Gehört Merkel zu Deutschland?

Es war ihre große Chance – die idiomatische Wendung spricht von „letzter Chance“, aber Merkel hat es geschafft, den Sinn der Vokabel radikal ins Gegenteil umzudeuten.

Es war ihre große Chance, Seehofers Vorlage im politischen Endlos-Ping-Pong aufzunehmen und die Frage „Gehört der Islam zu Deutschland?“ offen zur Diskussion zu stellen. Ob Seehofers Vorpreschen zum jetzigen Zeitpunkt intelligent war und ob es dann nicht auch seine Pflicht gewesen wäre, die Floskel – die sich so leicht daherredet – argumentativ zu untermauern, ist eine andere Frage. So jedenfalls schwebt sie scheinbar sinnlos in der Luft, kann jeder in ihr sehen, was er möchte und dient letztlich nur der Abnutzung und Ermüdung der notwendigen Arbeit an ihr.

Mindestens die Differenz zwischen deskriptiv und präskriptiv hätte man einführen müssen. Als reine Beschreibung gehört der Islam in seinen viereinhalb (Merkels Zahl) bis siebenmillionenfachen[1] Inkarnationen zu Deutschland, aber diese Millionen wären willkommener, wenn sie sich nicht über eine und just diese Religion und Weltanschauung definierten.

Man muß jedoch befürchten, daß Angela Merkel ein anderes Sprachspiel betreibt, wenn sie jetzt in der Regierungserklärung sagt, der Islam sei „inzwischen“ ein Teil Deutschlands geworden, denn ihre ganze Attitüde ist deutlich erzieherisch: Viele hätten ein Problem, „diesen Gedanken anzunehmen – und das ist auch ihr gutes Recht“ – vielen Dank, Mama! Da ist sie wieder, die Mutti der Nation mit dem erhobenen Zeigefinger.

Doch stutzig macht dieses „inzwischen“ – es gibt laut Duden an, „daß etwas in der abgelaufenen Zeit geschehen oder ein bestimmter, noch anhaltender Zustand erreicht ist“. „Etwas“ meint hier die Islamisierung, sprich die Erhöhung des Anteils an Muslimen in der Bevölkerung, die innerhalb der Grenzen lebt, die man als Deutschland bezeichnet. Und das, bitteschön, haben wir zu akzeptieren.

Wie aber kam es „inzwischen“ dazu? Globalisierung, sagen die einen, also Schicksal, unabänderlich: Aber wie viele Millionen Muslime leben in Polen, Ungarn oder in Japan? Sind das rückständige, von der Globalisierung abgehängte Länder? Keineswegs.

„Inzwischen“ ist also ein Synonym für „Politik“ und zwar die Politik Merkels und ihrer Vorgänger, die zudem zumeist ihrer eigenen Partei entstammten. Daß Merkel nonchalant dieses „inzwischen“ einfügen kann, ist alles andere als Fügung – es liegt in ihrer Verantwortung. Allein in den letzten drei Jahren wurde der Anteil der Muslime im Land um ca. ein Viertel vergrößert.

Es ist, als würde ein Koch in einem Restaurant langsam sein ganzes Salzfaß in die Suppe entleeren und am Ende behaupten: Inzwischen ist das Salz ein Teil der Suppe geworden – das mag nicht jedem schmecken, das ist sein gutes Recht, aber auslöffeln müßt ihr sie trotzdem … und der Koch bekommt einen neuen Vertrag für vier Jahre.

Unterschlagen wird, daß die Suppe ab einem gewissen unbestimmbaren Punkt eben keine Suppe mehr ist.

Gern wird das klassische Beispiel vom „Schiff des Theseus“ bemüht. Dieses Paradox thematisiert das Problem der Identität. Nach und nach wird jede Planke, jeder Nagel, jedes Seil, jedes Teil des Schiffes durch ein anderes ersetzt – ist es dann noch das gleiche Schiff oder sogar dasselbe?

Das Bild jedoch führt in die Irre, denn es beschreibt einen Vorgang, wo Gleiches mit Gleichem ersetzt wird, eine alte Planke mit einer exakt gleich geformten, zumindest gleich funktionalen anderen. Was aber, wenn man eine Planke mit einer Schranke ersetzt, ein Seil mit einem Pfeil, einen Nagel mit einem Bagel? Das sieht zwar schön bunt aus, aber es ist erstens kein Schiff mehr und zweitens wird es untergehen.

Was, wenn statt fünf Millionen 15 Millionen oder 25 oder 50 Millionen Muslime in Deutschland sein werden? Kann Deutschland dann noch Deutschland sein? Kann Deutschland von Menschen tradiert und weitergetragen werden, die nicht deutsch sind? Die die Sprache oft nicht beherrschen, die die Geschichte nicht kennen und annehmen, die die Rhythmen und Gepflogenheiten nicht verinnerlichen, die die deutschen Götter[2] nicht (an)erkennen …?

Merkel, wenn wir bei der Schiffsmetapher bleiben, stand heute hinter dem Steuer und hielt eine Rede an die Mannschaft. Sie wußte, daß der Großteil der Mannschaft – die letzte Statistik sprach von 75 Prozent, die anderen 20 Prozent[3], davon darf man ausgehen, übersieht zum Großteil die Konsequenzen nicht – sie wußte also, daß die Mehrheit gegen den Umbau des Schiffes ist.

Ein Kapitän bei vollem Verstand und auf hoher See wäre hellhörig geworden und hätte das Murren in den Kajüten auf allen Decks vernommen. Sie aber hat sogar noch ihren Zweiten Offizier brüskiert und trotz der glühenden Augen auf Deck hat sie den Umbau als „Schicksal“, das uns „inzwischen“ mysteriöserweise ereilt hat, legitimiert.

Wüßte die Mannschaft, daß der Umbau zum Untergang des Schiffes führt – was würde sie tun?

[1] Focus + Mathe – tatsächlich kennt niemand die wahre Zahl der Muslime im Land
[2] den Gott des Papstes, den Luthers und den unbekannten Gott
[3] Der Rest war unentschieden.

2 Gedanken zu “Gehört Merkel zu Deutschland?

  1. Till Schneider schreibt:

    Die Frage „offen zur Diskussion stellen“? Merkel? Das ist der beste Witz, den ich seit Monaten, wenn nicht Jahren gehört habe. Wusste gar nicht, dass dies eine Satire-Seite ist. Wirklich gut!

    Gefällt 1 Person

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Nach einem bekannten chinesischen Sprichwort ist ein großer Mann ein öffentliches Unglück. Es handelt sich dabei um eine diskriminierende Äußerung aus wieder einmal typisch maskulinistischer Sicht, welche die kleinen Frauen unverdient herabsetzt.

    Im Übrigen nähren wir im Land Anwesende uns doch ohnehin nicht mehr von Suppe, sondern nur noch von der Milch der frommen Denkungsart, mit der uns täglich die Zitze der Hochrhethorik speist. Wieviel Salz in der Suppe ist, kann uns deshalb völlig gleichgültig sein. Wichtiger ist, dass die Milch schön lapprig ist, damit wir nichts Festes finden, das bei den bösen unter uns Kindern vielleicht einen Beißreflex auslösen könnte, denn dann Wehe der Amme!

    Gefällt 1 Person

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