Demokratie ist Scheiße

… sagte kürzlich jemand zu mir. Zumindest, wenn man darunter versteht, daß alle immer mitreden können oder müssen.

Auf seiner Arbeit gab es mal wieder eine Sitzung. Gibt es fast jede Woche. Nach der Arbeit natürlich, dann, wenn eigentlich die Freizeit beginnt. Aber Teilnahme wird erwartet.

Hier eine Kommission, dort ein Projekt, jemand hat ein Problem oder der Besuch der Inspektion muß geplant werden. Zu entscheiden gibt es immer was in einem modernen Betrieb.

Und modern ist er. Das merkt man an der innerbetrieblichen Demokratie.

Das sitzen also 20 Leute und bekämpfen ein Problem. Der Chef steht auf und hält eine Rede, in der er das Problem umreißt und dann kommt der entscheidende Satz:

Was denken Sie darüber?

Nun sagen fast alle 20 was darüber.

Dann sagt der Chef: Wie wollen wir das machen?

Nun sagen alle 20 Mann (generisches Maskulinum), wie man das machen könnte und warum das besser wäre als das andere.

Dann fragt der Chef: Wie wollen wir das also machen?

Die Diskussion fährt fort, bis sie erlahmt.. Es gibt eine Kaffeepause.

Nach der Pause fasst der Chef zusammen: „Diese und jene Vorschläge klingen vernünftig. Welchen wollen wir nehmen?“ Es werden die Vor- und Nachteile der jeweiligen Vorschläge diskutiert. Man einigt sich schließlich auf eine vage Variante, eine Mischung aus allen Vorschlägen, die jedem Beiträger das gute Gefühl gibt, etwas beigetragen zu haben.

Dann fragt der Chef: „Wer könnte das machen?“

Nun berichten alle 20 Mitarbeiter, plötzlich voller Energie, warum sie es nicht machen können und mit welchen Aufgaben sie längst schon überarbeitet sind.

Dann beschließt der Chef: Gut, dann bilden wir eine Kommission. Wer möchte mitarbeiten?

Einige melden sich zögerlich und bilden eine Kommission – es sind jene, die sich bei der letzten Kommission gedrückt haben.

Der Ertrag von vier Stunden Arbeit nach der Arbeit: eine Kommission. Eine weitere Sitzung.

Was der Chef nicht fragt ist: Wer leitet die Kommission?

In der Woche darauf trifft sich die Kommission.

Sie fragen sich: Wie wollen wir das machen?

Nun sagen alle 10 Leute, wie sie das machen wollen.

Irgendwann steht einer auf und sagt: so wird das nichts. Einer muß das in die Hand nehmen und organisieren und uns dann mit dem fertigen Plan konfrontieren und über den können wir meinetwegen dann reden. Das ist was Konkretes, was Handfestes.

Aber das ist nicht demokratisch!, sagt ein anderer. Und es ist keine Gruppenarbeit!, sagt eine andere. Wir sind doch ein Kollektiv!

Beschämt setzt sich der verkappte Diktator auf seinen Stuhl und denkt:

Demokratie ist Scheiße!

2 Gedanken zu “Demokratie ist Scheiße

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Nachmittägliche Sitzung an einem wissenschaftlichen Institut, anderthalb Dutzend Wissenschaftler sind versammelt, Thema ist die Anschaffung eines Netzwerkdruckers für die Abteilung. Soll man den um einen Tausender (vermutlich noch in Mark) teureren kaufen, der ein bisschen mehr kann, oder aber den billigeren? Alle kommen nacheinander zu Wort, so ein Drucker ist ja schließlich eine greifbare Sache, zu der jeder eine Meinung hat. Am Ende der Runde meldet sich einer noch mal, nämlich jener, den man jüngst auf einen Managementkurs geschickt hat, und hebt mit einem „Wenn ich den Diskussionsstand hier kurz noch mal zusammenfassen darf …“ an zu einer mindestens halbstündigen Rede. Am Ende sind alle genervt, nichts ist entschieden, aber einige haben immerhin den Entschluss gefassr, nie mehr zu einer Sitzung mit solcher oder ähnlicher Tagesordnung zu gehen.

    Die Sache ist, wie schon gesagt, eine Weile her, damals waren Flugreisen rund um den Globus zu wissenschaftlichen Konferenzen noch ziemlich teuer, jedenfalls fiel dafür immer ein Mehrfaches des bloßen Tausenders an Kosten an, aber über diese wurde nie demokratisch entschieden. Wohl zum Glück.

    Es gibt noch eine andere Art von demokratischer Beratung, die ich persönlich in meiner Zivildienstzeit erlebt habe. Monatliche abendliche Mitarbeiterbesprechung in einer diakonischen Einrichtung, die von einem freigestellten Pfarrer aus der schwäbischen Theologen-Erbaristokratie geführt wurde und Dependencen übers Land verstreut hatte, weshalb die sämtlich einbestellten Mitarbeiter teils über 70 Kilometer weit anfahren mussten. Der Chef leitet die Sitzung und trägt vor, gelegentlich meldet sich sein Assistent und macht den bewundernden Béni-oui-oui.† Die anderen trauen sich nämlich nie etwas zu sagen, der große Zampanò hat schließlich schon ein paar Mitarbeiter rausgeworfen, die ihm widersprochen hatten. Er trägt also einen Plan für eine Geschäftsausdehnung vor, dann: „Möchte jemand etwas dazu sagen? Nein? – Gut, dann machen wir das doch so!“ (Den typographisch Aufmerksamen ist im Zitat vielleicht aufgefallen, dass zwischen die Sätze darin kurze Leerzeichen gesetzt sind. Das hat einen offensichtlichen Grund …) Daraufhin der Béni-oui-oui. Nach zweieinhalb Stunden Sitzung durfte man dann wieder zufrieden ob der gemeinsam getroffenen guten Entscheidung wieder nach Hause fahren.

    Ich vermag nicht zu urteilen darüber, ob der Herr Prinzipal vielleicht alleine bessere Entscheidungen getroffen hat, als wenn er seine Mitarbeiter tatsächlich an ihnen beteiligt hätte, s.o. und im übrigen Leben. Aber die demokratische Komödie war grottenschlecht und hat keinen getäuscht.

    Alles an seinem Platz. Die Demokratie hat einen Zweck, und der ist die Kontrolle der Macht. Nüchterner gesagt, erlaubt sie einen friedlichen Weg, Gauner, Fantasten, Unfähige und Ähnliche wieder loszuwerden, nachdem sie sich bewiesen haben.

    Sinnvoll ist es natürlich, etwa von Mitarbeitern Argumente einzuholen und sie nach getroffener Entscheidung über deren Gründe aufzuklären, schon damit nicht alle den Eindruck bekommen, von einem Inkompetenten, Selbstherrlichen oder unsachlich Entscheidenden geführt zu werden. (Bei einigen ist hier jedoch Hopfen und Malz verloren, weil sie schon jede Funktionsdifferenzierung ablehnen und insbesondere jene, die ihnen Vorgesetzte beschert; das Ressentiment nach Nietzsche …) Über die Gründe der getroffenen Entscheidung kann zudem auch nur im Rahmen des für das Gedeihen Möglichen informiert werden, denn die „Außenpolitik“ einer jeden Institution braucht manchmal dieselbe Tücke und dieselbe tarnende Diskretion auch nach innen, die seit Jahrhunderten aus der großen Politik bekannt sind.

    Nochmals zum Drucker: Laufzettel, um Argumente zu sammeln, mit einem Vorspann, dass man die wenn möglich berücksichtigen wird. Und dann soll der Chef entscheiden, hoffentlich taugt er etwas.

    Ein bloßes Palaver hat nie einen Sinn. Viele wird das nicht zufriedenstellen, weil sie partout nicht einsehen, dass eine Institution zunächst und weit vor allem anderen ihren gesetzten Zweck erfüllen muss. Sie ist kein Schutzraum für freundliche Geselligkeit.

    Hier könnte man jetzt mit Frau van der Leyens Kinderhorten in der Bundeswehr weitermachen und allgemeiner mit all jenen „Querschnittsaufgaben“, die man heute so häufig den Grundaufgaben einer Institution vorsetzt.

    ――――――――

    † Einer vom Stamme jener, die immer Ja sagen (in einer kirchlichen Einrichtung wie hier natürlich auch noch Amen). Siehe:
    https://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=b%C3%A9ni-oui-oui&l=defr&in=&lf=de
    http://www.cnrtl.fr/definition/b%C3%A9ni-oui-oui
    Ich finde das französische Wort hier charmanter als das deutsche. Der Stamm darf übrigens nicht mit jenem der Beni Asra verwechselt werden, welche sterben, wenn sie lieben. (Siehe Heines Romanzero.) SIe sterben vielmehr, wenn sie denken.

    Gefällt 1 Person

    • Scheint ja so oder ähnlich öfter vorzukommen. Aber gut, daß Sie das noch mal kontextualisieren. Nicht daß das jemand wörtlich nimmt bei den heutigen Béni-oui-oui. Übrigens ist das eine Sprachmischung aus Arabisch (ابن) und Französisch … Weiß nicht, ob man das schön finden muß.

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