei stehe es ihm frei, im Privaten seine Herkunftskultur landsmannschaftlich zu leben. Nicht der einzelne entscheidet, sondern die Kultur, der er zugehört.

Rassische oder ethnische Unterschiede fallen durch Heinrichs Raster; statt der Diskussion um ein ius soli vs. ius sanguinus fordert er ein ius culturae. Er sieht auch eine historische Aufgabe des Deutschen in einer „spezifisch deutschen Stärke des umfassenden Denkens“, die es dringend zu erhalten gelte.

Schwierig bleibt es, die Kulturfrage von der Menge der Einwanderung zu trennen. Aber dieses hochinteressante Buch eines chronisch mißachteten Denkers wirft ohnehin viele Fragen auf und gehört unbedingt umfänglich diskutiert!

Lysann Heller: Die Paprikantin. Ungarn für Anfänger. Ullstein. Berlin 2008. 238 Seiten

Hochwertige und vorurteilsfreie Ungarnliteratur ist kaum zu haben – die Deutschen wissen verdammt wenig von diesem Völkchen. Was neueren Datums ist, ist auch politisch korrekt – geißelt obligatorisch den Anticiganismus und Antisemitismus – und ist aus linker Perspektive gesehen. So viel kann man dieser Autorin nicht unterstellen, auch wenn sie sich ein paar Mal über den „Nationalismus“ echauffiert. Sie versucht lustig zu sein und ist es manchmal auch. Ungarn ist dieser Journalistik-Volontärin vor allem Party-Land. Ob sie wirklich etwas davon verstanden hat, war mir bis zuletzt ein Rätsel. Erst als sie schreibt „Der Quark in Ungarn ist nämlich ganz anders als der deutsche Quark, trockener irgendwie und nicht so lecker. Quark können die Ungarn nicht“ konnte ich die Entscheidung fällen: Wer nicht versteht, daß der ungarische Quark noch echter Quark ist, der versteht Ungarn nicht und Quark nicht.

Vladimir Nabokov: Pnin. New York 1993 (1953). 191 Seiten

Große Literatur erkennt man oft daran, daß man nicht weiß, was sie eigentlich will[1]. Wozu sie geschrieben wurde. Sie ist scheinbar ziellos, nutzlos – aber fasziniert. Sie erzeugt eine Stimmung, einen weiten Raum der Ahnung, der an das Archetypische hinter einer vordergründigen Geschichte rührt. Hier der russische Exilprofessor an einer amerikanischen Universität, der sich gegen die kulturellen Verluste auf allen Ebenen stemmt und dabei zur komischen und tragischen Figur verkommt. Trotz aller Integrationsversuche bleibt er ein Solitär. Man steht recht ratlos vor dieser Existenz, vor diesem Buch und weiß doch aufgrund der einzigartigen Sprache, der durchdachten Komposition und vor allem der rätselhaften Wirkung auf die eigene Seele, daß ein Meister der Erzählkunst – jenseits der Kritik – am Werke war.

Hagen Schulze: Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte? Siedler. Berlin 1989. 76 Seiten

Ein Büchlein, das es in sich hat. Schulze ist Sohn von Sigrid Hunke, einer „umstrittenen Historikerin“ und Islamforscherin, die „man“ den Ideengebern der Neuen Rechten zuzählt. Schulze schlägt aus der Art. Er hält das Aufrufen „mythischer Gestalten aus grauer Vergangenheit“ zur Identitätsfindung für naiv, sieht allerdings sehr wohl, daß Zukunft nur haben kann, wer über eine erzählbare Vergangenheit verfügt. Das genau sei das Problem der Deutschen, denen es – im Gegensatz zu den meisten anderen Kulturnationen Europas – „zeitlich gesehen an Kontinuität, räumlich betrachtet an einer Mitte wie an festen Grenzen“ mangelt. Weder das Heilige Römische Reich noch die vielen Partikularstaaten konnten diesen Rahmen liefern, weil sie „oberhalb und unterhalb einer nationalstaatlichen Organisation“ standen. So blieb den Deutschen nur eine „Selbstdefinition durch Feindmarkierung“ und eine einigende Vision – aus sich selbst heraus sind sie, wie schon Goethe meinte, nicht zu erklären. Die Konklusion ist offensichtlich: „Die deutsche Geschichte muß also, um ihre Zusammenhänge zu finden, entnationalisiert werden“ und als einziges Definitionsmerkmal bleibt die Sprache übrig. „Im europäischen Zusammenhang gewinnt die deutsche Geschichte, was ihr als Nationalgeschichte fehlt: Eigenart und Kontinuität“.

Aber der Text enthält noch einen anderen wichtigen Gedanken: er stellt die Vielstaatenvariante der deutschen Vergangenheit als Friedensgarant dar – wie es Wieland seinerzeit schon sah. Denkt man diesen Gedanken weiter, dann könnte auf Separationsbewegungen gänzlich neu geblickt werden. In der Tat gehen Aggressionen in der Regel von Potenten aus. Viel thesenhaftes Holz für einen längeren Aufsatz – man wünschte sich eine detailliertere Ausführung.

Johannes Heinrichs: Demokratiemanifest für die schweigende Mehrheit. Steno Verlag 2005. 118 Seiten

Demokratie muß neu gedacht werden, wenn sie eine Zukunft haben will. Johannes Heinrichs, Deutschlands verkanntester Philosoph, geht seit vier Jahrzehnten mit seinen radikalen Reformvorschlägen hausieren und versucht in immer neuen Anläufen eine systematische Unterfütterung zu bieten. Das vorliegende Büchlein soll die Quintessenz seines frühen Hauptwerkes „Revolution der Demokratie“ liefern und war wohl als Präsent an Politiker gedacht.

Heinrichs sieht die Demokratie trotz des allgegenwärtigen „Demokratie-Triumphalismus“ in den letzten Zügen. Sie geht an ihren inneren Widersprüchen und Problemen zugrunde, an den Einheitsparteien – das hat er schon vor langer Zeit gesehen! –, dem Lobbyismus, der Bürokratie und Ämterherrschaft, an der Unmöglichkeit, sachthemenbezogen zu wählen, der europäischen Überdehnung usw.

Aus einer „praktischen Reflexionstheorie“, die eine vierfache Reflexivität menschlichen Denkens[2] unterstellt und das „missing link zwischen Handeln[3] und System“ sein soll, generiert er ein ebenfalls viergliedriges Soziales System aus den aufsteigenden Subsystemen Wirtschaft, Politik, Kultur, Legitimation und Grundwerte. Jedes müsse durch ein eigenes Parlament repräsentiert werden – die Parlamente werden jährlich versetzt gewählt und stehen in „Kreislauftätigkeit“. Es gibt also ein „gestuftes Kompetenzsystem von vier Parlamenten“: Grundwerteparlament, Kulturparlament, Politparlament, Wirtschaftsparlament. Die vier Regierungschefs arbeiten in „kollektivem Miteinander“ (Achtung: Utopiealarm!).

Die Konsequenzen, wenn man alles zu Ende denkt, wären enorm und unübersehbar. Viele Fragen bleiben offen: Schafft das nicht erst recht Bürokratie? Wie werden Interessen-Konflikte geregelt? Wie kann die Transformation möglich sein: sukzessive oder ad hoc? Wie soll das laufende System zur Überzeugung seiner Abschaffung gebracht werden …

Vermutlich wird sich darüber in Heinrichs anderen, umfänglicheren Werken einiges finden. Immerhin spricht für ihn, schon lange vor der heutigen Vertrauenskrise in die Demokratie und vor dem Versuch der Selbstauslöschung eine ganze Reihe an Problemen gesehen und besprochen zu haben (von EU-Fehlkonstruktion bis „Schuldkult“-Hemmnis). Es könnte sich lohnen, den Mann endlich ernst- und in die Diskussion aufzunehmen.

Ryszard Legutko: Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften. Karolinger Verlag. Wien und Leipzig 2017. 188 Seiten

Zu diesem wichtigen Buch muß ich nicht viel sagen, außer: Es besticht durch seine gute Lesbarkeit und gehört zu jenen seltenen Werken – wie Douglas Murrays: „Der Selbstmord Europas“ oder Lothar Fritzes „Der böse gute Wille“ –, die auch der Nichtakademiker gut lesen kann. Legutko, Philosoph und EU-Politiker, zeigt die inneren Totalitarismen der liberalen Demokratie auf und legt sie anhand der Geschichte, Politik, Ideologie, der Utopien und der Religion an vielen Beispielen und strukturellen Verhängnissen offen.

Michael Klonovsky und Martin Lichtmesz haben es erschöpfend besprochen:

https://ef-magazin.de/2017/11/15/11840-ryszard-legutko-der-daemon-der-demokratie

https://sezession.de/58192/sei-doch-mal-individuell

Mein Tipp: Lesen und verschenken – das ideale Geschenk für Blinde!

[1] Musil, Mann, Joyce, Proust …
[2] 1. Instrumentales Handeln 2. Strategisches Berücksichtigen des Anderen 3. Kommunikatives Eingehen auf Erwartungen und Wünsche des Anderen 4. Metakommunikatives Eingehen auf Voraussetzungen und Normen des sozialen Miteinanders.
[3] In einer eignen Handlungstheorie beschrieben: „Handlungen. Das periodische System der Handlungsarten“

siehe auch: Lektüren I und II

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