Mehr Licht!

Ab heute wähle ich FDP! Deutschland ist sowieso verloren – jetzt kommt es darauf an, es wenigstens noch erträglich zu halten.

Die FDP ist die einzige Partei, soweit zu sehen, die das lebenswichtige Problem Licht in die richtige Richtung treiben will. Sie will die Zeitumstellung abschaffen. Richtig! Aber nicht die „Winterzeit“, also die „Normalzeit“ ganzjährig durchsetzen, sondern die Sommerzeit!

Was ist normal? Normal ist, daß die Sonne mittags im Zenit steht. So entstand überhaupt erst die Zeit, die Sonnenuhren haben den Tag strukturiert. Allerdings geht das nur am jeweiligen Ort. Sobald man eine Zeit für eine größere Fläche festlegt, gibt es Ausfranzungen. Unsere mitteleuropäische Zeitzone reicht von Białystok bis Pontevedra, von Ostpolen bis Westspanien – dazwischen liegen mehr als 2500 km. Wo steht da die Sonne im Höchststand? Während die Polen heute 17:39 Uhr die Sonne verabschieden, dürfen die Spanier 19.45 Uhr den Feuerball im Meer versinken sehen.

Klar, das funktioniert auch umgekehrt: in Polen kräht der Hahn um viertel sieben, in Spanien erst halb neun (Sommerzeit).

Zeitzonen der Erde

Ich weiß, das ist ein heiß umstrittenes Thema. Wer ganz früh raus muß und nach der Tagesschau erschöpft ins Bett fällt, der wird mir widersprechen. Aber entspricht dieser Rhythmus seiner Natur oder ist er dem Industriesystem und der Leistungsgesellschaft geschuldet? Tatsächlich machen Rentner oder Arbeitslose oder „Aussteiger“, die ein Leben lang dem Wecker gefolgt sind und sich so nach und nach mit unchristlichen Zeiten identifizierten die Erfahrung, daß ihr Körper, wenn er darf, sich nun ganz anders einstellt. Einstige „Frühaufsteher“ liegen dann noch gegen 9 Uhr im Bett und genießen das langsame Zusichkommen.

Niemand kann mir erzählen, daß er morgen um 19 Uhr nicht erstaunt zum Himmel schauen und ihn ein Glücksgefühl durchrieseln wird, daß endlich abends mehr Licht ist!

Chronobiologen argumentieren mit der „inneren Uhr“ und die „will“ um 12 Uhr die Sonne im höchsten Stand. Aber allein die Differenz Białystok –Pontevedra zeigt doch, daß es sich dabei um eine Fiktion handelt. Ich traue diesem „Willen“ nicht. Die „innere Uhr“ kennt keine Sekunden oder Minuten; sie stellt sich erstens individuell und zweitens ist ihr Beständigkeit wichtiger als Akkuratesse.

Nicht die Stunde später ist das Problem, sondern der zweimalige Wechsel. Viele Menschen könnten vor allem im Winter wenigstens eine Stunde Licht genießen. Niemand sitzt vor der Arbeit am Fenster oder im Garten und relaxt und genießt und beobachtet die langsam wechselnde Natur. Das ist den meisten nur abends vergönnt.

Für Leute wie mich ist es evident. Ich lebe ohne Uhr, selten klingelt der Wecker und ich habe auch ausreichend Schlaf – gerade deswegen sind die Frühlings-, Sommer- und Herbstabende essentiell. Nicht nur für das Sozialleben, sondern auch für die Psyche.  Nähme man mir diese Stunde, dann müßte ich emigrieren – entweder in die Depression oder nach Westspanien.

Daher meine Forderung: Fangt später an zu arbeiten. Wer erst um acht oder neun den Hammer hebt, lebt länger. Und laßt die Sommerzeit die Normalzeit werden und kümmert euch nicht um die pedantische Übereinstimmung von Zenit und Mittag, die nur für Leute wichtig sein kann, die alles im rechten Winkel haben müssen. Die Natur kennt keine rechten Winkel und keine perfekten Kreise und die leidigen Debatten um Arbeits- und Schulbeginn würden sich ganz natürlich lösen und sukzessive alles eine Stunde nach hinten rutschen. Leben wie die Italiener! Oder wie Gott in Frankreich!

Als Goethe im Todeskampf rief „Mehr Licht“, da sprach er seine tiefste Wahrheit, die Quintessenz seines Lebens aus: Sommerzeit für alle!

(Und jetzt warte ich darauf, von Pérégrinateur nach Strich und Faden zerlegt zu werden – ich bleibe aufklärungsresistent in dieser Frage und wähle jede Partei, die mich versteht.)

siehe auch: Peter Spork: Abschaffen

6 Gedanken zu “Mehr Licht!

  1. Ronny schreibt:

    Zitat: „… Die Natur kennt keine rechten Winkel und keine perfekten Kreise…“

    Man betrachte ein Lot vor dem Horizont oder die Wellen, die ein ins Wasser geworfener Stein aufwirft…

    seidwalk: Eine perfekt glatte Wasseroberfläche vorausgesetzt, die von einer perfekten Kugel oder einen Impuls im perfekten 90 Grad-Winkel getroffen wird – in der Natur eher eine Ausnahme. Perfektion ist freilich nur eine Abstraktion, eine Annäherung, die auch technisch nicht zu verwirklichen ist.

    Horizont = Erdkrümmung. Am ehesten findet man – meist nur unterm Mikroskop – rechte Winkel in einigen Kristallen, etwa beim Pyrit (dort freilich gut sichtbar – habe selber einen liegen). Oder in bestimmten Spiegelwinkeln. Sie sind die Ausnahme, die die Regel bestätigen.

    … aber ich sollte besser schweigen … warten wir das finale Verdikt ab

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Und vom wem sollte das finale Verdikt kommen? – Vielleicht von einem Ritter der

      https://de.wikipedia.org/wiki/Bildladung

      der auf dieOrthogonalität statischer Feldlinien zu einer elektrischen Äquipotentialfläche hinweist? Aber wie war das noch mit der allgemeinrelativistischen Raumkrümmung?

      Eine Freundin aus dem geisteswissenschaftlichen Feld hat sich mir gegenüber einst empört, dass man an den Schulen immer noch die Newtonsche Mechanik lehrt, denn die sei ja schließlich durch Einstein inzwischen widerlegt worden, also belüge man doch die Kinder. Ich wies sie auf die winzige Größenordnung der Abweichungen gegenüber bei den allermeisten Anwendungen hin und dass man selbst dort, wo man dann wirklich die Allgemeine Relativitätstheorie braucht, sich aller-allermeist durchaus mit Störungsrechnung bis zum ersten Glied jenseits der Newtonschen Mechanik begnügen kann. Nichts verfingt, denn falsch ist eben falsch!

      Zum Glück war es ihr selbst unschwer möglich, nach hermeneutischer Bemühung um Kants erste Kritik das unbeirrbare Evidenzgefühl zu gewinnen, dass das Ding an sich unerkennbar sei. Manche Erkenntnisquellen tröpfeln eben nur, wohingegen andere sprudeln. Wenn es sich bei einem solchen Ding um die Wirksamkeit eines Medikamentes handelt, tut man übrigens gut daran, vor jeder metaphysischen Kritik an den Ergebnissen erst einmal dafür zu sorgen, dass man diese im Doppelblindversuch gewinnt.

      Die exakten Wissenschaften erkennt man daran, dass ihre Vertreter überschlagen, was sie getrost vernachlässigen können bzw. dass sie wissen und auch einräumen, wo sie aufs Eis gehen, etwa weil die vollständige Berechnung eines Phänomens mit allen wirkenden Effekten aus prinzipiellen Gründen oder wegen Ressourcenmangels nicht zu leisten ist.

      Haben Sie hingegen bei für Politikempfehlungen benutzten Diagrammen von Ökonomen jemals gesehen, dass an den Verkaufslinien auch nur Fehlerbalken angebracht waren? Man muss da schon froh sein, wenn die dargestellte Größe und Einheit an der Ordinate klar angeschrieben ist und wenn kein manipulativer Ausschnitt auf die Verläufe gewählt wurde. Vor einiger Zeit machten die meisten Ökonomen heftig Propaganda für transkontinentale Handelsabkommen, es war die Rede von errechneten 0,5 % an Wachstumsverlusten, wenn man ihrem Wunsch nicht nachkomme. Nach genauerer Lektüre erwies sich dann: Es waren 0,5 % in 10 Jahren. Wie genau ist wohl die Messung des jährlichen Wachstums?

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Ist alles nicht wahr, lieber Leser! Ich bin der frühestaufstehende unter allen Menschen, die ich kenne. Dass man mir dann auch noch das letzte bisschen Nachtschlaf zu rauben unternimmt, indem man Verleumdungen über mich streut, während ich gewissenhaft der Restituierung meiner Kräfte obliege, so dass ich nun nach Alarmierung Stunden vor meinem Quantum aufstehen musste, um diesen zu wehren, kann man wohl nur als eine bodenlose Unverschämtheit irgend so eines zweifelhaften Gräzisten ansehen.

    Ich hätte natürlich – nicht aus schnödem EiIgeninteresse, sondern aus Sorge um die ganze Menschheit – nichts gegen eine Erweiterung der Menschenrechtscodices etwa um die Fundamentalnorm

    „Niemand darf gezwungen werden, am selben Tag schon vor der Morgendämmerung aus dem Hause zu gehen und zugleich erst nach der Abenddämmerung dorthin zurückrzukehren.“

    einzuwenden. Die Einhaltung dieses Grundsatzes würde wohl ein Vielfaches an Todesfällen durch winterliche Depressionen verhindern, als man allenfalls durch kumulierte Reduktion der NOx-Luftbelastung um 200 % und Reduktion von Presseartikeln zur NOx-Luftbelastung um 1 % erreichen könnte.

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  3. Bei der Betrachtung des Problems muß man unterscheiden zwischen einer privilegierten Klasse von (recht wenigen) Menschen mit nahezu völlig freier Zeiteinteilung und arg aus dem Morgen „herausverschobenem“ Tätigkeitsbeginn und Menschen, die in Strukturen verpflichtet sind, die „streng nach Zeitplan“ organisiert sind. Dies betrifft in allererster Linie Arbeiter bzw. in Industrie, Handwerk und Pflege Beschäftigte.

    Der kindliche Wunsch, das frühe und deutlich unangenehme morgendliche Aus-dem-Bett-Quälen zu vermeiden, indem einfach liegenbleibt, bis man „Lust hat“ zum Aufstehen, liegt dauerhaft im Streit mit den unleugbaren Anforderungen eines Pflicht-Erwachsenenlebens, wobei Pflichten sozusagen das Antidote zum stets des Menschen Charakter unterminierenden „Verlottern“ sind.

    Das Erwachen nach dem Nachtschlaf hängt untrennbar und immer mit dem rechtzeitigen Ins-Bett-Gehen zusammen, und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Das moderne Leben mit allen intensiven Reizen der Bildschirmwelten verhindert immer mächtiger das Schlafengehen. Und zuverlässig verschiebt sich der Biorhythmus der Spätis immer weiter nach hinten….so daß man nun niemandem mehr zumuten kann, um sechs aufzustehen, hat er doch da gerade mal 4 h geschlafen. (Ich weise darauf hin, das Kinder in DDR-Zeiten gegen 19, 19.30 Uhr ins Bett verschwanden, während heutzutage 22 bis 23 Uhr „normal“ ist…auch oft länger).

    Es ist Unsinn, daß das gesundheitliche Wohlbefinden von stets genau passenden Schlafenszeiten relativ zum Sonnenstand abhängig wäre. Es ist Unsinn, wie in dem im Text verlinkten Plädoyer zu behaupten, nach der Zeitverschiebung von einer Stunde würden Menschen (und Tiere) 7 Monate lang leiden. Umzüge nach Spanien, berufliche Aufenthalte in anderen Zeitzonen, ja schon das Herumreisen in D in Ost-Westrichtung sind immer mit unterschiedlichen Sonnenaufgangszeiten verbunden – na und??

    Da haben wir noch nicht von den Schichtarbeitern geredet…zu schweigen von all den Truckern, die prinzipiell pennen, wann es gerade paßt (nein, das ist nun nicht gesund).

    Des weiteren würde der (so oft gewünschte) spätere Arbeits- und Schulbeginn (also zB gegen 9, halb 10) alle Zeiten nach hinten verlegen, so daß also vom hell erleuchteten „Feierabend“ wiederum weniger übrigbliebe. Des weiteren gibt es eben durchaus Massen über Massen von Menschen, denen es sehr guttut, zu ihrer Hausverlassenszeit einen hellen Himmel zu erleben – wie es gerade eben der Fall ist, für alle, die halb fünf aufstehen und um 5:15 das Haus verlassen (was ich momentan tue).

    Ahnen Sie, was ab 5 Uhr für ein Betrieb auf den Straßen herrscht?? Sicher.

    Einzig plausibles Gegenmittel ist eben das südländische „dolce vita“ – ein Komprimieren der täglichen Arbeitszeiten, ein Ausdehnen der Freizeit, ein insgesamt massiv verringerter Leistungsanspruch. Woher dieser jedoch kommt und warum ihn Deutsche (NUR Deutsche??…eher nicht) so verinnerlicht haben, das sollen Soziologen und Historiker klären.

    Fakt ist: gepflegtes Ausschlafen galt immer und bleibt immer ein Luxus und ein Ausnahmefall. Wer es kann, ist privilegiert – und lebt in gewisser Weise mit von der Leistung der Frühaufsteher.

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    • Ein Fehler, der immer wieder gemacht wird, ist die Gleichsetzung von Langschläferei und Vielschläferei und von Langschläferei und Faulheit. Das kann, muß aber nicht zusammenhängen – auch das Gegenteil ist möglich.

      Es mangelt zudem oft an der Einsicht und Akzeptanz der schlichten und unabänderlichen Tatsache, daß Menschen Individuen sind und folglich stark verschiedene Ansprüche und Leistungsvoraussetzungen haben. Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, daß allein in einigen physischen Bereichen eine Abweichung bis zum Faktor 8 als normal gelten kann (Sexualität oder Essen). Man ist dann leider oft schnell mit Aggression konfrontiert, wenn der, der nicht kann auf einen trifft der kann und es sogar wagt zu tun oder zu lassen.

      Der nach hinten verlängerte Tag scheint mir – da denke ich ganz demokratisch und egoistisch – einer Mehrzahl der Menschen Vorteile zu bringen, aber natürlich nicht allen. Man müßte darüber intensiv aufklären, es diskutieren und dann einen Volksentscheid durchführen, aber das geht ja schon aus europäischen Gründen nicht.

      Die Ambivalenz des Leistungsbegriffes, den Sie hier bemühen, ist Ihnen ja klar. Eine Gesellschaft, die einen Großteil ihrer Bürger in den Modus der Dauerübermüdung schickt, ist in meinen Augen reformbedürftig – ein übermüdeter Mensch ist nie bei sich selbst. Man könnte einen Leistungsnachlaß, der auch einen materiellen Lebensstandardverlust nach sich zöge aus allen existentiellen Fragen der Zeit heraus begründen, von der Ökologie bis zur Masseneinwanderung. Das war im Bahro-Artikel implizit angesprochen worden.

      Letztlich hänge ich der alten Idealisierung an, daß jeder für sein Leben verantwortlich ist und der Weg, den er geht, der ist, denn er freiwillig geht, auch wenn dieser „Wille“ und diese „Freiheit“ versteckt sein können. Demnach hat auch jeder Mensch jederzeit die Möglichkeit, sein Leben zu ändern. Darüber braucht man nicht diskutieren – das Problem sind immer nur die Konditionen, nicht das Daß, sondern das Wie.

      Gepflegtes Ausschlafen sollte in meinen Augen kein Luxus sein – ist es für mich übrigens auch -, sondern ein Grundrecht, wichtiger noch als Grundsicherung, Lebensversicherung und all das.

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  4. Proskynetophylax schreibt:

    Erwarten Sie nur von Herrn Pérégrinateur zu diesen Ausführungen keinen Widerspruch; er hat als Morgenmuffel in dieser Frage ein vested interest und zudem genügend Kynismus im Leib und im Kopf, um die willige Observanz gegenüber ihm unnatürlich scheinenden Vorschriften wann immer irgend missen zu lassen.

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